5. Oktober 2012

Erinnerungen auf Packpapier

Wie ein Bergarbeitersohn aus dem Ruhrgebiet im Gulag Stalins Terror und den Krieg überlebte – und danach in die DDR ging.

Ein ausgemergelter Mann mit Wattejacke und Anzug steht im Eiswind des nordrussischen Kohlereviers Workuta. Lorenz Lochthofen ist nach langer Güterzugfahrt gerade angekommen, der Anzug seine einzige persönliche Habe. Den hatte ihm eine Geliebte geschenkt, noch daheim im Ruhrgebiet, als Tarnung für seine überstürzte Flucht über diverse Grenzen. Nun kommt er just aus der Wolga-Stadt Engels, wo er lebte, für die Zeitung der deutschen Minderheit schrieb – und in der Nacht des 22. Oktober 1937 verhaftet wurde.

Ursprünglich stammt Lorenz aus Dortmund. Dort hatte er eine kommunistische Jugendgruppe geleitet. Nach einem Konflikt mit der SA war er 1930 nach Moskau geflüchtet. Als in der Sowjetunion der „Große Terror“ gegen angebliche Trotzkisten und Agenten wütet, wird der Exilant einer von zwei Millionen Opfern dieser blutigen Repressionswelle, mit der Stalin das Land auf einen großen Krieg vorbereitete. Ein Krieg, der sich in Hitlers Eingreifen in den spanischen Bürgerkrieg 1936 bereits andeutete.

Lorenz wird wegen angeblicher trotzkistischer Tätigkeit fünf Jahre ins Arbeitslager Workuta verbannt. Lochthofens Lebensgeschichte erzählt nun sein Sohn Sergej, der von 1990 bis 2009 Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ war, in der packenden Erzählung „Schwarzes Eis“.

Schon die Vorgeschichte des Buches ist abenteuerlich: Nach seiner Übersiedlung in die DDR macht sich der 1953 noch in Workuta geborene Sergej auf Packpapier Notizen von den Erzählungen des Vaters und versteckt sie in der Literaturzeitschrift Novyj Mir, wo sie kein Schnüffler findet. Durch diese Aufzeichnungen bekam das Buch seine Gesprächs-Dialoge und genauen Orts- und Naturbeschreibungen.Der Leser ist dabei, wenn Lorenz kriminellen Häftlingen Karl-May-Geschichten erzählt – und dafür beim Essen als Erster drankommt – und bei Frost nach Lehm Schürfen muss.

Doch „Schwarzes Eis“ ist keine Leidensgeschichte. Wie ein roter Faden zieht sich der Selbstbehauptungswille des Bergarbeitersohns aus Dortmund durch das Buch. „Lorenz Lorenzowitsch“, wie die Russen ihn nennen, kennt nicht nur russische Sitten und Sprache, er kann auch auf Russisch fluchen. Und es gibt auch Momente des Glücks und des Lachens.

Mehrmals entgeht Lorenz nur knapp dem Tod. Solidarität unter den Gefangenen gab es selten. Jeder war mit dem eigenen Überleben beschäftigt. „Der kulturelle Humus war dünn“. Doch gegen die Russen hegt Lorenz keinen Hass. Dass Leute wie seinesgleichen in der Sowjetunion verhaftet werden, erklärte sich der Flüchtling aus Dortmund so: „Die Konterrevolution nistete längst im Kreml und hatte bald das Land fest im Griff.“

Dass „Gefühle zeigen“ schwach macht, lernt Lorenz im Gulag schnell. Der Stalin-Terror ist im Vergleich zu dem der Nazis „schlampig“. Man kann „zufällig“ erschossen werden, aber auch „zufällig“ überleben. Er überlebt, weil er einen kühlen Kopf behält und Glück hat. Einmal – der Zweite Weltkrieg hatte begonnen, deutsche Häftlinge waren in eigenen Baracken isoliert – verweigerten die Deutschen die Arbeit. Wegen der Tagesration von 300 Gramm Brot waren sie völlig entkräftet. Der jüdische Lagerarzt überredet den Kommandanten, die Arbeitsverweigerer nicht zu erschießen, denn sie seien durch die Schuld der korrupten Lagerleitung entkräftet. Als der Kommandant dann auch noch eine Baracke voller erfrorener Deutscher sieht, lässt er deren Sonderlager auflösen und die Lagerleitung erschießen.

Das Buch zeigt beeindruckend die Alltags-Realität der sowjetischen Gesellschaft, wovon die Ostdeutschen wussten, aber nicht reden durften, und die Westdeutschen in diesen Details nichts erfahren haben. In „Schwarzes Eis“ erfährt man viel über das innere Funktionieren der Sowjetunion, über das Gemisch aus Terror, Angst, Korruption, kommunistischen Idealen und gewöhnlichen Alltags-Sorgen einer Familie.

Lorenz’ Hoffnung auf einen menschlicheren Sozialismus im Osten Deutschlands wird bitter enttäuscht. Schon bei seiner ersten Begegnung mit dem SED-Funktionär, der für die Heimkehrer aus den sowjetischen Verbannungsorten zuständig ist, schlägt dem Verbannten Misstrauen entgegen. Der Funktionär verdächtigt den Heimgekehrten, er habe den Nazis für eine Propaganda-Broschüre über Workuta Informationen geliefert.

Anständigkeit gegenüber Mitmenschen, egal wo, zahlt sich aus. Das ist die Botschaft dieses Buches. Wer es bis zu Ende gelesen hat, wundert sich nicht, dass ein Mann vom Format eines „Lorenz Lorenzowitsch“ auch im Osten Deutschlands seine eigene Meinung hatte und sich durchzusetzen verstand.

Sergej Lochthofen: Schwarzes Eis – der Lebensroman meines Vaters. Rowohlt, 400S.,19,95Euro

Heute Abend um 20 Uhr stellt der Autor sein Buch im Dresdner Kulturhaus Loschwitz vor.

veröffentlicht in: Sächsische Zeitung

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