Do swidanija für vier deutsche Diplomaten
von Ulrich Heyden   
Samstag, 31. März 2018
Moskau Wann kommt der Punkt an dem Berlin erkennt, dass die Politik gegenüber Russland in die Irre führt?

Am Freitagmittag wurde bekannt, dass vier deutsche Diplomaten vom russischen Außenministerium zu unerwünschten Personen erklärt wurden. Die Vier gehören zu einer Gruppe von 23 Diplomaten europäischer Staaten, die Russland verlassen müssen. Kurz zuvor waren vom russischen Außenministerium bereits 60 US-Diplomaten zu unerwünschten Personen erklärt worden.

Den Schritt gegen deutsche Diplomaten hatte ich erwartet, wenn ich auch im Stillen hoffte, er würde nicht vollzogen. Zuvor hatte Berlin wegen dem Giftanschlag in Salisbury vier russische Diplomaten ausgewiesen. Einen Beweis für eine russische Beteiligung an diesem Anschlag gibt es bis heute nicht.

Nach Allem was ich über die russische Politik und die Menschen in Russland weiß, die Ausweisung von vier deutschen Diplomaten ist der russischen Führung ganz sicher nicht leichtgefallen.

Ich bin absolut kein Fan der Bundesregierung und trotzdem den Tränen nahe. Wie konnte es soweit kommen, dass gegen Deutschland eine solche drakonische Maßnahme ergriffen wird? Es zerreißt einem das Herz, wenn man bedenkt, dass Deutschland das westliche Land ist, welches von den Russen wegen seiner wirtschaftlichen Erfolge und seiner Kultur bis heute trotz allem verehrt wird, dass Deutschland das Land ist welches sich fast alle Russen als strategischen Bündnispartner wünschen, dass Deutschland das Land ist, dass von der russischen Führung bis heute immer noch mit Samthandschuhen angefasst wird, im Vergleich zu England und den USA. Warum setzt die Bundesregierung das alles leichtfertig aufs Spiel? Grenzt das nicht an bodenlose Dummheit?

Haben wir vergessen, was wir Russland zu verdanken haben? Deutschland konnte sein Territorium 1991 um fast die Hälfte vergrößern. Dabei fiel kein einziger Schuss. Kein Mensch starb.

Es ist ein Irrglaube zu meinen, der Abzug von mehreren Hunderttausend sowjetischer Soldaten aus der DDR bis 1994 sei eine Selbstverständlichkeit gewesen.

Ich weiß wovon ich spreche. Viele Russen verstehen bis heute nicht, warum die Führung der Sowjetunion damals der Wiedervereinigung zustimmte, ohne die feste Garantie zu bekommen, dass sich die Nato nicht nach Osten ausweitet. Michail Gorbatschow genießt wegen dieses Fehlers bei der großen Masse der Russen kein Ansehen. Welches Land gibt schon Einflusszonen ohne Sicherheitsgarantien ab?

Welcher Teufel reitet die deutschen Medien, die nun schon seit vier Jahren mit übelsten Verleumdungen gegen Russland zu Felde ziehen. Russland ist für den Abschuss des MH 17-Passagierflugzeuges über der Ost-Ukraine verantwortlich. Russland will das Baltikum erobern. Russland vergiftet ehemalige abtrünnige Geheimdienstmitarbeiter auf fremden Territorium. Für all diese Behauptungen gibt es keinen einzigen Beweis. Trotzdem werden sie täglich wiederholt. Doch nicht nur das: Die Verleumdung von Salisbury wird mit den Verleumdungen wegen der MH 17 und den Verleumdungen wegen Aleksander Litwinenko und den angeblichen russischen Expansionsbestrebungen „untermauert“. Ist es dann ein Wunder, dass Millionen Menschen in Deutschland dieses Lügengebäude nicht hinterfragen, weil es ihnen täglich aus allen deutschen Kanälen entgegenschallt?

Für mich ist es ein großes Wunder, dass Moskau auf den täglichen Wust von Hetze in den deutschen Medien noch relativ gelassen reagiert. Es gibt keine Demonstrationen vor deutschen Korrespondentenbüros in Moskau. Die Berichterstatter der Tagesschau, können in Moskauer Pubs in Ruhe ihr Bier trinken. Sie werden täglich zu zahlreichen Pressekonferenzen in Moskau eingeladen, lassen sich aber immer weniger blicken. Offenbar reicht die Energie nur noch für den täglichen Aufsager in der Tagesschau.

Der deutsche Botschafter in Moskau, Rüdiger von Fritsch, erklärte heute vor dem Gebäude des russischen Außenministeriums vor Fernsehkameras, Deutschland habe ein Interesse an guten Beziehungen zu Russland. Russland müsse aber Antworten zum Giftanschlag in Salisbury geben.

Dieses "sowohl als auch" der deutschen Politik gegenüber Russland wirkt auf mich unentschlossen und nicht überzeugend. Man kann es nicht allen recht machen. Man kann sich nicht mit den Tiraden von Theresa May solidarisch erklären und gleichzeitig von Wladimir Putin Nettigkeiten erwarten. Oder will man die deutsche Öffentlichkeit in die Irre führen und so tun, als ob man dem russischen Bären jahrelang auf der Nase rumtanzen und gleichzeitig mit ihm eine gute Tasse russischen Tees trinken kann? Der Bär braucht vielleicht eine Zeit, bis er auf den Beinen steht, aber dann sollte man sich in Acht nehmen vor ihm.

Russland erwartet von Deutschland nicht die Übernahme der russischen Lebensweise, der russischen Staatskunst und des russischen Verständnisses von Demokratie. Der russische Bär erwartet nichts weiter, als dass man ihm nicht reizt.

Es gibt ein russisches Sprichwort. „Mach keine Probleme, wo es keine gibt“ (Ne budi licho, poka ticho). Würde Deutschland schlecht fahren, wenn es sich dieses russische Sprichwort zu eigen macht? Nein, Deutschland würde sehr gut fahren. Es könnte in Ruhe Geschäfte machen, es würden Arbeitsplätze geschaffen, die Menschen könnten sich gegenseitig besuchen und ihre Erfahrungen austauschen und voneinander lernen ohne erst einen Riesenberg von Vorurteilen abzutragen.

Man muss sich entscheiden: Für oder gegen die Russland-Hetze.

Ich habe eine Bitte an die Leser dieser Zeilen: Beteiligt Euch an den Ostermärschen, erhebt Eure Stimme für den Frieden!

Ulrich Heyden, Moskau, 30.03.18

veröffentlicht in meinem Blog bei der Freitag Community