5. November 2005

Kabul im Aufbaufieber

Wo früher geschossen wurde, trifft man heute auf Händler, Bauarbeiter und Verkehrspolizisten
Afghanistan ist von Normalität noch weit entfernt, aber die Hauptstadt
Kabul hat sich in letzter Zeit rasant entwickelt. Dazu eine TA-Korrespondenz aus Asien:

KABUL. Unerschütterlich stehen die bärtigen Polizisten mit ihren weißen Mützen im Verkehrsgewimmel von Kabul. Einige tragen einen Mundschutz gegen den feinen Sandstaub, der sich zu Beginn des Berufsverkehrs als dichte Glocke über die Stadt legt.

Was für den Beobachter aus Deutschland wie Chaos aussieht, funktioniert doch irgendwie. Während der Rush-hour gibt es in Kabul überraschend wenig Verkehrsunfälle. Selbst die zahlreichen Fahrradfahrer und die Zeitungsjungen, die hinter den Autos der Ausländer herlaufen, finden noch Platz im Blechgewühl. Manchmal sieht man gepanzerte Fahrzeuge der ISAF. Die Soldaten der internationale n Streitkräfte müssen sich notgedrungen dem langsamen Tempo anpassen.

Deutsche Soldaten fahren nicht nur Patrouille in ihren gepanzerten Dingos sondern gehen auch zu Fuß. Im Stadtteil sind ihre Gesichter bekannt. Gegenüber Deutschen demonstrieren die Bürger von Kabul gern, dass sie zu unterscheiden wissen. Die Amerikaner machen sich an unsere Frauen ran, schimpft ein Student. Die Deutschen, sagt er, achteten die islamischen Sitten.

Es wird viel über die Amerikaner geklagt, aber Kabul ohne ausländische Schutzmacht kann sich keiner vorstellen. Die internationalen Streitkräfte sind Garant der Sicherheit, heißt es. Kabul scheint überzuquellen von Menschen und Autos. Drei bis fünf Millionen Menschen sollen in der Stadt heute leben.

Wendet man den Blick von der Straße auf die Häuser, so hat man den Eindruck, ganz Kabul sei ein Basar. Wie Perlenketten sind die Läden aufgereiht. Alle Nationen sind heute in Kabul vertreten, auch China. Wer
jedoch in einem Hongkong Tee House einen Tee bestellt, muss lange warten. Es gibt nur Cola in der Dose. Dafür zeigen sich Mädchen aus der chinesischen Provinz, bereit zu intimen Diensten. Chinesische Puffs
sprießen.

Elektrizität ist in der Hauptstadt äußerst knapp. Nachts liegt die Millionenstadt im Dunkeln. Ein großer Teil der Städter lebt immer noch ohne Strom- und Wasseranschluss. Wer sich in ein Internet-Caf begibt, kann
erleben, dass der Inhaber mit einer Kurbel aufs Dach steigt, um den Generator anzuwerfen. Vor dem Hauptgebäude des Camp Warehouse haben Arbeiter zwei riesige grüne Sichtblenden errichtet. Auf dem Stützpunkt der ISAF-Truppen ( hier sind auch 1500 deutsche Soldaten stationiert ( wird ständig an neuen Sicherheitsvorkehrungen gearbeitet.

Zu dem nahegelegenen Bergrücken sind es nur ein paar Kilometer. Von dort schießen die Taliban mit Scharfschützen und Raketen. Vier Angriffe gab es im letzten Monat. Beim heftigsten fuhr ein mit Sprengstoff beladener Motorradfahrer vor dem Camp zwischen zwei Busse und sprengte sich in die Luft. Neun Afghanen wurden verletzt, über 30 getötet. Ziel des Anschlags waren Afghanen, die sich in der nahe gelegenen Kaserne der afghanischen Armee melden wollten.

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