18. April 2022

»Lass im Dorf die Ziehharmonika klingen!« (Junge Welt)

Ulrich Heyden
Foto: Ulrich Heyden

Als ich Ende März das Angebot von der Presseabteilung des russischen Verteidigungsministeriums bekam, mich an einer Journalistenreise in den Donbass zu beteiligen, habe ich nicht lange gezögert und zugesagt. In kurzer Zeit ohne langen Organisationsaufwand einen Einblick in die Folgen des Krieges zu bekommen, war für mich verlockend. Ich mache Reisen in die international nicht anerkannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk in der Regel auf eigene Faust, um dort nur an bestimmten Tagen an Frontexkursionen bei den Truppen der »Volksrepubliken« teilzunehmen. Denn natürlich ist es wichtig, auf einer Reise auch Menschen auf der Straße zu befragen. Nur so wird das Bild wirklich rund. Ich schicke diese Worte voran, damit der Leser Bescheid weiß, unter welchen Umständen folgende Reportage zustande gekommen ist.

Es herrscht schönes Sonnenwetter, als wir in Gorlowka ankommen. Am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Frühlingsgefühle kommen aber nicht auf. Zu angespannt ist die Situation. Unser weißer Journalistenbus parkt nicht weit von der Schule Nr. 50. Sie befindet sich in der Marschall-Sokolowski-Straße in einem Wohngebiet im Nordosten der Stadt.

Gorlowka hat 244.000 Einwohner. Die Stadt liegt an der »Kontaktlinie«, die seit 2014 faktisch eine Frontlinie ist. Seit dieser Zeit wird sie regelmäßig von der ukrainischen Artillerie beschossen. Also ziehen wir Journalisten vor dem Abmarsch zur Schule unsere schusssicheren Westen an und setzen Schutzhelme auf. Vor dem zweistöckigen Schulgebäude aus hellem Stein fällt mein Auge auf einen großen Berg geborstenen Fensterglases. Daneben stehen, schräg an die Außenwand gelehnt, sauber zugeschnittene neue Glasscheiben. Die Schule hat 396 Schüler, doch kein einziger ist zu sehen. Wie ich später erfahre, erhalten die Schüler seit dem 23. Februar 2022 Unterricht auf Distanz.

Am Eingang der Schule empfängt uns die Leiterin der Schulausbildung in Gorlowka, Maria Janoschewna, eine untersetzte blonde Frau mittleren Alters in einem schwarz-weißen Kunstpelz. Janoschewna macht einen niedergeschlagenen Eindruck. Sie redet mit eindringlicher Stimme: »Am 25. Februar zeigte sich das ganze Wesen des ukrainischen Faschismus.« Die Schule wurde von einem ukrainischen Geschoss getroffen, das schwere Schäden anrichtete. Zwei Lehrerinnen starben. Schüler waren während des Beschusses nicht in der Schule.

Janoschewna führt uns eiligen Schrittes durch das Schulgebäude. Wir gehen vorbei an meterhohen Grüngewächsen und erreichen schließlich den Schulhof. In den schwarzen Asphalt haben Geschosssplitter Löcher gerissen, eine kleine Zementmischmaschine dreht sich, ein Arbeiter, auf einem Gerüst stehend, ist damit zugange, ein Loch am Flachdach des Sport­saals mit weißen Mauersteinen zu schließen, ein anderer, die Fenster des Sportsaales neu zu verglasen.

»Hier gibt es keine militärischen Ziele«

»Es passierte am 25. Februar um zehn Uhr 30 vormittags«, erklärt Schulleiter Sergej But, der sich ebenfalls auf dem Schulhof eingefunden hat. Das war also einen Tag nach dem Beginn der russischen »Spezialoperation«, schießt es mir durch den Kopf. Ungewöhnlich sei, so der Schulleiter, dass das Geschoss ohne Geräusch anflog. Normalerweise näherten sich die Geschosse der Ukraine mit einem Pfeifgeräusch. Es gebe das Gerücht, dass es ein polnisches war.

Das Geschoss »streifte das Dach des Sportsaales der Schule und schlug dann dort ein«. Janoschewna zeigt auf eines der Lehrerzimmer im Erdgeschoss des Schulgebäudes. Dann fügt sie mit entschiedener Stimme hinzu: »Damit alle es verstehen. In diesem Bezirk gibt es keine Militärs. Das ist ein Wohnbezirk. In diesem Bezirk befinden sich vier Schulen. In allen Zimmern unserer Schule wurden die Fensterscheiben zerstört. Dank russischer Bürger können wir jetzt die Fenster und das Mauerwerk wiederherstellen.« Wären Kinder in der Schule gewesen, dann hätte das katastrophale Folgen gehabt. Die Druckwelle und die zersplitterten Fensterscheiben hätten etliche verletzt.

Zwei Lehrerinnen, die im Erdgeschoss der Schule in einem Bürozimmer arbeiteten, wurden durch die Splitter des Geschosses getötet. Die Granate durchbohrte noch die Wand zum Korridor. Dort steht jetzt direkt neben dem Loch ein Tisch mit einer Vase, Rosen und zwei Porträtbildern der getöteten Lehrerinnen. Die Toten waren die pädagogische Leiterin und stellvertretende Schulleiterin, die 45 Jahre alte Jelena Viktorowna, und die 53 Jahre alte Geographielehrerin Jelena Pawlowna.

»Als die Tragödie passierte, war ich in meinem Bürozimmer. Alles spielte sich vor meinen Augen ab«, erzählt der Schulleiter. Sergej But ist ein Mann von beachtlicher Statur. Er hat breite Schultern, doch er spricht so bedrückt, als sei das Unglück gerade erst passiert. Wie er sich jetzt fühle, frage ich den Schulleiter. »Ich kann mich bis heute nicht beruhigen. Meine Kolleginnen starben. Man sagte mir, dass die beiden Frauen sofort gestorben sind. Als ich in das Bürozimmer trat, saß Jelena mit gesenktem Kopf auf ihrem Stuhl. Die Geographielehrerin lag auf dem Boden.« Der Schulleiter berichtet, dass nach dem Beschuss der Schule Nr. 50 sofort Privatleute aus den südrussischen Städten Krasnodar und Rostow am Don angerufen und angeboten haben, die Kinder der getöteten Lehrerinnen zu adoptieren. Zum Glück habe der Sohn von Jelena Viktorowna Verwandte. Der ältere Bruder von Jelena habe gerade einen Antrag auf Adoption des Sohnes eingereicht.

Ich frage den Schulleiter, ob er nicht daran denke, die Stadt zu verlassen. Viele Einwohner von Gorlowka seien ja schon evakuiert worden. Er antwortete: »Nein, ich kann meine Schule nicht im Stich lassen. Ich arbeite in dieser Schule seit 1999. Mein ganzes Leben ist mit dieser Schule verbunden. Ich bin Lehrer für Geschichte und Gesellschaftskunde. Ich habe das Pädagogische Institut von Lugansk absolviert.«

Wie der stellvertretende Bürgermeister von Gorlowka, Pawel Kalinitschenko, nach der Schulbesichtigung im Gespräch mit uns Journalisten erklärte, hätten die Beschießungen der Stadt durch die »nationalistischen ukrainischen Streitkräfte« seit dem 24. Februar 2022 zugenommen. Keine einzige der 50 Schulen und Kindergärten in der Stadt Gorlowka sei im Laufe der letzten acht Jahre von den Beschießungen verschont geblieben.

»Fast alle Jugendlichen sind weg«

Wir fahren weiter in Richtung Nordosten und erreichen das nördlich der Volksrepublik Lugansk (LNR) gelegene Gebiet, das die Truppen der LNR seit dem 24. Februar 2022 erobert haben. Wiesen und kleine Wäldchen prägen das Land, von landwirtschaftlicher Tätigkeit ist hier nichts zu sehen. Kein Wunder, denn dieses Gebiet nördlich der »Kontaktlinie« war seit 2014 Kriegsgebiet. Hier flogen ukrainische Drohnen. Hier wurde scharf geschossen. Nördlich der Kontaktlinie hatten sich ukrainische Bataillone eingebunkert, südlich der Kontaktlinie die Truppen der LNR.

Schließlich erreichen wir 20 Kilometer nördlich der Kontaktlinie das Dorf Trochisbenka. Das Dorf wurde am 27. Februar 2022 von Truppen der Volksrepublik Lugansk mit russischer Artillerieunterstützung erobert. In Trochisbenka lebten zu Sowjetzeiten 3.000 Menschen. Es gab eine große Sowchose, also einen staatlichen landwirtschaftlichen Betrieb. Der arbeitete noch bis 2002 weiter. Dann machte er zu. Die Menschen wurden arbeitslos. Die Jugend wanderte ab nach Lugansk und andere Städte in der gleichnamigen Volksrepublik oder nach Russland.

Autor Ulrich Heyden vor dem Krankenhaus in Wolnowacha am 26. Mär

privat, Autor Ulrich Heyden vor dem Krankenhaus in Wolnowacha am 26. März

In die Ukraine gingen nur wenige, erzählt mir Natalja Afonina. Die 64 Jahre alte Frau, die 25 Jahre als Krankenschwester gearbeitet hat, lerne ich im Dorf kennen, als sie für humanitäre Hilfe ansteht. Sie trägt einen braunen Wintermantel aus Synthetik mit aufgesetztem Pelz und ein buntes russisches Kopftuch. Wegen einer Krebserkrankung habe sie zwei Jahre in Lugansk gelebt und die Eroberung des Dorfes durch LNR-Truppen nicht miterlebt, erzählt Natalja. Ihr Mann sei während der acht Jahre Krieg an einem Infarkt gestorben.

Wie die Dorfbewohner auf den Machtwechsel im Dorf reagiert haben, frage ich Natalja. Sie lächelt und sagt: »Mit Hurra, hurra, hurra! Es lebe Russland, es lebe Putin, es lebe die Armee der Befreiung!« Weil ich wohl erstaunt gucke, fügt sie hinzu: »Ich bin überhaupt nicht gegen die Ukraine. Aber ich bin gegen die Politik der ukrainischen Regierung. Bei uns lebten Tataren, ein Vietnamese, ein Usbeke. Wir lebten brüderlich. Wir waren immer gastfreundlich. Ich bin Russin, und wenn der ukrainische Soldat mir sagt, deine Erde ist besetzt, was sagst du dann?« Im Dorf Trochisbenka lebe sie seit ihrer Kindheit. »Abscheulich« sei das Verhalten der ukrainischen Armee gegenüber den Dorfbewohnern gewesen. »Ich fragte die ukrainischen Soldaten, warum seid ihr hergekommen? Sie antworteten, um unsere Erde zu verteidigen. Ich sagte, und wo ist meine Erde? Sie antworteten: vor dem Tor. Sie sagten, fahren Sie nach Russland. Ich sagte, meine Vorfahren leben seit 200 Jahren hier, wo soll ich hin?

Ich frage Natalja, ob die Leitung des Dorfes noch im Amt ist. Nein, die sei nach dem Einmarsch der LNR-Truppen ausgewechselt worden, und das sei auch gut so, denn die alte Leitung habe nicht sauber gearbeitet. Natalja erinnert sich, wie vor acht Jahren alles anfing. Das Dorf wurde von ukrainischen Flugzeugen bombardiert und am 10. Juli 2014 von ukrainischen Truppen eingenommen. Als die ukrainischen Soldaten dann ihre Stellungen in die Erde gruben, hätten sie eine Gasleitung zerstört. »Seitdem haben wir kein Gas mehr und müssen Holz kaufen und mit Öfen heizen.« Das Leben im Dorf sei schwer geworden. Immerhin haben viele Dorfbewohner eigene Wirtschaften mit Tieren und Gemüseanbau und konnten sich so etwas Geld verdienen.

Natalja wirkt lebendig und optimistisch, obwohl sie es überhaupt nicht einfach hat. Sie lebt bei einer Nachbarin, weil die Fenster ihres Hauses in den letzten Kriegstagen zerstört wurden. Die ehemalige Krankenschwester hat drei erwachsene Kinder. Zwei von ihnen leben in Russland, eine Tochter in Lugansk. Deren Mann diene jetzt bei den Truppen der LNR. Ob sie Angst um den Schwiegersohn habe? Nataljas Gesicht wird ernst. Sie antwortet mit einem trockenen »Ja«.

Brot, Wasser und Konserven

In der Mitte des Dorfes steht ein Denkmal für Kondrati Bulawin, ein russischer Kosakenführer, der 1707 einen Kosaken- und Bauernaufstand gegen die Truppen des russischen Zaren Peter des Großen anführte. Das Denkmal wurde 1998 aufgestellt. Offenbar war es ein Beitrag der Kiewer Regierung, um die Bevölkerung an die Zeit zu erinnern, als sich Kosaken und Bauern gegen Moskau erhoben. Solche geschichtlichen Episoden passen gut in die von Kiew seit 1991 betriebene Politik der »Ukrainisierung« in den russlandfreundlichen Gebieten der südöstlichen Ukraine.

Jetzt verteilen russische Soldaten und Soldatinnen direkt vor dem Denkmal aus dunkelgrünen Militär-Lkws mit dem weißen Buchstaben Z humanitäre Hilfe. Dorfeinwohner mittleren und höheren Alters stehen vor den Ausgabetischen. Es geht alles diszipliniert zu. Nach dem Erhalt der Lebensmittel ordnen die Leute die erhaltenen Lebensmittel und stehen in Gruppen zusammen. Eine Frau zeigt mir stolz den Inhalt ihrer Tüte, Brot, Wasser und Konserven. »Ich bin sehr dankbar«, sagt sie.

Am anderen Ende des Platzes füllen Mitarbeiter einer Freiwilligenorganisation aus der LNR-Stadt Altschewsk aus riesigen Plastikbottichen gekochte Buchweizengrütze in Plastiktüten. Jede Tüte wiegt wohl um die drei Kilo. Es ist ein herzzerreißendes Bild. Die Frauen, die da anstehen, sind fast alle älter als 55 Jahre. Sie haben schon Kinder und Enkel großgezogen, und nun stehen sie da wie Kinder, die auf ihr Essen warten. Die Frauen erzählen, dass sie seit der Eroberung durch die Truppen der Volksrepublik Lugansk weder Elektrizität noch Wasser haben. Gas gibt es schon seit 2014 nicht mehr. Sie leben also im Kalten, wenn sie nicht einen funktionierenden Holzofen haben.

Ich komme mit Tatjana ins Gespräch. Sie ist Rentnerin. Ihre gefütterte Jacke leuchtet in Orange. Tatjana erzählt, dass sie vor einem Jahr aus Italien zurückgekommen ist. Dort hat sie in einem Ort bei Venedig 14 Jahre als Altenbetreuerin gearbeitet und zuletzt 900 Euro verdient. Das Geld hat sie ihren Kindern nach Lugansk geschickt, denn die hätten in den 1990er Jahren ihre Arbeit verloren. Tatjana erzählte das alles in einem freudigen Ton, so als ob sie noch in der italienischen Sonne stünde und nicht in einem wolkenverhangenen, vom Krieg verwüsteten Landstrich. Warum sie eigentlich zurückgekommen sei? »Ich liebe meine Heimat.« Die Familie, die sie in Italien betreute, habe ihr angeboten, zurückzukommen. Sie könne auch ihre Familie mitbringen. »Aber ich will nicht. Meine Kräfte gehen zur Neige.«

Was sie zur Eroberung von Lugansk durch LNR-Truppen sagt, frage ich Tatjana. »Ich habe immer daran geglaubt, dass es einmal so kommen wird. Und ich glaube daran, dass unser Dorf wieder aufersteht. Bei uns lebten früher so viele Jugendliche.« Das Dorf habe früher gut gelebt, weil es die Sowchose gab. Heute gebe es im Dorf nur noch zwei Kühe. Zu Sowjetzeiten seien es 1.000 gewesen. In den letzten Jahren habe es keinen Sinn mehr ergeben, eine Kuh zu halten. Das ganze Gebiet sei vermint. Und wenn eine Kuh nur am Strick stehe, schmecke die Milch nicht.

»Hochnäsig und frech«

Auf die ukrainischen Soldaten ist Tatjana nicht gut zu sprechen. »Ich habe sie 2014 gefragt: Warum seid ihr mit Panzern zu uns gekommen? Wir leben hier friedlich.« Bei der Eroberung des Dorfes durch die LNR-Truppen Ende Februar seien zwei Menschen getötet worden, erzählt Tatjana. Und dann sagt sie mit einem Anflug von schwarzem Humor: »Mein Haus bekam einen Volltreffer und wurde zerstört. Als die Ukrainer abzogen, haben sie wild um sich geschossen. Bevor sie abzogen, haben sie uns gesagt, wir vernichten euch.«

Warum hatten die ukrainischen Soldaten eine solche Einstellung, frage ich. »Wissen Sie, wahrscheinlich, weil wir sie nicht mochten. Sie verhielten sich aber auch so, dass man sie nicht mögen konnte. Sie verhielten sich hochnäsig und frech, wie die Herren dieser Erde. Sie sagten, ihr werdet für uns als Tagelöhner arbeiten. Ich glaube, sie kamen alle aus der Westukraine. Man sagte zu uns, ihr müsst mit uns auf ukrainisch sprechen. Aber ich sage, ich bin Russin. Russisch ist meine Muttersprache.«

Ich frage Tatjana und zwei ihrer Freundinnen, die zu uns gestoßen sind, ob sie nicht ein Lied singen könnten. Den drei Rentnerinnen, die gemeinsam die Schulbank gedrückt und in der Sowchose gearbeitet haben, gefällt die Idee, und sie singen das Lied »Das heimische Dorf wird leben. Lass die Ziehharmonika erklingen!« Für ein paar Minuten sind Krieg und Kälte vergessen. Ich bin erstaunt über diesen Optimismus und diese Unverwüstlichkeit. Schließlich trennen wir uns und wünschen uns gegenseitig alles Gute.

Die aktuelle Entwicklung im Donbass

Die Situation im Donbass ist weiterhin äußerst angespannt. Reste des extrem rechten ukrainischen »Asow«-Bataillons, ukrainische Marineinfanteristen und ausländische Söldner halten sich immer noch in der Fabrik Asowstal und anderen Fabriken im Stadtzentrum versteckt. Am Sonntag meldeten russische Medien, es habe von ukrainischen Soldaten aus der Fabrik zwei Ausbruchsversuche in nördliche Richtung gegeben. Beide Ausbruchsversuche seien aber verhindert worden, meldete ein Kommandeur der Donezker Armee mit dem Kampfnamen »Chochol«. Der Kommandeur erklärte, unter denen, die noch im Werk Asowstal ausharren, befänden sich auch Söldner mit hohen Dienstgraden aus Großbritannien, Polen und sogar aus der Schweiz.

In den letzten Wochen meldeten russische Medien den Abschuss von zwei ukrainischen Hubschraubern, die angeblich die Eingeschlossenen evakuieren wollten. Am 13. April schrieb die russische Tageszeitung Moskowski Komsomolez, dass 1.025 ukrainische Marineinfanteristen der 36. ukrainischen Brigade, die sich in dem Metallurgischen Kombinat »Iljitsch« verschanzt hatten, ihre Waffen abgegeben und sich in Gefangenschaft begeben haben. Unter den Gefangenen seien 162 Offiziere und 47 weibliche Soldaten. Ihr Alter liege zwischen 25 und 55 Jahren. 151 der ukrainischen Kriegsgefangenen würden medizinisch versorgt.

Kiew versucht die Lage der ukrainischen Spezialeinheiten in Mariupol noch zu seinen Gunsten zu wenden, zumindest propagandistisch. Am Sonntag (17.4.) veröffentlichte der ukrainische Geheimdienst SBU ein Video, in dem der am 12. April vom SBU gekidnappte Leiter der ukrainischen Oppositionsplattform Wiktor Medwedschuk sich an die Präsidenten Wolodimir Selenskij und Wladimir Putin wendet, mit der Bitte, ihn gegen die in Mariupol eingeschlossenen ukrainischen Soldaten und angeblich noch eingeschlossene Zivilisten auszutauschen. Wenige Stunden zuvor hatte der 48 Jahre alte britische Söldner Shaun Pinner, der sich in Gefangenschaft in Donezk befindet, in einem Video gebeten, ihn und seinen 28 Jahre alten britischen Söldnerkameraden Aiden Aslin gegen den ukrainischen Oppositionsführer Medwedschuk auszutauschen.

Kiew geht immer mehr zu provokativen militärischen Aktionen über. Am 1. April hatten zwei tieffliegende ukrainische Kampfhubschrauber eine Treibstofffabrik in der russischen Stadt Belgorod in Brand geschossen. In der letzten Woche folgten nach russischen Meldungen ukrainische Angriffe auf russische Dörfer in den Gebieten Brjansk, Belgorod und Kursk, bei denen acht Menschen verletzt wurden.

Am 15. April zerstörte eine russische »Kaliber«-Lenkwaffe die im Umland von Kiew gelegene »Schuljanski«-Fabrik für Luftabwehrraketen. Kremlsprecher Dmitri Peskow drohte, bei weiteren Angriffen auf russisches Territorium werde Russland Kiew angreifen.

Für Schrecken im Donbass sorgt unterdessen der vermehrte Einsatz der ukrainischen »Totschka-U«-Raketen. Die noch in der Sowjetunion konzipierte Rakete hat eine Reichweite von 120 Kilometern. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wird diese Rakete von russischer Seite nicht mehr eingesetzt.

Ulrich Heyden, Moskau

Von Ulrich Heyden erschien Ende März 2022 das Buch »Der längste Krieg in Europa seit 1945. Augenzeugenberichte aus dem Donbass«. Verlag Tredition, Hamburg. 340 Seiten mit Fotos.

veröffentlicht in: Junge Welt

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