28. Februar 2011

Russische Bildungsreform: Patriotismus und Sicherheit

Die geplante Bildungsreform sei keine Modernisierung, sondern ein Angriff auf die bewährte Ausbildung an den Schulen, meinen Kritiker, die einen Offenen Brief an Dmitri Medwedew geschrieben haben.

Die Nachhilfelehrerin Olga ist entsetzt. Dass das russische Bildungsministerium die Fächer Russisch, Literatur, Mathematik und Chemie in der Sekundarstufe als Pflichtfächer vom Lehrplan streichen will, hält sie für einen schweren Fehler. 

„Womit kann Russland in der Welt denn überhaupt noch Eindruck machen. Doch nur mit der russischen Literatur“, meint die Historikerin und Mutter zweier Kinder, die sich ihr Geld zum Leben damit verdient, dass sie Schüler in Vorbereitungskursen auf das Abitur und die Uni vorbereitet. 

23.000 Protest-Unterschriften

Im November letzten Jahres legte Russlands Bildungsminister Andrej Fursenko den Plan für eine Bildungsreform vor. Danach soll die Zahl der Fächer in den oberen Klassen von 20 auf zehn gesenkt. 

Sechs Fächer sollen zu Wahlfächern werden und nur noch vier Fächer verpflichtend sein, nämlich Sport, das neue Fach "Russland in der Welt", Katastrophenschutz und ein frei wählbares „persönliches Projekt“. 

Unter Russisch-Lehrern, Wissenschaftlern und Eltern löste der Plan eine Protestwelle aus, die Ende Januar in einem Offenen Brief an Präsident Dmitri Medwedew gipfelte. In dem Brief, der bisher von 23.000 Personen unterschrieben wurde, wird der russische Präsident aufgefordert, sein Veto gegen die Bildungsreform einzulegen. 

Bei Debatte, die landesweit über das Internet geführt wird, geht es vor allem um drei Fragen: 

Unterrichtsinhalte
Sergej Wolkow, der den Offenen Brief an den russischen Präsidenten initiierte, meint, es sei „absurd“, dass Mathematik, Russisch, Literatur und Geschichte Wahlfächer werden sollen. „Diese Fächer waren immer zentrale Bestandteile unserer Ausbildung,“ meint der Brief-Initiator. 

Wenn stattdessen die Fächer Sport, „Grundlagen der Sicherheit im Leben“ und das neue Fach „Russland in der Welt“ zu Pflichtfächern werden, führe das unweigerlich zu einem Qualitätsverlust der Ausbildung. 

Patriotismus
Für Aufregung sorgte die Äußerung von Aleksandr Kondakow, einem der Autoren der Bildungsreform, nach der „die Erziehung eines Patrioten wichtiger ist als Mathematik und Physik.“ Das neue Pflichtfach „Russland in der Welt“ und das Fach "Katastrophenschutz" fördere einen simplen Patriotismus, statt fundiertes Basiswissen zu vermitteln, sagen die Kritiker. 

Die Inhalte des Unterrichtsfaches „Russland in der Welt“ müssten wie bisher in den Unterrichtsstunden Russisch, Literatur und Geschichte behandelt werden, fordern die Kritiker der Reform. 

Ein weiterer Vorwurf lautet, dass die nichtrussischen Völker, wie etwa die Tataren, Baschkiren und Inguschen durch die neuen Regeln der Wahl- und Pflichtfächer praktisch gezwungen werden, auf das Erlernen ihrer eigenen Muttersprache zu verzichten. 

Finanzierung
Die Einführung von Pflicht- und Wahlkursen ohne abgesicherten finanziellen Rahmen werde dazu führen, dass der Staat nur noch die Pflichtkurse bezahlt und die Eltern die Bezahlung der Wahl-Kurse übernehmen müssen, so die Angst vieler Eltern und Lehrer. 

Diese Angst rührt auch daher, dass der Bildungsminister zwar erklärt, der Staat garantiere 36 Wochenstunden Unterricht, aber nicht erklärte, wie viel Geld für diesen Unterricht bereit gestellt werden soll. 

Putin schaltete sich sein

Nach dem der Offene Brief der Eltern und Lehrer die Diskussion in Russland angeheizt hatte, forderte der russische Ministerpräsident Wladimir Putin Bildungsminister Andrej Fursenko auf, es mit der Reform „nicht zu übertreiben“. Daraufhin veröffentlichte das Bildungsministerium am 15. Februar eine geänderte Fassung des Reform-Plans. 

Der Minister versprach, nun dass alle zehn Fächer in den oberen Klassen Pflichtfächer sein sollen. Doch die Formulierungen sind so unklar, dass die Kritiker misstrauisch bleiben. 

Ist die Angst vor bezahltem Unterricht begründet?

Schon jetzt gibt es in den russischen Schulen viele Leistungen, für welche die Eltern bezahlen müssen, oft unter Umgehung der Gesetzeslage, meint Brief-Initiator Wolkow. 

Schon seit Jahren hat sich in den russischen Schulen eine regelrechte Schattenwirtschaft entwickelt. Weil die Schule nicht mehr in der Lage sind, die Schüler im normalen Rahmen zu qualifizieren, müssen bezahlte Nachhilfestunden und Extra-Stunden für die Abitur-Vorbereitung in Anspruch genommen werden. Auch die Renovierung und sogar die Ausstattung der Schulräume müssen die Eltern oftmals selbst bezahlen. 

„Wer mehr will, muss selber zahlen“

Aus diesen Erfahrungen – so Brief-Initiator Wolkow - komme die Angst vieler Eltern, dass das Bildungsministerium die Einführung von Pflicht- und Wahlkursen nutzt, um noch mehr bezahlten Unterricht einzuführen, nach dem Motto, „wer mehr will, als der Staat kostenlos anbietet, muss selber zahlen.“ 

Aus unterschiedlichen Gründen gäbe es in der Bevölkerung die Meinung, dass der Staat seine wahren Pläne verbirgt und man ihm nicht trauen könne. 

Lehrer arbeiten immer noch zu Niedrigst-Löhnen

Wenn die Bildungsreform zu einem Mehr an Qualität führen solle, dann müsse die Regierung auch mehr Geld bereit stellen, so der Initiator des Offenen Briefes. Für die angestrebten Vertiefungskurse müssten schul-externe Experten eingeladen werden. Und die kosteten Geld. Doch ob dieses Geld auch vorhanden ist, sei unklar.

Ein weiteres Problem sei, dass es an qualifiziertem Lehrer-Nachwuchs mangelt. In der russischen Provinz seien bei Lehrern Einstiegsgehälter von 4.000 Rubel (100 Euro) im Monat üblich. 

Bei solch niedriger Bezahlung sei der Lehrerberuf nicht attraktiv, so dass sich Uni-Absolventen besser bezahlte Berufe suchen. Selbst ein Lehrer mit mehrjähriger Berufserfahrung bekomme heute nicht mehr als 15.000 Rubel (375 Euro) im Monat. 

Lehrer-Bezahlung richtet sich nach Schülerzahl

Ein weiteres Problem sei, dass die Bezahlung der Lehrer neuerdings nach der Zahl der Schüler bemessen wird, die im Unterricht sitzen. „Wenn man fünf bis sieben Schüler unterrichtet, bekommt ein Lehrer weniger als wenn er 25 Schüler unterrichtet“, berichtet Sergej Wolkow. So seien die Lehrer zwangsläufig daran interessiert große Klassen zu unterrichten, was aber zu einer Qualitätsminderung führe. 

Angeblich Massenentlassungen von Lehrern geplant

Besorgt ist Wolkow auch über die Ankündigung von Bildungsminister Fursenko, dass 200.000 Lehrer entlassen werden müssten. Der Grund für diese geplanten Entlassungen sei unklar. „Werden diese Lehrer nicht gebraucht? Gibt es kein Geld für sie?“ 

Olga, die Nachhilfelehrerin, würde von der geplanten Bildungsreform wahrscheinlich profitieren. Denn die Zahl der Schüler, die bezahlte Förderstunden brauchen, würde steigen. Doch russische Literatur sei wichtig zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Bildung moralischer Werte, meint Olga, die sich um die Zukunft Russlands Sorgen macht.

veröffentlicht in: aktuell.ru

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