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Eine Weltstadt pflegt ihren Ruf Drucken
von Ulrich Heyden   
Donnerstag, 31. Mai 2007
Einen Tag nach den Zusammenstössen auf der Moskauer Gay Pride Parade fand der russische Fernsehkanal NTW endlich einen Anlass, um über das Ereignis zu berichten. Der Tenor der Reportage: Russland wird vor Eindringlingen aus dem Ausland bedroht. Die Verhaftung des Grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck wurde verschwiegen. Dafür weidete man sich an der Tatsache, dass sich der verhaftete britische Homo-Aktivist Peter Tatchell offenbar vergeblich um Unterstützung der britischen Botschaft in Moskau bemüht hatte. Tatchell war von einem rechtsradikalen Schläger durch einen Faustschlag ins Gesicht verletzt worden. NTW zeigte Tatchell mit blauem Auge. Der Brite habe gerade eine Anzeige wegen Körperverletzung aufgegeben, so der Kommentator mit hämischem Unterton. Das Minderheiten nach der auch von Russland unterschriebenen Menschenrechtskonvention Recht auf Schutz haben, erwähnte der Sender nicht. Stattdessen zeigte man Tatchell, wie er vor der Polizeiwache Homo-Freunde umarmt, eine Zumutung für den guten russischen Geschmack. Gleich nach der Tatchell-Reportage kam ein Bericht über einen anderen Eindringling, den deutschen Sportflieger Mathias Rust. Dieser war am 28. Mai 1987 mit einer Cessna auf dem Roten Platz gelandet. Nach kurzer Haft durfte er ausreisen, ebenso wie die Homo-Demonstranten aus Europa. Die Botschaft der Nachrichtensendung vom Tag nach der Gay Pride Parade: Russland ist bedroht.

„Tatu“-Girls entsetzt


„Tatu“-Sängerin Julia Wolkowa war über die Vorfälle auf der Gay Pride Parade entsetzt. Zusammen mit dem zweiten „Tatu“-Girl Jelena Katina hatte sie am Sonntag die Aktion der Moskauer Homos besucht, bei der es Verletzte und Verhaftete gab.
Bürgermeister Juri Luschkow hatte die Parade auch in diesem Jahr nicht genehmigt. Das Stadtoberhaupt meint, die Bevölkerung dulde keine öffentlichen Auftritte von Homosexuellen. Rechtsradikale und fanatische Gläubige fielen über eine Handvoll Demonstranten her, die gewagt hatten, trotz des Verbots auf die Straße zu gehen. Das sei „schrecklich“. Eine „Schande“ für unser Volk, erklärte Julia Wolkowa gegenüber dem Massenblatt „Moskowski Komsomolez“.
Die Gruppe „Tatu“ wurde mit ihrer lesbisch angehauchten Show weltberühmt. Julia war von den Vorfällen so geschockt, dass sie an der nächsten Parade nicht teilnehmen will. „Ich habe keine Angst, aber es ist sehr unangenehm.“
Die beiden Sängerinnen hielten sich nur kurz bei der Kundgebung auf. Ihre Leibwächter waren nervös. Die Situation war nicht ungefährlich. Der schwarze Van der Tatu-Mädchen wurde mit Eiern beworfen.
Etwa 200 Menschen hatten sich am Sonntag vor dem Moskauer Rathaus versammelt. Der Großteil waren Journalisten. Gruppen von Rechtsradikalen und fanatischen Gläubigen beschimpften die Demonstranten als „Missgeburten“ und „Kinderschänder“. Ein rechtsradikaler Schläger verpasste dem britischen Schwulen-Aktivisten Peter Tatchell einen Faustschlag mitten ins Gesicht. Die russische Aktivistin Anna Komarowa wurde zu Boden geprügelt.

Briefübergabe erfolglos


Eine Delegation von europäischen Parlamentariern wollte im Rathaus eine Petition zur Versammlungsfreiheit abgeben. Doch dazu kam es nicht. Als sich der Grüne Volker Beck und der italienische Europaabgeordnete Marco Cappato dem Rathaus näherten, schmissen die Fundamentalisten Eier und Tomaten. Daraufhin wurde Beck – „zu seinem Schutz“ – wie es hieß, von der Polizei verhaftet. Es war bereits das zweite Mal, dass der Grüne Politiker auf der Moskauer Gay-Pride-Parade angegriffen wurde. Letztes Jahr wurde er durch einen Faustschlag im Gesicht verletzt.
Die Sonderpolizei OMON verhaftete 31 Personen. Unter den Verhafteten waren auch einige Rechtsradikale. Zwei Organisatoren der Gay-Pride-Parade wurden am Montag vor Gericht gestellt. Die Anklage lautete auf „Nichtausführung polizeilicher Anordnungen“.
Unerwartete Unterstützung bekamen die Homosexuellen vom zweiten Mann der nationalistischen „Liberaldemokratischen Partei“, Aleksej Mitrofanow. Mit dem Politiker, der auch Duma-Abgeordneter ist, nahm das erste Mal ein russischer Parlamentarier an der Aktion der Homosexuellen teil. Mitrofanow erklärte, er habe für das Verbot der Aktion kein Verständnis. „Russland will doch Teil Europas sein.“

Copyright by Ulrich Heyden Moskau 2007 (Veröffentlichung nur nach Rücksprache mit dem Autor - Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können )