Tumulte vor ukrainischem Geheimgefängnis „Keller 95“ (Globalbridge)

05. November 2026 Von: Ulrich Heyden in Ukraine
(Red.) Wer die Ukraine von eigenen Aufenthalten her kennt und auch die ukrainischen Medien aufmerksam beobachtet, der weiß natürlich, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj – der nur noch Präsident ist, weil er die ordentliche Wahl eines neuen Präsidenten mit der Begründung „Krieg“ abgesagt hat – mit allen denkbaren und undenkbaren Methoden Opposition gegen seine diktatorische Führung zu verbieten und zu unterdrücken versucht. Aber es gibt Ereignisse, die sogar bis in westliche Medien hinein bekannt werden und die sonst im Westen verbreitete Verherrlichung der Ukraine als „Verteidigerin europäischer Werte“ deutlich durchkreuzen. (cm)
So etwas hat es in der Ukraine seit 2014 noch nicht gegeben. Ein Tumult vor einem Geheimgefängnis des Asow-Bataillons am Rande von Kiew. Angehörige, welche die Freilassung ihrer zwangsmobilisierten und zum Teil verletzten Männer forderten, Frauen schrien, „Schande, Schande“, es gab Tränengasschwaden und den Versuch von Demonstranten, einen Autobus umzukippen. Ein Schlägertrupp in Zivil versuchte die Protestierer zu vertreiben. Einem Reporter der offiziellen ukrainischen Nachrichtenagentur Unian wurde in den Bauch getreten. Ukrainische Blogger machten Livestreams vom Ort des Geschehens. Einige deutsche Mainstream-Medien, wie Welt und NTV berichten ebenfalls. Und das Ganze ausgerechnet an dem Tag, an dem sich der ukrainische Präsident, Wolodymyr Selenskyj, mit Friedrich Merz in Berlin trifft. War das ein Zufall oder steckt da mehr dahinter?
Kyryllo Budanow, der Chef der ukrainischen Präsidialverwaltung und ehemalige Chef des Militärgeheimdienstes GUR, sowie Alexander Pivnenko, der Leiter der ukrainischen Nationalgarde, reisten am Montag persönlich an den Ort der Tumulte, in das Dorf Petropavlivska Borshchahivka. Der Ort liegt zwanzig Kilometer vom Stadtzentrum Kiews entfernt. In dem Dorf befindet sich in einem Privathaus ein Geheimgefängnis des Asow-Bataillons mit dem Code-Namen „Keller 95“.
Budanow, der faktisch die rechte Hand von Präsident Selenskyj ist, versuchte die protestierenden Menschen vor dem Geheimgefängnis, welche die Freilassung der Inhaftierten forderten, zu beruhigen. Der hohe Beamte erklärte, „es gibt viele solche Gefängnisse“. Die Orte der Gefängnisse würde geheim gehalten, damit sie nicht von Russland angegriffen werden.
Der Kommandeur des Asow-Bataillons Denis Prokopenko wollte auf den Vorwurf, es handele sich bei dem Gebäude in dem Dorf vor Kiew um ein Geheimgefängnis, wo Deserteure und Zwangsmobilisierte untergebracht werden, nicht eingehen. Prokopenko erklärte, das Ganze sei „eine Provokation, die Russland nützt“. Man versuche das ukrainische Militär zu diskreditieren.
Top-Meldung in einem deutschen Mainstream-Medium
Am Dienstag war der Tumult am Standrand von Kiew – für mich überraschend – die Top-Nachricht auf der Videoplattform von „Die Welt“. Korrespondent Christoph Wanner berichtete aus Kiew.[1] Wanner hatte zwar schon kritisch über die Zwangsmobilisierungen, die sogenannte „Bussifizierung“[2], berichtet, aber Berichte über Geheimgefängnisse in der Ukraine hatte es in deutschen Mainstream-Medium bisher nicht gegeben.
Ukrainische Geheimgefängnisse, die seit 2014 existieren[3], befinden sich in einem rechtsfreien Raum. Wer in einem Geheimgefängnis landet, verschwindet förmlich. Er hat keinen Kontakt mehr mit seinen Verwandten, er bekommt keine medizinische Hilfe, geschweige denn die Möglichkeit, einen Anwalt zu kontaktieren. Und es ist allgemein bekannt, dass in diesen Geheimgefängnissen auch gefoltert wird und dass die Betreiber dieser Gefängnisse von Verwandten der Gefangenen Geld erpressen.
Leiter der ukrainischen Präsidialverwaltung verspricht eine Untersuchung
Der Leiter der ukrainischen Präsidialverwaltung, Budanow, und der Leiter der Nationalgarde, Pivnenko, erklärten vor Bloggern und Protestierenden, die sich vor dem Geheimgefängnis versammelt hatten, man werde eine Untersuchung über die Geheimgefängnisse durchführen. Gleichzeitig erklärten die beiden Beamten, die Tumulte vor dem Gefängnis nützten nur „dem Gegner“ und sie seien von russischen Kräften initiiert worden.
Noch bevor Budanow – auf Russisch – zu den Protestierenden sprach, tauchten vor dem Gefängnis Sanitäter mit einem Sanitätswagen auf. Sie wurden angeführt von der Ärztin Valentina Moloda. Die Frau ging auf die Knie und bat die Gefängnisverwaltung um Einlass. Sie wolle vier verletzte Männer in dem Haus versorgen. Einer der Gefangenen habe eine gebrochene Wirbelsäule, ein anderer habe nach einer Operation ein Stoma, ein Dritter sei taub und ein Vierter spreche nicht und könne sich nicht bewegen. Die Sanitäterin bekam Einlass.
Eine Frau mit dem Namen Tatjana berichtete einem Journalisten des Portals Suspilnovo, dass ihr Mann sich schon 37 Tage in dem Gefängnis befinde. Er sei im September operiert worden, habe ein Stoma, er sei aber trotzdem mobilisiert worden. Tatjana erzählte, dass sie den Aufenthaltsort ihres Mannes nur mit Hilfe eines Anwaltes finden konnte. Man habe von ihr umgerechnet 2.000 Euro gefordert, wenn sie ihren Mann sehen wolle.
14 Männer verlassen das Gefängnis
Augenzeugen hatten zunächst von 40 Menschen in dem Gefängnis berichtet. Am Montagabend wurden dann aber 14 Männer aus dem Gebäude geführt. Unter ihnen war ein Vierzehnjähriger mit glasigem Blick, der ohne Hilfe nicht gehen konnte. Der Junge lebte angeblich in der Nachbarschaft. Er soll versucht haben, über den Zaun des Gefängnisses zu springen, sei dann aber von Sicherheitskräften des Gefängnisses mit Schaufeln geschlagen worden, berichtete das Portal Serkalo Nedeli.
Der Leiter der ukrainischen Präsidialverwaltung, Budanow, sprach im Gefängnis vor laufenden Video-Kameras mit dem verletzten 14jährigen Jungen, der in einer Decke auf dem Boden lag. Als der junge Mann von seiner Schwester angerufen wurde, reichte der am Boden Liegende dem hohen Beamten das Telefon. Der Leiter der ukrainischen Präsidialverwaltung erklärte der Schwester – auf Russisch – „ihr Bruder sitzt vor mir, eingehüllt in eine Decke. Es geht ihm gut, aber er sieht schlecht aus.“
Von den 14 Männern, die das Gefängnis verließen, hatten vier sichtbare Verletzungen im Gesicht. Sie wurden aus dem Gebäude zum Sanitätswagen von Valentina Moloda geführt, wo sie behandelt wurden. Die anderen Männer aus dem Gefängnis wurden in einen Bus geführt. Als Demonstranten den Bus ins Schaukeln brachten, verließen die Männer den Bus in unbekannte Richtung, berichtete das Portal Strana.
Zwei Monate Haft für die Sanitäterin
Nach den Tumulten am Montag berichteten ukrainische Medien, bei der Sanitäterin Valentina Moloda handele es sich um eine „prorussische Aktivistin“. Sie sei „gar keine Ärztin“. Doch Valentina erklärte, sie sei Hautärztin und Venerologin mit 17 Jahren Berufserfahrung. Sie sei außerdem Leiterin der privaten „Klinik Moloda“.
Am Mittwoch wurde Frau Moloda von einem Gericht in Kiew zu einer Haftstrafe von zwei Monaten verurteilt. Eine Freilassung auf Kaution lehnte das Gericht ab. Der Angeklagten wurde vorgeworfen, dass sie die Tätigkeit der ukrainischen Streitkräfte habe stören wollen. Außerdem wurde ihr vorgeworfen, dass sie Massenunruhen organisiert habe. Der ukrainische Staatsanwalt hatte Moloda beschuldigt, sie habe mit dem Freikauf von mobilisierten Männern Geld verdient.
Inzwischen wurde Valentina Moloda auf der berüchtigten ukrainischen Online-Liste „Mirotworets“ (Friedensstifter) eingetragen. Der Sanitäterin wird vorgeworfen, dass sie sich an einer „russischen Spezialoperation gegen die Ukraine“ beteiligt habe.
Auf der Liste Mirotworets, die 2014 von einem Mitarbeiter des ukrainischen Innenministeriums gegründet wurde, befinden sich die Namen und persönlichen Angaben von sogenannten „Staatsfeinden“ der Ukraine. Darunter sind Journalisten, Politiker und Russland-freundliche Aktivisten.
Auch der 14jährige Junge, der erklärte, er sei mit Schaufeln geschlagen worden, wurde in die Liste von Mirotworets eingetragen.[4]
Proteste auch in der Westukraine
Dass Menschen in der Ukraine massiv gegen die Zwangsmobilisierungen protestieren, ist in diesem Jahr schon häufiger vorgekommen. Selbst im westukrainischen Lviv, wo die ukrainischen Nationalisten am stärksten sind, gab es Anfang Juli gewalttätige Proteste gegen die Territorialkommandos, die Männer von der Straße weg an die Front schleppen.
Die „Tagesschau“ berichtete nicht über die gewalttätigen Unruhen in Lviv, aber Euronews brachte am 10. Juli 2026 immerhin einen Bericht unter der Schlagzeile „Protest gegen Wehrpflicht: Wütende Menge kippt Militärfahrzeug in Lwiw um“.[5]
Ein Konflikt in der ukrainischen Führung?
Das kritische ukrainische Internetportal Strana wies auf ein wichtiges Detail hin. Über den Tumult vor dem Geheimgefängnis hätten nicht zuerst russische Medien berichtet, sondern „oppositionelle ukrainische Telegram-Kanäle und Kiewer Medien, die immer loyal zur Macht standen.“ Deshalb gebe es die Vermutung, „dass es einen Konflikt in der Macht oder in den Sicherheitsorganen gibt.“
Nicht nur „Die Welt“, sondern auch andere deutsche Mainstream-Medien wie t-online und NTV berichteten über den Tumult vor dem Geheimgefängnis am Montag. t-Online berichtete unter der Schlagzeile „Deserteure misshandelt. Ermittlungen in Kiew“ [6].
Der deutsche Sender NTV berichtete [7] über die Vorfälle, brachte die Angelegenheit aber so, dass man denken kann, Russland stecke hinter den Protesten. „Eine der angeblichen Sanitäterinnen soll Berichten zufolge zuvor als prorussische Aktivistin aufgetreten sein. Die Rettungssanitäterin, die vor dem Gefängnis Zugang zu den Inhaftierten gefordert hatte, sei für prorussische Äußerungen bekannt.“
Weiter zitiert NTV den Leiter der ukrainischen Präsidialverwaltung Budanow, der gesagt habe, „die Ereignisse hätten nicht ohne Einfluss stattgefunden.“ Um welchen Einfluss es genau ging, teilte NTV nicht mit.
Das regierungskritische Portal Strana prognostizierte, wenn der Krieg fortgeführt und seine Folgen für die Bevölkerung spürbar werden, werde die Proteststimmung in der Bevölkerung gegen die Zwangsmobilisierung zunehmen, „ungeachtet der Tatsache, dass von einer russischen Spur bei den Protesten berichtet wird.“ Dieser Protest sei „eine große Kraft“, welche die innere Stabilität der Ukraine „ins Wanken“ bringen könne. Diese Stimmung könne ein Argument für diejenigen politischen Kräfte werden, „die für eine schnelle Beendigung des Krieges eintreten.“

Die russische Plattform RT Deutschland machte darauf aufmerksam, dass die Ärztin Valentyna Moloda im Jahr 2025 noch für ihren Einsatz geehrt wurde. Zum ganzen Bericht in deutscher Sprache hier.
Anmerkungen
[1] Christoph Wanner berichtet über Proteste vor Geheimgefängnis, 03.11.26 https://www.facebook.com/reel/1993864211289113
[2] Mit „Bussifizierung“ bezeichnet man in der Ukraine die zwangsweise Mobilisierung von Männern auf Straßen und Plätzen des Landes.
[3] Ukraine: Breaking Bodies: Torture and Summary Killings in Eastern Ukraine
[4] УНИАН – новости Украины | война с Россией | новини України | війна з Росією | УНІАН
[5] Protest gegen Wehrpflicht: Wütende Menge kippt Militärfahrzeug in Lwiw um | Euronews
[6] Ukraine-Krieg: Deserteure misshandelt? Ermittlungen nach Krawallen in Kiew
[7] Aufstand in der Ukraine sorgt für Aufregung – auch in Deutschland – n-tv.de
veröffentlicht in: Globalbridge















