25. August 2013

Das russische Theater probt den Widerstand

Moskau Die Bühnen in der Hauptstadt waren immer konventionell. Aber nun greifen sie Themen der Protestbewegung auf. Und die Mittel- und Oberschicht klatscht Beifall

Ausgerechnet auf der Bühne des berühmtesten Moskauer Theaters – dem Tschechow-Kunsttheater (MChAT) – läuft seit Februar bei vollem Haus ein Stück, welches das Leben der russischen Elite ganz ungeschminkt zeigt. Das Schauspiel – Ein idealer Gatte, frei nach Oscar Wilde – ist in diesem Jahr das meistdiskutierte Theaterereignis der Stadt. Kein Wunder, geht es in dem Stück doch um Themen, die das russische Theater bisher gemieden hat: die Liebe zwischen Männern, Korruption in höchsten Machtetagen, Pädophilie. Und als wäre das nicht genug, tritt auch noch ein teuflischer Priester auf.

 

Das wilde Treiben auf der Bühne ist mit patriotischen Liedern garniert. Die Lieder klingen falsch und hohl, aber das Publikum lacht und klatscht. Die viereinhalbstündige Inszenierung vergeht wie im Fluge. Das Stück ist ein Publikumserfolg. Weil Regisseur Konstantin Bogomolow die interessierte Öffentlichkeit über ein soziales Netzwerk an der Entstehung des Stückes beteiligt hat, wurden die Theaterkassen schon lange vor der Premiere gestürmt.

Liebe zwischen Männern

Der 37-jährige Moskauer Bogomolow hat den Klassiker von Oscar Wilde mit Zitaten aus Goethes Faust, Tschechows Drei Schwestern und Shakespeares Romeo und Julia angereichert. Über Videowände wird das Publikum informiert, was gerade Sache ist. „Schnee“, so liest man da in Laufschrift, ist Kokain.

Hauptpersonen im Idealen Gatten sind Robert Ternow, der Minister für Gummiwaren (Aleksej Krawtschenko), und dessen Geliebter, der Schlagersänger Lord, der früher einmal Auftragskiller war. Lord, der im Kreml auf pompösen Firmenfeiern auftritt, wird hervorragend von einem „Reimport“-Schauspieler dargestellt: Igor Mirkurbanow stammt aus Nowosibirsk, gehörte aber von 1992 bis 2006 zum Ensemble des Gesher Theaters in Tel Aviv.

Die Liebe zwischen den beiden Männern wird auf der Bühne in einer Form gezeigt, wie sie für das gebildete russische Publikum, das Homosexualität mehrheitlich ablehnt, gerade noch tragbar ist. Auch mit dem im Juni in Kraft getretenen Gesetz, das positive Äußerungen über Homosexualität landesweit unter Strafe stellt, kam das Schauspiel bisher nicht in Konflikt. Bogomolow zeigt zwar eine Männerbeziehung, allerdings ohne Küsse und innige Umarmungen. Ein idealer Gatte bewegt sich in einem Rahmen, der es homophoben Hetzern schwer macht, das Stück als Werbung für Homosexualität zu brandmarken und so seine Absetzung zu erzwingen.

Und doch erlebt man eindrücklich, welchen Belastungen die Männerliebe ausgesetzt ist. Eine ehemalige Geliebte von Lord, die kühle Missia Tschiwli, will diesen heiraten. Und Missia Tschiwli hat noch ein zweites Ziel. Mit einem Video, das etwas aus dem Sexleben von Lord und Robert zeigt, will sie den Minister für Gummiwaren erpressen, um an einen staatlichen Großauftrag zu kommen.

Gertruda, die Frau des Ministers, ist Gummi-Unternehmerin und schon gut mit staatlichen Aufträgen versorgt. Sie liebt vor allem „Bablo“ – leicht verdientes Geld – und beschäftigt viele „kleine usbekische Sklaven“, wie sie stolz erzählt. Wenn Gertruda ein lukratives Geschäft gemacht hat, dann verfällt sie in orgastische Zuckungen.

Jahrzehnte war das russische Theater ein Ort, wo die Theatertradition des 19. Jahrhunderts gepflegt, dem Guten und Schönen gehuldigt wurde. Nun will das Publikum plötzlich etwas über die aktuellen Probleme der Gesellschaft wissen. „Das Theater kehrt zu seiner normalen Karnevalfunktion zurück und wird ein Territorium der Freiheit“, erklärte Regisseur Bogomolow im Kreml-kritischen Internetfernsehen Doschd. Die Bühnen müssten das thematisieren, „was auf der Straße passiert“, so formuliert er den Anspruch der jungen Regisseure.

Dass im Parkett des MChAT viele Angehörige der gutverdienenden Mittel- und Oberschicht sitzen, für die 175 Euro für ein Ticket nicht der Rede wert sind, mag erstaunen. Doch es ist in Moskau modern geworden, sich das provokative Stück anzugucken. Für so manchen Zuschauer scheint es ein besonderer Kitzel zu sein, sich einmal im Spiegel zu sehen. Es ist ja nur ein Aufstand auf der Bühne und nicht in der Realität. Und wem es zu viel der Provokation ist, kann seinen Unmut am Büfett mit teurem Whisky herunterspülen.

Auch andere bekannte Bühnen, wie das Theater Majakowski, bearbeiten Klassiker so, dass ein Bezug zu aktuellen Problemen deutlich wird. Im April lief in dem nach dem berühmten Revolutionsdichter benannten Haus die Premiere von Henrik Ibsens Der Volksfeind in der Bearbeitung von Sascha Denisowa. Das Stück handelt von einem Arzt, der versucht, die Bevölkerung gegen ein Mineralwasser-Unternehmen zu mobilisieren. Das Unternehmen verspricht, die Produktion des Heilwässerchens werde einen massiven Touristenzustrom zu Folge haben, gewinnt sein „kostbares Wasser“ aber aus einer verseuchten Quelle. Im Volksfeind geht es um Gewissensfragen. Soll man mit Lügen Geld verdienen? Ist es normal, wenn Bürgermeister und Journalisten sich bestechen lassen?

„Die Welle der Bürgeraktivität ist endlich auch bei den Theatern angekommen“, stellt die Kreml-nahe Tageszeitung Iswestija nicht ohne Sympathie fest. Die Protestbewegung gegen Beamtenkorruption und Wahlfälschung war es also, die 2012 zu einer Reformwelle an Moskauer Theatern führte. Die Moskauer Kulturbehörde habe diese neue Welle nicht nur unterstützt, sondern sei sogar „der Anstifter“ gewesen, behauptet das regierungstreue Blatt. Junge Regisseure, von denen viele im westlichen Ausland gearbeitet hatten, bekamen die Möglichkeit kritische Stücke zu inszenieren. Mehrere Nachwuchsregisseure wurden gar zu künstlerischen Leitern von Theatern ernannt, wie Kirill Serebrennikow, der im August 2012 Leiter des Gogol-Theaters wurde. Nach einem Umbau wurde die alteingesessene Bühne in Gogol-Zentrum umbenannt und beherbergt nun unter einem Dach mehrere Theaterkollektive.

Besonders im Gogol-Theater stießen die Modernisten jedoch auf Widerstand. Die Schauspieler warfen ihrem neuen Chef vor, er wolle aus dem Theater ein „Freizeitzentrum“ machen. Das sei Verrat am klassischen russischen Theater. Auch gibt es Ängste, dass die Schauspieler in Zukunft sozial nicht mehr so abgesichert sein werden wie bisher.

Das Unglaubliche schaffen

Serebrennikow ließ sich von den Kritiken nicht beirren und schaffte das Unglaubliche. Innerhalb einer Saison brachte er sieben neue Stücke auf die Bühne. Dies gelang auch deshalb, weil der neue Chef junge Schauspieler von seiner Experimentalbühne Platforma mitbrachte.

 

„Wie alle Reformen“ in Russland habe auch die Reform der Moskauer Theaterwelt zu einer „Spaltung und offenen Konfrontation zwischen ,Westlern‘ und ,Traditionalisten‘“ geführt, schreibt die Iswestija. Die Traditionalisten hätten den Tod des Repertoiretheaters beschworen. Doch der Tod sei nicht eingetreten. Tatsächlich gibt es heute in Moskau einerseits Bühnen mit eher modernem und andererseits mit eher klassischem Repertoire. Diese Mischung spiegelt auch den Zustand in der russischen Machtelite wieder, wo sich die Kräfte um den patriarchalischen Putin auf der einen und um den wirtschaftsliberalen Medwedew auf der anderen Seite in etwa die Waage halten.

In den russischen Machtetagen hofft man vermutlich, dass die Reformwelle an den Theatern rebellische Energie von den Straßen ablenkt und eine Scheinfreiheit vorgaukelt. Wie dem auch sei. Für die Protestbewegung bedeuten die neuen Spielräume an den Theatern eine Ausweitung des Betätigungsfelds.

Beim Ringen zwischen Modernisten und Traditionalisten knirscht es manchmal gewaltig. Insbesondere Kirill Serebrennikow am Gogol-Zentrum hat in den vergangenen Monaten einiges durchgemacht. Der 43-Jährige, der öffentlich die Inhaftierung der Pussy-Riot-Frauen kritisierte und sich mit homosexuellen Jugendlichen solidarisierte, wurde zur Zielscheibe der Traditionalisten. Ihm wurde vorgeworfen, er habe sich der Pädophilie schuldig gemacht, indem er Kinder in einem Schauspiel einsetzte. Serebrennikow musste diesbezüglich Fragen der Staatsanwaltschaft beantworten.

Doch das ist noch nicht alles. Eine Schauspielerin schwärzte Serebrennikow bei den Sicherheitsorganen an. Angeblich werde in seinem Stück Otmoroski zur Revolution aufgerufen. Das Schauspiel basiert auf dem Roman Sankya des Skandalschriftstellers Sachar Prilepin und handelt von radikalem Jugendprotest in Russland. Aufgrund der Beschwerde wurde das Stück von der Polizei geprüft, aber nicht abgesetzt.

Von der Reformwelle an den Moskauer Theatern profitiert auch Bertolt Brecht. Gleich vier Brecht-Stücke laufen auf Moskauer Bühnen, Furcht und Elend des dritten Reichs (Theater Tabakow), Herr Puntila und sein Knecht Matti (Majakowski-Theater), Der gute Mensch von Sezuan (Puschkin-Theater) und die Dreigroschenoper am MChAT. Dass Brecht wieder im Kommen ist, passt in eine Zeit, in der Kritik an der Macht gefragt ist.

Ob die neue Welle an den Moskauer Theatern von Bestand ist oder wieder versiegt, ist noch nicht ausgemacht. Immerhin aber ist es den Reformern gelungen, in eine Bastion der Traditionalisten einzubrechen. Das macht Hoffnung.

veröffentlicht in: der Freitag

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