Deutsche Rentner in Russland als Objekt besonderer Kontrolle

4. Oktober 2026 Ulrich Heyden 30 Kommentare
Die Bundespresskonferenz am 28. September in Berlin war eine Enttäuschung für deutsche Rentner, die in Russland leben. Die Vertreter des Arbeitsministeriums und des Auswärtigen Amtes wollten inhaltlich nicht auf die Frage des Journalisten Florian Warweg (Ostdeutsche Allgemeine Zeitung) antworten, warum in Russland lebenden deutschen Rentnern seit Juni 2026 eine Gebühr von 200 Euro für „Geldwäsche-Kontrolle“ von der Rente abgezogen wird. Die Vertreter der Ministerien erklärten, man kenne weder den Bezieherkreis noch die Größenordnung des Problems. Zu den rechtlichen Fragen würden sie nicht spekulieren wollen. Sie würden aber gegebenenfalls etwas nachliefern. Was dann schriftlich vom Arbeitsministerium nachgereicht wurde, war nur ein einziger Satz. „Das BMAS kann die vorgetragene Behauptung nicht erklären, da die deutschen Renten an in Russland lebende Personen unverändert weiter ausgezahlt werden.“
So geht das nun schon seit Monaten. Staatliche Stellen in Deutschland mauern, wenn es um Auskünfte zu den Rentenkürzungen für Deutsche in Russland geht. Dabei geht es nicht um ein paar Einzelfälle. Nach den zuletzt erhobenen Zahlen leben in Russland 1.000 deutsche Rentner.[2]
Da ich als in Russland lebender Deutscher selbst seit Juni 2026 von der Rentenkürzung betroffen bin, war ich gezwungen, mich in das Thema einzuarbeiten. Das Bedrückende an der Angelegenheit sind für mich nicht nur die finanziellen Einbußen, sondern auch die Tatsache, dass ich die Gründe für die Rentenkürzungen durch langwierige E-Mail-Korrespondenzen erst selbst ermitteln musste. Noch nicht einmal eine Vorwarnung über die bevorstehende Rentenkürzung von dem für die Rentenauszahlung zuständigen Rentenservice der Deutschen Post hatte ich bekommen.
Auf der Website der deutschen Rentenversicherung habe ich keine Mitteilung über die Rentenkürzung gefunden. Man hat das Gefühl, das etwas verborgen werden soll. Merkwürdig, denn wenn Deutschen im Ausland ein Unglück zustößt, berichten deutsche Medien gewöhnlich darüber.
Ganz offensichtlich weichen die deutschen Behörden und Medien, bis auf wenige Ausnahmen, dem Thema aus, denn Rentner als Objekt besonderer Beobachtung und Misstrauen, dass lässt sich in der Öffentlichkeit schwer erklären. Das passt nicht zu dem Bild von Deutschland, das Russland – was Demokratie und Menschenrechte betrifft – überlegen ist.
Mitarbeiterin der Botschaft: „Sie können ja eine Beschwerde schreiben“
Auch die deutsche Botschaft, die auf ihrer Website zahlreiche Service-Tipps für Deutsche in Russland veröffentlicht, schweigt zum Thema Rentenkürzungen für Deutsche in Russland. Als ich bei der Botschaft telefonisch nachfragte, warum sie zu dem Thema keine Stellung nimmt, bekam ich die Antwort: „Sie können ja eine Beschwerde schreiben.“
Das Desinteresse der deutschen Botschaft in Moskau am Schicksal der deutschen Rentner in Russland steht in krassem Gegensatz zu sonstigen Anstrengungen, die deutschen Schäfchen in Russland beisammen zu halten. Seit den 1990er Jahren – damals befürchtete man eine Revanche der Kommunisten – wirbt die Deutsche Botschaft unter in Russland lebenden Deutschen immer wieder, sich für den Notfall einer schnellen Evakuierung in der elektronischen „Elefand-Liste“ einzutragen.
„Auf Anweisung einer anderen Bank“
Natürlich wollte ich wissen, welche Institution auf dem Weg nach Moskau die 200 Euro von meiner Rente abgezogen hat. Es begann ein zeitaufwendiger Briefwechsel mit Banken und dem Rentenservice in Deutschland.
Die Kundenabteilung der Raiffeisenbank International in Wien schrieb mir am 29. Juli: „In ihrem Fall handelt die Raiffeisenbank International im Auftrag einer anderen Bank.“ Aus rechtlichen Gründen könne man aber „keine Daten an Dritte weitergeben.“ Man empfahl mir „eine Zahlungsnachforschung bei Ihrer Absenderbank zu beauftragen.“
Zwei Tage später bekam ich von der der Raiffeisenbank in Wien eine weitere Mail, dieses Mal von der Beschwerde-Abteilung. Man empfahl mir, mich „direkt an die die Raiffeisenbank in Moskau“ zu wenden.
Das war eindeutig ein Ablenkungsmanöver. Denn die Raiffeisenbank in Moskau hatte mir bereits am 28. Juli einen Kontoauszug zugeschickt, aus dem schwarz auf weiß hervorging, dass die Raiffeisenbank International in Wien Ende Juni 200 Euro von meiner Rente abgezogen hat.
Am 12. August bekam ich eine weitere Mail von der Raiffeisenbank in Wien. In dieser Mail wurde mir das erste Mal bekannt gegeben, dass die Raiffeisenbank International 200 Euro von meiner Rente einbehalten hat. Und so lautete die Begründung: Die Russische Föderation und Weißrussland seien von der Europäischen Union als „Hochrisikoländer“ eingestuft worden. Alle Zahlungen in diese Länder bedürften „einer verschärften Prüfung, insbesondere in Hinblick auf Geldwäsche und Sanktionsumgehungen“. Um die „erhöhten Prüf- und Bearbeitungskosten bei solchen Zahlungen abzudecken“, erhebe die Raiffeisen Bank International seit dem 1. Januar 2026 eine Gebühr von 200 pro Zahlung.
Im Auftrag der Bundesbank?
Was in der dritten Mail der Raiffeisenbank jedoch nicht mehr auftaucht, ist der Satz, dass die Raiffeisenbank Wien „im Auftrag einer anderen Bank“ gehandelt hat. Diese „andere Bank“ ist vermutlich die Bundesbank. Denn diese Bank ist nach Recherchen von t-online für die Zahlung der deutschen Renten nach Russland zuständig.[4] Doch wie kommt es, dass die deutsche Bundesbank der Raiffeisen International Wien Anweisungen geben kann? Warum prüft die Bundesbank die Rentenzahlungen an deutsche Rentner nicht selbst auf „Geldwäsche und Sanktionsumgehung“?
Am 4. September antwortete mir schließlich auch der deutsche Rentenservice. In dem Schreiben heißt es: „Ihre Rentenzahlung wird von uns in voller Höhe des Betrages laut Rentenbescheid bzw. Rentenanpassungsmitteilung auf ihr Konto bei der AO Raiffeisenbank (Moskau) angewiesen. Die Anweisung ihrer Rentenzahlung wird von uns so veranlasst, dass die Überweisung der Rentzahlung bei dem erstbeauftragten Geldinstitut ohne Abzug von Gebühren erfolgt. Auf die Erhebung von Entgelten der an der Weiterleitung beteiligten Banken (…) haben wir leider keinen Einfluss“.
Hilfe von Experten ist gefragt
Mancher wird sich fragen, warum ich die Mails der Banken und des Rentenservice hier so ausführlich zitiere. Ich tue das deshalb, weil es sich um einen Präzedenzfall handelt und ich darauf hoffe, dass interessierte Juristen und Parlamentsabgeordnete untersuchen, ob die Rentenkürzungen für deutsche Rentner in Russland mit dem deutschen Grundgesetz und den Menschenrechten vereinbar sind. Von politischen Analysten wäre zu klären, ob die Prüfungen von Rentenzahlungen auf „Geldwäsche und Sanktionsumgehungen“ ein Versuch sind, deutschen Rentner in Russland das Leben schwer zu machen.
Die Rühr-Geschichte von t-online
Ein Rückblick. 2022 begann die EU russische Banken zu sanktionieren. Damals mussten Deutsche in Russland, die Konten bei russischen Banken hatten, nach neuen Wegen suchen, um ihr Rente zu bekommen. Damals gab es noch ein deutsches Mainstream-Medium, das ausführlich über die Auswirkungen der EU-Sanktionen auf deutsche Rentner berichtete. Das Internet-Magazin t-online veröffentlichte im Juni 2022 eine gefühlvolle Geschichte über Heiko F., einen Deutschen der seit 2015 in Russland lebt. Dieser habe am Telefon geseufzt und berichtet, dass er seine Rente aus Deutschland nicht mehr bekomme. Vermutlich falle seine Bank unter die von der EU sanktionierten Finanzinstitute. Die Rühr-Story trug den Titel: „Die Sanktionen gegen den Kreml treffen auch deutsche Staatsbürger“.
T-online berichtete, der deutsche Rentenservice habe Heiko F. in seiner Notlage an die Bundesbank verwiesen, die für die Überweisung zuständig sei. Doch von der Bundesbank habe der Rentner keine Auskunft erhalten, „wo seine Rente jetzt ist und wie er da rankomme. Die Bundesbank agiere nur als ´stiller Dienstleister´.“
Bis zum russischen Angriff auf die Ukraine habe Heiko F. keine Probleme gehabt. Doch jetzt sei der Deutsche verzweifelt. „Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn nicht bald meine Rente kommt.“ Heiko F., der seinen einen vollen Namen nicht veröffentlicht sehen wollte, bezieht eine Erwerbsunfähigkeitsrente, „kurz EU-Rente“, da er an der Lungenkrankheit COPD leide.
T-Online berichtete, Heiko F. wolle Russland verlassen, selbst wenn die Überweisung vom Rentenservice auf ein nichtsanktioniertes Konto in Russland doch noch klappen sollte. Denn die Probleme mit den Banken und die höheren Preise in Russland seien „erst der Anfang“.
Kein Mitleid mit Aussiedlern!
Die Botschaft des Artikels war eindeutig. In Russland seinen Lebensabend zu verbringen, das ist Unsinn. Schlagen sie sich diesen Gedanken aus dem Kopf! Mit Heiko F. kann man noch Mitleid haben, aber wer jetzt noch nach Russland übersiedeln will, tickt nicht richtig.
Die „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ und die „Nachdenkseiten“ sind bisher die einzigen deutschen Medien, die über die aktuellen Probleme der deutsche Rentner in Russland berichtet haben. Warum? Mitleid mit Personen, die freiwillig in das Land „unseres ewigen Feindes“ (Johann Wadephul) übergesiedelt sind, braucht Niemand im antirussischen Kartell.
veröffentlicht in: Overton-Magazin














