5. November 2019

Schattenwirtschaft als Lichtblick

Vladimir Arndt/Shutterstock.com
Foto: Vladimir Arndt/Shutterstock.com

In der russischen Provinz entsteht eine alternative Ökonomie, die in keiner offiziellen Statistik auftaucht.

Die Gegend am Onega-See in Nordwest-Russland ist ein landschaftlich reizvolles Gebiet. Für die Menschen, die dort leben, ist es jedoch eine der „abgehängten“ Regionen mit schlechter Infrastruktur und ebenso miesen Verdienstmöglichkeiten. Es gibt Bären, Biber und Steinpilze. Um zu überleben greifen viele Bewohner zur Selbsthilfe, betreiben Landwirtschaft und Handel auf eigene Rechnung und oft auch am Staatssäckel vorbei. Bei manchen ist die Erinnerung an die Sowjetzeit noch lebendig. Andere setzen auf den sich langsam entwickelnden Tourismus als Zukunftsmarkt ... Eine Reportage aus einer Region, die sonst nur wenige Westeuropäer betreten.

Die Wellen des Onega-Sees klingen wie ein Orchester in den Ohren übermüdeter Städter. Der Herbstwind peitscht das Wasser hoch. Das Getöse wirkt beruhigend und trägt die Gedanken weg vom nervenaufreibenden Allerlei.

Wir sind zu zweit auf Urlaub am Onega-See. Der liegt im russischen Karelien, zwei Autostunden nordwestlich von St. Petersburg. Am Ostufer des 250 Kilometer langen und 90 Kilometer breiten Sees liegt das Naturschutzgebiet „Teufelsnase“. Dort soll es 6.000 Jahre alte Felszeichnungen geben. Die möchten wir uns ansehen.

Das Naturschutzgebiet liegt auf einer Landzunge und ist nur auf dem Wasserweg erreichbar. Wasili, freischaffender Touristenführer aus dem Dorf Karschewo, bringt uns mit seinem Boot zur „Teufelsnase“.

Christliche Mönche sahen „Teufel“ auf Granitfelsen

Angekommen auf der Landzunge lassen wir unser Zelt und die Rucksäcke im Boot und ziehen unter Wasilis Führung am Ufer entlang Richtung Norden. Links sehen wir auf den riesigen See, rechts erstreckt sich ein großer Kiefernwald. Ab und zu sind Feuerstellen von Touristen zu sehen, ansonsten gibt es keine Anzeichen von „Zivilisation“.

Wir marschieren über einen breiten Strand, wo wir nach einigem Klettern über Felsen die erste Stelle erreicht haben, von der aus man auf den Granitfelsen direkt am Wasser mit den Zeichnungen sehen kann, die vor vielen Tausend Jahren entstanden sind. Die Ureinwohner der Gegend haben Strichmännchen, Huftiere und Schwäne in den Stein gemeißelt. Christliche Mönche nannten die Zeichnungen später „Teufel“, daher auch die Bezeichnung der Landzunge.

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Bild 1: Auf der Landzunge Teufelsnase zeigt Wasili die 6.000 Jahre alten Felszeichnungen, Foto: Ulrich Heyden 2019

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Bild 2: 6000 Jahre alte Felszeichnungen, Foto: Ulrich Heyden 2019

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Bild 3: Der Leuchtturm auf der Teufelsnase, Foto: Ulrich Heyden 2019

Unberührt und abgeschieden

Zivilisation gibt es an diesem Küstenstreifen nicht, auch keinen Mobilfunkempfang. Nur der noch zu Sowjetzeiten erbaute Leuchtturm erinnert daran, dass irgendwo in der Ferne Menschen leben. Wasili erzählt, der Leuchtturm sei gerade neu angestrichen und repariert worden. Man bereite sich für den Notfall vor, falls Russland von der GPS-Navigation per Satelliten abgeschaltet wird.

Wasili zeigt uns die karelischen Kiefern, deren Holz wie eine Schraube wächst und deshalb für Schiffsmasten sehr geeignet ist. Das Holz ist so hart und harzgetränkt, dass es jahrelang im Wasser liegen kann, ohne zu verrotten. Eine weitere Überraschung: Die Gegend ist voller Steinpilze. Gerade das Richtige für eine abendliche Pilzsuppe.

Unser Bootsführer fährt nach Hause und wir bleiben allein zurück mit dem Rauschen der Wellen und den Fichten, die sich im Wind wiegen. Am nächsten Nachmittag holt Wasili uns wie verabredet mit seinem Boot wieder ab. Es ist ein altes, aber robustes Boot aus Aluminium, wie es in Sowjetzeiten zu Hunderttausenden hergestellt wurde — heute allerdings mit japanischem Außenbord-Motor. Wir fahren durch ein geschwungenes Flüsschen zurück zum Dorf Karschewo.

Hungrige Bären, verschwindende Wälder

Ob wir einen Bären gesehen hätten, will Wasili im Scherzton wissen. Nein, wir haben keinen gesehen. In der Begeisterung über das Rauschen der Wellen hatten wir schon vergessen, was Wasili uns erzählt hatte, als er uns zur „Teufelsnase“ brachte. Er war mit einer Touristengruppe unterwegs gewesen, als plötzlich ein Bär vor ihnen stand. Erst nachdem die Touristen Stöcke in die Hand nahmen, sei der Bär umgedreht und verschwunden.

Der Sommer sei sehr kalt gewesen und die Bären seien hungrig, so der Bootsführer, der scheinbar keine Angst vor diesen Tieren hat. Außerdem sei viel Wald abgeholzt und den Bären damit ihr Lebensraum genommen worden. Das Holz werde nach Finnland, St. Petersburg und Moskau gebracht. Auch Marmor werde in Karelien abgebaut und in die Städte transportiert. Der Bootsführer wünscht sich offenbar — so höre ich aus seinen Worten heraus —, dass Karelien nicht nur liefert, sondern auch selbst etwas bekommt.

Eine Erdhöhle für die Vorräte im Winter

Wasili erzählt, dass er gerade an einem „Podgreb“, einer neuen Erdhöhle baut, in der im Winter Eingemachtes, Marmelade, rote Beete und in Salzlauge eingelegte Tomaten und Gurken aufbewahrt werden. Bei der alten Erdhöhle waren die Stützbalken vermodert und so war sie eingestürzt. Die neue Erdhöhle sieht wie ein Hünengrab aus und hat jetzt nicht nur neue Bohlen, sondern auch einen Stahlrahmen und ein Fundament aus Steinen. Außerdem hat Wasili eine Doppeltür eingesetzt, die als Luftschleuse beim Eintreten den Frost fernhalten soll.

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Bild 4: Touristenführer Wasili mit seinem Boot vor der Teufelsnase, Foto: Ulrich Heyden 2019

Karelische Familiengeschichten

Wasili ist ein kleiner, zäh wirkender Mann mit dunkler Haut und schwarzen Haaren. Wie ein Slawe sieht er nicht aus. Er ist im Dorf aufgewachsen, wo er als Kind nur barfuß gelaufen ist. Für Schuhe reichte in der kinderreichen Familie das Geld nicht. Erst 1961 wurde der Ort elektrifiziert. Er kennt jede Ecke im Dorf und obwohl Karschewo weit abseits großer Städte liegt, will er nicht weg.

Auf meine Frage, woher seine Vorfahren kommen, lächelt er und sagt: „Rate doch!“ „Aus Moldawien oder dem Kaukasus?“, frage ich. Wasili sagt nicht, welcher Nationalität er angehört. Ob er es selbst nicht weiß oder es nur nicht verraten will? Nur so viel verrät er: Der kleine landwirtschaftliche Betrieb seiner Familie ist in der Stalin-Zeit enteignet worden. Sein Großvater wurde als „Kulak“ erschossen, die Familie siedelte danach nach Karelien über. Zur aktuellen Politik sagt unser Gastgeber nur so viel: Im Fernsehen streite man nur noch heftig über die Ukraine. Über Russland werde nicht mehr geredet. Von diesem Fernsehen sei er müde.

Sein Haus, in dem er mit seiner Frau Klawdia wohnt, hat Wasili mit seinem Vater gebaut. Früher gab es vor dem Haus einen großen See. Doch von dem ist nichts mehr zu sehen. Klawdia erzählt, dass sie den See mit seinen Vögeln und Fischen sehr vermisse. „Wir Kinder mochten es“, sagt sie mit einem träumerischen Blick. Die Sowjetmacht habe dann beschlossen, ihn trockenzulegen, um Land für den Kartoffelanbau zu gewinnen, doch zwei Traktoren seien im Schlamm versunken. „Sie sanken so tief, als wollten sie zu Euch nach Amerika durchbrechen“, sagt Wasili mit einem breiten Grinsen.

Klawdia ist sich sicher, dass ihr geliebter See wiederkommt: Biber seien dabei, ein Flüsschen mit einem Damm abzusperren. So werde bald ein neuer See entstehen. Sie selbst wuchs im Städtchen Pudosch auf. Der Ort ist eine halbe Autostunde entfernt. Als ausgebildete Kindergärtnerin wurde sie damals in das Dorf Karschewo geschickt. 17 Jahre arbeitete sie dort als Kindergärtnerin. Seit zehn Jahren ist sie nun Verkäuferin. Im Dorf lernte sie Wasili kennen, dessen Eltern auf der Kolchose mit 1.000 Schweinen und Kühen arbeiteten. Die Kolchose war eine der größten der Region, doch auch sie gibt es längst nicht mehr.

Viel Land, wenig Landwirtschaft

Die Produktion und der Verkauf von Lebensmitteln ist eine wichtige finanzielle Stütze für die Menschen im Dorf. Viele leben davon, dass sie Pilze und Beeren sammeln und sie in der nächsten Stadt verkaufen, erzählt Klawdia. Manche halten eine Kuh, denn Platz und alte Ställe gibt es hier genug. Fische mit Netzen zu fangen, ist streng verboten, aber fast alle Männer angeln.

Nach Schätzungen findet ein Drittel der Wirtschaftsaktivitäten in Russland im sogenannten Schattensektor statt.

Der Staat versucht immer wieder, diesen Sektor zu kontrollieren, etwa indem elektronische Kassen in kleinen Läden zur Pflicht wurden und Wirtschaftsaktivitäten auf Datschen-Kooperativen neuerdings steuerlich erfasst werden müssen. Doch eine völlige Kontrolle auf den Dörfern und Datschen-Kooperativen ist unmöglich, wie wir selbst erleben.

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Bild 5: Markt für Touristen in Karelien, Foto: Ulrich Heyden 2019

Wo es noch „richtiges“ Fleisch gibt

Am Abend zeigt uns Klawdia ihre Neuanschaffung, zwei Kälber beiderlei Geschlechts. Sie stehen in einem kleinen, ziemlich dunklen Stall. Das männliche Kalb, das die Freizeit-Bäuerin zärtlich Filia nennt, saugt an Klawdias Fingern. „Er ist sehr früh von der Mutter weggekommen“, erklärt sie. Die beiden Tiere bekommen jetzt nur Heu und Wasser. Sie werden gemästet und nicht auf die Weide gelassen.

Die Idee, zwei Kälber zu kaufen, komme von ihren Töchtern, die in St. Petersburg und Petrosawodsk leben und endlich mal wieder richtiges Fleisch essen wollten, „nicht sowas aus dem Supermarkt“. Früher sei sie viel auf der Kolchose des Dorfes gewesen. Mit Viehwirtschaft kenne sie sich aus.

Die Gegend um das Dorf Karschewo sei völlig von der wirtschaftlichen Entwicklung abgeschlossen, sagt Klawdia. Doch vielleicht ändere sich das. Die Regierung wolle um die „Teufelsnase“ ein Naturschutzgebiet mit Eintrittsgeld einrichten und alles besser kontrollieren.

Im Dorf Karschewo sind die Menschen nicht reich, aber immerhin: Wasili und Klawdia haben ein schickes, neues Haus mit heller Täfelung und ein modernes Auto aus Japan. Wer noch im arbeitsfähigen Alter ist, kommt im Dorf irgendwie über die Runden. Doch die Jugend zieht, wie auf fast allen russischen Dörfern, in die Städte: Braindrain auch hier.

Begegnungen vor der Abreise

Am Vorabend unserer Abreise gen Moskau wollen wir frische Milch kaufen. „Schräg gegenüber in einem schon etwas schiefen Holzhaus wird Milch verkauft“, sagte unsere Herbergsmutter. Als wir dort in den Korridor eintreten, rufen wir, aber niemand kommt. Nachdem wir in den ersten Stock gestiegen sind, kommt uns plötzlich ein kleiner Mann mit freiem Oberkörper und kurzen Hosen entgegen. Er wird überrascht. Nein, er habe keine Milch. Hm, Milch hat er also nicht. Aber was ist das? Auf der rechten Schulter des Mannes prangt eine große Tätowierung, ein Panzer, und darüber der Schriftzug „DDR“. Ob er in Ostdeutschland stationiert war, frage ich. „Ja, in Wünsdorf“, sagt der Stämmige mit Stolz. Ich hätte gerne noch mehr erfahren, aber der Mann ist nicht zu einem Gespräch aufgelegt.

Wegen der Milch schickt er uns weiter zur Nachbarin. Dort bekommen wir Milch in einem 5-Liter-Glas. Das reicht bis Moskau. Auf dem Herd steht eine große Schüssel. Sie mache gerade Marmelade ein, sagt die Hausfrau. Wir könnten morgen wiederkommen und sie kaufen. So funktioniert wohl die oben erwähnte Schattenwirtschaft.

Ein lebhafter Abschied

Als wir uns am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang zur Abfahrt nach Moskau fertig machen, bietet sich uns ein eindrucksvolles Bild: Der dunkel-hellblau gescheckte Himmel ist mit kleinen schwarz-grauen Wolken übersät, wie nach Schüssen von Artilleriegeschützen.

Der kaffeebraune Hund des Nachbarn kommt vorbei. Er schaut freundlich, wedelt mit dem Schwanz und scheint durstig. Ich gebe ihm Wasser zu trinken, doch Wasser reicht ihm nicht. Aus einer Tüte gebe ich ihm ein Stückchen festen Quark, doch auch das reicht ihm nicht. Er schnappt nach der Tüte und will sie verschlingen. Sie platzt auf. Nun schlabbert er sorgsam die Quarkkrümel vom Grasboden.

Plötzlich steht Wasili vor uns. Er entschuldigt sich, dass er am Abend schon früh schlafen gegangen ist. Er habe viel zu tun. Jeden Tag steht er mit seinem Auto an der Fernstraße Murmansk-Moskau und wirbt für seine Bootstouren auf die „Teufelsnase“. Wasili ist nicht der Einzige im Dorf, der Touren für Touristen anbietet. „Ja, es gibt Konkurrenz.“ Dabei guckt der Bootsführer unwirsch.

Wenn die Natur reich ist, braucht es nicht viel

Auf unserer Reise durch Karelien bemerkten wir: Der russische Staat hat sehr viel in ein modernes Straßennetz investiert. Die Straßen sind oft besser als im Moskauer Umland. Alle Sehenswürdigkeiten, Hotels und Campingplätze sind bestens ausgeschildert. Offenbar will man den Tourismus aus den großen russischen Städten und Finnland zum Wachstumsmotor in Karelien machen — und das nicht ohne Grund: Die unberührte Natur ist ein ideales Gebiet, um sich zu erholen — allerdings ohne großen Luxus. Wir wohnten in einer gemütlichen kleinen Blockhütte, die Wasili für seine Gäste gebaut hat. Die Toilette befindet sich im Stall und ist natürlich unbeheizt, aber das ist in russischen Dörfern normal. Und: Man gewöhnt sich daran.


Quellen und Anmerkungen:

Tipp: Das Dorf Karschewo liegt an der A 119 zwischen Medweschegorsk und Wytegra, 500 Kilometer nordöstlich von St. Petersburg. Bootsführer Wasili hat Erfahrung mit Touristen aus dem Westen, spricht aber kein Englisch. Telefonisch ist er zu erreichen unter der Nummer +7 921 624 51 28.

Ulrich Heyden

veröffentlicht in: Rubikon

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