Afrika-Festival in Moskau – eine Brücke zum südlichen Kontinent (Globalbridge)

26. Oktober 2026Von: Ulrich Heyden in Allgemein, Geschichte
Russland verstärkt nicht nur seine wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen zu Afrika. Auch kulturell versucht man nach der Auflösung der Sowjetunion eingeschlafene kulturelle Brücken mit dem südlichen Kontinent wieder aufzubauen. Pikant: Auf dem 4. Moskauer Afrika-Festival wurden Filme gezeigt, die zum Teil von Staaten der EU mitfinanziert wurden. Die pragmatische Herangehensweise der Moskauer Festival-Organisatoren bei der Auswahl von Filmen zeigt, welche positive Rolle die Kultur in einer Welt spielen kann, die politisch stark aufgeheizt ist. Auf dem 4. Moskauer Afrika-Festival wurden moderne Filme des südlichen Kontinents und Film-Klassiker des senegalesischen Regisseurs Ousmane Sembène gezeigt. Das Filmen lernte der Regisseur Anfang der 1960er Jahre im Moskauer Gorki-Studio. Ulrich Heyden hat Alain Sembène, den Sohn des Regisseurs, interviewt.
An dem 4. Afrika-Festival, welches vom 7. bis zum 15. Oktober in Moskau und St. Petersburg unter dem Motto „Afrika. Gemeinsam in die Zukunft“ stattfand, nahmen nach Angaben der Veranstalter 5.000 Besucher teil.
Über afrikanische Kultur erfährt man aus den russischen Medien so gut wie nichts. Von daher war ich neugierig und voller Erwartung, als ich zu der Eröffnungsveranstaltung des Festivals im „Haus der Schauspieler“ am Arbat ging. Die Veranstaltung war sehr gut besucht. Die Stimmung war ausgezeichnet. Es gab eine Modenschau und eine Solovorstellung des Senegalesen Ibrahim Inassi. Sein Tanz „Das Recht der Natur“ war eine Mischung aus traditionell-afrikanischem und modernem Stil.
Ernüchterung trat bei mir ein, als bei dem Eröffnungsfilm zeitgenössischer afrikanischer Filme in einem Nebengebäude der Moskauer Tretjakow-Galerie nur wenige Zuschauer sah. Afrika ist in Russland zurzeit kein Thema. Man hätte das Festival im Radio und Fernsehen bewerben müssen, was aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen nicht geschah. Die Werbung lief ausschließlich über die Festival-Website african-days.ru.
Der Eröffnungs-Film war „Die Kinder Gottes“. Der Film handelt von der Aufarbeitung des Genozids in Ruanda 1994. Gezeigt wird, wie sich vor allem Frauen in den Dörfern versammeln, um über die damaligen Massaker zu sprechen. Dabei geht es um Vergebung, aber auch um Verurteilung von Mördern. „Die Kinder Gottes“ ist ein Debüt-Film der ruandischen Regisseurin Marie-Clémentine Dusabejambo. Der Film hatte seine Premiere in diesem Jahr auf dem Filmfestival in Cannes.[1]
Ich fragte eine der Organisatorinnen, warum auf dem Festival keine Afrika-Filme gezeigt werden, die mit finanzieller Unterstützung Russlands gedreht wurden. Ob das damit zusammenhänge, dass russische Afrika-Filme noch kein Festival-Niveau haben? Meine Frage wurde mit „Ja“ beantwortet.
Ousmane Sembène, Sohn eines Fischers, Fabrikarbeiter, Regisseur
Eine russische Beteiligung bei Filmen aus Afrika gab es – wenn auch indirekt. Im Moskauer Kino „Illusion“ wurde eine Retrospektive mit Filmen des Senegalesen Ousmane Sembène (1923 bis 2007) gezeigt. Sembène lernte das Film-Handwerk Anfang der 1960er Jahre in Russland. Sein Lebenslauf war ungewöhnlich. Der Regisseur war Sohn eines Fischers. 1944 wurde er – wie auch andere Senegalesen – von der französischen Armee zum Kampf gegen Hitler-Deutschland mobilisiert. Nach dem Krieg arbeitete Ousmane in einer Fabrik von Citroen. Er begann Bücher zu schreiben und Filme zu drehen.
Auf dem Filmfestival sah ich die Sembène-Filme „Emitai“ und „Camp de Thiaroye“. Beide Filme handeln vom Widerstand der Sengalesen gegen die französische Kolonialherrschaft. Im Film „Emitai“ wird gezeigt, wie französische Kolonialsoldaten in einem Dorf zwangsweise Reis eintreiben und nach dem Widerstand der Dörfler alle Einwohner erschießen.
Der Film „Camp de Thiaroye“ zeigt den Aufstand von senegalesischen Soldaten, die im Dienst Frankreichs gegen Hitler-Deutschland gekämpft hatten. Zum Aufstand im Militärstützpunkt Thiaroye vor der Stadt Dakar kam es nach willkürlich verminderten Soldzahlungen. Die Rebellion wurde am 1. Dezember 1944 durch französische Kolonialtruppen blutig niedergeschlagen.
Interview mit Alain Sembène
Auf dem Film-Festival in Moskau machte ich Bekanntschaft mit Alain Sembène, dem Sohn des Regisseurs. Im Interview berichtet er, warum die Filme seines Vaters nicht nur für Afrika eine Bedeutung haben.
Ulrich Heyden, Frage: Sie leben in Frankreich? Was ist ihr Beruf?
Alain Sembène: Ich lebe in Frankreich, wo ich auch geboren wurde. Senegal besuche ich regelmäßig. Ich habe eine Ausbildung zum Bauingenieur absolviert, in diesem Beruf gearbeitet und bin heute im Ruhestand.
Kann man sagen, dass Ihr Vater in den Filmen „Emitai“ und „Camp de Thiaroye“ die Geschichte seiner eigenen Familie erzählt?
Nein, „Emitai“ und „Camp de Thiaroye“ erzählen nicht die Geschichte unserer Familie. Es handelt sich um fiktionale Werke, die in einer gemeinsamen Geschichte verwurzelt sind und die koloniale Herrschaft sowie den Widerstand, den sie hervorruft, thematisieren.
Kann man sagen, dass der gebildete senegalesische Offizier Diatta im Film „Camp de Thiaroye“, der mit einer Französin verheiratet ist, Ihrem Vater sehr ähnelt?
Diatta ist ein Hauptfeldwebel, also ein Unteroffizier. In seinem kritischen Denken, seinem umfassenden Wissen und seinem Einsatz für die menschliche Würde lassen sich Parallelen zu meinem Vater erkennen. Das macht die Figur jedoch nicht zu einem autobiografischen Porträt meines Vaters.
Auch Diattas Ehe mit einer Französin entspricht nicht dem Leben meines Vaters. Mein Vater war zunächst mit einer Senegalesin und später mit einer afroamerikanischen Frau verheiratet.
Ihr Vater war Gewerkschaftsaktivist und Schriftsteller. Er war Kommunist und verbrachte fünf Monate in der Sowjetunion, um dort das Filmhandwerk zu erlernen. Wie beurteilte Ihr Vater die Auflösung der Sowjetunion und die nachfolgenden Kriege, die von den USA und NATO-Staaten gegen Jugoslawien und Afghanistan geführt wurden?
Mein Vater war Gewerkschafter, politisch engagierter Schriftsteller und Kommunist. Anfang der 1960er Jahre absolvierte er eine Ausbildung im Gorki-Filmstudio in Moskau. In seinem Werk verurteilt mein Vater koloniale Gewalt, Ausbeutung und Herrschaftsverhältnisse.
Soweit ich mich erinnere, endeten seine regelmäßigen Kontakte nach Russland mit dem Zerfall der Sowjetunion. Was jedoch seine konkrete Reaktion auf jenen Zerfall sowie auf die Kriege in Jugoslawien oder Afghanistan betrifft, so möchte ich ihm keine Äußerungen zuschreiben, solange ich sie nicht präzise wiedergeben kann.
Die Beziehungen zwischen Russland und Afrika
Welche Rolle spielt Russland heute in Afrika – kulturell, wirtschaftlich und militärisch? Viele Afrikaner studieren nach wie vor in Russland, und wieviele haben bereits zu Zeiten der Sowjetunion dort studiert. Hat dies Auswirkungen auf die afrikanischen Gesellschaften? Übt Russland auf Afrikaner noch immer eine gewisse Anziehungskraft aus?
Ich selbst habe in der Sowjetunion studiert und gearbeitet; insgesamt habe ich acht Jahre in Russland verbracht. Diese Erfahrung ist Teil meines eigenen Hintergrunds. Viele Afrikaner haben dort ebenfalls ihre Ausbildung erhalten; einige bekleideten später wichtige Führungspositionen in ihren Heimatländern. Durch diesen Austausch sind berufliche, kulturelle und persönliche Verbindungen entstanden, die lange Bestand haben können.
Russland ist nach wie vor ein Partner verschiedener afrikanischer Länder. Die Bedeutung der kulturellen, wirtschaftlichen oder militärischen Beziehungen unterscheidet sich jedoch von Land zu Land erheblich. Man kann daher nicht von einer einheitlichen Beziehung zwischen Russland und Afrika sprechen.
In bestimmten Kreisen – insbesondere bei denjenigen, die dort studiert haben – besteht ein Interesse an Russland. Ich wäre jedoch vorsichtig mit der Aussage, dass Afrikaner insgesamt eine positive Meinung von Russland haben. Die Wahrnehmungen sind unterschiedlich, und die Erinnerungen an die Sowjetunion lassen nicht zwangsläufig Rückschlüsse auf die Bewertung der heutigen russischen Politik zu. Dass jemand in einem Land studiert hat, bedeutet noch lange nicht, dass er auch dessen gesamte Politik unterstützt.
Während des Afrika-Festivals in Moskau wurden in einer Retrospektive Filme Ihres Vaters gezeigt. Welchen Gesamteindruck haben Sie von dem Festival gewonnen?
Mein Vater war in der Sowjetunion sehr bekannt und besuchte regelmäßig das Internationale Filmfestival Moskau. Ich hatte ihn selbst dorthin begleitet; diese Rückkehr hatte also auch eine persönliche Komponente. Nach dem Fall der Berliner Mauer und der Auflösung der Sowjetunion hatte ich den Eindruck, dass in Russland deutlich weniger über ihn gesprochen wurde. Das Festival bot die Gelegenheit, Kontakte wiederaufleben zu lassen und sein Werk erneut in den Blickpunkt zu rücken.
Meine eigene Beteiligung konzentrierte sich vor allem auf die Retrospektive: Ich besuchte mehrere Vorführungen und stellte seine Filme dem Publikum vor. Diese Anlässe ermöglichten es uns, über seinen Werdegang, sein gesellschaftliches Engagement und die anhaltende Relevanz der von ihm aufgeworfenen Fragen zu sprechen.
Mein Eindruck vom Festival ist jedoch zwiespältig. Ich habe mich gefreut, nach Moskau zurückzukehren, und danke den Organisatoren für die Einladung und ihre Gastfreundschaft. Ich begrüße ihr Engagement, dem Publikum das afrikanische Kino näherzubringen. Leider war die Zuschauerresonanz bei den Vorführungen, an denen ich teilnahm, eher gering, und einige organisatorische Schwierigkeiten beeinträchtigten den Besuch. Zudem konnte ich nicht alle Personen treffen, mit denen ich mich gerne ausgetauscht hätte – insbesondere Fachleute aus den Bereichen Filmerbe, Archivwesen und Literatur.
Insgesamt blieb daher ein gewisses Gefühl, dass noch mehr möglich gewesen wäre, auch wenn ich den Wert dieser Initiative durchaus anerkenne. Ich hoffe, dass die geknüpften Kontakte zu konkreten Kooperationen führen werden. Um das Werk meines Vaters lebendig zu halten, bedarf es eines kontinuierlichen Einsatzes – es muss vermittelt und erforscht werden, und der kulturelle Dialog muss gefördert werden, weit über die Dauer eines Festivals hinaus.
Waren offizielle Vertreter zu der Filmvorführung in Moskau eingeladen?
Soweit ich weiß, waren Vertreter der senegalesischen Kulturbehörden eingeladen. Sie kamen aber nicht. Für ihre Abwesenheit habe ich keine Erklärung.
Auf welchen internationalen Filmfestivals wurden die Filme Ihres Vaters zuletzt gezeigt? Gab es viele Besucher? Waren die Besucher ausschließlich Filmexperten oder auch junge Leute und Neugierige?
Die Filme meines Vaters werden regelmäßig weltweit gezeigt, und wir erhalten weiterhin Anfragen für Vorführungen. Ihre Verbreitung profitiert von Restaurierungs- und Vertriebsarbeiten, die je nach Film mit Partnern wie Janus Films, der Criterion Collection, The Film Foundation und der Cineteca di Bologna durchgeführt werden. Diese Arbeit ermöglicht es dem Publikum, seine Filme in sehr guten Sehbedingungen wiederzuentdecken.
Seine Filme werden auf Festivals, aber auch in Filmtheatern, Kulturzentren und Universitäten gezeigt. Jüngste Beispiele sind Cannes Classics und Il Cinema Ritrovato in Bologna, welche 2024 eine restaurierte Fassung von „Camp de Thiaroye“, gemeinsam mit Thierno Faty Sow, präsentierten. Im November 2025 organisierte die Universität Cambridge ebenfalls Vorführungen und ein Symposium über „Die Schwarze aus Dakar“ und das frühe afrikanische Kino.
In Deutschland fand 2024 im Filmmuseum München eine Retrospektive statt. „Die Schwarze aus Dakar“ wurde im selben Jahr auf dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg gezeigt, während „Emitaï“ 2026 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin ins Programm aufgenommen wurde.
Die Besucherzahlen variieren je nach Veranstaltungsort und Programm; manche Vorführungen sind ausverkauft. Das Publikum besteht aus Fachleuten und Filmbegeisterten, aber auch aus jungen Leuten, Studierenden und Menschen, die einfach neugierig auf seine Filme sind. Diese Vielfalt ist mir sehr wichtig. Ich möchte, dass sein Werk weiterhin Diskussionen anregt und neue Generationen von Zuschauern erreicht.
Rassismus und Kampf um Unabhängigkeit
Warum werden die Filme Ihres Vaters heute noch auf internationalen Filmfestivals gezeigt? Liegt das daran, dass viele afrikanische Staaten sich verstärkt bemühen, sich vom Einfluss westlicher Staaten zu lösen, oder daran, dass die Filme Ihres Vaters die Ursprünge und Mechanismen des Rassismus beleuchten? Rassismus und Unwissenheit über Afrika sind in westlichen Ländern ja nach wie vor ein Problem.
Ich denke, beide Faktoren tragen zum Interesse an seinen Filmen bei, erklären es aber nicht vollständig. Wenn die Werke meines Vaters weiterhin gezeigt werden, liegt das vor allem daran, dass sie eine künstlerische und menschliche Kraft besitzen, die Generationen überdauert. Seine Figuren, ihre Widersprüche, ihre Kämpfe und ihre Würde berühren Zuschauer aus ganz unterschiedlichen Kulturen. Seine Filme sprechen tiefgründig über die menschliche Natur. Sie erforschen die dunklen Seiten eines jeden von uns: Egoismus, Angst, Gier, den Wunsch nach Herrschaft oder die Leichtigkeit, mit der wir Ungerechtigkeit hinnehmen, wenn sie uns nützt. Aber sie zeigen auch Mut, Solidarität und die Fähigkeit zum Widerstand. Deshalb können sie auch in nicht-afrikanischen Kulturen und Kontexten fernab der Kolonialzeit gezeigt werden, ohne ihre volle Bedeutung zu verlieren. Ihre Wurzeln in der afrikanischen Geschichte verleihen ihnen eine Tiefe, die an universelle menschliche Erfahrungen anknüpft.
Debatten über die Souveränität afrikanischer Länder können seinem Kino sicherlich neue Resonanz verleihen. Ich würde jedoch davor warnen, einen direkten Zusammenhang zwischen aktuellen politischen Entwicklungen und Festivalprogrammen herzustellen. Sein Werk drückt ein Verlangen nach Emanzipation aus, das über geopolitische Gegebenheiten hinausgeht. Es hinterfragt auch, was afrikanische Gesellschaften mit ihrer Unabhängigkeit anfangen und wie Macht in ihnen ausgeübt wird.
Mein Vater prangerte die Kolonialherrschaft an, kritisierte aber auch afrikanische Eliten, Korruption und soziale Ungerechtigkeit. Der Film Xala beispielsweise stellt eine Bourgeoisie in Frage, die nach der Unabhängigkeit Herrschaftsverhältnisse reproduziert. In Moolaadé thematisiert er Gewalt gegen Frauen und ihre Fähigkeit zum Widerstand. Diese kritische Unabhängigkeit scheint wesentlich für das Verständnis seines Werks zu sein.
Was Rassismus betrifft, zeigt „Die Schwarze von Dakar“, wie Verachtung und Ausbeutung sich in alltäglichen Beziehungen, selbst in der Intimität eines Zuhauses, einbetten können. Der Film hilft uns zu verstehen, wie eine koloniale Mentalität das formale Ende des Kolonialismus überdauern kann. Meiner Ansicht nach stellt sein Kino auch die Unwissenheit über Afrika in Frage, indem es Menschen zeigt, die in komplexen Gesellschaften denken, handeln und ihre eigenen Geschichten erzählen.
Können die Filme Ihres Vaters heute in Kinos in allen afrikanischen Ländern gezeigt werden? Sind sie Teil des Schulunterrichts?
Seine Filme werden in Afrika verbreitet, aber ich kann nicht sagen, dass sie derzeit in Kinos in jedem Land verfügbar sind. Man muss zwischen der Möglichkeit, eine Vorführung zu organisieren, und den tatsächlich durchgeführten Aufführungen eines Films unterscheiden. Was die Schulcurricula betrifft, habe ich keinen Überblick über die einzelnen Länder. Wir müssen außerdem zwischen dem Studium seiner Romane, dem gelegentlichen Vorführen seiner Filme zu Bildungszwecken und ihrer formalen Aufnahme in den Lehrplan unterscheiden. Ich wünsche mir, dass sein Kino einem breiteren Publikum von Schülern und Studierenden zugänglich gemacht und diskutiert wird.
Gibt es in Afrika Länder, in denen die Filme Ihres Vaters verboten sind?
Soweit mir bekannt ist, gibt es in Afrika derzeit kein offizielles Verbot seiner Filme. Ich habe jedoch keinen vollständigen Überblick über alle Länder. Ein Verbot sollte nicht mit fehlendem Vertrieb verwechselt werden.
Der kollektive Widerstand gegen die Kolonialmacht Frankreich spielt in den Filmen Ihres Vaters eine wichtige Rolle. Ist die Erinnerung an den kollektiven Widerstand in Afrika heute noch im öffentlichen Bewusstsein präsent?
Ja, diese Erinnerung ist weiterhin präsent, auch wenn ihre Bedeutung je nach Land, Generation und Art der Geschichtsvermittlung variiert. Die Gedenkfeiern für Thiaroye im Senegal sind ein Beispiel dafür. In Südafrika sind Gedenkstätten für den Kampf gegen die Apartheid ebenfalls wichtige Bezugspunkte im öffentlichen Leben. Diese Geschichten erinnern uns daran, dass Menschen sich organisieren, Widerstand leisten und ihre Würde angesichts von Unterdrückung verteidigen konnten.
Wir müssen jedoch zwischen der Präsenz dieser Erinnerung in offiziellen Zeremonien und dem tatsächlichen Wissen der Menschen darüber unterscheiden. Das Gedenken an ein Ereignis bedeutet nicht zwangsläufig, dessen Ursachen, Beteiligte und Widersprüche zu verstehen. Für mich gewinnt diese Erinnerung erst dann ihre volle Bedeutung, wenn sie neuen Generationen hilft, über ihre eigene Situation und ihre Fähigkeit zum gemeinsamen Handeln nachzudenken. Dies ist ein wesentlicher Aspekt des Kinos meines Vaters.
Insbesondere in „Emitaï“ spielen Frauen eine zentrale Rolle im Widerstand gegen die Forderungen der Kolonialverwaltung. Was mir an dieser Darstellung wichtig ist, ist der Raum, der jenen gegeben wird, die die Geschichte oft im Schatten lässt. Kollektiver Widerstand erwächst auch aus alltäglichen Entscheidungen, Verweigerungen und Akten der Solidarität.
Ich glaube jedoch, dass wir wachsam gegenüber dem politischen Missbrauch dieser Erinnerung bleiben müssen. Die Würdigung des Widerstands der Vergangenheit entbindet uns nicht von der Auseinandersetzung mit den Ungerechtigkeiten der Gegenwart. Meiner Ansicht nach bedeutet die Treue zu diesen Kämpfen auch, Herrschaftsverhältnisse in unseren eigenen Gesellschaften zu hinterfragen. Der Ruf nach Würde und sozialer Gerechtigkeit endet nicht mit dem Abzug der Kolonisatoren. Deshalb ist die Weitergabe dieser Geschichte von grundlegender Bedeutung. Es geht darum, Archive zugänglich zu machen, Forschung zu ermöglichen, die Filme zu zeigen und Diskussionen darüber zu organisieren. Eine lebendige Erinnerung muss offen sein für Studium, Diskussion und Hinterfragung. Sie kann dann ein kollektives Bewusstsein fördern, das über den Stolz auf die Vergangenheit hinausgeht und den Menschen Zuversicht in die Möglichkeit gibt, eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.
Individualismus, Gemeinschaft, Klassenkampf
In westlichen Gesellschaften lässt sich eine zunehmende Isolation der Menschen und ein Individualismus-Kult beobachten. Gibt es ähnliche Entwicklungen in Afrika?
Ja, auch Afrika ist von diesen Phänomenen betroffen. Ich würde jedoch vor einem allzu simplen Gegensatz zwischen einem individualistischen Westen und einem von Solidarität geprägten Afrika warnen. Afrikanische Gesellschaften sind sehr vielfältig, und die Lebensumstände variieren je nach Land, Generation und sozialem Hintergrund. Einsamkeit betrifft jede Region der Welt; auch Afrika ist davor nicht gefeit.
Wir müssen auch die Denkweise meines Vaters verstehen. Schon in seinen frühen literarischen Werken und später in seinen ersten Filmen lehnte er eine idealisierte Sicht auf Afrika und seine verschiedenen Kulturen ab. Er betrachtete afrikanische Gesellschaften kritisch und ohne Selbstgefälligkeit. Er kritisierte die Négritude, insbesondere Senghors Interpretation, scharf: Er lehnte die Vorstellung ab, dass das Verherrlichen einer gemeinsamen Identität soziale Ungleichheiten, Herrschaftsverhältnisse und die Lebensrealität der Menschen überdecken kann.
Für ihn teilten Afrikaner und Menschen anderer Kontinente dieselbe Menschlichkeit. Sie besaßen dieselbe Würde, aber auch ihre Stärken, Schwächen und Widersprüche. Afrikanisch zu sein, machte niemanden von Natur aus hilfsbereiter, großzügiger oder gerechter. Die Hautfarbe garantierte weder gemeinsame Interessen noch echte Solidarität.
Der Klassenkampf nahm in seinem Denken einen zentralen Platz ein. Er beschäftigte sich mit den Lebensbedingungen, der Ausbeutung und den Möglichkeiten der Emanzipation. Ein afrikanischer Anführer oder Arbeitgeber konnte einen afrikanischen Arbeiter unterdrücken, während Arbeiter verschiedener Kontinente gemeinsame Interessen und Kämpfe führen konnten. Seine Weltanschauung war zutiefst internationalistisch.
In diesem Sinne möchte ich Ihre Frage beantworten: Wir sollten die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen untersuchen, die Menschen dazu bewegen, sich zurückzuziehen oder im Gegenteil Solidarität zu zeigen, anstatt solches Verhalten einer vermeintlichen afrikanischen oder westlichen Natur zuzuschreiben.
In einem Interview erklärten Sie, dass die Menschen im Senegal intellektuell zu stark auf Europa oder Saudi-Arabien ausgerichtet seien und es ihnen an einer senegalesischen Identität mangele. Woran liegt das? An der Macht westlicher Propaganda in den Medien und der Filmindustrie?
Zunächst möchte ich klarstellen, dass ich nicht glaube, dass es den Senegalesen an Identität mangelt. Es geht vielmehr um unsere Unabhängigkeit im Denken und die Bedeutung, die wir externen Bezugspunkten beimessen.
Mein Vater war der Ansicht, dass das Problem im Senegal allzu oft darin bestand, dass die Menschen die Antworten auf ihre Schwierigkeiten im Außen suchten, entweder im Westen oder im Osten. Er wandte sich gegen diese Tendenz, anderswo nach Vorbildern, Orientierung und sogar nach Anerkennung des eigenen Wertes zu suchen. Für ihn mussten wir zuerst in uns selbst Antworten finden, indem wir auf unsere eigene Realität, unsere Geschichte und unsere Denk- und Handlungsfähigkeit zurückgriffen. Das bedeutete nicht, den Austausch mit anderen Kulturen abzulehnen. Es bedeutete, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, während wir uns unserer selbst bewusst waren, unser Urteilsvermögen walten ließen und die Kontrolle über unsere Entscheidungen behielten.
Ich würde ihn so beschreiben: Mein Vater war keine Sonnenblume, die sich nach der Sonne ausstreckt, um ihr Licht zu empfangen. Er war sein eigener Mittelpunkt. Diese innere Unabhängigkeit ermöglichte es ihm, selbst in der dunkelsten Nacht zu leuchten. Ich würde dieses Thema daher nicht allein auf den Einfluss westlicher Medien oder der Filmindustrie reduzieren. Wir müssen uns fragen, warum uns äußere Bezugspunkte manchmal legitimer erscheinen als unsere eigene Erfahrung. Für meinen Vater bedeutete Emanzipation auch, Vertrauen in unsere Fähigkeit zu haben, die Welt zu verstehen und einen Platz in ihr einzunehmen.
Welche Themen werden heute überwiegend in afrikanischen Filmen behandelt? Gibt es politische Filme, die beliebt sind? Können Sie einige dieser Filme beschreiben, die heute in Afrika gefragt sind?
Von afrikanischen Kinos würde ich im Plural sprechen, da sich sowohl die Filmproduktion als auch das Publikum von Land zu Land stark unterscheiden. Zu den wiederkehrenden Themen gehören familiäre Beziehungen, Liebe, sozialer Erfolg, die Stellung der Frau, die Wünsche junger Menschen und Spannungen zwischen den Generationen.
Auch Korruption, Ungerechtigkeit, Migration und Erinnerung spielen eine wichtige Rolle. Diese Themen können in Dramen, aber auch in Komödien oder Actionfilmen behandelt werden.
Ja, Filme mit politischer Dimension können ein breites Publikum erreichen. Allerdings müssen wir zwischen Erfolg in einem Land, einem großen Publikum auf einer Streaming-Plattform und Anerkennung auf Festivals unterscheiden. Das sind verschiedene Formen der Sichtbarkeit.
Im Senegal ist „Une si longue lettre“ unter der Regie von Angèle Diabang, das 2025 in die Kinos kam und nach dem Roman von Mariama Bâ adaptiert wurde, ein interessantes Beispiel. Es erzählt die Geschichte einer Frau, deren Leben auf den Kopf gestellt wird, als ihr Mann sich eine zweite Frau nimmt. Es thematisiert Polygamie, Solidarität unter Frauen und die Autonomie der Frauen.
Einem AFP-Bericht zufolge erreichte der Film im Juli und August 2025 im Pathé-Kino in Dakar den ersten Platz an den Kinokassen, noch vor mehreren großen amerikanischen Produktionen. Auch in anderen westafrikanischen Ländern stieß er auf begeistertes Publikum. Es ist ein Publikumserfolg mit klarer gesellschaftlicher Bedeutung.
In Nigeria zeigt „The Black Book“, bei dem Editi Effiong Regie führte und der 2023 in die Kinos kam, wie ein Thriller politische Kritik vermitteln kann. Ein Vater kämpft angesichts einer korrupten Polizei dafür, den Namen seines fälschlicherweise beschuldigten Sohnes reinzuwaschen. Hinter der Handlung thematisiert der Film Straflosigkeit und den Zugang zur Justiz. Bei seiner Veröffentlichung erreichte er unter anderem in Nigeria und Kenia Platz eins unter den Netflix-Filmen und er erreichte ein Publikum außerhalb der Festivalszene.
Ich möchte auch „Katanga, la danse des scorpions“ des burkinischen Regisseurs Dani Kouyaté erwähnen, der 2025 auf der FESPACO[2] den Étalon de Yennenga gewann. Inspiriert von Shakespeares Macbeth überträgt dieser Schwarz-Weiß-Film in der Sprache der Mooré die Tragödie in ein imaginäres afrikanisches Königreich. Es zeigt, wie Ehrgeiz und der Wunsch, die Macht zu behalten, einen Mann zu Gewalt und Tyrannei führen. Es ist ein zutiefst politisches Werk, das die Mechanismen der Herrschaft und die dunklere Seite der menschlichen Natur untersucht. Seine Anerkennung auf der FESPACO ist wichtig, obwohl eine Auszeichnung allein nicht die Reichweite des Publikums messen kann. Es erhielt außerdem den Sembène-Ousmane-Preis der Ecobank Foundation.
Die Darstellung einer Frau, einer Familie oder eines Bürgers, der Ungerechtigkeit ausgesetzt ist, kann zutiefst politisch sein. Solche Geschichten können Zuschauer aus sehr unterschiedlichen Kulturen bewegen, weil sie von menschlichen Widersprüchen erzählen, die jeder erkennen kann.

Alain Sembène mit seinem Vater Ousmane Sembène, dem berühmten afrikanischen Schriftsteller und Filmemacher, im Jahr 1977 in Moskau (Foto Sembène)
Anmerkungen
[1] „Die Kinder Gottes”, BEN’IMANA – Festival de Cannes
[2] Das FESPACO ist das größte panafrikanische Filmfestival. Es findet statt in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso.
veröffentlicht in: Globalbridge














