7. Februar 1997

Aslan Maschadow - Ruhe, Ordnung und keine neuen Gräben

Frage: Nach ihrem Wahlsieg - welche Probleme wollen sie zuerst angehen?

Maschadow: In Tschetschenien herrscht Chaos, wie immer nach Kriegen. Unsere ersten Schritte werden deshalb sein, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, Verbrechen zu stoppen und die zentrale Kontrolle im Land herzustellen.

Frage: Welche Rolle soll die Scharia dabei spielen?

Maschadow: Eine wichtige. Wir glauben, dass wir nur mit den Prinzipien des Islam, mit den Gesetzen der Scharia, Recht und Ordnung garantieren können. Einen anderen Ausweg gibt es nicht. Die Tschetschenen haben nur vor Gott Respekt. Mit Fundamentalismus hat das jedoch nichts zu tun. Wir orientieren uns an keinem Modell. Hier wird es ein tschetschenisch-islamisches Recht geben, das mit unseren Bräuchen und Gesetzen übereinstimmt.

Frage: Soll auch die Verfassung Tschetscheniens auf der Scharia basieren? Oder wird es zweierlei Recht geben - das des Staates und das der Scharia?

Maschadow: Wir werden hier keine islamische Verfassung einführen, sondern aus der jetzigen alles herausstreichen, was nicht mit dem Islam übereinstimmt. In Tschetschenien leben neben den Russen auch andere Völker. Die werden wir unter keinen Umständen kränken, beleidigen oder herabsetzen . Sie haben ihren Glauben, und den lassen wir ihnen.

Frage: Wie wollen Sie russische Bürger in Zukunft bestrafen?

Maschadow: Das wird in der Verfassung berücksichtigt werden. Wer Christ ist, wird nicht nach der Scharia abgeurteilt.

Frage: Welches werden die offiziellen Sprachen in Tschetschenien sein?

Maschadow: Ich denke Tschetschenisch und Russisch. Auch Arabisch, aber das ist alles ein Frage der Zeit.

Frage: Manche jungen Weißrussen und Ukrainer sehen in Tschetschenien ein Fanal, sich gegen die Restauration des alten Sowjet-Imperiums unter russischer Flagge zu wehren. Wollen Sie da eine Vorreiter –Rolle übernehmen?

Maschadow: Auf keinen Fall. Wir haben diesen Krieg geführt, um unser Volk vor einer Vernichtung zu retten, wie sie in den letzten vier Jahrhunderten alle 50 Jahre stattfand, kaum dass wir die Millionengrenze erreicht hatten. Das tschetschenische Volk will für seine Sicherheit internationale Garantien bekommen und ein Subjekt des internationalen Rechts sein. Alles übrige kann so bleiben wie früher. Niemand hat die Absicht, ein neues Modell zu schaffen oder sich mit einem Zaun abzugrenzen. Wir wollen weder eine Führung im Nordkaukasus übernehmen, noch zum Dschihad aufrufen.

Frage: Wie stehen sie generell zu den diversen nationalpatriotischen Bewegungen auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR?

Maschadow: Wir haben den Zerfall der UdSSR nicht betrieben. Wir wollten diese Entwicklung nicht. Praktisch war die Auflösung der Sowjetunion ein Staatsstreich. Ich diente zu jener Zeit als Offizier in der sowjetischen Arme, und ich habe das, wie alle, sehr durchlitten. Doch jetzt, wo es geschehen ist, muss man schauen, was für kooperative oder Vereinigungsformen es gibt. Wir können uns da nur anschließen, wenn es für uns vorteilhaft ist.

Frage: Hat sich nach Ihrem Eindruck die Haltung des Westens gegenüber Tschetschenien während der letzten Monate verändert?

Maschadow: Ich sehe keine Änderung. Ich denke, mit jedem Tag, da die russische Kriegsmaschiene hier präsent war, verlor Russland vor der Welt sein Gesicht. Aber der Westen hat diesen Krieg bis zu einer gewissen Zeit mitfinanziert – durch Milliarden von Dollar. Er gab neue Kredite – jedes Mal, wenn das Geld zuende ging. Aber nachdem unsere Truppen im Sommer Grosny, Gudermes und Argun eingenommen hatten, drei Städte gleichzeitig, verstand man auch im Westen: Das ist ein Krieg ohne Ende, der zu nichts führt. Und für den man umsonst Geld ausgibt – insofern hat sich die Haltung schon geändert ...

Frage: Was halten Sie von einer Wirtschaftsunion mit Russland, von einer gemeinsamen Währung und einem gemeinsamen Verteidigungssystem?

Maschadow: Wir sind zu jeder Form der Zusammenarbeit bereit, wirtschaftlich und militärisch. Aber wir lassen uns unter keinen Umständen ein föderales Gesetz über freie Wirtschafzonen, wie es jetzt von der Duma geplant ist, aufzwingen. Wir wollen, dass Russland unsere Unabhängigkeit anerkennt. Eine eigene Währung wird es in nächster Zeit wohl nicht geben. Erst muss klar sein, wie viel Geld- und Goldreserven Tschetschenien hat. Wir wissen, wie sehr die anderen Republiken unter der überhasteten Einführung einer eigenen Währung gelitten haben.

Frage: Tschetschenien braucht Investitionen. Investoren brauchen Stabilität. Können Sie die garantieren?

Maschadow: Was in Afghanistan passierte, wird hier nicht geschehen. Dort gibt es sehr viele verschiedene Nationalitäten. Das ist bei uns nicht der Fall. Wir kämpfen lieber 100 Jahre gegen Russland als untereinander. Denn: Wenn ein Tschetschene einen anderen umbringt, müssen sich dessen Nachkommen in hundert Jahren noch dafür verantworten.

(das Interview mit Aslan Maschadow wurde geführt von Ulrich Heyden am 26. Januar 1997, einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in Tschetschenien)

veröffentlicht in: der Freitag

Foto: Screenshot 245msp

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