27. Dezember 2007

Kronprinz Medwedew feiert erstmals im Kreml

Russland geht ab Silvester zehn Tage in kollektive Neujahrs-Ferien.

Es liegt etwas Schnee in Moskau und es gibt leichten Frost. Der 24., 25. und 26. waren normale Arbeitstage. Die Russen kauften Geschenke. Die Stadt steht voller bunter Tannenbäume, doch die große Feier startet erst Silvester. Im Kühlschrank steht „Sowjetskoje Champanskoje“ kalt, die Sekt-Traditionsmarke. Weihnachten feiern die Russen erst am 7. Januar – denn für die russisch-orthodoxe Kirche gilt noch der alte, julianische Kalender.

Ab Silvester verschwindet ganz Russland für zehn Tage in den Neujahrsferien. Zeitungen erscheinen nicht, die Regierung ist im Urlaub. Großstädter, die es sich leisten können, fahren zum Ski-Fahren nach Österreich oder zum Schnorcheln ans Rote Meer. Und Millionen russischer Kinder fiebern in diesen Tagen dem „Jolka“-Fest entgegen. Die „Jolka“ (zu deutsch Tannenbaum) ist seit der Oktoberrevolution Symbol des Silvester-Festes.

Der russische Weihnachtsmann „Djed Moros“ (Väterchen Frost) tritt immer zusammen mit seiner Enkelin, „Snegurotschka“ (Schneeflöckchen) auf. Patrioten bemängeln, „Väterchen Frost“ habe sein originales Kostüm, einen blauen Mantel und eine Pelzmütze ohne langen Zipfel, ausgetauscht. Man sehe nur noch „Santa Claus“ aus Amerika, mit „kurzer Jacke, Clowns-Mütze und listigem Grinsen“, ereiferte sich das Massenblatt „Komsomolskaja Prawda“. Neuerdings preisen Moskauer Agenturen „Väterchen Frost“ und „Schneeflöckchen“ auch als Strip-Paar für das Fest der besonderen Art an. Eine halbe Stunde für 70 Euro.

Das größte Jolka-Fest Russlands fand gestern im Kreml-Kongresspalast statt – einst Ort der KPdSU-Parteitage. 5000 Kinder hatte man in Sonderzügen aus dem ganzen Land nach Moskau gebracht, eine Tradition, die ebenfalls noch aus Sowjetzeiten stammt. Vizeministerpräsident Dmitri Medwedew, umringt von einer Kinderschar in Kostümen russischer und nichtrussischer Völker, eröffnete die Feier.

Er habe sich als Kind nichts sehnlicher gewünscht, als im Kreml auf einem Jolka-Fest dabei zu sein, erzählte Professoren-Sohn Medwedew, der wahrscheinlich Russlands neuer Präsident wird. „Aber man hat mich nicht eingeladen.“

Als „Begleitmusik“ wurde die fünfte Legislaturperiode der Duma vom kommunistischen Alterspräsidenten Schores Alferow eröffnet. Der Physiker dozierte auf dem Podium am Beispiel eines Champagner-Glases über die ungerechte Einkommensverteilung „auf der Welt“. Der obere Teil des Glases symbolisiere die Reichen, der untere Teil die Armen. Um das Problem zu lösen, müsse man – so Alferow – das Glas zerschlagen. Allzu freche Gesten liegen dem Wissenschaftler nicht. So steckte er das Glas in eine Plastiktüte und zerschlug es auf dem Podium. Das staatliche Fernsehen zeigte alles – außer den Scherben.

"Sächsische Zeitung"

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