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Frauenhandel – „Alle machen es“ Drucken
von unserem Korrespondenten Ulrich Heyden, Moskau   
Freitag, 4. Juli 2003

saechsische_zeitung

 

Aus der russischen Provinz in eine deutsche Kleinstadt: Mascha wollte in Deutschland als Haushaltshilfe arbeiten, doch sie wurde zur Prostitution gezwungen

In der Schalterhalle der Fernbahn von St. Petersburg standen die Menschen in langen Schlangen. Mascha (Name geändert), eine schlanke, attraktive 24-Jährige mit kastanienbraunem Haar wartete seit einer Viertelstunde, um eine Fahrkarte in ihre Heimatstadt südlich von Moskau zu kaufen. Da kam sie mit einer anderen Wartenden ins Gespräch. „Sie war sympathisch“, erinnert sich Mascha. Der neuen Bekannten erzählte sie von ihrem Besuch bei Verwandten in St. Petersburg, dass sie ihren Job als Rechtsexpertin in der Sozialverwaltung einer russischen Provinzstadt geschmissen habe, und dass sie gerne Deutschland kennen lernen würde, aber kein Deutsch könne. Die Frau sagte, sie habe Freunde in Deutschland, die könnten sie als Haushaltshilfe bei einer russischen Familie unterbringen. Mascha fand das verlockend.

„Ich spürte, dass die Sache nicht gut für mich endet“

Die Petersburgerin organisierte ihr eine Einladung und kurze Zeit später, es war Anfang Februar 1997, fuhr das Mädchen aus der russischen Provinz mit dem Bus von Moskau nach Hamburg. Es war Maschas erste Auslandsreise. In Hamburg wartete eine russisch sprechende Frau auf sie. „Sie nannte sich Schana, war groß gewachsen, blond und attraktiv.“ Schana nahm den Neuankömmling mit zu sich nach Hause. Mascha hatte Vertrauen zu der Frau, die nur vier Jahre älter war und einen sehr selbstsicheren Eindruck machte. Schana kam wie Mascha aus der Provinz, aus einer ukrainischen Kleinstadt. „Ich gab ihr meinen Pass. Sie sagte, sie wolle ihn der Familie zeigen, wo ich arbeiten sollte.“ Doch am nächsten Tag stellte sich heraus, dass die Familie kein Interesse mehr hatte. Schana schlug der Neuangekommenen vor, sie könne in einer Bar arbeiten, als Prostituierte. „Ich spürte, dass die Sache nicht gut für mich endet. Innerlich hatte ich eine Panik. Aber mir blieb nichts anderes übrig, als mich damit abzufinden. Ich hatte Angst, dass mich der Mann, den Schana an ihrer Seite hatte, schlägt.“ Außerdem erklärte ihr die Ukrainerin, ihren Pass bekomme sie erst wieder, wenn sie 2 000 Mark „Schulden“ bezahle, so viel habe die Organisation der Reise gekostet.

Die blonde Chefin brachte ihre Gefangene mit ihrem Mercedes nach Rellingen, nordwestlich von Hamburg. Der Wagen hielt vor einem Haus, das sich Club 92 nannte. Hier werde Mascha nun arbeiten, erklärte Schana. Wenn sie zur Polizei gehe, stecke man sie wegen illegaler Arbeit ins Gefängnis. Mascha sagte, sie habe keine Erfahrung, doch Schana überredete sie. „Das ist nicht schwer. Du gewöhnst Dich dran. Alle machen es. Allen geht es gut.“ Später erfuhr Mascha, dass ihre Begleiterin früher selbst angeschafft hatte. Nun organisierte die Ukrainierin den Nachschub. „Ich wusste nicht, wohin ich hätte gehen können, ich konnte kein Deutsch, hatte keine Dokumente.“ Die Clubräume und die Außenwände des Hauses wurden mit Kameras überwacht. Barkeeper waren für die Ordnung zuständig. Einmal sah die junge Russin, wie ein Mädchen, das abhauen wollte, auf der Straße von den Barkeepern geschlagen wurde. Solidarität gab es unter den Mädchen nicht. „Jede war für sich.“ Im Wintergarten stand ein Zwerg ohne Hose, auch an solche Details erinnert sie sich. In Mascha sträubte sich alles gegen die neue Arbeit. Sie hatte wenig Kunden, die anderen Mädchen, Russinnen und Polinnen zwischen 18 und 22 Jahren, waren erfolgreicher. Für eine Stunde mit Mascha zahlte der Freier 300 Mark an den Barkeeper, der die Hälfte des Geldes für den Bordell-Chef Siegfried B. zur Seite legte. Die andere Hälfte des Geldes bekam Mascha, die sich ihren Anteil noch mit ihrem Zuhälter teilen musste. Von dem Rest zahlte sie ihre „Schulden“ ab.

Im Erdgeschoss saß eine Aufpasserin

Ihr Chef, ein älterer Herr mit dickem Bauch und lichtem Haar, habe sich „unheimlich sicher“ gefühlt, sagt Mascha. Siegfried B. habe mit seinen guten Beziehungen zur Polizei geprahlt. Die sei jedenfalls nie im Club 92 erschienen. Nach Arbeitsschluss um zwei Uhr nachts fuhr der Bordell-Chef die Mädchen in einem Kleinbus zu seinem Privathotel, einem einstöckigen Haus mit vier Wohnungen. Im Erdgeschoss saß eine Aufpasserin.
Zwei Monate lang war Mascha in Deutschland. Weder Freunde noch Eltern wüssten, was sie in dieser Zeit erlebt habe, sagt Mascha. Nein, junge Russinnen, die nach Deutschland gehen, würden das nicht tun, um dort freiwillig als Prostituierte zu arbeiten. „Die Deutschen verstehen nicht, dass man die Mädchen zwingt, in den Bars zu sitzen. Sie sehen dort keine glücklichen Augen von russischen Frauen.“ Das Schlimme sei, dass man sich an die Arbeit als Hure gewöhne. Es ändere sich die Psyche. „Die Frau verliert die Kontrolle über sich und übernimmt den neuen Lebensstil.“

Es ist ein Paradox. Obwohl in Europa eine halbe Million Frauen aus Russland und der GUS als Prostituierte arbeiten, viele davon nicht freiwillig, wird über die Prostitution in Russland nicht öffentlich diskutiert. Mitleid gibt es kaum. Wer in den Westen geht, muss das Risiko selbst tragen, ist die Haltung der meisten Russen. Dass Tourismusfirmen und so genannte Arbeitsvermittlungen in Russland schon seit Jahren mit Menschenhändlern zusammenarbeiten, sorgte bisher weder Medien noch Politiker. Dabei ist Russland selbst auch Zielland des Menschenhandels. In Moskau gehen ukrainische und moldawische Prostituierte anschaffen. Wegen der Armut verschwimmen die Grenzen zwischen Prostitution und Liebesbeziehung. Manch eine Frau sucht sich einen „Sponsor“, weil sie nicht weiß, wie sie sonst ihr Kind ernähren soll. Menschenhandel ist in Russland bis heute nicht strafbar. Erst auf Druck internationaler Organisationen wurden jetzt im russischen Parlament erste Änderungen im Strafgesetzbuch beschlossen. Ein Gesetz gegen Menschenhandel ist in Arbeit. „In unserer Gesellschaft werden Frauen für ihr Schicksal selbst verantwortlich gemacht“, sagt Mascha.

Für 2000 Mark an einen Zuhälter verkauft

Weil Mascha im Club 92 zu wenig Umsatz machte, tauchte irgendwann die blonde Ukrainerin wieder auf. Sie fuhr mit ihr in den Raum Bielefeld. „Schana sagte, dass es mir woanders vielleicht besser gefällt. Sie setzte große Hoffnungen in mich. Ich sähe doch gut aus.“ Die Ukrainerin brachte sie in das Savoy, einen Club in einem Dorf bei Bielefeld. Doch die Umsätze stiegen nicht. „Als wir wieder in Hamburg waren, verkaufte mich Schana für 2 000 Mark an einen Zuhälter, einen Griechen, er hieß Sawa.“ Sawa brachte Mascha in einen Club auf der Reeperbahn. Die junge Frau erzählt, dass es ihr immer schlechter gegangen sei, sie wurde depressiv, schlief und aß kaum noch. Dann, nach einer Polizei-Razzia – sie musste eine Nacht auf der Wache schlafen –, drohte Mascha ihrem Zuhälter, aus dem Fenster zu springen.

Schinken-Siggi sitzt mittlerweile im Knast

Als die junge Frau erzählt, wird ihre Stimme plötzlich weich. „Er hat mich verstanden. Wir holten meinen Pass von der Polizei. Sawa kaufte mir eine Fahrkarte.“ Sie holt tief Luft, so als ob sie den Glücksmoment noch einmal erlebt. Am 4. April 1997 fuhr sie mit dem Bus zurück nach Moskau. Warum Sawa sie freigelassen hat, weiß sie bis heute nicht. „Ich hatte Glück.“

Vielen Mädchen ergehe es anders, die würden nach Ablauf des Touristenvisums mit gefälschten polnischen oder rumänischen Pässen versorgt oder einfach versteckt. „Vielleicht werden sie irgendwann umgebracht.“ Für Siegfried B., den Bordell-Besitzer, nahm das Leben eine scharfe Wende. Der 65-Jährige sitzt seit Februar in der Justizvollzugsanstalt Neumünster. Der Ex-Wirt, der sein Bordell seit 1983 betrieb und 1998 verkaufte, wurde wegen gewerbsmäßiger Einschleusung von 71 osteuropäischen Prostituierten zu drei Jahren Haft verurteilt. Allein zwischen 1996 und 1999 erwirtschaftete „Schinken-Siggi“, wie der ehemalige Schlachtermeister auch genannt wird, vier Millionen Mark. Mascha hat inzwischen Schneiderin gelernt und träumt von einem eigenen Atelier als Hutmacherin. Außerdem baute sie in ihrer Heimatstadt mit Unterstützung von „Angel“, einen landesweiten Dachverband für 40 Frauenhilfegruppen, ein Krisenzentrum für Frauen auf. Sie hat gut Deutsch gelernt und träumt davon, Europa einmal als normale Touristin zu besuchen.