3. November 2021

Bermudadreieck am Baikalsee (der Freitag)

Elena Odareeva/Alamy
Foto: Elena Odareeva/Alamy

Gelbbraun, Grau und Weiß, das sind zu dieser Jahreszeit die Farben am Südostufer des Baikalsees. Ich fahre durch eine Gegend mit im Wind schwingenden Zweigen der Koniferen und sanft gewellten Bergen im Hintergrund, doch gilt diese Tour nicht dem Weltnaturerbe, zu dem dieser See seit 1966 gerechnet wird. Ich will fünf Tourismusprojekte in der Umgebung des 670 Kilometer langen Gewässers in Augenschein nehmen. Bei der Vergabe von Bauland für das Projekt „Baikal-Hafen“, das zur Sonderwirtschaftszone erklärt wurde, war die Regierung in Moskau großzügig und stellte eine Gesamtfläche von 3.600 Hektar als Bauland zur Verfügung.

Skepsis bei lokalen Medien

Weil davon auch Naturschutzgebiete betroffen sind, müssen strenge staatliche Auflagen eingehalten werden. Das heißt, nicht regenerierbare Abwässer müssen gesondert entsorgt werden; das benötigte Gas liefern Tanklastwagen in die künftigen Tourismusdomänen; auf bewaldeten Flächen dürfen nur kleine Hotels gebaut werden, ohne dass der Kahlschlag überhandnimmt. An den Ufern des Sees gibt es keinen sonderlich breiten Küstenstreifen, dahinter erheben sich von Nadelwäldern bedeckte Berghänge.

Für eine Region wie die Republik Burjatien, wo die Durchschnittseinkommen am unteren Rand der Russischen Föderation liegen, sind Pläne für Herbergen mit höherem Komfort und die Aussicht auf Touristen atemberaubend. Tausende von neuen Arbeitsplätzen sollen entstehen, doch berichten die lokalen Medien über das Vorhaben mit Skepsis und spürbarer Zurückhaltung.

In Ulan-Ude, der Hauptstadt Burjatiens, besteige ich einen Minibus, um in das 170 Kilometer entfernte Dorf Turka zu fahren. Es ist dazu auserkoren, eines der fünf Zentren in der Sonderwirtschaftszone zu sein. Die Straße windet sich am Südufer des Baikal entlang und führt durch eine menschenleere Gegend. Die Birken tragen mit dem Spätherbst in ihren Kronen längst gelbbraune Blätter oder sind völlig kahl. Manchmal blinkt das Wasser des Sees durch den Wald, den die Straße schneidet. Der Horizont ist von Wolken verhangen und verliert sich in der Dämmerung. Selten habe ich eine derart in sich ruhende Landschaft gesehen. Wenn es zuweilen regnet, beginnen das warme Gelb der Birken und das dunkle Grün der Tannen zu leuchten. Mitten in dieses Naturschutzgebiet hinein sollen Hotels, Gesundheitszentren, Sportplätze, Jachthäfen und Liftanlagen für Skifahrer entstehen? Ein ähnliches Ensemble brachten 2014 die Olympischen Winterspiele im Bergdorf Krasnaja Poljana bei Sotschi hervor. Auch diese Ortschaft lag in einem geschützten Revier und blieb bis 2014 für den Massentourismus verschlossen.

Seit den 1990er Jahren profitieren ausschließlich kleine Privathotels vom Geschäft mit Feriengästen am Baikal, aber in Maßen. Beliebter ist im Sommer das Zelten auf eigene Faust und in wilder Natur. Es sind Großstädter aus St. Petersburg, Moskau oder Nischni Nowgorod, ebenso Reisende aus dem Ausland, die einen Trip zum Baikal schätzen. Sie kommen aus der Mongolei, den Niederlanden und Frankreich. Und es kamen – bis zur Pandemie – pro Jahr Tausende von Chinesen. Seither haben die Corona-bedingten Einkommensverluste in dieser Gegend zu einem Einbruch im Tourismus geführt. Während im Jahr 2019 in der südlichen Zone des Baikal, der zur Republik Burjatien gehört, noch 400.000 Gäste gezählt wurden, waren es im Jahr darauf noch knapp 200.000.

Wenn die Region inzwischen wieder mehr Zuspruch findet, haben Charterflüge aus Moskau und St. Petersburg ihren Anteil daran. Große Gästehäuser allerdings müssen weiter entbehrt werden. Damit wird eine Art Gnadenfrist gewährt, denn der Baikal – wegen seiner Tiefe von zumeist 1.500 bis 1.600 Metern der größte Speicher von Süßwasser weltweit und vom Wasservolumen her größer als die Ostsee – wird schon jetzt durch Abwässer, Unrat und Plastikmüll schwer belastet. Mehr als zwei Millionen Touristen im Jahr werde das Gewässer niemals verkraften, mahnen Klimaforscher und Umweltschützer. Was die russische Regierung nicht weiter beeindruckt – sie will dieses einzigartige Naturreservoir auf jeden Fall für den Fremdenverkehr öffnen und Gäste gewinnen, die den Komfort lieben. Damit ist nicht allein an gut verdienende Russen gedacht. Westeuropäer, Südkoreaner, Japaner und Chinesen sind gleichfalls willkommen.

Im Dorf Turka angekommen, gehe ich zum Strand. Wellen treffen auf die Gestade. Vom See her weht ein scharfer Wind und reißt einem das Wort aus dem Mund. Ansonsten wirkt auch hier alles in sich versunken und unberührt. Man entdeckt keine Starkstromleitungen und keine Handy-Funkmasten, wie sie im Moskauer Umland allenthalben zu sehen sind. Wer will, kann die Magie des Sees auf sich einwirken lassen und die frische Brise genießen. Der Blick in die Ferne trifft auf die einige Kilometer entfernten hellen Felsen der Baikalinsel Olchon, die ein Wallfahrtsort für die Anhänger des in diesem Teil Russlands noch immer verbreiteten Schamanenkults ist.

Vor dem mehrstöckigen modernen Verwaltungsgebäude der Sonderwirtschaftszone in Turka treffe ich Alexej Togoschijew. Der junge Manager hatte im Jahr 2018 die Leitung der Wirtschaftszone übernommen. Für die Investoren sei der Boden bereitet, erklärt er. Die russische Regierung und die von Burjatien hätten bisher insgesamt 4.630 Milliarden Rubel (etwa 56 Millionen Euro) in die Infrastruktur von „Baikal-Hafen“ investiert. Und tatsächlich, wenn man sich umschaut, wird klar, dass alles auf Baufortschritte zu warten scheint.

Es gibt große Freiflächen, ein modernes Hafenbecken mit einem schönen neuen Leuchtturm. Alexej Togoschijew weist darauf hin, dass außerdem eine Kläranlage und ein störungsfreies Elektrizitätssystem eingerichtet worden seien. Zugleich verschweigt er nicht, dass seit der Gründung dieser Wirtschaftszone noch kein einziges Hotel, keiner der geplanten Gesundheits- und Veranstaltungsbauten entstanden sei.

Offenkundig war die von der Regionalregierung von 20 auf 15,5 Prozent gesenkte Gewinnsteuer für mögliche Investoren kein ausreichend starker Anreiz. Die Internetzeitung Arig Us spottet, das Projekt „Baikal-Hafen“ erinnere zusehends an ein „Bermudadreieck“. Hier würden zwar keine Flugzeuge verschwinden, aber Gelder des Staates, die verausgabt wurden, ohne dass etwas Greifbares entstanden sei. Inzwischen habe man sich gezwungen gesehen, von zwölf Investoren neun zu kündigen, erzählt der Manager. „Sie hatten alle den Status eines Residenten und Baugenehmigungen, aber keiner dachte daran, zu bauen.“ Über die Gründe kann Togoschijew nichts Genaues sagen. Er erwähnt nur, dass es chinesische Interessenten gebe, doch die wollten Bauland nicht wie vorgesehen pachten, sondern kaufen. Nur sei das nach der russischen Gesetzgebung derzeit kaum möglich. Jetzt sei man damit konfrontiert, dass Investoren, die den Status eines Residenten beanspruchten, sich weigerten, die Sonderwirtschaftszone wieder zu verlassen. „Diese Leute versuchten, ihre Anteile an andere zu verkaufen. Schließlich mussten wir sie regelrecht zwingen, der Region wieder den Rücken zu kehren.“ Man zog sogar vor Gericht, um zahlungsunwillige Investoren wieder loszuwerden. Togoschijew: „Es gab 43 Schiedsgerichtsverfahren, aber letzten Endes mussten nur neun Unternehmen definitiv abziehen.“

Ich frage nach den Gründen, die dazu führen, dass sich Finanziers so daran klammerten, bleiben zu können, wenn sie doch über Jahre hinweg nichts bauten. Geht es nur um Steuervorteile, von denen sie als Residenten profitieren? Togoschijew möchte sich dazu nicht äußern, also wende ich mich auf der Suche nach einer Antwort an Darina Cholchojewa, die Chefredakteurin des privaten burjatischen Internetportals Arig Us. Doch auch die weiß nichts Genaues und behilft sich mit Mutmaßungen. „Das ganze Vorhaben lief und läuft über die Regionalregierung in Ulan-Ude. Wahrscheinlich war da etwas nicht sauber.“ Zu meiner Frage, warum es in der Sonderwirtschaftszone immer noch keine Hotels gibt, meint Cholchojewa, das hänge vielleicht mit dem Wetter am Uferabschnitt „Baikal-Hafen“ zusammen. „Diese Stelle ist immer heftigen Stürmen ausgesetzt. Niemand von den Einheimischen käme auf die Idee, sich dort zum Sonnen an den Strand zu legen.“ Ja, es stimmt, dass der Baikal wegen seiner Größe warme und kältere Zonen hat, aber war das der Regierung in Moskau nicht bekannt, als sie sich für diesen Standort entschieden hat?

Bauen? – Keine Auskunft

Anfang Oktober 2021 gibt es endlich einen Hoffnungsschimmer. Das Moskauer Unternehmen Green Flow, spezialisiert auf Healing-Hotels (das sind Einrichtungen mit einem besonderen Wellnessangebot), erhält die Baugenehmigung für ein Vier-Sterne-Haus mit 180 Zimmern in Turka – Investitionssumme 1.570 Milliarden Rubel (19 Millionen Euro). Green Flow hat Erfahrung mit Hotelbauten in Russland. Es betreibt bereits ein vergleichbares Projekt für ein Ski-Zentrum im Großraum Sotschi. Weitere drei Firmen haben konkrete Baupläne vorgelegt, schreibt das Internetportal Arig Us, darunter sei das Unternehmen Baikal Ermitage, das eine Herberge für umgerechnet 237 Millionen Euro plant. Sogar ein Großinvestor mit südkoreanischen Anlegern wie Geo RBK macht von sich reden und hat immerhin sechs (!) Hotels mit 650 Zimmern in Erwägung gezogen. Nach meiner Recherche bleibt das Fazit: Der Sonderwirtschaftszone „Baikal-Hafen“ haftet Geheimnisvolles an, das man bei einem Lokaltermin von wenigen Tagen nicht entschlüsseln kann. Zumal die neue Geschäftsführung alles andere als auskunftsfreudig ist.

veröffentlicht in: der Freitag

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