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Russland.
Nach Unruhen in Karelien werden weitere gewalttätige Krawalle befürchtet.
Mitte vergangener Woche war es in
der karelischen Kleinstadt Kondopoga, 1 000 Kilometer nördlich von Moskau, zu
einer Straßenschlacht zwischen Russen und Kaukasiern gekommen. Zwei Russen
wurden getötet, mehrere Läden von Kaukasiern in Brand gesteckt. Am Sonnabend
forderten dann rund 1 000 Menschen auf einer Kundgebung „Kaukasier raus".
Obwohl in der Kleinstadt mit ihren 40 000 Einwohnern nachts jetzt eine
Ausgangssperre gilt und 600 Polizisten die Innenstadt bewachen, hat sich die
Situation noch nicht beruhigt.
In der Nacht auf Mittwoch steckten Unbekannte eine
Sportschule an. Dort war zeitweise eine Familie aus Mittelasien untergebracht.
Der Brand konnte gelöscht werden. Am Dienstag forderten in Petrosawodsk, der
Hauptstadt der russischen Teilrepublik Karelien, auf einer Kundgebung 200
Menschen die Ausweisung aller Kaukasier.
Rechtsradikale „Aktivisten"
Nur ein Funken? Beobachter fürchten, der Funken aus
Karelien könne auf weitere Städte überspringen. Gewalttätige Konflikte zwischen
Russen und Kaukasiern gab es bereits im letzten Jahr in der Stadt Jandiki in
der südrussischen Teilrepublik Kalmykien und in diesem Jahr Salsk am Don.
Besorgt registrierten Beobachter, dass der Leiter der
in Moskau ansässigen rechtsradikalen „Bewegung gegen illegale Immigration",
Aleksandr Below, extra zu den Unruhen in Kondopoga aus Moskau angereist war.
Below erklärte, er habe den örtlichen „Aktivisten" geraten ihre Forderungen so
zu formulieren, dass sie nicht im Widerspruch zum Gesetz stehen. Die Ausweisung
aller Kaukasier sei mit dem Gesetz nicht vereinbar, wohl aber die Ausweisung
„aus Sicherheitsgründen".
Angefangen hatte alles mit einem Streit in einer Bar
von Kondopoga. Dort hatte nach Augenzeugenberichten eine Gruppe örtlich
bekannter russischer Banditen gefeiert. Wie der stellvertretende Staatsanwalt
Kareliens, Pjotr Klemeschow, erklärte, hätten sich drei Personen geweigert,
ihren Wodka zu bezahlen. Der Barkeeper, ein Kaukasier, habe daraufhin mehrmals
vergeblich nach der Polizei gerufen. Also rief der Barkeeper eine Gruppe Tschetschenen.
ach ihrem Eintreffen begann eine brutale
Straßenschlacht, bei der zwei Russen - offenbar unbeteiligte Passanten -
getötet wurden. Sechs Kaukasier wurden wegen Mordverdacht verhaftet und 30
Aufrührer, die Häuser von Kaukasiern angesteckt und andere Gewalttaten begangen
hatten, zu mehrtägigen Haftstrafen verurteilt. 30 kaukasische Familien aus
Kondopoga evakuierte man in ein Pionierlager. Von offizieller Seite hieß es,
man habe sie „in Sicherheit gebracht".
Der Gouverneur von Karelien, Sergej Katanandow, äußerte
Verständnis für den „Volkszorn" gegen die Kaukasier: „Eine Gruppe von
Vertretern eines anderen Volkes verhält sich frech und herausfordernd." Diese
Gruppe ignoriere „die Mentalität unseres Volkes". Die „aggressiv eingestellten"
kaukasischen Jugendlichen müsse man ausweisen. Sie würden die einheimische
Bevölkerung demütigen, indem sie sich beispielsweise beim TÜV nicht in die
Schlange stellen, sondern vordrängeln.
Große soziale Probleme
Das vom Gouverneur Kareliens beklagte Verhalten ist in
Russland jedoch nicht typisch für die Kaukasier, sondern vielmehr für
kriminelle Autoritäten, die gerade in Kleinstädten über viel Macht verfügen.
Unter diesen finden sich aber sowohl Russen als auch Kaukasier.Kondopoga ist eine typische russische Kleinstadt. Der
einzige Arbeitgeber ist ein Holzverarbeitungsunternehmen. Der Markt ist unter
Kontrolle zugereister Händler aus Aserbaidschan. In vielen Gebieten des
Kaukasus herrscht eine Arbeitslosigkeit von über 80 Prozent. Nicht nur deshalb
ist für Kaukasier die Ansiedlung in der russischen Provinz verlockend. In den
russischen Kleinstädten gibt es auch nicht das in Großstädten wie Moskau und
St. Petersburg übliche, aufwendige Registrierungsverfahren.
Doch die Russen sind auf Zugereiste nicht gut zu
sprechen. Die einheimische Bevölkerung empfindet die Zugereisten als Störung
ihrer vertrauten Umgebung. Mit Misstrauen verhalten sich die Russen nicht nur
gegenüber Kaukasiern und Asiaten, sondern auch gegenüber Russen, die lange in
Mittelasien gelebt haben und von dort andere Sitten mitbringen.
Die Kaukasier - vor allem Aserbaidschaner und Georgier
- waren schon zu Sowjetzeiten als Gemüsehändler auf den damaligen
Kolchosmärkten in Russland unterwegs. Als die Marktwirtschaft kam, waren sie
somit besser vorbereitet als viele Russen, die es gewohnt waren, dass sich der
Staat um alles kümmert.
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