13. Januar 2003

Alltag in Grosny

Von „Normalisierung“ keine Spur
NDR Info / Das Forum / 13.01.2003
Feature von Ulrich Heyden

Atmo

Tschetschenisches Freiheitslied (Russisch, 1´10´´, gros-1.mp3) unter den Text blenden
Übersetzer :

Es gibt neues Unglück, es wird wieder gekämpft. Es kamen Truppen, es wird Tod und Blut geben. Väter und Mütter werden wieder weinen. Aber wir erlauben nicht, dass sie unsere Erde betreten, die uns ernährt. Selbst wenn die ganze Welt gegen uns kämpfen sollte, wir kämpfen bis zum Sieg.//
Atmo
Fahrgeräusch durch Schlaglöcher (24´´, gros-2.mp3)
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Sprecher:

Während der Fahrt nach Grosny klingt ein tschetschenisches Freiheitslied aus dem Recorder. Als wir uns einem russischen Militärposten am Stadtrand nähern, stellt unser Fahrer den Recorder aus.
An den sogenannten Blockposten – mit Betonplatten und Sandsäcken geschützten Kontrollposten – beginnen die Soldaten Autos zu kontrollieren. Wer ohne große Scherereien weiterfahren will, legt zwei grüne Zehn-Rubel-Scheine, das sind etwa 60 Cent, in den Pass.
Im Jahre 2000, nach der Vertreibung der Rebellen durch russische Truppen wirkte die Stadt wie ausgestorben. Nun belebt sich Grosny langsam wieder. Es kommen Menschen zurück, weil die russische Migrationsbehörde den Flüchtlingen in den Lagern die Lebensmittel kürzt und die Zelte abbaut. Vermutlich hat die Stadt inzwischen einige Zehntausend Einwohner. 1989 waren es noch eine halbe Million Menschen. Über die Hälfte der Bewohner waren Russen.
Das Zentrum von Grosny, der ehemalige Lenin-Platz ist eine große Sandwüste. Früher standen hier, umgeben von Blumenrabatten und gefließten Wegen der Präsidentenpalast und Regierungsgebäude. Heute hat man auf der von Ruinen umsäumten Fläche einen Omnibusbahnhof eingerichtet. Nicht weit davon befindet sich der zentrale Markt.
Atmo Marktgeräusch (27´´, gros-3.mp3)
Sprecher:
Dort wird alles verkauft, Gemüse, Waschmittel, Baumaterial. Es gibt große Paletten mit russischem Bier und Wodka. Offenbar gibt es auch unter den Tschetschenen genug Liebhaber dieser Getränke. Wenn man lange genug sucht, findet man auch Männer, die Minen und Waffen aus dem Bestand der russischen Armee verkaufen.
Nach der Eroberung Grosnys durch russische Truppen im Winter 2000 hat sich das Gesicht der Stadt kaum verändert. Ruinen und Trümmer, wohin das Auge blickt. Nur an einigen Stellen sieht man neue Verwaltungsgebäude der russischen Öl- und Elektrizitätsgesellschaft. Die Leiterin eines Flüchtlingszentrums im Bezirk Stáropromyslówskij – wir nennen sie Sulechán,
– ihren Namen will sie aus Angst vor Repressionen nicht nennen - beschreibt die Lage wenig diplomatisch.
O-Ton (Russisch, 25´´, gros-4.mp3)Übersetzerin 1:
„Das, was Russland im ersten Krieg nicht zerstört hat, wurde in diesem Krieg zerstört. Man hat das Gefühl, dass sie gegen jedes friedliche Haus gekämpft haben. (...) So als ob in jedem Haus eine Gruppe von Kämpfern saß. (...) Die gesamte Infrastruktur wurde planmäßig zerstört. (...) Man tat alles damit von Tschetschenien nicht mehr als ein Wort in der Luft übrig bleibt.“
Sprecher:
Zahlreiche illegale Miniraffinerien produzieren Benzin, welches dann am Straßenrand verkauft wird. Doch die brennenden Öl-Bohrlöcher, die nachts den Himmel rund um die Stadt rot färbten und Felder und Vieh schwärzten, hat man gelöscht. Ein paar neue Öltanks wurden installiert. Doch das Öl-Geschäft ist immer noch kriminalisiert. Nachts rollen die Tankwagen aus der Kaukasus-Republik, das Schmiergeld fließt reichlich. Russische Sicherheitskräfte – auch höherer Ränge – verdienen gut.
Atmo Fegen (28´´, gros-5.mp3, unter den Text blenden)
Sprecher:
Tschetscheninnen in orangenen Westen fegen mit großen Reisigbesen die Straßen. Um sie herum Trümmer und eingestürzte Häuser. Langsam etablieren sich in den Ruinen erste kleine Geschäfte, Kopier- und Friseurläden. Immer wieder kippt in der Stadt plötzlich Jemand auf der Straße um. Diagnose: Herz­oder Gehirnschlag. Das sind die Langzeitfolgen von jahrelangem Kriegs-Stress, meinen die Ärzte.
Im Nordwesten von Grosny gibt es einen Stadtbezirk, der wenig zerstört ist, der Stáropromyslówskij Rayon. Dort besuchen wir ein sogenanntes PWR, ein Zentrum für die zeitweise Unterbringung von Flüchtlingen. In dem dreistöckigen Haus leben 320 Menschen, zu sechst in einem Zimmer. Eine Frau erzählt.
O-Ton
(Russisch, 11´´, gros-6.mp3)
Übersetzerin 2:
„In diesem Zimmer waschen wir Wäsche, waschen uns, essen und schlafen wir, fünf bis zehn Personen in einem Raum.“
Sprecher:
Die Bewohner des Flüchtlingsheims kommen aus einem Flüchtlingslager im Norden Tschetscheniens. Die russische Migrationsbehörde hat es mit der Begründung geräumt, in Grosny könne man jetzt wieder leben. Doch Sulechán, die Leiterin des Heimes, ist anderer Meinung.
O-Ton (Russisch, 15´´, gros-7.mp3)
Übersetzerin 1:
„In Grosny leben heute 85 Prozent der Bevölkerung ohne Licht, Wasser und Toilette, in Kellern und Ruinen. Der Großteil der Intelligenz hat die Stadt verlassen.“
Sprecher:
Sulechán spricht mit Bestimmtheit und in der nötigen Lautstärke, um sich in der aufgeregten Schar der Flüchtlingsfrauen Gehör zu verschaffen.
O-Ton (Russisch, 37´´, gros-8.mp3)
Übersetzerin 1:
„All diese Leute hat man getäuscht, damit sie das Flüchtlingslager verlassen und nach Grosny fahren. In drei Monaten – so hat man versprochen – sollten sie eine Entschädigung, Wohnungen, Arbeitsplätze und Hilfe für die Kinder bekommen. Das war ein großer Bluff. Außer den 15 Rubeln welche die Migrationsbehörde täglich pro Kopf zahlt und der Hilfe vom Roten Kreuz bekommen diese Menschen nichts.“
Sprecher:
Die Bewohner des Flüchtlingszentrums bekommen Mehl. Einen Teil davon tauschen sie auf den Märkten der Stadt gegen Kartoffeln, Mohrrüben und Zwiebeln ein.
Man habe den zurückgekehrten Flüchtlingen Sicherheit versprochen, doch man lebe in ständiger Angst, meint die Buchhalterin. So kamen in der Nacht vom 30. August auf den 1. September maskierte Männer. Sie wollten angeblich die Dokumente der Hausbewohner überprüfen.
O-Ton (Russisch, 9´´, gros-9.mp3)
Übersetzerin 1:
„Hier waren bewaffnete Leute. Sie forderten das Haus zu öffnen. Sie haben das Haus beschossen. Dann haben sie sich auf die Wiese gesetzt und Bier getrunken. Sie hatten Uniformen an.“
Sprecher:
Während Sulechán erzählt, nicken die Frauen um sie herum zustimmend, fügen selbst noch etwas dazu. Ob die tschetschenische Verwaltung denn nicht helfe?
O-Ton (Russisch, 7´´, gros-10.mp3)
Übersetzerin 1:
„Das sind Neureiche, Neureiche, Gauner und korrupte Leute vom ersten bis zum Letzten.“
Sprecher:
Sulechán rechnet vor. Die Renovierung des dreistöckigen Flüchtlingszentrums habe angeblich umgerechnet 400.000 Euro gekostet. Die Renovierung eines einzigen Zimmers soll 5.000 Euro gekostet haben. Diese Preise seien völlig überhöht. Für 2.000 Euro könne man in Grosny schon ein Haus mit fünf Zimmern kaufen. Der Auftraggeber der Widerinstandsetzung, die russische Migrationsbehörde, und die tschetschenischen Baufirmen, Stroítelnij Montáschnij Uprawlénije Nr. 8 und Nr. 13, hätten sich schamlos bereichert. Der ständige Ausnahmezustand mache solche Geldgeschäfte möglich. In Russland und in Tschetschenien gäbe es einen Kreis von Leuten, die deshalb äußerst interessiert seien, dass der Krieg weitergehe.
Auch die Volkzählung, welche in Tschetschenien im Rekordtempo von zwei Tagen durchgezogen wurde, nutzten die von Moskau eingesetzten Verwalter Tschetscheniens, um mehr Geld aus Moskau zu bekommen, meint Sulechán.
O-Ton (Russisch, 25´´, gros-11-.mp3)
Übersetzerin 1:
„Ich hatte einen großen Streit mit dem stellvertretenden Leiter der Verwaltung, der ins Flüchtlingsheim kam und Namenslisten forderte. Ich habe gesagt, ich habe kein Recht, ihnen die Listen zu geben. Ich habe gesagt, gehen sie in die Zimmer und zählen sie die Lebenden. (...) Sie waren aber in keinem der Zimmer. Sie schrieben einfach die Daten aus der zentralen Liste ab. Die Flüchtlinge werden dann an ihrem alten Wohnort (..) noch mal gezählt. So hat man unendlich viele tote Seelen gezählt.“
Sprecher:
Nach Beendigung der Volkszählung verkündete der von Moskau eingesetzte Ministerpräsident der Kaukasusrepublik, Tschetschenien habe 1,08 Millionen Einwohner. Es ist allerdings kaum glaubhaft, dass sich die Bevölkerung Tschetscheniens nach zwei Kriegen und dem Wegzug von Russen und Ukrainern derart vermehrt hat. Bei der letzten Volkszählung im Jahre 1989 wurden in Tschetschenien 1,1 Millionen Einwohner gezählt. Ein Drittel der Einwohner waren damals Russen, Ukrainer, Ingúschen und Armenier, zwei Drittel Tschetschenen. Nach Berechnungen von Menschenrechtsorganisationen forderten die beiden Tschetschenienkriege 200.000 Menschenleben. Buchhalterin Sulechán vermutet, die wundersame Vermehrung ihres Volkes, sei ganz im Interesse der Verwaltung in Grosny. Mit ein paar Hunderttausend toten Seelen könne man in Moskau mehr Geld herausschlagen.
Die tschetschenische Menschenrechtlerin Lepchán Wasájewa, sieht Anzeichen für einen Völkermord am tschetschenischen Volk.
O-Ton (Russisch, 25´´, gros-12.mp3)
Übersetzerin 2:
„Wenn tschetschenische Männer erschossen und gefoltert werden, sagen die Militärs ihnen direkt ins Gesicht, wir werden es so machen, dass du nie wieder Kinder bekommst, selbst wenn du am Leben bleibst. Eure Frauen werden dann für uns russische Kinder gebären.“
Sprecher:
Immer wieder komme es auch vor, dass russische Militärs Zivilisten verhaften, foltern, töten und dann der Öffentlichkeit als Rebellen präsentieren. Wasájewa berichtet von einem Mann, den man verhaftete und in das Dorf Tangitschó brachte, wo man ihm eine Uniform anzog, ihn in ein Erdloch steckte und ihm den Namen eines gesuchten Mannes aus dem Beraterkreis von Rebellenführer Chattáb gab. Zum Glück – so Wasájewa – sahen die Verwandten des Verhafteten einen Fernsehbericht über den Fall. Sie kauften ihren Angehörigen frei. Als Frau Wasájewa russische Militärs im Beisein von Lord Judd, dem Beauftragten der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, mit dem Fall konfrontierte, erklärten die Militärs, es handele sich um „Exzesse ausführender Stellen“.
O-Ton (Russisch, 12´´, gros-13.mp3) Übersetzerin 2:
„Für diese Erschießungen übernimmt in der russischen Armee niemand die Verantwortung. Wir kämpfen auf diesem Gebiet bisher ohne Erfolg.“
Sprecher:
Im Stáropromyslówskij Rayon im Nordwesten Grosnys besuchen wir die Schule Nr. 37. Davor spielen Kinder, die Jungens in weißen Hemden, die Mädchen in weißen Schürzen. Von solcher Traditionspflege können Sowjet-Nostalgiker in Moskau nur träumen. In der Russischen Föderation ist die Schuluniform längst abgeschafft. Das sich ausgerechnet in Tschetschenien solche Sitten halten, spricht nicht für Moskaus Behauptung, Tschetschenien sei vom islamischen Fundamentalismus verseucht.
Atmo (Russisch/Tschetschenisch, 19´´, gros-14.mp3)
Kinder-Gedicht (unter den Text blenden)
Sprecher:
Die Schule ist frisch renoviert. Gleich im Eingang hängen UNICEF-Plakate, die über die Gefahr von Minen und anderen Sprengsätzen aufklären. Dies tut dringend Not, denn täglich laufen Kinder beim Viehtreiben und Spielen auf Minen. Später treffen wir Experten der nichtstaatlichen Organisation „Gólos Gor“. In den Schulen klären sie die Kinder über die Minen-Gefahr auf. Die Russen, so erzählt man uns, hätten über Tschetschenien hunderttausende Minen und andere Sprengsätze abgeworfen. 10.000 Tschetschenen seien dadurch verletzt, 1.600 namentlich in einer Datenbank erfasst. Karten über Minenfelder wollen die Russen nicht herausgeben. Die Informationen könnten ja in die Hände der Rebellen gelangen. Manche Minen - ihre Herkunft ist umstritten ­sind mit Puppen und Kugelschreibern getarnt. Offensichtlich sollen sie Kinder anlocken. Drei Kinder der Schule seien in den letzten zwei Jahren durch Minen getötet worden. Diese teuflischen Sprengsätze würden von bestochenen Drogenabhängigen gelegt, Feinden Russlands und Tschetscheniens, meint Aína Ismáilowa, die Direktorin der Schule Nr. 37 – eine schlanke Tschetschenin mit blond gefärbtem Haar. Sie residiert in einem hellen Zimmer mit rosa Tapete und einem Strauß künstlicher Rosen.
O-Ton (Russisch, 29´´, gros-15.mp3) Übersetzerin 1:
„Zwei von unseren Schülern, zwei Jungen, Zwillinge mit ausgezeichneten Leistungen, kamen aus der Musikschule. Einer lief auf eine Mine. Einer verlor ein Auge und ein Bein. Jetzt geht er an Krücken mit einer Prothese.“
Sprecher:
Wer ein Interesse an der Vernichtung tschetschenischer Kinder hat, kann sich die Schulleiterin nicht erklären. Wie die Lehrerinnen reagieren, wenn der Bruder oder der Vater eines Kindes bei einer „Säuberungsaktion“ verschwindet, wollen wir wissen. Die Direktorin tut so, als ob sie die Frage überhört hat. Sie habe Angst frei zu sprechen, meinen unsere tschetschenischen Begleiter später. Der Bruder der Direktorin habe in einem Lager gesessen. Die Verwandten hätten ihn für mehrere Tausend Dollar freigekauft.
Von den 430 Schülern sind sechs Voll- und 80 Halbwaisen. Die Lehrerin lobt die Zusammenarbeit mit dem russischen Bildungsministerium. Es gebe ausreichend russische Lehrbücher und auch ein Buch für die tschetschenische Sprache. Viel Hilfe kommt allerdings auch von ausländischen Organisationen. Eine dänische Hilfsorganisation versorgt die Schulküche mit Buchweizen und Brötchen. Eine polnische Organisation hat in den Klassenzimmern Blechöfen installiert.
Die Schulpsychologin, eine ältere, kleine Tschetschenin mit grauem Kopftuch und silbernem Haar erzählt:
O-Ton (Russisch, 1´11´´, gros-16.mp3)
Übersetzerin 2:
„Wenn man den Kindern ein Thema gibt, dann malen sie etwas Schönes. Wenn man kein Thema gibt, dann malen sie Krieg. Flugzeuge. (...) Auf diesem Bild sehen sie Jemanden, der ein Haus ansteckt. Wahrscheinlich soll das ein Russe sein, weil sein Haus von einem Russen angesteckt wurde. (...) Unsere Schulanfänger denken, das alle Russen Soldaten und deshalb unsere Feinde sind. Als die Kinder auf Erholungsurlaub außerhalb Tschetscheniens waren, haben sie gesehen, dass es auch gute Russen gibt.“
Sprecher:
Nicht weit von der Schule wohnt die Familie Dudájew. Im Hof sehen wir nur Frauen und Kinder. Im Juli machten 30 russische Soldaten bei den Dudajews eine „Säuberungsaktion“, die 55 Jahre alte Großmutter kann sich bis heute nicht erklären, warum. Vielleicht, weil man den gleichen Familiennamen habe, wie der ehemalige tschetschenische Präsident Dudájew, der 1996 von einer russischen Rakete getötet wurde. Die Großmutter berichtet, dass die Soldaten in das eine der beiden Häuschen, wo ihr Ehemann und die beiden Söhne schliefen, Granaten warfen. Die Wände im Haus sind von Granatsplittern übersät. Im Holzfußboden klaffen ausgefranste, handtellergroße Löcher von den Explosionen.
Ihren Mann habe man mitgenommen, sie habe bis heute nichts mehr von ihm gehört, erzählt die Frau mit zitternder Stimme. Ein Sohn wurde auf dem Hof erschossen. Der andere, er arbeitet bei der tschetschenischen Polizei, flüchtete, als die Soldaten kamen.
O-Ton (Russisch, 32´´, gros-17.mp3)
Übersetzerin 1:
„Schießt nicht, rief mein Sohn. Ihr habt kein Recht. (...) Er sprang aus dem Fenster. Er hat überall im Körper Granatsplitter. (...) Er will sie nicht eher herausnehmen, bis er den Vater gefunden hat.“
Sprecher:
Während sie erzählt, schmiegen sich ihre kleinen Enkelkinder - schwarzhaarige Mädchen mit ernstem Blick - an ihren Rock. Sie weinen oft. Ihre Augen sind dann ganz blau, erzählt die Großmutter. Der Kleinste schläft nachts nur, wenn ihn die Mutter umarmt. Wenn man ihn loslässt, fängt er an zu weinen. Einen Jungen habe man zu Verwandten in die russische Stadt Rostów geschickt. Die Älteste erzählt, was sie in der Juli-Nacht erlebt hat. Sie kam aus dem Nachbarhaus.
O-Ton (Russisch, 6´´, gros-18.mp3)
Übersetzerin 2:
„Sie wollten uns töten. Ich sagte, bitte tötet uns nicht.“
Sprecher:
Als Großmutter Dudájewa jung war, ist sie mit ihrem Bräutigam in den südrussischen Bezirk Rostow gezogen. Dort hat sie ihre Kinder geboren und hart gearbeitet. 30 Jahre lang hütete sie mit ihrem Mann Schafe, eine Herde von 1.300 Vierbeinern. Als in Tschetschenien Präsident Dudajew an die Macht kam, mussten sie mit ihrer Familie den mehrheitlich von Russen bewohnten Bezirk verlassen. Jetzt lebt sie seit zehn Jahren in Tschetschenien, weiß aber nicht, wie sie ohne die Männer über den Winter kommen soll. Und der einzige Ofen befindet sich in dem von Granaten zerstörten Haus.
O-Ton (Russisch, 27´´, gros-19.mp3)
Übersetzerin 1:
„Wo sollen wir jetzt im Winter mit den Kindern leben? Unsere Männer sind alle weg. Mein Sohn, der bei der tschetschenischen Polizei arbeitet, übernachtet schon nicht mehr zuhause. Zuhause würde man ihn sofort verhaften. (...) Wir haben Angst. (...) Im Hof gibt es kein Licht.“
Sprecher:
Ein paar Häuser weiter treffen wir die Musiklehrerin Galína Andréjewna. Die blonde Russin im blauen Jeanshemd erzählt, das normale russische Lehrprogramm könne sie mit den Kindern nicht durchziehen, da die Schüler alle an Gedächtnisstörungen leiden. Es gäbe aber sehr viele begabte Musiker unter den Tschetschenen und die Eltern hätten inzwischen erkannt, wie wichtig es, sei die Kinder vom Trümmeralltag abzulenken.
O-Ton (Russisch, 26´´, gros-20.mp3)
Übersetzerin 2:
„Früher war es nicht üblich, Kinder auf die Musikschule zu geben. (...) Die Kinder arbeiteten zu Hause auf dem Hof oder sie hüteten Vieh. (...) Jetzt müssen sie sich ablenken und ich bin froh, dass die Kinder jetzt wirklich etwas lernen wollen.“
Sprecher:
Die meisten Russen haben Grosny verlassen. Doch Galina will bleiben. Gerade jetzt, wo alles zerstört ist, sei ihre Arbeit wichtig. Nur die Kultur und die Musik könne die Menschen jetzt noch retten, meint die 43jährige. Sie verdient im Monat umgerechnet 48 Euro, soviel wie ein Straßenfeger in der Trümmer-Stadt.
Galína wurde in Grosny geboren. Sie hat einen 21jährigen Sohn. Ihre Eltern haben den rauen Kriegsalltag nicht überlebt. Sie erzählt, dass man Wasser aus Pfützen trinken musste. In ihrer Musikschule gibt es kaum noch Instrumente und ein großer Teil der Zeit geht für die Organisation des Alltags drauf. Wasser muss Galina in Eimern vom Hof ins Haus tragen. Die gesamte Kanalisation wurde im Krieg zerstört. Über dem Hof vor ihrem vierstöckigen Mehrfamilienhaus liegt ein ekliger Fäkaliengeruch aber Galina strahlt und erzählt mit Stolz von ihrer Arbeit. Die üblen Schwaden scheinen nicht zu existieren.
Die Lehrerin unterrichtet nicht russische, sondern ausschließlich tschetschenische Volksmusik. Wer den Tschetschenen denn sonst ihre nationale Kultur beibringen solle, fragt Galina. Russische Musik ist bei den Jugendlichen und ihren Eltern offensichtlich nicht gefragt. Die Russin denkt nicht in nationalen Grenzen. Sie achte alle Komponisten. Zur Zeit spiele man tschetschenische Musik von dem jüdischen Komponisten Chalípskij.
Bis Anfang der 90er Jahre sei die Kriminalität in Tschetschenien niedrig gewesen, erzählt die Lehrerin. Doch der Krieg habe die Ordnung der Teips – der tschetschenischen Sippen – zerstört.
O-Ton (Russisch, 36´´, gros-21.mp3)
Übersetzerin 2:
„Durch die Teips, die tschetschenischen Sippen, wussten die Älteren immer, was der Jüngere macht. (...) Dadurch gab es eine Kontrolle. Jetzt hat sich viel geändert. (...) Jetzt ist es hier sogar für Tschetschenen gefährlich geworden. Nachts kommen Leute in Masken und nehmen einfach Menschen mit. Es kommt vor, dass Menschen spurlos verschwinden. (...). Auf diese Weise versuchen sich Leute die Wohnungen von alleinstehenden alten Frauen zu beschaffen.“
Sprecher:
Manchmal fühlt sich Galína als Russin in Grosny unwohl. Ihr gehe es wohl wie den Tschetschenen in Moskau. Aber auch in Russland seien ihr viele Sitten fremd. Dort achte man das Alter nicht, Frauen mit schweren Taschen werde im Bus kein Sitzplatz angeboten, hemmungslos gebrauche man Schimpfwörter. In Tschetschenien sei das anders.
Mit Wehmut erinnert sich die Russin Galína an die 70er und 80er Jahre, als es in Grosny ruhig war. Da geht es ihr wie der Dagestánerin Saíra Abdullájewa, die in einem kürzlich erschienen Beitrag für die Moscow Times, das Leben damals beschreibt. Bis zum Beginn der 90er Jahre sei Grosny eine friedliche, multinationale Stadt gewesen. Die privaten Höfe wurden erst nachts abgeschlossen, die Kinder kamen erst um Mittagnacht von Touren durch die Stadt nach Hause. Die verschiedenen nationalen Gruppen lebten separat. So gab es ein armenisches und ein jüdisches Viertel. Die Journalistin, die ihre Heimatstadt vor acht Jahren verließ und heute in Moskau lebt, berichtet aber auch, dass die Tschetschenen schon zu Sowjetzeiten unzufrieden waren, weil ihre Sprache in den Schulen von Grosny nicht unterrichtet wurde. Frau Abdulájewa berichtet auch, dass die russischen Autoritäten der Stadt am Ramadan Kontrollen durchführten, um zu prüfen, wer wegen einer religiösen Feier die Schule schwänzte. Wenn die Journalistin heute im Fernsehen die Ruinen von Grosny sieht, zweifelt sie, ob das die Stadt ist, in der sie 18 Jahre ihres Lebens verbracht hat.
O-Ton (Russisch, 1´26´´, gros-22.mp3) Tschetschenisches Freiheitslied (unter den Text blenden)
Übersetzer :
//Die Berge werden immer davon erzählen. Ob Tag oder Nacht, steh auf und kämpfe, Volk der Waináchen. Ewig lebe Tschetschenien! Dschingis Khan kam zu uns mit Krieg, hat alle auf seinem Weg unterworfen. Die Erde zitterte, als sie die mongolischen Truppen sah. Aber Tschetschenien stand vor ihnen, wie ein Stein auf dem Weg. Und Blut floss in Strömen. Schließlich haben sie sich zurückgezogen.//
Sprecher:
Die Völker des Kaukasus, insbesondere die Tschetschenen – zusammen mit den Ingúschen nennt man sie auch Waináchen - haben sich immer gegen fremde Eroberer gewehrt. Das Lied handelt vom Feldzug des Mongolen-Führers Dschingis Khan, der Anfang des 13. Jahrhunderts versuchte den Nordkaukasus zu unterwerfen, was ihm jedoch nicht gelang.
In den beiden letzten Kriegen wurden Lieder über die kaukasischen Freiheitskriege sehr populär. Bis auf einen kleinen Teil von Wahabiten, islamischen Extremisten, sieht sich der Großteil der heutigen Kämpfer in der Tradition der damaligen Freiheitskriege.
Einer von denen, die heuten kämpfen, ist „Muchaméd I“. Seinen wahren Namen will der hochgewachsene Mann mit der weichen Stimme nicht nennen. Wir müssen uns mit seinem Sprechfunk-Pseudonym zufrieden geben. Muchaméd I ist Kommandeur einer „Brigade für besondere Aufgaben“ unter dem Oberkommando von Präsident Aslán Maschádow. Bevor der Präsident Tschetscheniens im Dezember 1999 von russischen Truppen aus Grosny vertrieben wurde, diente Muchaméd I in der Präsidentengarde. Mit seinem langjährigen Freund Muchaméd II – er kommt aus demselben Teip , derselben tschetschenischen Sippe – organisiere er heute Partisaneneinsätze im tschetschenischen Flachland, in Grosny und Gudermes. Nachts greife man Militärstützpunkte – die sogenannten Blockposten - an. Manchmal gehen die beiden auch in die Berge, um dort zu kämpfen.
Finanzielle Hilfen aus dem Ausland gebe es kaum noch. Früher habe Maschádow Geld aus arabischen Ländern bekommen, heute müsse man jede Patrone selbst kaufen. Waffen und Munition bekomme man über Vermittler aus russischen Armeebeständen.
Muchaméd I zeigt sich sehr entschlossen und hat offenbar sein ganzes Leben dem tschetschenischen Freiheitskampf gewidmet. Nur einmal, in einer Gesprächspause, erkundigt er sich beiläufig nach Exil-Möglichkeiten.
Ein großer Teil der Rebellen ist nach dem Sieg der russischen Truppen im Jahre 2000 in die von Moskau unterstützten offiziellen Polizei- und Verwaltungsstrukturen Tschetscheniens übergewechselt. Doch die beiden Muchamed´s hoffen, dass ihre ehemaligen Mitkämpfer bei einem neuen Großangriff auf Grosny – wie damals im August 1996 – auf die Seite der Rebellen überlaufen. Sie wüssten, dass man in einem gemeinsamen Haus lebe und nicht gegen die eigenen Brüder kämpfen könne. Wer das doch tut, auf den würde man das ganze Leben mit dem Finger zeigen.
Atmo (Russisch, 45´´, gros-23.mp3)
Tschetschenisches Freiheitslied (unter den Text blenden)

Übersetzer C:

//Es kommt eine neue Bedrohung. Wir wissen nicht was uns am nächsten Tag erwartet, was das Schicksal für uns bereit hält. Scheich Mansúr hat den ganzen Kaukasus in den Kampf geführt. Dann hat Imam Schamíl uns geführt. Kämpfe, Volk! Tschetschenien, lebe ewig!//
Sprecher:
Für viele Tschetschenen scheint es auch heute nur die Alternative zwischen Freiheit und Knechtschaft zu geben. Über Kompromisse redet man in Tschetschenien und Moskau nur wenig.
Wladimir Putin will den Kampf gegen die tschetschenischen Rebellen verstärkt fortsetzen. Gleichzeitig hat er grünes Licht gegeben für die Vorbereitung eines Referendums über eine neue Verfassung Tschetscheniens. Der russische Innenminister möchte die örtlichen Polizeistrukturen in Tschetschenien stärken. Doch die 100.000 russischen Soldaten will man nicht abziehen. Mit dem 1997 unter OSZE-Aufsicht gewählten Präsidenten Aslan Maschadow will man nicht verhandeln, weil er angeblich mit Geiselnehmern und Terroristen unter einer Decke stecke.
Der frühere russische Innenminister Anatólij Kulików, der heute Mitglied im Duma-Sicherheits-Ausschuss ist, erklärt in einer Talk-Show des russischen Fernsehkanals NTW:
O-Ton (Russisch, 50´´, gros-24.mp3)
Übersetzer :
„Ich empfehle, dass das Oberhaupt Tschetscheniens vom Präsidenten Russlands ernannt wird. Meiner Meinung nach, muss der Leiter Tschetscheniens nicht unbedingt ein Tschetschene sein. (...) Ein Tschetschene, gewählt oder ernannt, bekommt nicht das Vertrauen der tschetschenischen Gesellschaft. (...) Ein tschetschenischer Präsident - so ehrlich er auch ist – wird nur Leuten seines Teips – seiner Sippe - vertrauen und sie zu Ministern ernennen. Das ist sehr gefährlich. Der übrige Teil der tschetschenischen Gesellschaft wird sagen, wieder einer, der nur Geld in die eigene Tasche wirtschaftet.“
Sprecher:
Mit ähnlichen Argumenten rechtfertigten vor hundert Jahren die europäischen Kolonialmächte ihre Herrschaft in Afrika und Asien. Die beherrschten Völker schienen den Kolonialmächten nie erwachsen genug. Der Vergleich mag überzogen wirken. Aber Moskau verhält sich nicht anders als eine Kolonialmacht. Der Kreml ringt nicht um das Herz und den Verstand der Tschetschenen. Seit Jahren setzt man vor allem auf militärische Härte. Nach der Geiselnahme in Moskau wurden verstärkte „Säuberungsaktionen“ angekündigt. Doch in Tschetschenien gibt es kaum noch etwas zu verstärken. Alle militärischen Mittel sind schon bis an die Grenze ausgereizt. Die ökologische Situation in den ehemals lieblichen Bergen ist katastrophal.
Den Beweis, dass russische Verwalter in Tschetschenien besser und ehrlicher verwalten als Tschetschenen, ist Moskau bisher schuldig geblieben. Im Gegenteil. Moskau schickt nach Tschetschenien gerade solche Beamte, die in Korruptions-Skandale verwickelt waren. In Grosny können sich russische Beamte und Militärs von früheren Sünden sozusagen „reinwaschen“ und gleich mehrere Stufen auf der Karriereleiter nehmen.
Der Leiter der tschetschenischen OMON-Sonderpolizei Musá Magamádow meint, die inneren Probleme Tschetscheniens müssten von der tschetschenischen Polizei selbst gelöst werden, die russischen Armee-Einheiten müssten sich an die Grenze der Kaukasusrepublik zurückziehen.
O-Ton (Russisch, 31´´, gros-25.mp3) Übersetzer :
„Den Kampf gegen den Terrorismus und Verbrechen kann man erfolgreich führen, wenn die tschetschenische Polizei die Hauptverantwortung trägt und von den Einheiten des russischen Innenministeriums unterstützt wird.“
Sprecher:
Der ehemalige russische Innenminister Kulików ist anderer Meinung. Obwohl die tschetschenische Polizei die tschetschenischen Rebellen zusammen mit den russischen Truppen im Jahre 2000 aus Grosny vertrieben hat, glaubt er nicht dass die tschetschenische Polizei Ordnung in der Kaukasusrepublik aufrechterhalten kann.
O-Ton (Russisch, 15´´, gros-26.mp3) Übersetzer :
„Ich bin nicht einverstanden mit dem mutigen Kommandeur der tschetschenischen OMóN (...) dass man diese Aufgabe der tschetschenischen Polizei übergeben muss. Damit würden wir das Problem auf viele Jahre verlängern.“
Sprecher:
Obwohl die tschetschenischen OMóN-Sonder-Polizei die Stadt zusammen mit russischen Soldaten von den Rebellen befreite, trauen die Russen den tschetschenischen Polizisten nicht. Mindestens ein Drittel der Ordnungshüter – so russische Schätzungen – haben Kontakte zu den Freischärlern.
Manche Moskauer sagen es weniger gestelzt. Tschetschenen, die muss man entweder vernichten, deportieren oder immer unter der Knute halten. Solche Meinungen hört man auf Moskaus Straßen. Sobald dieses widerspenstige Kaukasusvolk keinen Druck mehr bekomme, versuche es seine eigene Herrschaft einzuführen. Das man in Europa über die russische Kriegsführung entsetzt ist, finden viele Russen unverständlich. Sie kennen seit Jahrzehnten nur die harte Methode. Einem Dialog mit dem Gegner trauen sie nicht.
Wenn es in Grosny Abend wird, scheint Licht aus den ersten, notdürftig hergerichteten Wohnungen. Gas flackert aus geborstenen Leitungen. Wer sich jetzt noch nicht mit Wasser aus einem der Plastiktanks versorgt hat, muss bis zum nächsten Morgen warten.
Mit Beginn der Ausgangssperre, um Punkt 18 Uhr, sterben die Straßen aus. Jetzt beginnt die Arbeit der Partisanen. In der Dunkelheit hört man das Rattern von Maschinengewehren, manchmal auch das dumpfe Grollen von Artilleriegeschützen.
Atmo (Russisch, 53´´, gros-27.mp3) Tschetschenisches Freiheitslied
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