13. Januar 2021

Bergkarabach: Man setzt auf Russland - Augenzeugenbericht vor Hintergrund des Treffens im Kreml (SNA)

17:16 12.01.2021 (aktualisiert: 10:35 13.01.2021)

 - SNA

Nikolaj Jolkin, SNA-Korrespondent

Unter Vermittlung Wladimir Putins haben Aserbaidschan und Armenien bei ihrem Treffen in Moskau ein Wiederaufbau-Programm vereinbart. Ulrich Heyden, Buchautor und freier Moskau-Korrespondent mehrerer deutschsprachiger Medien besuchte Bergkarabach, als der sechs-Wochen-Krieg zu Ende war, aber noch unklar war, wie es mit der Region weitergeht.

Aserbaidschan habe es nicht geschafft, Karabach einzunehmen, so der deutsche Journalist im SNA-Gespräch, wolle einen eigenständigen Status des Gebietes aber auf keinen Fall zulassen. In einem Café sprach er mit einem 27-jährigen Mann, der acht Jahre Zeitsoldat bei der Karabach-Armee war und durch seine Kriegserlebnisse viel älter schien. „Von ihm strömte der Krieg aus. Er war einfach gefühlsmäßig noch drin. Ganz aufgeregt, aber keine Kriegslust. Seine Nerven sind hart angespannt. Er hat den Krieg hinter sich, gezwungen immer in Deckung vor Drohnen zu gehen. Auf einem Handy eines getöteten Aserbaidschaners hat er uns schreckliche Aufnahmen gezeigt, wie die Aserbaidschaner Gefangene foltern und sich an toten und nackten armenischen Frauen, die beim Militär dienten, vergangen haben.“

Zerstörter armenischer Panzer im Latschin-Korridor - SNA

© Foto : Ulrich Heyden - Zerstörter armenischer Panzer im Latschin-Korridor

Vom aserbaidschanischen Bomben zerstörtes Gebäude in Stepanakert - SNA

© Foto : Ulrich Heyden - Vom aserbaidschanischen Bomben zerstörtes Gebäude in Stepanakert

Der Menschenrechtsbeauftragte von Nagorny Karabach, Artak Beglarjan, war im Journalisten-Gespräch in Stepanakert, der Hauptstadt der Republik sehr erbittert über den Westen, so dass Heyden ihm widersprechen musste: Wenn der Westen zu euch schweigen würde, dann wären wir auch nicht nach Karabach gekommen.

„Ich habe aber gespürt, wenn man im Krieg ist und erlebt, dass die Weltöffentlichkeit nicht darauf reagiert, dann wird man sehr hart und sehr verbittert, wenn man nicht politisch geschult ist. Diese Verbitterung kann man jedoch oft spüren, wenn man in der Hauptstadt Stepanakert mit den Leuten spricht.“

Auch meinte Beglarjan laut Heyden, dass der Westen nicht beim Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Gebietes helfe, weil es in Aserbaidschan liege. „Man sieht sich in Stepanakert als Opfer einer türkisch-aserbaidschanischen Aggression, die das Ziel hatte, die Menschen in Karabach zu vernichten oder zu vertreiben. Uns wurde ein grausames Video gezeigt, wie einem lebendigen Menschen, einem Gefangenen, der Oberkörper war schon nackt, von aserbaidschanischen Soldaten der Kopf abgeschnitten wurde.“ Sollte man solche Bilder in Europa publizieren, fragt sich der Journalist und antwortet: „Das wäre eine Inflation solcher Bilder. Dann können die Leute uns vorwerfen, wir seien auf die armenische Propaganda reingefallen, und die Armenier seien genauso schlimm. Nur habe ich keine Beweise dafür gesehen.“

"Russland ist unser einziger Schutz"

Stepanakert hinterließ bei dem deutschen Journalisten einen ordentlichen Eindruck, weil die Stadt in den letzten Wochen stark gesäubert und aufgebaut wurde. „Wir haben uns sechs Objekte angesehen, die gezielt mit Raketen oder Bomben beschossen wurden, die Verwaltung des Elektrizitätswerkes, den Generalstab von Karabach, zwei Geschäfte, ein Möbelhaus, ein Wohnhaus - schreckliche Verwüstung. Sie lagen noch in Trümmern da. Aber die Stadt insgesamt macht eigentlich einen guten Eindruck.“

Heyden hatte nach eigenen Worten das Gefühl, dass die Aserbaidschaner versucht haben, „mit gezielten Schlägen Panik zu verbreiten. Gleich in den ersten Tagen des Krieges gingen schon die Raketenangriffe los. Zehntausende mussten aus den Gebieten flüchten, welche die aserbaidschanische Armee erobert hat. Ich traf eine Familie, die mit ihren zehn Kindern vertrieben wurde und in einem Hotel in Stepanakert Unterschlupf fand.“

Der Menschenrechtsbeauftragte Beglarjan teilte dem Journalisten mit, dass in Karabach Hunderte von Gebäuden und auch Dörfer zerstört wurden.

„Die Aufbauarbeiten sind erheblich, und der russischen Friedenstruppe kommt eine große Rolle zu, weil sie eben die Kapazitäten hat. Es geht erst einmal um die Minenräumung. Etwa 150 Kilometer Straßen und 617 Häuser wurden von Minen gesäubert. In den Gesprächen mit den Menschen erfahre ich auch, dass es unter den Einwohnern die Hoffnung gibt, dass Russland Pässe für die Bewohner von Bergkarabach ausgibt. ,Russland ist unser einziger Schutz‘, sagen die Menschen.“

Der Journalist hat auch die Meinung gehört, Russland hätte wegen dem massiven Beschuss von Städten und Dörfern mit Raketen und Drohnen durch die Armee Aserbaidschans viel eher eingreifen müssen. Trotzdem hoffen die Leute ihm zufolge sehr stark auf Russland. „Denn Armenien selbst ist arm. Der Haushalt von Karabach wird zwar zu 50 Prozent von Armenien finanziert, aber das Land hat selbst große Probleme.“ Von Aserbaidschan erwarteten die Menschen in Karabach keinerlei Hilfe, so der Journalist.

Russische Friedenstruppen seien in Berg-Karabach überall zu sehen, stellt Ulrich Heyden fest. „Junge Leute, 22 Jahre alt bei Kontrollposten und ein Paar ältere Offiziere dabei haben uns kontrolliert. Sie hatten einen Schützenpanzer und Kalaschnikows, aber waren nicht so ausgerüstet, wie für einen großen Krieg, sondern mit Video-Überwachung und Satellitentelefonen. Die Soldaten hatten zwei Meter lange Antennen. Nach Auskunft der russischen Friedenstruppe sind 48.000 Flüchtlinge, fast 80 Prozent nach Stepanakert schon zurückgekehrt.“ Das wunderte den deutschen Journalisten, weil die Situation dort nicht stabil ist.

Er hat viele Busse aus Armenien gesehen. „Jeden Tag kommen drei- vierhundert Leute nach Stepanakert zurück, weil sie wissen, sie können in Karabach arbeiten. Zwar ist die Wirtschaft nicht in Gang, aber es ist schon ein Gebiet, wo es sehr stark Bergbau gibt, Goldförderung und Kupfer sowie Abbau von Baustein und nicht nur Landwirtschaft. Obwohl auch sie sehr gut entwickelt ist.“

Krieg oder Frieden?

Heyden hat entgegengesetzte Meinungen dazu gehört. „Ein Mann in Stepanakert meinte, hätte Armenien zwei umstrittene Gebiete von sieben freiwillig zurückgegeben, also diese Schutzgebiete um Karabach herum, dann hätten die Armenier vielleicht nicht 5.000 tote Soldaten verloren. Es gibt Leute, die sagen, wir wollen auf keinen Fall Krieg führen. Gleichzeitig sagen sie, wir werden uns den Boden wieder zurückholen. Die ganze Nation ist in einer tiefen Depression, weil es das Innerste der Armenier betrifft und der furchtbare Genozid des Osmanischen Reiches von 1915 in Erinnerung bleibt. Auch Aserbaidschan ist auf den Schutz von Russland angewiesen, dass Russland diese Lage irgendwie friedlich hält.“

Heyden weist in diesem Zusammenhang auf eine Pipeline von Baku nach Ceyhan in der Türkei hin. „Diese Ader wurde nicht angegriffen, obwohl sie eigentlich im Krieg schon ein Objekt gewesen wäre. Wenn diese Pipeline angegriffen würde, dann ist es für Aserbaidschan ein ökonomischer Totalausfall. Das Land ist ja von diesem Öl abhängig. Russland versucht zu taktieren, die Türkei nicht zu sehr anzugehen, obwohl eigentlich die Türkei Russland angeht. Es ist ein sehr kompliziertes Spiel. Auch die Nato freut sich insgeheim darüber, dass Russland vom Süden Druck kriegt. Man muss sich nicht selbst die Hände schmutzig machen…“

Auch Nikol Paschinjan, Ministerpräsident Armeniens ist in der Sackgasse. Der deutsche Journalist bezeugt: „Viele einfache Bürger sind über ihn völlig enttäuscht und entsetzt und bezeichnen ihn als Verräter. Dass er bisher nicht gestürzt wird, hat damit zu tun, dass es keine zugkräftige Führungsperson in der Opposition gibt. Beide Seiten sind schwach. Paschinjan ist schwach, und die Opposition ist auch schwach, weil sie realpolitisch wenig machen kann, außer auf die Straße zu gehen.“

Armeniens Verteidigungsindustrie sei unter aller Kritik, so der Journalist weiter, und produziere selbst keine Drohnen. „Sie kann keine effektiven Flugabwehrgeschütze bauen, hat wenig Geld. Und man war mit Russland nicht so warm. Man hat immer gesagt, wir wollen uns jetzt auf den Westen orientieren. Da hat Russland gesagt: ,Dann macht das eben‘. In letzter Minute meinte Paschinjan: ,Wir brauchen russische Hilfe‘. Und da war es eigentlich schon verloren. Wenn sich Armenien von Anfang an stärker mit Russland verstanden hätte und Russland damit eingebunden hätte, dann hätte man diesen großen Gebietsverlust vielleicht verhindern können.“

Man hätte vielleicht einen Kompromiss mit Aserbaidschan finden können, nimmt Heyden an.

„Jetzt ist es so, dass nicht nur Karabach seine Schutzzonen verloren hat, sondern auch der Südteil von Karabach schon stark ausgefranst ist. Die militärische Lage ist negativ, die ausländische Unterstützung nicht ausreichend. Die Diaspora spendet zwar Geld, das kommt alles, aber es fehlt an militärischem Gerät. Und vor allen Dingen fehlt es an einer einheitlichen und klaren militärischen Strategie. Alle, mit denen ich gesprochen habe, auch Militärleute schilderten ein Bild der Zerstrittenheit und unklarer Befehle. Man könne strategisch gar nicht so viele Fehler machen wie der armenische Generalstab, meinten sie.“

Ulrich Heyden will einen Reportage-Videofilm von der Reise nach Bergkarabach gestalten, weil es eindringliche Gespräche und Einblicke waren, die er gewonnen hat. Jetzt sammelt er Finanzmittel über seine FB-Seite „Es gab schon Leute, die mich unterstützt haben. Ich hoffe, dass es noch mehr gibt.“

veröffentlicht von: SNA

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