Antifaschistische Konferenz in Moskau – Beifallsstürme für Egon Krenz (Globalbridge)

31. Mai 2026Von: Ulrich Heyden in Geschichte, Politik
(Red.) Der Russenhass, die Russophobie, wie es etwas gelehrter genannt wird, ist vor allem in den deutschen Medien omnipräsent. Auch in der Schweiz, man lese etwa die Neue Zürcher Zeitung NZZ. Aber warum eigentlich? Russland reagiert auf Provokationen, ja, aber betreibt keine eigene Expansionspolitik. Ist es immer noch die Angst vor dem Kommunismus, der in Russland einst das Sagen hatte? Wie stark ist der Kommunismus im heutigen Russland? Ein Bericht aus Moskau. (cm)
In Moskau tagte am 24. und 25. Mai 2026 das „3. Antifaschistische Forum“, veranstaltet von der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF). Das Forum stand unter dem Motto „Kampf gegen den internationalen Terrorismus, Willkür und Aggression. Für Frieden und Sicherheit“. Die ukrainischen Drohnen-Angriffe auf Moskau und ein Schüler-Wohnheim im Donbass, bei dem 21 Studenten getötet wurden, unterstrichen die Dringlichkeit des Themas. Einer der 130 Redner auf der Konferenz war der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz. Auf so eine Stimme aus Deutschland hatten die Versammelten lange gewartet.
Zu dem Forum, das im edlen Ritz Carlton Hotel, nicht weit vom Kreml, tagte, waren 180 Delegationen aus 100 Ländern gekommen. Es waren Vertreter von kommunistischen Parteien, linken Organisationen, Gewerkschaften und Wissenschaftler. Jeder Teilnehmer bekam ein Gerät, mit dem man die Vorträge in verschiedenen Sprachen hören konnte. Deutsch gehörte nicht zu den Sprachen, die übersetzt wurden.
„Positionskämpfe“ statt Direktangriff
Der KPRF-Vorsitzende Gennadij Sjuganow brachte in seiner Grundsatzrede (1) auf der Konferenz einen historischen Abriss über die Entwicklung von Kapitalismus, Imperialismus und westlicher Hegemonie.
Der Westen sei nicht immer die Lokomotive der Weltwirtschaft gewesen, sagte der Parteichef. Bis zum 18. Jahrhundert sei die Wirtschaftskraft Europas „niedriger gewesen als die Wirtschaftskraft von China, Indien und einer Reihe anderer Gesellschaften.“ Eine multipolare Welt sei heute zwar im Entstehen, aber „nicht alle heutigen einflussreichen Pole“ würden nach „einer gleichberechtigten Weltordnung“ streben. Ihre herrschenden Kreise „interessieren sich teilweise nur für die Aufteilung der Märkte und deren Kontrolle.“ „Neue Politiker“ würden „unter kapitalistischen Verhältnissen“ die Arbeitenden nicht von der Ausbeutung befreien. Die Herrschenden im Westen stützten sich außer auf das Militär „auf die Kontrolle der Informationen und der Manipulation des gesellschaftlichen Bewusstseins.“
In westlichen Medien wird die KPRF meist als „Stalin-treu“ abqualifiziert. Ja, die KPRF verehrt Stalin, aber nicht wegen dessen Terror gegen „Abweichler“, sondern wegen dem Sieg über Hitler-Deutschland, der unter Stalins Führung erreicht wurde.
Sehr ungewohnt für mich war, von Sjuganow folgendes zu hören: Die Bourgeoisie könne man nicht im „Direktangriff“ entmachten. Der Gründer der italienischen Kommunistischen Partei, Antonio Gramsci, habe analysiert – so Sjuganow – , dass die Bourgeoisie den Massen „ihre Moral und ihren Verhaltenskodex aufdrückt“. Deshalb müsse man „in einem Positionskampf“ lange um das Bewusstsein der Massen ringen. Der Kapitalismus habe immer noch „eine große Fähigkeit, sich auf neue Situationen einzustellen.“ Ein herausragendes Beispiel sei Donald Trump. „Mit Demagogie und Populismus“ habe er sich das Vertrauen der einfachen Leute erworben. Gleichzeitig zerstöre das oligarchische Kapital die Reste eines „Sozialstaates“.
Hass auf „Hammer und Sichel“
Die USA unter Trump verwendeten heute „Konzeptionen der Kolonialzeit“. Dabei stehe der Kommunismus im Wege. Marco Rubio habe auf der Münchner Sicherheitskonferenz geschwärmt, dass die westliche Zivilisation im Laufe von fünf Jahrhunderten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges seine Grenzen ausweiten konnte. Nach 1945 hätten sich „die großen westlichen Imperien im Niedergang“ befunden. „Gottlose kommunistische Revolutionen und antikoloniale Aufstände“ – so Rubio – hätten die Welt verändert. Große Teile der Welt seien unter „den Einfluss von Hammer und Sichel geraten“.
„Schlüsselfragen werden nicht gelöst“
KP-Chef Sjuganow erklärte, der Kapitalismus sei nicht in der Lage, „die Schlüsselfragen unseres Planeten zu lösen.“ In dem Bestreben, seine Macht zu erhalten, werde der Kapitalismus immer gefährlicher. Die Menschheit habe inzwischen genug Ressourcen und technologische Möglichkeiten, um die Armut und „schlimme Ungleichheit“ zu bekämpfen. Aber der Reichtum werde verwendet „für mehr Aggression und Degradierung“. Der Übergang zum Sozialismus sei der einzige Ausweg aus dieser Krise und Voraussetzung zur Lösung globaler Probleme.
„Koordinierung der linken Kräfte“
Moskau versucht seit einigen Jahren, dem Westen seinen Einfluss auf die politische Landschaft in der Welt streitig zu machen. Die KPRF veranstaltete 2023 ihr erstes Antifaschistisches Forum in Minsk mit Teilnehmern aus 50 Ländern. 2025 folgte das 2. Antifaschistische Forum in Moskau, an dem sich 164 Delegationen beteiligten.
Aber nicht nur die Kommunisten, auch die russischen Sozialdemokraten, die sich in der Partei Gerechtes Russland organisiert haben, sind auf der internationalen Bühne aktiv geworden. Im April dieses Jahres fand in Moskau ein Kongress für die Koordinierung sozialistischer Kräfte jenseits der Sozialistischen Internationale statt. (2)
Auf dem 3. Antifaschistischen Forum der KPRF erklärte Sjuganow, man brauche eine „Road map für den Kampf gegen den Imperialismus, Neokolonialismus, Neofaschismus und staatlichen Terror“. Wie eine Road map aussehen könnte, sagte er aber nicht. Als erste konkrete Schritte nannte Sjuganow den Kampf gegen den Genozid am palästinensischen Volk und den Schutz von Kuba. Für die Befreiung von Nikolas Maduro und Cilia Flores habe man ein Komitee gegründet. (Siehe auch Abschlusserklärung des Forums (3))
Zum Abschluss der Veranstaltung erinnerte Sjuganow daran, dass der Kapitalismus sich in einer System-Krise befinde. Schon zweimal habe Russland eine Systemkrise des Kapitalismus beendet, einmal 1917 durch die Oktoberrevolution und einmal 1945 durch den Sieg über Hitler-Deutschland.
Beifallsstürme für einen Deutschen
Aus Deutschland sah ich auf dem Forum Vertreter der DKP, der Kommunistischen Organisation, des Friedensrates und des Vereins Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe.
Einer der Gäste war der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz. Die auf Russisch gehaltene Rede (4) des 89-Jährigen wurde immer wieder von Beifallsstürmen unterbrochen. Die Anwesenheit eines ehemals hochrangigen deutschen Politikers und dessen freundliche Worte erinnerten die Anwesenden an eine Zeit, als Moskau und Berlin sich noch gut verstanden. Die Beifallsstürme zeigten, dass man nichts gegen die Deutschen, wohl aber was gegen ihre führenden Politiker hat.
Krenz sprach von der Bedeutung des Sieges der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Die Bürger der DDR hätten „am Beispiel der Geschichte gelernt, dass die Sowjetunion und der Frieden zusammengehören.“ Im Osten „des nun vereinigten Deutschlands“ sagen „bis heute Viele, dass der Frieden in Europa nur mit Russland und nicht gegen Russland gesichert werden kann. Die Bürger der ehemaligen DDR sagen, Russland ist nicht unser Feind.“
Der ehemalige Staatsratsvorsitzende erinnerte an die 1970er und 1980er Jahre. Die seien „für beide Seiten gut gewesen.“ Aus dem Kalten Krieg sei kein „heißer Atomkrieg“ geworden. Das hätten Willy Brandt „und sogar Helmut Kohl“ verstanden. Deren politischen Nachfolger in Deutschland hätten „das leider vergessen.“
Krenz erinnerte an das bevorstehende historische Datum, den 22. Juni. An diesem Tage jährt sich zum 85. Mal der Tag des deutschen Angriffes auf die Sowjetunion. „Kein einziges Land der Welt“ habe im Zweiten Weltkrieg solche Schäden erlitten wie die Sowjetunion. „27 Millionen sowjetische Bürger verloren ihr Leben, 1.710 Städte und mehr als 70.000 Dörfer wurden zerstört.“ Diese historischen Fakten müssten „von den Regierungen der ganzen Welt anerkannt werden.“
„Wir sind gekommen, damit Du nicht noch einmal zu uns kommst.“
Die Soldaten der Roten Armee hätten ihr Leben „für Ihre Heimat und die Menschheit gegeben“. Die Denkmäler, die an die Befreiung vom Faschismus erinnern, müssten „für immer“ erhalten bleiben.
Der ehemalige Staatsratsvorsitzende erwähnte das Denkmal des sowjetischen Soldaten im Berliner Treptow-Park. Der Soldat trage „ein deutsches Kind auf dem Arm.“ Solche Denkmäler riefen dazu auf: „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“
Die Inschrift eines Sowjetsoldaten an einer Wand im Berliner Reichstag habe ihn – Krenz – besonders berührt. „Deutschland, wir sind zu dir gekommen, damit Du nicht noch einmal zu uns kommst.“
Ein Rotarmist von damals würde – so Krenz – fragen, „warum vergesst ihr Deutschen immer wieder eure eigene Geschichte? Die Russen sind niemals mit militärischen Absichten nach Deutschland gekommen. Nur einmal wegen Napoleon und einmal wegen Hitler. Aber ihr Deutschen habt unsere Heimat im 20. Jahrhundert zweimal angegriffen. Sollen wir jetzt Feinde sein? Nein, das ist nicht möglich!“
Der ehemalige Staatsratsvorsitzende erzählte, er sei 1945 acht Jahre alt gewesen. Er erinnere „das Ende der Herrschaft der Faschisten und die Armut.“ Ein russischer Soldat auf der Straße forderte mich auf, mit ihm ein Lied zu singen. Ich kannte das Lied nicht. Er sagte, das ist doch das Lied Heidenröslein. Das Lied, nach einem Gedicht von Goethe, habe er von dem sowjetischen Soldaten gehört, „der im Krieg wegen der Deutschen seine Eltern verloren hat, der aber in seinem Herzen die Liebe zur deutschen Sprache behalten hatte.“
Krenz beendete seinen Vortrag mit der Aussage: „Wir können mit der Politik des Imperialismus nicht leben. Wir treten ein für die aktive Zusammenarbeit mit unseren russischen und chinesischen Freunden gegen Faschismus und Militarismus. Für antiimperialistische Solidarität!“
Der Vorsitzende der KPRF Gennadi Sjuganow antwortete auf die Rede von Krenz: „Meine tiefe Verehrung. Ich schätze Sie. Wir kennen uns lange. Wir trafen uns auf den 10. Weltfestspielen der Jugend. Wir zeigten unseren Willen für Frieden und ein würdiges Leben.“ Gemeinsam sei man „mit Erich Honecker und Hans Modrow für Frieden, Sozialismus und Internationalismus eingetreten.“ Man habe gemeinsam „die Ehre des deutschen Volkes“ gerettet. „Als man Honecker ins Gefängnis geworfen hat, haben wir ihm die Hand der Freundschaft gereicht und geholfen, dass er wieder gesund wird.“
Das russische Fernsehen berichtete über das Forum. Diese Ehre wird der KPRF, die mit 57 Abgeordneten im russischen Parlament vertreten ist, nicht immer zuteil. In der Vergangenheit fühlte sich die Partei vom russischen Fernsehen vernachlässigt. Das Forum hat auch innenpolitische Bedeutung. Im September wird das russische Unterhaus, die Duma, neu gewählt. (Zurzeit verfügen die Kommunisten in der 450-köpfigen Duma über 57 Sitze. 18 Prozent der Wähler haben die Partei 2021 gewählt. Red.)
Grußbotschaft von Putin
Am ersten Konferenztag wurden Grußbotschaften von Wladimir Putin, Ministerpräsident Michail Mischustin und dem Präsidenten von Weißrussland, Aleksandr Lukaschenko, verlesen. Auf der Eröffnungs-Veranstaltung des Forums sprachen ein Vertreter der Ungarischen Arbeiterpartei, Vertreter der Kommunistischen Parteien von Palästina, Südafrika, Weißrussland, Laos und Venezuela, sowie die Botschafter von Kuba und China. An dem Forum nahmen auch Vertreter regionaler KPRF-Gliederungen sowie der Linken Front, der Kommunistischen Arbeiterpartei (RKRP) sowie Vertreter der Weltweiten Föderation der Jugend teil.
Am Nachmittag des ersten Konferenztages gab es drei Debatten, die parallel tagten. Es gab eine Diskussionsrunde zum Thema „Frauen im Kampf gegen den Krieg“ sowie Vortragsrunden zu den Themen „Solidarität im Kampf gegen den internationalen Terrorismus und seine Erscheinungsformen“ und „Kampf gegen internationalen Terrorismus, Verbrechen und Aggression“.
Außerdem traf sich Parteichef Gennadi Sjuganow mit einzelnen Gästen aus dem Ausland. Dabei erklärte der Parteichef, zu Sowjetzeiten hätten 600.000 Menschen aus dem Ausland eine Ausbildung in der Sowjetunion gemacht. An diese Tradition wollte man anknüpfen. Wie vor kurzem bekannt wurde, studieren in Russland bereits 60.000 Studenten aus China (5). 20.000 russische Jugendliche studieren in China (6).
Was ist die KPRF für eine Partei?
Nach dem Machtantritt von Putin im Jahr 2000 mäkelten westliche Moskau-Korrespondenten, die KPRF sei nicht oppositionell genug. Als es 2011 in Moskau eine Protestbewegung wegen Wahlfälschungen auf der Straße gab, beteiligte sich nur eine linke Abspaltung der Partei an diesen Aktionen. Der KPRF war die Stabilität im Land wichtiger als Wahlfälschungen, die gar nicht nötig waren, um der Kreml-Partei „Einiges Russland“ zum Sieg zu verhelfen.
Zwischen dem Kreml und dem russischen Präsidenten herrscht seit Langem Frieden. Das war noch anders zu den Zeiten von Boris Jelzin, als die Partei versuchte, den Radikal-Reformer Boris Jelzin mit Misstrauensanträgen zu stürzen.
Für den Einmarsch in die Ukraine
Es gibt in Russland auch Linke, die gegen den russischen Einmarsch in der Ukraine sind. Sie treten aber nicht öffentlich auf.
Die KPRF war die erste russische Partei, die 2022 den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine – noch vor dem Ukas von Putin – direkt forderte. Sie begründete diese Forderung damit, dass ein ukrainischer Angriff auf die selbsternannten Donbass-Republiken Lugansk und Donezk unmittelbar bevorstehe. Wohngebiete in den beiden international nicht anerkannten Republiken wurden seit ihrer Gründung 2014 von der ukrainischen Armee und rechtsradikalen Bataillonen mit Artillerie und Raketen beschossen, worüber westliche Medien aber kaum berichteten.
Der Parteichef der KPRF, Gennadi Sjuganow, erklärte auf dem Forum, dass viele Parteimitglieder in der Ukraine kämpfen, dass man schon 150 humanitäre Konvois in das Kriegsgebiet geschickt und für viele Kinder aus dem Kriegsgebiet Erholungsurlaub in Russland organisiert hat.
Die KPRF ruft nicht zur Revolution auf. Ihre Kernforderungen sind die Verstaatlichung der Schlüssel-Industrien und der Bodenschätze sowie eine kostenlose Ausbildung und medizinische Versorgung.
Ein paar kritische Worte …
Zum Schluss noch ein paar kritische Worte. Bei aller Anerkennung für die organisatorische Leistung, eine große Zahl von Linken aus der ganzen Welt in Moskau zu versammeln, fand ich es auffällig, dass vor allem Menschen über 40 gekommen waren und fast keine Jugendlichen auftraten. Zudem war der Stil der Veranstaltung nicht sehr lebhaft. Viele Referate wurden vom Blatt gelesen, direkte Fragen aus dem Publikum waren nicht zugelassen. Redebeiträge mussten vorher angemeldet werden. Dafür gab es immerhin in den Pausen ausreichend Gelegenheit, neue Bekanntschaften zu machen und an Vortragende auch direkte Fragen zu stellen.
(1) Grundsatzrede von Gennadij Sjgunow
(2) Konferenz von Gerechtes Russland
(3) Abschlusserklärung des 3. Antifaschistischen Forum
(4) Rede von Egon Krenz auf 3. Antifaschistischem Forum der KPRF in Moskau
(5) https://tass.ru/obschestvo/22995251
(6) https://tass.ru/obschestvo/22995251
veröffentlicht in:













