„Es kann in den nächsten Tagen passieren“
von Ulrich Heyden   
Freitag, 7. August 2009

diepresse

 

 

felgengauer--
 

ULRICH HEYDEN (Die Presse)

Felgenhauer: Moskau rechnet bei Fortsetzung des Georgien-Kriegs mit passivem Westen.

Die Presse: Herr Felgenhauer, Sie haben im Vorjahr den Georgien-Krieg vorhergesagt. Jetzt prognostizieren Sie wieder einen russischen Angriff. Für wie groß halten Sie diese Wahrscheinlichkeit?

Pawel Felgenhauer: Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Es kann schon in den nächsten Tagen passieren.

Was hat es mit dem angeblichen Plan des russischen Generalstabs auf sich, zuerst die Flughäfen in Georgien anzugreifen?

Felgenhauer: Der Flughafenkomplex mit dem militärischen Flughafen Wasiani und dem internationalen Flughafen befindet sich 20 Kilometer im Osten des Stadtzentrums von Tiflis und ist nach militärischen Gesichtspunkten der wichtigste Flughafenkomplex in ganz Georgien. Dort befinden sich seit Sowjetzeiten auch verschiedene Unternehmen der Flugzeugindustrie. Russische Truppen könnten dorthin gelangen, wenn sie Tiflis vom Norden her umgehen. So können sie Straßenkämpfe vermeiden.

Sie erheben schwere Vorwürfe gegen die russische Militärführung. Woher haben Sie Ihre Informationen?

Felgenhauer: Das sind keine Vorwürfe, das ist eine Analyse. Ich bin ein Militäranalytiker. Ich weiß, wenn es zu militärischen Handlungen kommt, ist der Flughafenkomplex das wichtigste Ziel, wegen der Logistik. Russland kann über die Luft Truppenverstärkungen heranschaffen. Auf der anderen Seite kann Russland mit der Besetzung des Flughafens eine Luftbrücke verhindern, über die die Georgier ihren Nachschub sichern.
Im August letzten Jahres wurde Georgien mit einer amerikanischen Luftbrücke über den Flughafenkomplex Wasiani versorgt.

Gibt es im Kreml denn überhaupt den politischen Willen, militärisch nach Tiflis vorzustoßen?

Felgenhauer: Auf einer Pressekonferenz in Moskau hat der stellvertretende Generalstabschef Anatoli Nogowizyn erklärt, man sei zum Krieg bereit, man könne Georgien in einem Blitzkrieg besiegen, schnell und effektiv mit militärischen Schlägen.

Aber auf der Pressekonferenz verneinte Nogowizyn expansive Absichten Russlands.

Felgenhauer: Er hat erklärt, wir werden Georgien nicht angreifen. Das ist richtig. Russland hat in seiner Geschichte offiziell noch nie jemanden angegriffen, sondern immer nur gerechte Verteidigungskriege geführt.
Es läuft nach dem Motto: Sie provozieren uns, wir werden sie dann zerschmettern.

Was könnte ein Vorwand für einen russischen Angriff sein?

Felgenhauer: Eine Schießerei, bei der russische Grenzschützer zu Schaden kommen.
Der Kreml unterstützt diesen Plan?

Felgenhauer: Vor der Erklärung des Vizegeneralstabschefs Nogowizyn gab es eine Erklärung des Verteidigungsministeriums, dass man Georgien schlagen werde und bereit sei, Georgien mit allen Mitteln zu besiegen.

Solch ein Angriff würde Russlands Image in der Welt enorm schaden.

Felgenhauer: Der Kreml sagt sich, nach einem halben Jahr wird der Westen wieder mit uns sprechen. Nach dem letzten Krieg gab es auch Kritik. Dann hat der Westen sich angepasst und erklärt, mit Russland gebe es wichtige Fragen zu besprechen. Die schwache Antwort des Westens auf den russischen Angriff im vergangenen Jahr spornt Russland zu einer Fortsetzung an.

Wie begann aus Ihrer Sicht der letzte Krieg? In Europa hieß es zunächst, Russland habe den Krieg begonnen. Doch dann setzte sich die Meinung durch, dass Georgien angefangen habe.

Felgenhauer: Das ist nicht wahr. Ich habe persönlich mit Heidi Tagliavini, der Vorsitzenden der EU-Kommission gesprochen, die den Kriegsbeginn im letzten Jahr untersucht. Sie hat mir gegenüber erklärt, dass die Veröffentlichung im deutschen Nachrichtenmagazin „Spiegel“, wonach die EU-Kommission angeblich herausgefunden hat, Georgien habe den Krieg begonnen, nicht den Tatsachen entspreche. Der „Spiegel“-Bericht sei Unsinn und wahrscheinlich von Moskau bezahlt. Natürlich haben sich auch die Georgier auf den Krieg vorbereitet. Von georgischer Seite war es aber eine Improvisation, ausgelöst durch eine russisch-ossetische Provokation. Russland hat seine militärische Aggression ein halbes Jahr lang vorbereitet. 

Die georgische Opposition kritisiert den georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili und sagt, er habe den Krieg angefangen.

Felgenhauer: Natürlich kritisiert die georgische Opposition Saakaschwili. Sie wollen ihn stürzen. In diesem Punkt fallen die Interessen der georgischen Opposition mit den Interessen der russischen Führung zusammen.

Welche politischen Ziele hat Russland in Georgien?

Felgenhauer: Russland hat in Folge des letzten Krieges im Kaukasus an Einfluss verloren und faktisch nichts gewonnen. Jetzt will man die Sache zu Ende führen und die georgische Armee in einem Blitzkrieg entwaffnen.

Der US-Vizepräsident Joe Biden sagte vor dem georgischen Parlament, der Neustart der Beziehungen mit Russland bedeute nicht, dass man Georgien jetzt fallen lasse. Werden die USA Georgien in einem Konflikt jetzt unterstützen?

Felgenhauer: Das werden sie nicht.

Sie glauben, Moskau und Washington haben sich hinter dem Rücken von Tiflis geeinigt?

Felgenhauer: Das ist nicht ganz klar. Aber wer wird schon für Georgien gegen Russland kämpfen?

Die Position der USA hat sich also um 180 Grad gedreht?

Felgenhauer: Nein. Die USA werden Saakaschwili unterstützen, aber nicht für ihn kämpfen.
________________________________________
© DiePresse.com