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Russland: Die Matrjoschka-Malerinnen aus dem Gebiet Nischni Nowgorod Drucken
von Ulrich Heyden   
Montag, 12. Februar 2018

Zu Besuch in einer Fabrik, in der Holzpuppen, Teller und Löffel im Stil der 300 Jahre alten Chochloma-Malerei verziert werden. Die Souvenire sollen auch bei der der Fußballweltmeisterschaft zum Einsatz kommen.

Lärm herrscht in der Halle der Fabrik „Chochloma-Malerei“. Hinter den Mauern eines unscheinbaren, grau-weißen Fabrikgebäudes stehen Männer an alten Drechselmaschinen. Aus langen Rundhölzern fertigen sie die Rohlinge für Matrjoschka-Holzpuppen. Alle paar Sekunden fällt ein fertig gedrechselter Rohling in einen der bereitstehenden Körbe. An den Wänden türmen sich meterhoch Stangen aus Birken- und Lindenholz, das Rohmaterial für die Matrjoschkas.

Holz gibt es hier in der Gegend nördlich von Nischni Nowgorod mehr als genug. Nur ist der Boden nicht geeignet für die Landwirtschaft, weshalb sich die Bauern schon vor 300 Jahren auf die Fertigung von Holztellern, Löffeln und Holzpuppen spezialisierten. Ihre Ware verkauften die Bauern dann auf dem Markt des Städtchens Chochloma, daher der Name Chochloma-Malerei. Kennzeichen der Malerei sind die blumigen Ornamente in kräftigen Farben, Schwarz, Rot, Grün, Gelb und Gold.

In einer anderen Halle geht es ganz still zu. Hier sitzen Frauen, umgeben von Hunderten von Matrjoschka-Holz-Rohlingen, Töpfen mit Pinseln und Blumen. Sie bemalen Samoware und Holzpuppen mit feinen Pinseln. Es ist eine Arbeit, die viel Konzentration und Geschick erfordert.

 „Wir strengen uns an, damit die Menschen es schön haben“

Tatjana, eine Frau in mittlerem Alter, bemalt Holzpuppen-Rohlinge. Sie erzählt, dass sie Wasserfarben, Acryl- und Tempera-Farbe benutzt. Ihre Tochter Jelena habe sie auch in die Fabrik gebracht, erzählt sie stolz und zeigt auf die gegenüberliegende Seite des mit Pinsel-Töpfen vollgestellten Tisches. Jelena trägt gerade kleine schwarze Ornamente auf schon bunt bemalte Matrjoschkas auf. Dabei benutzt sei einen kleinen Stempel. Die Arbeit geht flink.

Jelena habe ein Kunst-College abgeschlossen, erzählt Mutter Tatjana stolz. Ob es bei den Holzpuppen ein Geheimnis gibt, will ich von Tatjana wissen. „Was für ein Geheimnis? Wir strengen uns an, dass es den Menschen gut geht, dass sie es schön haben, dass es angenehm ist, das alles anzugucken.“

Der Durchschnittslohn in der Fabrik liegt, so sagt man mir, bei knapp 300 Euro. Soja, eine ältere Frau, die schon seit 40 Jahren in der Fabrik arbeitet, erzählt mir aber, sie bekomme nur umgerechnet 90 Euro. Als ich sie erstaunt angucke, meint sie, „ich gebe meinen Zahn drauf“. Dabei zeigt sie mit dem Daumen auf ihre Vorderzähne. Da ich ungläubig den Kopf schüttele, sagt Soja, „nun ja, es gibt noch Zuschläge.“ Außerdem bekomme sie noch eine Rente.

Der Siegeszug der Matrjoschka-Puppen

Die Fabrik, in der die ineinander verschachtelten Matrjoschka-Puppen sowie Teller und Löffel hergestellt werden, wurde Ende der 1950er Jahre eröffnet. Das war eine Zeit, als die Chochloma-Matrjoschkas zum internationalen Markenzeichen der Sowjetunion wurden.

2.500 Menschen arbeiteten zu Sowjetzeiten in der Fabrik. Heute hat die Fabrik noch 735 Mitarbeiter. Im Zuge der Auflösung der Sowjetunion – Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre – durchlebte die Fabrik eine schwere Krise, berichtet die Direktorin Jelena Krajuschkina. Die Nachfrage in den mit der Sowjetunion befreundeten Ländern ging drastisch zurück. Die Fabrik hatte kein Geld mehr, um Auslandsreisen zu bezahlen und die Waren auf internationalen Messen vorzustellen. „Innerhalb von zehn Jahren sank unser Export auf fast null und wir hatten auch keine Möglichkeit mehr, an internationalen Ausstellungen teilzunehmen“, erzählt die Direktorin. Man fühlt, dass ihr die Schrecken der 1990er Jahre immer noch in den Knochen stecken.

Fabrik-Direktorin: „90 Prozent der Arbeit ist Handarbeit“

Der Weg in den Kapitalismus ist bis heute nicht einfach. Zu Sowjetzeiten gehörte die Fabrik dem Staat. 1992 gründeten 500 Mitarbeiter eine Aktiengesellschaft, „um das Unternehmen in der Epoche der Perestroika zu retten“, wie Fabrik-Direktorin Krajuschkina erklärt.

Heute ist die Fabrik immer noch auf staatliche Vergünstigungen angewiesen. Die Möglichkeiten der Produktions-Effektivierung seien begrenzt, sagt die Direktorin. „90 Prozent der Arbeit ist Handarbeit.“ Die Kosten für einen Teil des Gas- und Stromverbrauches übernehme der Staat. Der Grund ist wohl, dass die Fabrik für Russland eine wichtige kulturelle Funktion erfüllt. Das Unternehmen bildet seine Mitarbeiter in traditioneller Handwerkskunst und Malerei aus.

2015 – die Fabrik hatte gerade große Steuerschulden – kam Hilfe von einer wohlhabenden Unternehmerin aus der Großstadt Nischni Nowgorod. Elada Nagornaja, Ehefrau des damaligen Bürgermeisters von Nischni Nowgorod, kaufte die Aktienmehrheit der Fabrik und tilgte Schulden des Unternehmens bei den Banken.

Souvenire für die Fußballweltmeisterschaft

Die Direktorin Krajuschkina ist hoffnungsvoll. Die FIFA hat dem Unternehmen das Recht gegeben, offizielle Souvenirs für die Fußballweltmeisterschaft zu produzieren. Wenn im Juni im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft Touristen nach Nischni Nowgorod kommen, dann biete man auch Besichtigungstouren in der Fabrik an, erzählt die Direktorin. Am 16. Juni starte in der Stadt Semjonow außerdem das alljährliche Festival „Goldenes Chochloma“ mit Ausstellungen und Konzerten.

Um den Absatz stabil zu halten und zu erhöhen, werde das Sortiment ständig überarbeitet. So produziere man jetzt auch im Chochloma-Stil bemalte Kindermöbel, welche mit dem Prädikat „100 beste Waren in Russland“ ausgezeichnet wurden. Das Unternehmen nimmt auch Privat-Bestellungen an. Ich sah mit eigenen Augen, wie eine der Arbeiterinnen in der Fabrikhalle Totenschädel im Chochloma-Stil bemalte. Wer der Auftraggeber sei, wollte sie nicht verraten.

Die Produktionszahlen sind beeindruckend. „Wir produzieren im Jahr eine halbe Millionen Einzelstücke“, sagt die Direktorin. „Dazu kommen noch einmal 200.000 Löffel.  Der Großteil unserer Käufer sind russische und ausländische Touristen.“ Zu Sowjetzeiten habe man 50 Prozent der Produktion exportiert. Heute seien es noch fünf bis acht Prozent.

Die Jugend in der Welt wisse heute nicht, was Chochloma-Malerei ist, sagt die Direktorin. „Auf Ausstellungen müssen wir erklären, dass das eine einzigartige Handarbeit ist, dass das aus Holz ist. Die Jugendlichen sagen, dass ist ein Print. Das heißt, wir müssen die neue Generation mit einem weltberühmten Gewerbe bekannt machen.“ In diesem Jahr zeige man die Waren auch auf zwei Messen in Nürnberg und Frankfurt am Main.

Der Durchbruch kam mit dem Ikonen-Gold

Die Chochloma-Malerei hat zwei historische Wurzeln, die Volkskunst der Bauern und das technologische Wissen der Altgläubigen. Die Altgläubigen flüchteten während der Kirchenreform vor dreihundert Jahren aus Moskau in die Wälder des Gebietes Nischni Nowgorod. Sie halfen den Bauern bei der Veredelung ihrer Malerei. Noch heute sind die Hälfte der Gläubigen in der Stadt Chochloma Altgläubige, erzählt die Direktorin.

Was für ein Wissen brachten die aus Moskau Geflüchteten in die Einöde der Wälder von Nischni Nowgorod mit? „Die Altgläubigen hatten kein Geld, um Blattgold für Ikonen zu erwerben. Sie waren gezwungen, eine neue Technologie zu erfinden, um Gold auf Holz aufzutragen. Da es sehr kluge und gut ausgebildete Leute waren, die aus Klöstern kamen, hatten sie Kenntnis von Chemie, und sie fanden eine einmalige Methode Holz zu vergolden.“

Löffel, Schalen und Becher aus Holz werden in der Fabrik in einem aufwendigen Verfahren so bearbeitet, dass sie einen Goldschimmer bekommen und dass man aus ihnen kalte wie heiße Speisen verzehren kann. Zunächst wird die Holzschale mehrmals grundiert. Dann wird sie mehrmals mit Leinöl eingerieben. Dann wird die leicht klebrige Schale mit Aluminiumpulver – früher nahm man Zinnpulver – eingestäubt. Schließlich wird die Schale bemalt und lackiert. Dann wird der Lack in einem Ofen bei 130 Grad gehärtet. Es bildet sich ein Lack-Film, welcher der silbernen Farbe des Aluminiumpulvers einen goldenen Schimmer gibt.

Die Scham des Besuchers

Als ich die Fabrik verlasse, schäme ich mich ein bisschen. Wieder einmal habe ich mich vom ersten Eindruck täuschen lassen. Hinter grauen, alten Fabrikmauern arbeiten die Menschen an alten Maschinen und stellen eine wunderbare Kunst her. Die Korridore und Flure sehen alt und abgeschabt aus, so als ob hier seit Sowjetzeiten nichts mehr renoviert wurde. Doch die Kunst steht hier in voller Blüte!

Veröffentlich bei RT deutsch