21. November 2001

Ruhelose Erde

Rund um das ehemalige Stalingrad wird noch immer der Boden durchsucht - nach Gebeinen unbestatteter Soldaten und nach Überbleibsel für den Militaria-Handel.

Wir fahren auf einer Straße ohne Mittelstreifen und Schilder. Unter dem wolkenverhangenen Novemberhimmel liegt die braun-graue Steppe unterbrochen von Hügelketten und Buschreihen. Plötzlich, rechts von der Straße, ein schlichtes, schwarzes Kreuz, fast so hoch wie eine Birke. "Das ist der deutsche Soldatenfriedhof", sagt Matthias Gurski. Dann zeigt der Enddreißiger mit Baseball-Mütze auf die linke Straßenseite. "Und dort ist der russische Soldatenfriedhof." Jedes Jahr kommen neue Gebeine hinzu.

Matthias Gurski ist Beauftragter des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge für Südrussland. Seit 1992 leitet er das Projekt des deutschen Soldatenfriedhofs Rossoschka, 35 Kilometer westlich von Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad. Das Dorf Rossoschka, das dem deutschen und dem russischen Soldatenfriedhof seinen Namen gab, lag im November 1942 im Zentrum des Kessels, in dem die Rote Armee die deutschen Truppen und ihre Verbündeten eingeschlossen hatte. Zum Kriegsbeginn wohnten hier 2 000 Menschen, davon allein 500 Schulkinder. In den Kriegsjahren wurde der Ort völlig zerstört und später ein paar Kilometer weiter westlich wieder aufgebaut.

Auf dem deutschen Friedhof gibt es heute zwei in hellem Stein eingefasste Gräberfelder, ein Trapez und ein Kreis mit einem Durchmesser von 150 Metern. An beiden Grabstätten befinden sich Granittafeln mit den Namen der Gefallenen, die identifiziert werden konnten. Auf dem trapezförmigen Gräberfeld hatte bereits die Wehrmacht 1 000 Gefallene beerdigt. Dazugekommen sind die Gebeine von weiteren 600 deutschen Soldaten, die man in unmittelbarer Umgebung fand. In dem kreisförmigen Gräberfeld wurden bisher 36 000 exhumierte deutsche Soldaten aus dem ganzen Wolgograder Gebiet eingebettet. Jedes Jahr kommen neue Gebeine hinzu.

Auf dem gegenüberliegenden russischen Soldatenfriedhof liegen die Gebeine von 3 000 sowjetischen Soldaten. Dort gibt es auch 100 Einzelgräber von Gefallenen, die identifiziert werden konnten. Erst der 1992 zwischen Deutschland und Russland unterzeichnete Staatsvertrag öffnete dem Volksbund den Weg zu den Hundertausenden deutscher Soldaten, die heute noch unbestattet in russischer Erde liegen.

Matthias Gurski hat den Eindruck, dass die Einladung, die der Wolgograder Bürgermeister Anfang der 90er Jahre an den Volksbund richtete, nicht uneigennützig war. "In der Administration hegte man wohl den Gedanken, dass die Region durch unsere Anwesenheit auch wirtschaftlich profitiert." Als deutlich wurde, dass der Volksbund keine kommerziellen Interessen hat, ließ das Engagement der Verwaltung merklich nach.

Russische Vorbehalte gegen deutschen Friedhof

Es taten sich zahlreiche Probleme auf. "Als wir anfingen zu bauen, kam der Einwand, der deutsche Soldatenfriedhof dürfe nicht gebaut werden, bevor es an gleicher Stelle nicht auch einen russischen Soldatenfriedhof gibt." Das russische Verteidigungsministerium habe dann Geld bereitgestellt, das allerdings nie angekommen sei. "Also wurde der Friedhof aus Sand und Stein gebaut."

1998 waren die Bauarbeiten am deutschen Friedhof abgeschlossen und es sollte eine Einweihung stattfinden. Da kam der nächste Einwand. Ein deutscher Soldatenfriedhof im Wolgograder Gebiet könne nicht eingeweiht werden, solange sich der Russische in einem so desolaten Zustand befinde. Um das Projekt endlich zu Ende zu bringen, habe sich die deutsche Seite dann an den Instandsetzungsarbeiten des russischen Friedhofs beteiligt. Die Einweihung fand schließlich im Mai 1999 statt. Mit dem Verweis auf die deutsche Beteiligung am Jugoslawien-Krieg untersagte die Gebiets-Duma jedoch eine Eröffnung mit politischer Prominenz.

Im Haus der Offiziere von Wolgograd sitzt Gamlet Dallakjan, ein 82-Jährige Russe, der als Fernmelder an der Schlacht um Stalingrad teilgenommen hat. Einige Veteranen - so berichtet er - seien bis heute entschieden gegen den deutschen Friedhof. "Sie können nicht verzeihen, dass die Mutter oder der Bruder von den Deutschen getötet wurde." Aber, so fragt der alte Mann, "sind denn keine Deutschen gefallen? Die Deutschen haben uns umgebracht, wir haben sie umgebracht." Dallakjan gehört zu denjenigen im Veteranenverband, die den Bau des deutschen Friedhofs unterstützten.

Auch der Gouverneur des Gebietes, Nikolai Maksjuta, ein Kommunist, hat sich für die Einrichtung des deutschen Soldatenfriedhofs eingesetzt. Vor einem Auditorium von 900 Veteranen habe er erklärt, dass man so einen Friedhof nicht verhindern könne. Viele möchten den Namen Stalingrad zurück Im August schlug Gouverneur Maksjuta vor, die 1961 in Wolgograd umbenannte Stadt zum 60. Jahrestag der Schlacht - im August 2002 - wieder in Stalingrad umzubenennen. In der Bevölkerung gibt es viel Unterstützung für diesen Vorschlag, offenbar aber keine eindeutige Mehrheit. Viele Veteranen sind für die Rückbenennung. "Wir kämpften für diese Stadt. Der Name ist uns näher", meint der Vorsitzende des Veteranen-Verbandes, Nikolai Fedotow.

Zu den Russen, die sich für die Errichtung des deutschen Friedhofs eingesetzt haben, gehört auch die Physiklehrerin Galina Oreschkina, die heute Leiterin des russischen Friedhofs Rossoschka ist. In der Freizeit sucht Galina mit jungen Freiwilligen nach den Gebeinen sowjetischer Soldaten, um sie ordentlich zu bestatten. Das sei eine gefährliche und mühsame Arbeit.

Während die deutschen Soldaten über ihre Erkennungsmarken identifiziert werden können, ist es bei den sowjetischen Soldaten viel schwieriger. Jene, die 1941 einberufen wurden, trugen eine kleine Plastikkapsel mit Schraubverschluss bei sich. Darin wurde ein Zettel mit den persönlichen Angaben aufbewahrt. Doch durch die Witterungseinflüsse, sind heute nur noch wenige der Zettel erhalten. Stalin habe die Erkennungskapseln Anfang 1942 abschaffen lassen. "Offenbar wollte er die großen Verluste auf sowjetischer Seite verheimlichen. Außerdem sollte bei der Gefangennahme sowjetischer Soldaten nicht gleich klar sein, wer Politkommissar oder Kommunist war."

Patriotismus in einem tieferen Sinne

Im Gebiet Wolgograd graben heute nicht nur Freiwilligentrupps in der Erde. Auch Militaria-Händler sind da, auf der Suche nach Ehrenabzeichen, Waffen, Uniformen und Gold, eben allem, was sich an Kunden im Westen absetzen lässt - vor allem in Deutschland. Diese illegalen Suchtrupps fühlen sich von den legalen gestört und drohten ihnen immer wieder mit Gewalt, berichtet Frau Oreschkina. "Die Illegalen" seien perfekt ausgerüstet. Sie arbeiten mit Minensuchgeräten und Metalldetektoren, um Hohlräume aufzuspüren. Um die Schützengräben auszuheben, setzen sie sogar Bagger ein. Im Stadtzentrum von Wolgograd, in der "Straße des Friedens", gibt es "Antiquitäten-Geschäfte", in denen die Ware dann umgesetzt wird. Auch das Internet sei beim Absatz behilflich. Im Sommer, wenn die Touristen kommen, werden die Ausgrabungsstücke dann an den offiziellen Gedenkstätten in Wolgograd verkauft. Man kann sich mit Munitionsgurten und verrosteten Pistolen fotographieren lassen.

Friedhofsleiterin Oreschkina passt der Militaria-Rummel nicht. Ihr geht es vor allem um Völkerverständigung. In den von ihr zusammen mit dem Volksbund organisierten deutsch-russischen Jugendcamps komme es zu wichtigen Begegnungen. Galina ist froh, wenn sie sieht, wie die Jugendlichen sich anlächeln, wenn sie zusammen arbeiten, sich zusammen erholen und sich Briefe schreiben. "Das ist auch Patriotismus, nicht im eng verstandenen Sinne eines Volkes, sondern in einem tieferen Sinn. Patriotismus heißt für mich: Schau auf deine Wurzeln. Du bist ein Mensch und kein Tier. Denen, die getötet haben, muss man jetzt vergeben. Die, welche getötet wurden, brauchen ein ewiges Andenken."

veröffentlicht in: Sächsische Zeitung, 22.11.2001

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