22. März 2006

Frieren für die eigenen Überzeugungen

 
Weißrussland. Im Zentrum von Minsk schlagen Demonstranten eine Zeltstadt auf.

Die Opposition in Minsk fasst von Tag zu Tag mehr Mut. In der Nacht auf Dienstag begann eine unbefristete Kundgebung auf dem Oktober-Platz im Zentrum der Stadt. Es wurden 15 Zelte aufgestellt und trotz Minustemperaturen um die zehn Grad harrten hunderte Jugendliche bis zum Morgen auf dem Platz aus. Gestern protestierten mehrere Hundert Menschen auf dem Oktober-Platz für die Wiederholung der Präsidentschaftswahlen.

Verflogene Ängste

Am Sonntag hatten die Anhänger der beiden Oppositionsführer Alexander Milinkewitsch und Alexander Kosulin noch Angst gehabt, sich im Stadtzentrum zu versammeln. Doch trotz des Demonstrationsverbots hielt sich die Polizei zurück. Am Montagabend rief Milinkewitsch vor dem Gewerkschaftshaus auf dem Oktober-Platz seine Anhänger auf, „bis zum Ende durchzuhalten". Er bat um Tee für die Demonstranten. Die etwa 5 000 Demonstranten schwenkten ihre weiß-roten Fahnen und riefen in Sprechchören immer wieder „Schywe Belarus", „Lang lebe Weißrussland".

Um die Zelte bildete sich eine Menschenkette, Gitarren wurden ausgepackt, Lieder gesungen und heißer Tee ausgeschenkt. Aus der Nachbarschaft brachten Bürger Brote und Süßigkeiten. Viele Demonstranten sind der Meinung, die Macht habe die Präsidentschaftswahlen extra um ein halbes Jahr vorverlegt. Protestaktionen sind im Winter schwer zu organisieren. Die Organisatoren halten die Menschen mit zündenden Reden, weißrussicher Rock- und Punkmusik sowie mit Live-Nachrichten von Radio Liberty bei Stimmung. „Die Wahlen in Weißrussland wurden von der ganzen freien Welt nicht anerkannt", fasst einer der Organisatoren die Radio-Nachrichten unter Jubel zusammen.

Die staatlichen Medien sind den Demonstranten nicht besonders wohlgesonnen. Schon jetzt berichtet das weißrussische Fernsehen über betrunkene und bezahlte Protestierer. In der Nacht zum Dienstag wurden am Rande des Platzes und in der weiteren Umgebung 20 Kundgebungsteilnehmer festgenommen. Auf dem Nachhauseweg wurden zudem vier Mitglieder des Milinkewitsch-Wahlkampfstabes verhaftet, darunter der Vorsitzende der „Vereinigten Bürgerpartei", Anatoli Lebedko. Nach anderen Angaben aus Oppositionskreisen soll die Zahl der Festnahmen bei 100 Personen liegen. Als Grund wird die Teilnahme an einer unerlaubten Kundgebung genannt.

Es wäre allerdings falsch und überzogen, die Aktionen in Minsk mit der orangenen Revolution in Kiew zu vergleichen. Die Opposition in Weißrussland ist viel schwächer und die Unterdrückung nichtkonformer Meinungen deutlich stärker als in der Ukraine vor der orangenen Revolution. Selbst wenn die Opposition jetzt eine Wiederholung der Wahlen fordert und damit ein kaum erreichbares Ziel deklariert, ist sie mit sich selbst schon ganz zufrieden. Das erste Mal nach Jahren gelang es, die Straße als Ort des Protestes zurückzuerobern.

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