19. June 2026

Darth Putin (Manova)

Collage mit Foto von Shutterstock.com (Victor Maschek, Stefano Buttafoco, Octavio Hoyos)
Foto: Collage mit Foto von Shutterstock.com (Victor Maschek, Stefano Buttafoco, Octavio Hoyos)

Freitag, 19. Juni 2026, 17:00 Uhr
~6 Minuten Lesezeit

Holger Neumann, Chef der deutschen Luftwaffe, droht Russland unter Verweis auf die „Star Wars“-Filme, in denen epische Schlachten zwischen Gut und Böse ausgefochten werden.

Der deutsche Luftwaffenchef Holger Neumann ist zum Einsatz gegen Russland schon „heute Nacht“ bereit. Gegenüber der britischen Zeitung Telegraf erklärte Neumann, die deutsche Luftwaffe sei bereit, militärische Ziele im Gebiet Kaliningrad, auf der Halbinsel Kola im Nordwesten Russlands, in St. Petersburg und am Schwarzen Meer zu bombardieren. Die Zeitung titelte: „Luftwaffe chief warns Russia: German ready to fight for Nato tonight“. Neumanns erklärtes Vorbild ist der Film-Sternenkrieger Luke Skywalker, der es ebenso wie er mit einer „dunklen Bedrohung“ aufgenommen hatte. Was hat es mit dieser Erklärung auf sich und wie reagierte das offizielle Russland auf die Worte von Neumann?

von Ulrich Heyden

Der Chef der deutschen Luftwaffe, Holger Neumann, präsentiert sich als ein zu Allem entschlossener Draufgänger. Im Interview mit dem Telegraf erklärte er, es gehe darum, „jeden Quadratzentimeter Nato-Territorium“ zu schützen. Aber stecken hinter diesen Worten auch persönlicher Erfolg und Erfahrungen? Oder erinnert das wortgewaltige Auftreten eher an eine bekannte Trampolin-Springerin, die Deutschland jetzt vor den Vereinten Nationen in New York blamierte? Kann man den Menschen in Deutschland einen Krieg gegen die Atommacht Russland mit Draufgängertum schmackhaft machen? Sind wir damit nicht schon 1945 komplett gescheitert?

Holger Neumann war in Afghanistan als Tornado-Pilot im Einsatz. Der Einsatz in Afghanistan war für den Westen kein Erfolg. Doch es scheint noch etwas anderes zu geben, was Neumann beseelt. Er hat ein Idol, das schon im Weltraum kämpfte. Wie deutsche Medien ausführlich berichteten, ist der deutsche Luftwaffenchef ein Fan von Luke Skywalker aus dem US-Film Star Wars (1977). Der kämpfte erfolgreich gegen das „diktatorische Imperium“ auf dem „Todesstern“.

Deutsche Medien berichteten, Neumann besitze ein großes Lego-Modell des Helms, den Luke Skywalker während seiner Mission zur Zerstörung des „Todessterns“ trug.

Reicht die Nachbildung eines Luke-Skywalker-Helms aus, um Pluspunkte bei jungen Leuten in Deutschland zu sammeln, Zweifel und Angst vor einem Krieg zu überwinden? Auf deutsche Kriegshelden aus dem Zweiten Weltkrieg, die für Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurden, und die schmissigen Marschlieder der Hitler-Wehrmacht will man heute nicht zurückgreifen. Das würde dem Kampf für „westliche Werte“ den Boden unter den Füßen weghauen.

Deutsche Luftwaffe angeblich schwach

Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, kommentierte die Äußerungen von Neumann mit nur einem Wort: „Nazi“ . Das ist nicht verwunderlich, denn Neumanns Äußerungen rufen bei den Russen alte Ängste wach. Das deutsche Wort „Luftwaffe“ kennt jeder Russe aus unendlich vielen Kriegsfilmen, genauso wie die Worte „Hände hoch“ oder „Ausweis“. Das Wort „Luftwaffe“ steht für die erbarmungslose Auslöschung von 1.700 Städten und Siedlungen sowie mehr als 70.000 Dörfern beim deutschen Feldzug gegen die Sowjetunion.

Der Vorsitzende des Duma-Komitees für Außenpolitik und Chef der russischen Liberaldemokraten, Leonid Sluzkij, erklärte Deutschland werde „auf die Faust des russischen Militärs“ stoßen. Deutschland ziehe die Nato in Richtung einer „nuklearen Apokalypse“.

Das auf politische Analysen spezialisierte Internetportal Vsglyad meinte, der Zustand der deutschen Luftwaffe erwecke, nach Analyse öffentlich zugänglicher Quellen, „Mitleid“. 2018 habe der damalige Inspekteur der Luftwaffe, General Ingo Gerhartz, auf einem Treffen mit Abgeordneten des Bundestages und der Rüstungsindustrie erklärt, die Luftwaffe sei de facto nicht einsatzfähig. Zahlreiche Flugzeuge würden nicht eingesetzt, weil Ersatzteile fehlen.

2017 sei in öffentlich zugänglichen deutschen Quellen berichtet worden, dass 39 von 128 Flugzeugen des Typs Eurofighter Typhoon und 26 von 93 Flugzeugen des Typs Panavia Tornado für Schulungszwecke und die militärische Verwendung „nicht einsatzfähig“ seien.

Selbst wenn Verteidigungsminister Boris Pistorius inzwischen Maßnahmen ergriffen habe, um die festgestellten Mängel zu beheben, sei klar, dass die deutsche Luftwaffe heute nicht in der Lage sei, die von Neumann genannten Ziele in Russland anzugreifen.

Selbst die amerikanischen Kampfflugzeuge vom Typ F 16 flögen in der Ukraine nur „im tiefen Hinterland“, wo sie Jagd auf Geran-Drohnen machten. Der Grund sei, dass die F16 „nicht die kleinste Chance“ habe gegen die russischen Luftabwehr-Systeme C 300, C 400 und Buk-M3. Auch für den Eurofighter Typhoon sei die russische Luftabwehr „sehr gefährlich“. Eine Gefahr für die deutschen Bomber seien auch die russischen Kampfflugzeuge Su-30 und Su-35, da sie mit weitreichenden Luft-Luft-Raketen vom Typ P-37 M ausgerüstet seien.

Die „aggressive Äußerung“ des deutschen Luftwaffen-Chefs hat nach Meinung des Portals Vsglyad „keine militärische“, sondern „eine politisch-psychologische Bedeutung“. Der Adressant dieser Äußerung seien die baltischen Staaten. Damit meint das Portal offenbar, dass die baltischen Staaten beruhigt werden sollen.

Was denken die Russen über ihre Armee?

Wie ordnen die einfachen Menschen in Russland Äußerungen wie die von Holger Neumann ein? Man muss wissen, dass der Stolz auf die Armee in Russland seit dem Zweiten Weltkrieg sehr ausgeprägt ist. Das gilt selbst für die 1990er Jahre, als sich die russische Armee aufgrund finanzieller Engpässe in einem sehr schlechten Zustand befand.

Auch Skandale in der Armee wie Korruption oder Fälle von Schindereien bei der Ausbildung von Wehrpflichtigen haben das Ansehen der Armee nicht trüben können. In den letzten 20 Jahren haben die russischen Streitkräfte bei Meinungsumfragen die höchsten Popularitätsraten, viel höher etwa als die politischen Parteien und das Parlament in Russland.

Der Stolz auf die Armee spiegelt sich auch in der russischen Kultur wider. Vielleicht sollte sich Luftwaffen-Chef Neumann vor seinem „fight tonight“ einmal den russischen Kino-Klassiker „Im Morgengrauen ist es noch still“ (A sori sdes tichije) angucken. Dieser Film erklärt Einiges über Russland, den Gemeinschaftsgeist von russischen Soldaten und deren Ausdauer, selbst in fast aussichtslosen Situationen zu kämpfen. Grund für Stolz gibt es in der russischen Militär-Geschichte mehr als genug.

Den Film „Im Morgengrauen ... “ kennen fast alle Russen über 40 auswendig. Er spielt 1942 in Karelien, im Nordwesten der Sowjetunion, also in der Region Russlands, auf die auch Luftwaffenchef Neumann – wegen der dortigen Militär-Basen und Hauptquartiere – ein Auge geworfen hat. Man kann den zweiteiligen Film auf Deutsch sehen, Dank des ostdeutschen Defa-Studios.

Worum geht es in dem Film genau? Ein Trupp von fünf jungen Frauen, die gerade von der Schule kommen und sich als Freiwillige an die Front gemeldet haben, sollen unter Leitung von Fedot Jewgrafowitsch, einem kriegserfahrenen Mann, deutsche Soldaten stoppen, die zu einer Eisenbahnlinie unterwegs sind.

Wer sind die fünf Schulabgängerinnen? Sonja ist eine Jüdin aus Kiew, Lisa kommt aus Sibirien, Schenja ist Tochter eines Generals, Galja ist in einem Heim aufgewachsen, Rita hat einen kleinen Sohn. Ihr Mann ist im Krieg gefallen.

Nach dem ersten Kontakt mit den Deutschen stellt sich heraus, dass die Eindringlinge mit 16 Mann in der Überzahl sind. Es kommt zu Schießereien. Zu töten, ist für die Frauen nicht einfach. Schenja muss sich übergeben, nachdem sie einen Deutschen von hinten mit dem Gewehrkolben erschlagen hat.

Kommandeur Fedot Jewgrafowitsch und die jungen Frauen kämpfen verzweifelt. Vier Frauen sterben im Schusswechsel mit den Deutschen. Lisa ertrinkt in einem Moor, nachdem sie von Fedot losgeschickt worden war, Verstärkung zu holen.

Tod und Angst stehen im krassen Gegensatz zu der schönen Gegend, in welcher der Film spielt, Heide, Felsen, Moor und Fichten. „Im Morgengrauen ...“ wurde in Schwarz-Weiß gedreht, offenbar um die Dramatik der Situation zu unterstreichen.

Herr Neumann sollte noch einmal nachdenken.

Ja, die deutsche Luftwaffe hatte im Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion einige „Erfolge“. Aber allein mit einem Luftkrieg lässt sich ein Krieg gegen das größte Land der Erde nicht gewinnen.

Um das zu verstehen, muss man sich mit Geschichte beschäftigen. Vielleicht nutzt Herr Neuman die Tage und Wochen vor dem Krieg gegen Russland nochmal zum vertieften Studium der strategischen Lage? Als Militär in Verantwortung für Untergebene sollte man mit Filmhelden aus dem Fantasy-Bereich noch nicht mal kokettieren und sich stattdessen mit historisch und militärisch relevanten Fakten beschäftigen.

Hier die Links zu dem Zweiteiler „Im Morgengrauen ist es noch still“:

Teil 1
Teil 2

veröffentlicht in: Manova

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