Putin setzt auf Kadyrow
von Ulrich Heyden   
Freitag, 2. März 2007

Tschetschenien: Ex-Rebellenchef zum Präsidenten bestimmt

Ramsam Kadyrow ist am Ziel seiner Träume: Der umstrittene tschetschenische Regierungschef wurde gestern von Wladimir Putin zum neuen Präsidenten der Krisenregion im Nordkaukasus ernannt. Dass Kadyrow heute vom Parlament Tschetscheniens als Präsident bestätigt wird, gilt als Formsache. Von den 58 Abgeordneten gehören 38 der kremlnahen Partei «Einiges Russland» an.

Der russische Präsident Putin lobte gestern den von ihm frisch Gekürten: Ramsan Kadyrow habe viel für den Wiederaufbau der Kaukasusrepublik geleistet. «Ich werde versuchen, das in mich gesetzte Vertrauen zu bestätigen», grummelte der bärtige Tschetschene vor den Kameras der staatlichen russischen Fernsehkanäle.
Der 30-jährige Kadyrow ist im Krieg gross geworden. Der frühere Rebellenchef kann mit Waffen umgehen, lange politische Erklärungen sind seine Sache nicht. Den grossen Auftritt liebt Kadyrow dennoch. So holte er zum Gaudi der tschetschenischen Jugend Ex-Boxweltmeister Mike Tyson nach Grosny. Jüngst machte er der «Miss Kenia», die Grosny mit anderen Schönheitsköniginnen besuchte, im Scherz einen Heiratsantrag und schenkte ihr eine weisse Ziege, normalerweise ein Geschenk für die Eltern der Braut. All das macht Eindruck in einer Region, in der die meisten Männer arbeitslos sind.


Verantwortung vor Allah und Putin

 

Kadyrow trägt gerne massgeschneiderte Anzüge, fühlt sich aber auch wohl in der Wüstenuniform der US-Armee. Wo er auch steht und geht, der starke Mann Tsche-tscheniens ist immer von ergebenen «Kämpfern» umgeben, die früher, wie er selbst, auf der Seite der Separatisten kämpften, nun aber zu Moskau stehen und als Kadyrow-Schutztruppe in der Kaukasusrepublik Angst und Schrecken verbreiten. Nach Berichten der Menschenrechtsorganisation Memorial verschwanden in Tschetschenien in den letzten Jahren mehr als 3000 Menschen. Kadyrow sprach nach seiner Ernennung zum Präsidenten von einer «grossen Verantwortung vor dem Allerhöchsten, dem Volk und vor Ihnen». Da guckte Putin streng. Dass er mit dem tschetschenischen Volk und Allah in einem Atemzug genannt wird, kommt nicht alle Tage vor. Auch klang das ziemlich kaukasisch-selbstbewusst.


Ungeklärtes Attentat


Doch Putin hat in Tschetschenien offenbar keine andere Wahl. Auf die Familie Kadyrow setzt er schon seit 2000. Nachdem russische Truppen Grosny von den Separatisten zurückerobert hatten, ernannte Putin Achmed Kadyrow, den Vater von Ramsan, zum Chef der russischen Verwaltungsbehörde. Später liess er Achmed Kadyrow zum Präsidenten wählen. Am 9. Mai 2004 wurde dieser aber während einer Feier im Stadion in Grosny von einer Bombe getötet. Moskau beschuldigte die Separatisten der Tat. Doch die inzwischen ermordete Tschetschenien-Reporterin Anna Politkowskaja wollte damals nicht ausschliessen, dass russische Sicherheitskreise hinter dem Anschlag steckten. Achmed Kadyrow sei für Moskau nur noch schwer kontrollierbar gewesen.
Die Kontrolle über den tschetschenischen Präsidenten könnte auch jetzt wieder zum Problem werden. Ramsan Kadyrow möchte, dass die Ölfirma Grosneftegas, die bisher zu 51 Prozent dem russischen Konzern Rosneft gehört, unter die Kontrolle der tschetschenischen Regierung kommt. Grosny ist immer noch eine Trümmerwüste, aber in vielen Teilen der Stadt wird gebaut. Seine Hauptaufgabe als Präsident sieht Kadyrow in der «Ausrottung des Terrorismus» und der Förderung der Wirtschaft. Wenn wie bisher Geld aus Moskau fliesst, könne man Tschetschenien in eine blühende Landschaft verwandeln, verspricht Kadyrow.

Aargauer Zeitung