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KOMMUNALKAS – Tatjana träumt vom Plattenbau Drucken
von ULRICH HEYDEN, ST. PETERSBURG   
Donnerstag, 19. Oktober 2006

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In den Großwohnungen von Moskau, Kiew und St. Petersburg teilen sich viele Menschen den überfüllten Raum. Lebensschule auch für Prominente, wie den jungen Wladimir Putin. Alle eint die Sehnsucht nach den eigenen vier Wänden

Energie strahlt sie aus und Würde, diese Tatjana Sergejewna Michailowa. Die rotwangige Frau mit kurzen, rotblonden Haaren trägt einen blauen Hauskittel. Zu ihrer Familie gehören ihre vier Kinder, Ehemann und Schwiegermutter. Es sind insgesamt 27 Menschen, mit denen Tatjana in der Kommunalka Nr.161 in der „Alten russischen Straße“ im Stadtzentrum von St. Petersburg lebt. Die früher gutbürgerliche Wohnung hat einen langen, dunklen Flur. Davon zweigen zwanzig Zimmer ab. In der Großwohnung Nr.161 bewohnt die Familie von Tatjana Sergejewna vier Zimmer. So wie sie leben in St. Petersburg eine halbe Million Menschen.

Tatjana steht jeden Morgen um halb sechs auf. Sie geht in einem Kindergarten putzen, nach vier Stunden kommt sie heim. Für die 20 Zimmer in der Kommunalka Nr.161 gibt es nur ein Bad, ein Klo und eine Küche mit mehreren Gasherden. „Früh am Morgen ist es mit dem Bad noch kein Problem“, sagt sie. Vor dem Gemeinschaftsbad gibt es eine Tafel. Wer ins Bad will, hängt seine Zimmernummer an die Tür. „Sanjat“, besetzt, heißt es auf einem kleinen Schild. Das vermeidet Schlangestehen. Wer es eilig hat, schreit schon mal über den Flur, doch im Grunde kommen die Bewohner von Nr.161 gut miteinander aus. „Konflikte werden friedlich geregelt“, sagt Tatjana.

Auf ihr Badezimmer sind die Bewohner der Kommunalka sehr stolz. Vor einem Jahr haben sie sich zusammengesetzt und beschlossen, den heruntergekommenen, dunklen Raum zu renovieren. Sie haben Geld gesammelt, eine neue Badewanne und einen Duschvorhang gekauft, die Wände weiß gekachelt. Das Ganze hat 25000 Rubel gekostet, umgerechnet 740 Euro. „Wer kein Geld hatte, hat die Schulden auf seine Weise abgetragen. Der eine bringt den Müll herunter, der andere wischt den Flur“, sagt Tatjana.

Zu besonderen Anlässen kommen die Leute in der Küche zusammen. Bei Geburtstagen, Sterbefällen oder großen Feiertagen wird ein großer Tisch gedeckt, zum Beispiel Silvester, am Frauentag, am Tag der Vaterlandsverteidiger, also am 23.Februar, oder zu Ostern. „Jeder bringt dann etwas mit. Wir haben eine gute Kommunalka.“ In Wirklichkeit träumen alle von der eigenen Wohnung. Die Menschen in Nr. 161 machen einen merkwürdig gehetzten Eindruck. Immer geht irgendwo eine Tür auf, immer läuft irgendwo ein Radio oder ein Fernseher. Der Lärm dringt bis unter die Bettdecke.

Im Kern verfault

Mit 18 zog Tatjana zu ihrem Mann in die Großwohnung. „Damals konnte ich noch nichts. Mit 14 ging ich aus dem Haus. Das Kochen haben mir die Menschen hier beigebracht. Hier habe ich die Schule des Lebens absolviert.“

4,6 Millionen Einwohner hat St. Petersburg. Zehn Prozent der Einwohner leben wie zu Sowjetzeiten in den altertümlichen Großwohnungen, die zum größten Teil überaltert sind und einen katastrophalen Zustand aufweisen. 35 Prozent aller Wohnhäuser wurden vor der Revolution gebaut. Ein Viertel wurde niemals restauriert. 2500 Familien müssten dringend evakuiert werden. Doch neuen Wohnraum für diese Menschen gibt es nicht

Die Kommunalkas entstanden, als nach der Revolution jeweils mehrere Bürgerwohnungen zu Großwohnungen für Proletarier zusammengelegt wurden. Auf diese Weise sollte nicht nur die Wohnungsnot behoben, sondern auch das sozialistische Ideal von Gleichheit und Brüderlichkeit verwirklicht werden. Ein Utopia, das das Proletariat mit einem Albtraum belegte. Millionen Menschen in Kiew, in Moskau und eben in St. Petersburg lebten fortan in Großwohnungen. Diese haben viele berühmte Schriftsteller, Schauspieler, Politiker und Geschäftsleute hervorgebracht. Die bekannteste politische Persönlichkeit, die die Schule des Lebens hier durchlaufen hat, ist Wladimir Putin.

150000 Kommunalkas gibt es noch. Mit der Auflösung der vormodernen Großwohnungen geht es nur langsam voran, und Zahlen werden kaum veröffentlicht. So viel ist bekannt: Im Jahre 2004 wurden 250 Kommunalkas aufgelöst. Private Investoren für diese Großwohnungen sind schwer zu finden, denn die müssten sich mit verschiedenen Eigentümern einigen. Einige Zimmer sind privatisiert, der Großteil gehört jedoch dem Staat. Die älteren Bewohner haben nicht das Geld, um ihre Wohnung zu privatisieren, auch fürchten sie die Investoren. Die jüngeren Bewohner sind pragmatisch und erhoffen sich eine möglichst schnelle Umsiedlung in einen neuen Plattenbau.

Tatjana wohnt im Poleschajewsk-Haus. Das sechsstöckige Gebäude mit seinen grünen Türmchen, Erkern und violetten Kacheln wurde 1913 als Mietshaus fertig gestellt. „Von außen ist es schön, aber von innen verfault“, so die energische Frau. Wer eines der ausladenden Treppenhäuser betritt, dem schlägt Modergeruch entgegen. Die Keller sind feucht, das Dach ist undicht, die Rohre wurden nie gewechselt. Kakerlaken huschen über den Fußboden. Das Treppengeländer mit seinen gusseisernen Blumen lässt die besseren Tage erkennen, ist aber von einerdicken Staubschicht bedeckt. An den Wänden haben sich Kiffer und Halbstarke verewigt. Frische Farbe wurde zuletzt vor einem halben Jahrhundert aufgetragen.

Lidia Kusmena lebt mit Tatjana Sergejewna auf demselben Flur. Lidia liest mit Brille und Lupe die „Newa-Zeit“. Die ehemalige Fabrikarbeiterin mit dem gekräuselten grauen Haar hat 34 Jahre in derLeningradski Instrumentalni Sawod gearbeitet, als Vorarbeiterin in der Messgeräteherstellung. „Ich bin ein Mensch, der alles wissen möchte“, meint die heute 72-Jährige. In der Kommunalka Nr.161 wurde sie geboren. Ihr Zimmer hat sie seitdem ein paar Mal gewechselt.Wasser aus dem Eisloch

Lidia bekommt heute eine vergleichsweise gute Rente von 6500 Rubel, das sind 190 Euro. Als „Veteranin der Arbeit“, als Überlebende der Blockade und Schwerbehinderte hat sie Anspruch auf verschiedene Zuschüsse. Als sie klein war, lebte Lidia gemeinsam mit den Eltern und zwei Schwestern in einem Zimmer. „Vor dem Krieg hatten wir im Zimmer noch ein Waschbecken. Nach dem Krieg wurde es abmontiert. Ich weiß nicht, warum.“

Wie war es während der Stalin-Zeit? „Die hat sich auf uns nicht ausgewirkt. Wir haben so gelebt, wie es damals üblich war.“ Und das heißt wohl: bescheiden, zurückgezogen, politisch unauffällig. Als der Krieg anfing, war sie acht Jahre alt. Die Stadt wurde zweieinhalb Jahre von deutschen Truppen belagert. Lidia hatte den Auftrag, für frisches Wasser zu sorgen. „Ich erinnere mich, wie wir Wasserträger an einem Eisloch Schlange standen . . .“

Eine chaotische Zeit. „Meine Mutter arbeitete im Kirow-Kombinat. Dann kam sie ins Krankenhaus. Wir Kinder kamen in ein Internat. Dann hat Mama uns wieder zu sich genommen. Es gab Luftangriffe. Das Haus hatte einen Luftschutzkeller. Wir wurden evakuiert, lebten auf einem Dorf.“ Das Organisationstalent der ehemaligen Vorarbeiterin zahlte sich aus: Lidia bekam einen Job bei der Bezirksverwaltung. Da konnte sie etwas für das Haus in der Stadt durchsetzen. „Das Dach war undicht. Als im Frühjahr 1997 bei der Schneeschmelze in drei Zimmern die Decken runterkamen, habe ich fünf Kommissionen ins Haus geholt.“ Mit bedeutungsvoller Stimme fügt sie hinzu: „U menja bila swjasi“ – ich hatte Beziehungen. Tatsächlich, die Löcher wurden geflickt.

Tatjana Sergejewna blickt stets fröhlich drein, obwohl sie wirklich kaum etwas zu lachen hat. Ihre Älteste ist 21 Jahre alt und schon berufstätig, die zweite Tochter geht noch zur Schule, das dritte Kind, Kristina, ist fünf und wurde adoptiert; die leibliche Mutter ist eine inzwischen verstorbene Freundin. Für dieses Adoptivkindbekommt Tatjana 3000 Rubel, 90 Euro, imMonat. Das vierte Kind ist Epileptiker. Für ihn, den schwerbehinderten Sohn, erhält sie eine Rente von 4000 Rubel, 117 Euro. Mit ihrem Putzdienst im Kindergarten verdient sie monatlich 147 Euro. Ihr Mann bringt als Fahrer bei der Straßenreinigung 382 Euro nach Hause.

Obwohl die Lebensmittelpreise in St. Petersburg so hoch sind wie in Berlin, gibt es bei der Familie jeden Tag Fleisch. „Ohne Fleisch können wir nicht arbeiten.“ Eine Datscha hat die Familie nicht. Auf dem Fensterbrett zieht Tatjana Kabatschki, eine russische Zucchiniart.

Tatjanas Familie bewohnt vier Zimmer. Vom Staat hat sie wegen der großen Familie drei Zimmer zugeteilt bekommen. Dafür zahlt sie keine Miete, sondern nur Betriebskosten, das sind 2300 Rubel, umgerechnet 67 Euro. Weil ihr der Platz nicht reicht, hat sie über eine private Absprache noch ein viertes Zimmer gemietet, von jemandem, der eines seiner beiden Zimmer nicht benötigt. Die Miete zahlt sie mit Reinigungsdiensten ab.20 Jahre Schlange stehen

In der Kommunalka hält man immer die Augen auf. „Jemand stirbt, und schon gibt es einen Anwärter für den Wohnraum.“ Da das Haus sehr alt ist, kommt es oft zu technischen Störungen: „Einmal mussten wir zwei Wochen ohne kaltes Wasser leben.“ Auch das Heißwasser wird manchmal abgestellt. Im vergangenen Winter ging siebenmal das Licht aus. „Die Leitungen sind schwach. Eigentlich müsste das ganze elektrische System ausgewechselt werden.“

Die Gouverneurin von St. Petersburg, Walentina Matwijenko – was tut sie für die Leute in den Kommunalkas? „Sie versucht eher, sich für ein modernes St. Petersburg einzusetzen. Da wird viel gebaut, vor allem fürs Business, für die Elite. Aber wir können uns die Fontänen auf der Newa angucken, das kostet nichts. Heute wird eben alles mit Geld entschieden. Wenn du kein Geld hast, kannst du nichts machen.“ Tatjana ist sichtlich enttäuscht. „Wir stehen schon seit 20 Jahren auf der Warteliste für eine eigene Wohnung. Wer weiß, wann wir dran sind.“

Tatjana kann nicht einmal soziale Ansprüche anmelden: Die Großmutter ist gestorben, zwei Töchter sind im Erwachsenenalter. „In unserem Bezirk stehen 2000 Menschen auf der Warteliste. Im letzten Jahr sind wir fünf Plätze nach vorn gerückt.“ Große Hoffnung auf eine eigene Wohnung hegt Tatjana nicht. „Ich hoffe, dass wenigstens meine Enkel einmal ineiner eigenen Wohnung leben werden.“

Mit des Kremls Hilfe

Wladimir Putin fühlt sichSt. Petersburg offenbar besonders verpflichtet. Fast alle seine engsten Mitarbeiter im Kreml kommen aus St. Petersburg. Mit Protektion des Kremlchefs bekam Walentina Matwijenko 2003 den Posten der Oberbürgermeisterin. Sie gilt als ausgesprochen loyal gegenüber Putin.

Seit dem 1. Oktober gibt es in der Newa-Stadt wieder einen Fernsehkanal, der landesweit zu empfangen ist. Möglich wurde das durch den einflussreichen Petersburger Geschäftsmann Juri Kowaltschuk, einen FreundPutins.St. Petersburg erwartet große Investitionen. Geplant ist der Umzug der Gasprom-Tochter Sibur-Holding. Die Stadtoberen erhoffen sich 73 Millionen Euro zusätzliche Steuereinnahmen jährlich. Der Gigant Lukoil hat sich bereits beim Petersburger Finanzamt angemeldet. Das brachte allein im letzten Jahr 58 Millionen Euro. Geplant ist auch die Verlegung desVerfassungsgerichtes in Russlands „zweite Hauptstadt“. Für ausländische Firmen wirdSt. Petersburg immer interessanter. Beim Autobauer Ford rollen hier jährlich 60000 Autos vom Band. Toyota baut an einer Autofabrik, Nissan und General Motors ebenfalls.Die Stadtoberen verabschieden sich zaghaft von der konservativen Linie in der Architektur. Im Südwesten der Stadt, am Finnischen Meerbusen, plant eine Investitionsgesellschaft aus Schanghai ein Bauprojekt von zwei Milliarden Euro für Wohn- und Geschäftshäuser. Die Stadtverwaltung beauftragte denjapanischen StararchitektenKisho Kurokawa mit dem Bau eines futuristischen Fußballstadions für den FC Zenit.