10. August 2018

"Dich hätten sie mit verbrennen sollen"

Oleg Musyka, der den Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa am 2. Mai 2014 überlebte, hat dem russischen Video-Kanal News-Front erzählt, wie er seit vier Jahren durch Deutschland und Europa tourt, um über seine Erlebnisse am 2. Mai 2014 im Gewerkschaftshaus von Odessa und die Entwicklungen in der Ukraine zu berichten.

Das Massaker vom 2. Mai 2014 mit offiziell 42 Toten und mehr als 200 Verletzten lässt Oleg einfach nicht los. Er will helfen, dass die Informationsblockade über die Ereignisse von damals durchbrochen wird. Und, so fragt er, wie kann es sein, dass alle Täter vom 2. Mai 2014 noch frei herumlaufen?

Oleg hat in Deutschland, der Schweiz, Italien, Dänemark und anderen Ländern schon über 100 Kundgebungen, Fotoausstellungen, Diskussionsveranstaltungen und Film-Festivals zum Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa mitorganisiert.

Bei den von Oleg organisierten Odessa-Mahnwachen vor dem Brandenburger Tor gäbe es viel Interesse, erzählt der Aktivist. Es gäbe aber auch sehr unschöne Ereignisse, so, wenn wieder einmal ein ukrainischer Nationalist - zu Gast in Berlin - ihm die Wort entgegenschleudert, "dich hätten sie mit verbrennen sollen."

Über seine Erlebnisse am 2. Mai 2014 und seine Aufklärungsarbeit in Europa hat Oleg jetzt auch - in Zusammenarbeit mit anderen Autoren - ein Buch in russischer und deutscher Sprache vorgelegt (Oleg Musyka, Saadi Isakow, Lilia Bersuch, Frank Schumann, "Odessa 2. Mai 2014 - vier Jahre später").

Oleg ist eine einzigartige Persönlichkeit. Man muss mit ihm nicht in Allem übereinstimmen. Dass die deutschen Medien diesen Mann aber komplett ignorieren, kann ich mir nur so erklären, dass er einfach nicht in das deutsche Ukraine-Bild passt. Seine harte Kritik an der Regierung in Kiew wird von Vielen als "nicht ausgewogen" und "Putin-nah" abgeurteilt. Doch zu den Fakten, die Oleg vorträgt, schweigen die Leute meist. Odessa sei einfach zu weit weg, die Lage dort verworren. Wie soll man da mitreden können?

So, scheint mir, denken Viele. Doch können wir es uns leisten als aufgeklärte Deutsche zu Odessa keine Meinung zu haben? Nein! Was werden wir unseren Kindern erzählen, wenn sie uns später einmal fragen, "und was habt ihr damals zum Massaker von Odessa gesagt?"

In dem Interview mit News-Front, welches leider nur auf Russisch vorliegt, berichtet Oleg, warum es in Odessa nicht mehr Widerstand gegen den ukrainischen Nationalismus gab und gibt. Der Grund sei die "Ideologie des Kühlschranks". Das heißt, so lange der Kühlschrank voll ist, wehrt man sich nicht.

Mir scheint es gibt noch weitere Gründe. Nationalismus und Russophobie in der Ukraine begannen sich schon seit 1991 mit Unterstützung westlicher Medien und Stifungen zu entwickeln. Russland war mit seinen eigenen Problemen beschäftigt und verlor die Ukraine aus den Augen. Diejenigen Ukrainer, welche sich der russischen Kultur zugehörig fühlten, gerieten schon vor 2014 unter Druck.

Ich kenne Oleg seit 2014. Er sagte einmal: Du bist der erste ausländische Journalist, der mich interviewte. Darauf bin ich ein bißchen stolz. Dass Oleg Musyka in Deutschland politisches Asyl bekommen hat, gibt mir die Hoffnung, dass Deutschland sich nicht völlig vom Massaker in Odessa abwendet.
Ich würde mir wünschen, dass Oleg in seiner neuen Heimat Deutschland noch bekannter wird und man ihm die Chance gibt, auch in deutschen Medien aufzutreten, die loyal zur Regierung in Kiew stehen.

veröffentlicht in meinem Blog in der Freitag-Community

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