28. März 2019

Friedhof der Namenlosen

Sowjetische Kriegsgefangene auf dem Marsch zum Lager Oerbke Foto: Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten/Dokumentationsstelle Celle
Foto: Sowjetische Kriegsgefangene auf dem Marsch zum Lager Oerbke Foto: Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten/Dokumentationsstelle Celle

Vergessen Swetlana und Lena suchen nach Spuren ihres russischen Großvaters Sergej, der im Gefangenenlager von Oerbke ums Leben kam

Ein Tag im Spätwinter. Der Himmel über der Lüneburger Heide ist grau, es weht ein kühlfeuchter Wind, das Thermometer zeigte Minusgrade. „Bei diesem Wetter musste er unter freiem Himmel schlafen“, sagt Lena. Die Moskauerin meint ihren Großvater, Sergej Fedosejewitsch Schewtschenko, der am 24. Januar 1942 im Lager für sowjetische Kriegsgefangene beim niedersächsischen Dorf Oerbke starb. Ich bin mit Lena und ihrer Cousine Swetlana auf dem Weg zu diesem Ort. Mit der Reise nach Deutschland erfüllen sich die beiden Frauen einen langgehegten Wunsch, endlich den Ort ihres „Deduschka“ zu besuchen, an dem er starb.

Im Gegensatz zu Kriegsgefangenen aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden, die in einem Nachbarlager interniert waren, gab es für sowjetische Soldaten keine Baracken. Sie mussten in selbstgegrabenen Erdhöhlen schlafen. Die Ernährung war schlecht, schnell breiteten sich Fleckfieber und Typhus aus. Auf der Personalkarte des Lagers für Sergej Fedosejewitsch, die am 25. Oktober 1941 ausgestellt wurde, steht noch „gesund“. Die beiden Frauen wissen, ein Grab ihres Großvaters werden sie nicht finden. Aber sie möchten wenigstens einmal in der Nähe der Stelle sein, an der 14.000 tote Kriegsgefangene aus dem Lager Oerbke – genannt „Russenlager“ oder „Stalag XI D 321“ – in Massengräbern verscharrt wurden.

Anfang der 1960er Jahre wurden die Flächen eingeebnet und zu einem Park mit Rasen. Das habe dem Gärtner die Arbeit erleichtert und in die Zeit des Kalten Krieges gepasst, meint Egon Hilbich, pensionierter Lehrer der Oberschule in Bad Fallingbostel und Mitglied der Aktivisten-Gruppe „Weg des Erinnerns“. Seit zehn Jahren organisiert er am Volkstrauertag einen Marsch von Schülern zum einstigen Bestattungsort der sowjetischen Gefangenen. „Vom Bahnhof Bad Fallingbostel wurden die Gefangenen mit Peitschenschlägen die sechs Kilometer zum Lager getrieben,“ erzählt Hilbich. Woher er das mit den Peitschenschlägen wisse? „Das hat mir der Leiter des Posaunenchors erzählt. Der war damals 14 und lebte direkt am Bahnhof.“

Eine Papyrossa für das Grab

Mit Peter und Alla Wanninger, die als Freiwillige die Angehörigen von sowjetischen Kriegsgefangenen begleiten, fahren wir zu der Stelle, an der sich das Lager befand. Kurz vor einem kleinen Wäldchen halten wir. Links sieht man ein leicht ansteigendes Feld. Dort sei es gewesen, sagt Peter Wanninger. Wir schweigen, der Wind trägt den Lärm der Autobahn Hamburg-Hannover herüber. Lena geht schnellen Schrittes über das Feld. Sie hat keine klare Richtung und scheint etwas zu suchen. Swetlana folgt ihr, kniet nieder, gräbt mit dem Deckel eines Marmeladenglases ein Loch und füllt Erde in einen Plastikbeutel. Später erzählt sie, die Erde sei voller Steine gewesen. Sie habe sich Fingernägel abgebrochen. „Genau so war es wohl, als die Gefangenen hier lebten“, sagt Lena.

Das Feld war mit Stacheldraht zwischen Wachtürmen abgeriegelt. Wer sich der Absperrung näherte, auf den wurde sofort geschossen, meint die Historiker Vera Hilbich, die Akten eingesehen und Zeitzeugen aus den umliegenden Dörfern befragt hat. Niemand habe 1941/42 daran gedacht, für die Todgeweihten Baracken zu errichten. Russen galten als „minderwertige Rasse“. Die NS-Führung hatte im Sommer 1941 geglaubt, sie könne den Gegner schnell besiegen. Als das nicht gelang, entschied man sich, sowjetische Gefangene als Zwangsarbeiter einzusetzen. Hilbich hat herausgefunden, dass sich die einheimische Bevölkerung gegenüber den Deportierten eher schwankend verhielt. Es gab Neugier, Mitleid, Abscheu, Abwehr, Desinteresse. Sie erzählt von eine Dorfbewohnerin, die ihr berichtet habe, sie sei als junges Mädchen auf dem Weg zum Feld immer am Stalag XI D vorbeigekommen. „Wenn man da längs ging, war das einzige Wort, das man immer verstehen konnte ‚Hunger, Hunger, Hunger‘. Wir haben uns dann im Herbst mal ein paar Äpfel oder so etwas in die Taschen gesteckt und heimlich durch den Zaun geworfen – war ja verboten. Und die haben sich gefreut wie sonst was.“

Auf das große Feld, auf dem die Kriegsgefangenen einst vor sich hin vegetierten, schüttet Swetlana etwas auf eine vom Schnee gesäuberte Stelle. Wie sich herausstellt, handelt es sich um Erde vom Grab ihrer Großmutter Maria, die sie mitgebracht hat. Maria war die Ehefrau von Sergej Fedosejewitsch, der sich zur Front meldete, als Maria 22 Jahre alt war. Das Ehepaar hatte zwei Kinder. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 erfuhr Maria nicht, dass ihr Mann in Deutschland starb. Maria sei eine schöne Frau mit langen, hellbraunen Haare gewesen, sagt Swetlana, nach dem Krieg habe es für sie keine Liebesbeziehung mehr zu einem Mann gegeben.

Wir gehen weiter durch ein kleines Wäldchen zum „Friedhof der Namenlosen“. Peter Wanninger hat vorgesorgt. Unter einer in den 1960er Jahren aufgestellten Skulptur stellte er zwei Gläschen auf einen Steinsims und füllt sie mit Wodka. Auf die Gläser legte er eine Scheibe Schwarzbrot und eine Papyrossa-Zigarette: So gedenken die Russen ihrer toten Soldaten. Dass Peter diese Tradition kennt, berührt die beiden Frauen. Später erzählt Swetlana, sie habe gefühlt, dass die Angst der Gefangenen, ihr Gefühl der Ausweglosigkeit immer noch über diesem Feld gestanden hätten. „Eigentlich eine schöne Gegend, trotzdem spürte ich diese Angst.“ Ich frage, ob sie in diesem Augenblick mit einem Gefühl des Hasses an die Deutschen gedacht habe. „Nein, mir kamen nur die Tränen. Das war alles.“ Ihre Cousine Lena meint, sie habe den Großvater, den sie nur aus Erzählungen der Großmutter kannte, auf dem Gelände des ehemaligen Lagers „als Menschen gespürt“.

Unser Weg führt auch zur Oberschule von Bad Fallingbostel. Schulleiter Andreas Dzionsko schildert die Gedenkaktion „Weg der Erinnerung“, bei der am Volkstrauertag Schüler selbstgefertigte Tontafeln mit den Namen toter Sowjetsoldaten zum „Friedhof der Namenlosen“ gebracht hätten. „Auf diese authentische Art und Weise bekommen sie einen Eindruck von dem, was damals passiert ist.“ Die pensionierte Pädagogin Annemarie Vorwerk sagt, dass sich die Schüler „anhand der Lager-Personalkarte mit dem Schicksal dieses Menschen beschäftigen, für den sie die Tafel herstellen. Man weiß, wie alt ist er geworden, wo kam er her, wie lange war er unterwegs.“

Erdhöhlen als Unterkunft

Fotos: Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten/Dokumentationsstelle Celle

Die Personalkarten der sowjetischen Gefangenen aus dem Lager Oerbke wurden 1945 von der Roten Armee in ein südlich von Moskau gelegenes Archiv gebracht und lange unter Verschluss gehalten. Erst um das Jahr 2000 herum richtete das russische Verteidigungsministerium mit Hilfe deutscher Historiker eine Datenbank ein und stellte die Dokumente der Gefangenen ins Internet. So fanden Lena und Swetlana vor anderthalb Jahren den Hinweis auf ihren Großvater.

Als wir die Schule verlassen, hören wir das Wummern von Geschützen. Das Dorf Oerbke und der Friedhof der Kriegsgefangenen liegen am Rand des Manövergeländes Bergen, einem der größten Übungsplätze Westeuropas für Panzer und Drohnen. Bei einem Besuch im Rathaus von Oerbke hält Bezirksvorsteher Andreas Ege einen kleinen Vortrag über die Geschichte des 1936 eingerichteten Militärgeländes. Ege erwähnt, „auf dem Gelände wurde der Überfall auf Russland geübt.“ 1945 dann sei alles von britischen Truppen übernommen worden – bis 2015, da zogen sie ab. Danach wurden Geflüchtete aus Syrien in den Kasernen einquartiert. Derzeit werde der Übungsplatz „von der Bundeswehr, Belgiern und Holländern genutzt“, so Ege. Demnächst erwarte man für eine Übung 5.000 US-Soldaten, erklärt der Bezirksvorsteher sichtlich ohne Begeisterung. „Wir sind Spielball der Weltgeschichte.“

Töten durch Unterernährung

Bis in die 1980er Jahre hinein versuchte man in Bad Fallingbostel, die Schrecken des Kriegsgefangenenlagers zu verdrängen und herunterzuspielen. Wenn der Leidensort überhaupt in offiziellen Stellungnahmen auftauchte, dann hieß es, dort seien Gefangene „an Fleckfieber verstorben“. Es wurde konsequent vermieden, das gezielte Töten durch Unterernährung zu erwähnen. Der damalige Oberkreisdirektor bestellte Kreisjugendpfleger Wolfgang Dobbrick ein, nachdem dieser Jugendliche aufgefordert hatte, nach Spuren von Kriegsgefangenen zu suchen und die Geschichte des Friedhofs zu erforschen. Niemand werde mehr in der Gegend Urlaub machen, würden die Ergebnisse der Forschungen öffentlich. Nach Auschwitz fahre ja auch niemand in Urlaub.

Da konnte es nicht weiter verwundern, dass die Verantwortlichen der Stadt Bad Fallingbostel ein Versprechen brachen, das sie am 3. Juli 1945 bei der Einweihung des von der sowjetischen Militärmission gestalteten Friedhofs bei Oerbke gegeben hatten, nämlich den Friedhof mit dem sowjetische Denkmal zu bewahren und in Ehren zu halten. Tatsächlich ließ man das Areal verwildern. Die Behörden schoben sich gegenseitig die Verantwortung für die Grabpflege zu. 1964 fiel das sowjetische Denkmal dem Abriss zum Opfer, angeblich wegen Baufälligkeit. Kurze Zeit später wurde eine neue, zehn Meter hohe Beton-Skulptur auf dem Friedhof aufgestellt. Architekt des Monuments, das keine erkennbare Aussage hatte, war Klaus Seelenmeyer, im Zweiten Weltkrieg als Jagdflieger schwer verwundet und Schöpfer zweier Fliegerehrenmale für das Kampfgeschwader 26 der deutschen Luftwaffe. Einen Architekten mit humanistisch-antifaschistischer Gesinnung wollte man in Oerbke offenkundig nicht mit einem Gestaltungsauftrag bedenken.

Mit dem sowjetischen Denkmal verschwand auch dessen Inschrift. Bis 1964 hatte man die Worte lesen können: „Ihr seid umgekommen, aber wir lebenden Zeugen werden unser ganzes Leben lang an die Folter der Henker erinnern und unserem großen Volk über den Zorn der von den Faschisten gequälten Menschen berichten.“ Am Fundament des auf Seelenmeyer zurückgehenden Denkmals gibt es nun eine Inschrift, die kaum mehr erahnen lässt, welche Gräuel sich im Lager XI D 321 abgespielt haben, und welche Ideologie dafür zuständig war. Jetzt heißt es auf einer Bronzeplatte: „Zum Gedenken an die vielen tausend sowjetischen Soldaten, die in der Kriegsgefangenschaft starben.“

Jahrzehntelang wollte man in Oerbke lieber nicht mit der ganzen Wahrheit konfrontiert sein. Als der DGB-Kreisverband am 8. Mai 1985 auf dem „Friedhof der Namenlosen“ zu einem Gedenkmeeting aufrufen wollte, gab es dafür keine Erlaubnis. Begründet wurde dies mit einem Manöver der Bundeswehr, welches angeblich an diesem Tag in der Gegend stattfand. Erst 1996 tauchte das Kriegsgefangenenlager in einer öffentlichen Chronik von Bad Fallingbostel auf. Es sei hilfreich für das Geschichtsbewusstsein gewesen – so der Lehrer Egon Hilbich –, „dass damals viele junge Lehrer kamen, die keine Einheimischen waren und deshalb die Versuchung nicht kannten, eigener Geschichte aus dem Weg zu gehen.“

Trotz alledem: Lena und Swetlana, die beiden Moskauerinnen, werden beeindruckt in ihre Heimat zurückkehren. An ihre Verwandten schreibt Lena: „Die Deutschen stellen das Andenken an Unsere wieder her und schützen es. Sie folgen dem Ruf ihres Herzens. Sie erzählen es ihren Kindern. Und – Entschuldigung – sie schützen es, wie es bei uns nicht immer geschützt wird ...“

Ulrich Heyden

Info

Mehr dazu: Der Friedhof der Namenlosen in Oerbke. Lokale Erinnerung und Auseinandersetzung nach Kriegsende Vera Hilbich Wallstein-Verlag, Göttingen 2017

veröffentlich in der Freitag

 

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