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Das Flüstern der Tundra Drucken
von unserem Korrespondenten Ulrich Heyden, Salechard   
Freitag, 27. Februar 2004

saechsische_zeitung

 


Zehn Millionen lebten in sowjetischen Lagern. Ihr Schicksal interessiert heute in Russland kaum. Auf die von den Häftlingen gebauten Eisenbahntrassen aber ist man stolz

Das war meine erste große Liebe.“ Walentina Iwlewa zeigt auf das Bild im Fotoalbum. Man sieht einen hübschen, jungen Mann mit Militärmütze, Bill Rowcraft, Kadett auf dem amerikanischen Versorgungsschiff „Thomas Hartley“. Im Mai 1943 legte es – beladen mit Lebensmitteln und Militärausrüstung für die Sowjetunion – im nordrussischen Hafen Archangelsk an. Die USA und die Sowjetunion waren Verbündete gegen Hitler. Auf einem Tanzabend im „Inter-Club“ von Archangelsk lernten sich die beiden kennen. Walentina war damals 15. Sie hatte lange schwarze Locken und leuchtende, blaue Augen, die abends tiefschwarz schienen. Die Männer hätten sich um sie gerissen, erzählt die heute 75-Jährige. „Wenn ich in den Club kam, wollten gleich drei mit mir tanzen.“ Als Walentina sagte, sie wolle ein Kind haben, antwortete Bill „No“. Er liebe Amerika, Gott und seine Eltern. Er wolle nicht, dass man sein uneheliches Kind zuhause ein „son of a bitch“, ein Hurenkind nennt. Dann lernte Walentina den amerikanischen Ingenieur Warren Bausli kennen. Sie wurde schwanger und bekam eine Tochter, aber die sah Warren schon nicht mehr. Er verschwand wie Bill.

Karzer nach dem Selbstmordversuch

In dem jungen Mädchen brannte eine Flamme. Sie wollte Schauspielerin werden. Am 3. Januar 1945 schrieb sie in ihr Tagebuch: „Wie gern möchte ich nach Amerika. Dieser Traum verfolgt mich Tag und Nacht. Um in Amerika Schauspielerin zu sein, muss man nur hübsch sein. Und bei uns? Wenn man hübsch ist, zählt das nicht. Man muss nur zehn Schulklassen haben.“ Ein Jahr später war es aus mit dem Traum. Walentina wird als „amerikanische Spionin“ verhaftet.

„Dort oben muss es sein.“ Sergej zeigt auf eine lang gezogene, bewaldete Anhöhe. Dann wirft er noch einmal einen Blick auf seine Karte und nickt. 120 Kilometer südöstlich von Salechard finden wir das Straflager „Kinschalni Mys“, „Dolchspitze“. Es war eines von hunderten kleiner Arbeitslager, entlang des 1 300 Kilometer-Eisenbahn-Projekts zwischen Salechard und Igarka. Hier lebte auch Walentina. Die Lager mit Wachtürmen, Scheinwerfern und Stacheldraht entstanden auf einem 200 mal 200 Meter großen Areal nach einheitlichem Schema, vier Wohnbaracken für die Gefangenen auf der einen Seite, die Wirtschaftsgebäude auf der anderen Seite. In der Sumpflandschaft mussten die Gefangenen Holz sägen, Dämme aufschütten, Brücken bauen und Gleise verlegen.

Die nie vollendete Ost-West-Trasse entlang des Polarkreises war eines von Stalins Lieblingsprojekten. Das irreale Vorhaben über Permafrost-Boden, Sümpfe und riesige Flüsse sollte von Igarka sogar noch weiter bis zum Nickel-Produzenten in Norilsk verlängert werden.

Walentina wurde zum Holzsägen eingesetzt. Doch die junge Gefangene stellte sich so ungeschickt an, dass man sie von der körperlichen Arbeit befreite und zur Verantwortlichen für Theaterabende machte. Das junge Mädchen war beliebt – bei den Politischen wie bei den Kriminellen. „Ich hatte viel gelesen, kannte viele Gedichte. Viele waren froh über die Abwechslung.“

Das Lager „Dolchspitze“ liegt auf einem bewaldeten Hügel. Die Straße dorthin ist nur im Winter befahrbar. Im Sommer ist die Gegend voller Moore. Wir schnallen unsere Skier an, denn zu Fuß können wir nicht weiter. Der Schnee liegt über zwei Meter hoch. Der Mond taucht den Wald in ein weißgelbes Licht. Es herrscht völlige Stille. Wie ein Flüstern kommt die Erinnerung hoch. Oleg, unser Begleiter vom Heimatmuseum Salechard, erzählt über den Lager-Alltag. „Wenn ein Krimineller fliehen wollte, überredete er drei, vier Gefangene mitzukommen. Die brachte er dann nacheinander um. Das war seine Nahrung.“

Die Kriminellen hatten die besten Plätze im Lager erobert, erzählte Walentina. Sie ließen „die Politischen“ – sie stellten fast die Hälfte der Lagerinsassen – für sich arbeiten. Dass die Kriminellen in der Lagerhierarchie wichtige Posten besetzten, wurde von den Wärtern geduldet.

Als wir mit den Skiern den Hang hochsteigen, stoßen wir auf ein gut erhaltenes Blockhaus mit sechs schmalen Einzelzellen, dem Karzer des Lagers. Auch Walentina hatte man in so eine Zelle eingesperrt, als Strafe für einen Selbstmordversuch. Sie hatte ihre Arbeitskraft „der Gesellschaft“ entzogen. „Im Karzer gab es nur Holzbretter zum Schlafen und einen Eimer als Klo, sonst nichts“, erinnert sie sich. Die junge Gefangene hatte in ihrer Verzweiflung ungelöschten Kalk getrunken. „Ich dachte, warum soll ich mich hier quälen, lieber sterbe ich.“ Sie kam ins Lazarett. Dort verliebte sie sich in einen Mann, der sie mit Butter und Pastete versorgte. So kam sie wieder zu Kräften.

Nicht weit vom Karzer steht eine der Lagerbaracken. Oleg wirft einen prüfenden Blick in den langen Schlafsaal mit den Doppelstockbetten und meint mit Kennermiene: „Hier schliefen 300 Menschen“. An den Längs-Pfosten über den Bett-Stellen kann man noch die mit Bleistift geschriebenen Namen lesen. „Musaew“, das klingt kaukasisch, „Lukoschko“ und „Anoschko“ eher ukrainisch. Es gibt auch russische Namen wie „Agafonow“ und „Pabedinskaja“.Ob man aus dem Lager „Kinschalni Mys“ nicht ein Museum machen könne, wollen wir wissen. Oleg schüttelt den Kopf. „Wozu brauchen wir hier in der Einöde ein Museum?“ Er wolle die Administration überzeugen, am Stadtrand von Salechard ein Lager nachzubauen. Aber bisher sei er bei der Gebietsverwaltung auf taube Ohren gestoßen.

Eingefangen, geschlagen und erschossen

Oleg leitete im Heimatmuseum der Gebietshauptstadt Salechard die Abteilung über die Straflager. Doch die Ausstellung wurde geschlossen. In Salechard erinnert man sich nicht gerne an die Gräuel der Vergangenheit. Die Stadt ist dank der Gasvorkommen in der Region zu Wohlstand gekommen, es gibt ein Eisstadion und moderne Wohnhäuser. Die Administration war nicht begeistert von unserem Vorhaben, ein Lager zu besuchen. „Darüber ist doch schon so viel geschrieben worden“, versuchte man uns die Reise auszureden. Sie störe die Totenruhe. Auf das Bahn-Projekt, das die sowjetische Regierung am 25. März 1953, drei Wochen nach Stalins Tod, einstellte, sind die Menschen in Salechard heute stolz. Die Polar-Bahn, von der heute nur noch ein kleines Teilstück genutzt wird, ist für sie ein Symbol für die Erschließung des Nordens.

Zu denen, die das Andenken an die Polar-Bahn in Ehren halten wollen, gehört der ehemalige Lagerhäftling Wladimir Nizinski. Der heute 81-Jährige wohnt immer noch in Salechard. Nizinski leitete eine Arbeitsbrigade von 40 Männern, die Holz sägten. „Es gab Brot, Suppe und Brei,“ erinnert sich der alte Mann. Die Gefangenen trugen wattierte Jacken und Filzstiefel. Es starben nur die, die schon krank ins Lager kamen, meint Wladimir. Der alte Mann erinnert sich an einen Massenausbruch von Gefangenen im Jahre 1948. „Die Leute wurden alle eingefangen, zusammengeschlagen und erschossen. Ich denke nicht gerne daran zurück.“

Wladimirs Schicksal ist so verschlungen wie das der meisten Gulag-Häftlinge. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er in Weißrussland als Partisan gegen die Deutschen. 1944 wurde seine Einheit dem sowjetischen Geheimdienst NKWD angegliedert. Drei Jahre später wurde Wladimir verhaftet. Jemand hatte ihn beschuldigt, er habe während des Krieges in seinem weißrussischen Dorf Arbeitskräfte für Deutschland angeworben. Stolz zeigt uns der alte Mann eine Hochglanzbroschüre mit Bildern verdienter Kriegsveteranen der Stadt Salechard. Auch Nizinski ist dort in einer schmucken Uniform abgebildet. Im Begleittext werden seine Leistungen als Soldat gelobt. Zu seiner Gulag-Zeit findet sich in der Broschüre kein Wort.

Russlands bisher einziges Lager-Museum liegt nahe der Ural-Stadt Perm. Es entstand ausschließlich auf der Basis freiwilliger Arbeit. Auch deutsche Jugendliche halfen. An die Stalin-Gräuel erinnert man sich in Russland nicht gerne. Nach einer kurzen Glasnost-Phase Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre wurde das Thema Stalin-Terror wieder in den hintersten Gehirnwindungen abgelagert. Seitdem herrscht Stille. Vor einer aufklärenden Film-Serie hat nicht nur die Macht Angst. Das Aufhellen des Systems von Repression und Bespitzelung, in das mehrere Generationen verstrickt waren und welches viele Familien spaltete, scheint den einfachen Menschen eine zu schwere Aufgabe. Auf dem Boden der Unwissenheit blüht nun ein neuer Stalin-Mythos. Nach einer Umfrage verehrt ein Drittel der Jugendlichen den Diktator.
Ihren Jugendtraum machte Walentina wahr. Sie wurde in Moskau Schauspielerin. Der Kontakt zu Warren, dem Vater ihrer Tochter, ist abgebrochen. „Aus Brooklyn hat er noch drei Briefe geschickt. Er hat versprochen, mich nach Amerika zu holen.“ Doch dann habe sie nichts mehr von ihm gehört. „Warren weiß nicht, dass er Enkel und sogar Urenkel in Russland hat.“

Von den Gefangenen gebaut: die Polareisenbahn. Dieses zugeschneite Stück ist noch in Betrieb. Fotos: U. HeydenNach drei Herzinfarkten kann die einstige Lager-Insassin Walentina Iwlewa nur noch mit Mühe aufstehen und laufen.

Das Gulag-System

Zwischen 1929 und 1953 lebten insgesamt zehn Millionen Menschen in den Arbeitslagern, die über die ganze Sowjetunion verstreut waren. Die Zahl ermittelte die russische Menschenrechtsorganisation Memorial, die die Akten der Lager-Hauptverwaltung (Glawnoje Uprawlenije Lagerej) ausgewertet hat. Zwischen 1938 und 1953 zählte man jährlich 2,8 Millionen Lagerhäftlinge. Zum Vergleich: Heute leben in russischen Strafkolonien eine Million Menschen.

Während der Stalin-Zeit waren zwischen 20 und 40 Prozent der Lagerinsassen politische Häftlinge, welche nach dem berüchtigten Paragrafen 58 (Landesverrat) abgeurteilt wurden. Während der Kriegsjahre 1942/43 starb in den Lagern etwa jeder Fünfte an den unmenschlichen Haftbedingungen. Nach dem Krieg sank die Sterblichkeitsrate offiziell auf zwei Prozent. Oft bekamen die Gefangenen noch nicht mal ihre 50-Gramm Fleischration je Tag. Die Lager-Bestände wurden von korrupten Verwaltern geplündert.