25. Juli 2002

Was wird aus dem UN-Mandat in Georgien?

NDR Info Das Forum / 25.07.2002
Autor: Ulrich Heyden Atmo 1
(Hubschraubergeräusch, unter den Text blenden)
Sprecher:
Ende Februar überraschte der US-Geschäftsträger in Tiflis, Philip Remler, die internationale Öffentlichkeit mit der Erklärung, im Pankisi-Tal - einem kleinen georgischen Gebirgs-Tal nahe der Grenze zu Tschetschenien - hielten sich al-Qaida-Kämpfer auf. Georgien und die USA beschlossen daraufhin eine Ausweitung ihrer militärischen Kontakte.
150 Ausbilder sollen 2.000 georgische Soldaten im Anti-Terror-Kampf ausbilden. Kommentatoren sprachen schon von einer dritten Front im Anti-Terror-Krieg, doch bisher sorgte das US-Engagement in Georgien vor allem für Medienrummel, besonders in Moskau, wo viele Politiker und Militärs meinen, das US-Engagement sei ein weiterer Vorstoß in einen angestammten russischen Hinterhof.
Rußlands Präsident Vladimir Putin erklärte die Entsendung der US-Ausbilder sei „keine Tragödie“, doch der russische Verteidigungsminister, Sergej Iwanow, zeigte sich deutlich verstimmt und erklärte, der auf dem OSZE-Gipfel in Istanbul 1999 vereinbarte Abzug der regulären russischen Soldaten aus Georgien würde „nicht forciert.“ Russland ist in Georgien immer noch auf zwei ehemaligen sowjetischen Militärbasen mit 6.500 Soldaten präsent. Der georgische Außenminister protestierte gegen Verzögerungen beim Truppenabzug und sprach vom Bruch internationaler Vereinbarungen.
Nachdem die Wellen in Moskau und Tiflis hoch geschlagen waren, verstummten die Nachrichten aus Georgien. Lange wurde gerätselt, wann die USA denn nun ihre Militärberater schicken. Washington wollte vermutlich das russische Entgegenkommen im Anti-Terror-Krieg nicht überstrapazieren und abwarten, bis sich die russische Öffentlichkeit beruhigt.
Beobachter weisen darauf hin, dass es den Amerikanern mit ihrer Militärhilfe für Georgien vor allem darum geht, die Pipelines für kaspisches Öl zu sichern, die über georgisches Territorium nach Westen laufen. Eine Öl-Pipeline vom aserbeidschanischen Baku zum georgischen Schwarzmeerhafen Supsa existiert bereits und gerade hat der Bau einer zweiten Pipeline von Baku über Georgien bis zum türkischen Mittelmeer-Hafen Ceyhan begonnen.
In der georgischen Öffentlichkeit wurde die Ankündigung der US-Militärhilfe ohne jede Aufregung akzeptiert, von vielen sogar freudig begrüßt. Man verspricht sich von der Zusammenarbeit mit den Amerikanern verstärkten Anschluss an den Westen und wirtschaftlichen Aufschwung.
Ende April gab der stellvertretende georgische Verteidigungsminister, Gela Bedschuaschwili, die Ankunft einer ersten Voraus-Gruppe von 26 US-Militärs bekannt.

O-Ton 1 (Russisch)Übersetzer:
„Die Logistik-Gruppe ist eingetroffen. Diese Gruppe hat die Aufgabe, die Infrastruktur zu prüfen und sich die Plätze anzusehen, wo das Training stattfinden soll.“

Sprecher:
Ende Mai ist das erste Kontingent der US-Ausbilder in Tiflis eingetroffen. Ihre Zahl soll im Laufe des auf zwei Jahre angelegten Programms auf 150 Ausbilder erhöht werden. Ziel der Ausbildungsmaßnahmen, so ein US-Sprecher, sei die Schaffung einer professionellen, starken Armee. Die US-Instrukteure würden nicht selbst gegen die Terroristen im Pankisi-Tal kämpfen, heißt es.
64 Millionen Dollar lassen sich die USA ihr Militärhilfe-Programm für Georgien kosten. Das ist etwa viermal so viel wie der jährliche georgische Militärhaushalt. Die USA schicken nicht nur Berater, sondern auch Kleinwaffen, Munition, Uniformen und Kommunikationstechnik. Acht Hubschrauber wurden bereits an Georgien geliefert.
Präsident Eduard Schewardnadse hat versichert, die von den US-Ausbildern trainierten Einheiten würden nicht in den abtrünnigen georgischen Provinzen Abchasien und Südossetien eingesetzt. Die Regierungen dieser Provinzen hatten gedroht, man werde in Moskau um einen Anschluss an das russische Staatswesen bitten, wenn die US-Militärhilfe für Georgien tatsächlich zustande komme.
Für die 18.000 Mann starken georgischen Streitkräfte kommt die US-Hilfe wie gerufen. Denn die Armee musste 1991 praktisch bei Null anfangen. Russland hat in den letzten zehn Jahren alle Waffen aus der Sowjetzeit abtransportiert.
Nach der Erklärung des US-Gesandten Remler war das Medieninteresse an Georgien groß. Zahlreiche Journalisten besuchten das Pankisi-Tal. Die georgischen Behörden haben die Situation in der Region nicht wirklich in der Hand, sie verstärkten also zunächst einmal die Kontrollen vor dem Pankisi-Tal. Als ich die Gegend besuchte, versperrten zwei Schlagbäume die Straße. Soldaten des Innenministeriums hatten Sandsäcke zu kleinen Festungen aufgetürmt.
Anton, unser Fahrer aus Tiflis, hielt das Gerede von der terroristischen Gefahr im Pankisi-Tal für reichlich übertrieben. Die Georgier seien alles andere als kriegslustig, man wisse um die Schwäche der Armee, die 1993 in der abtrünnigen Provinz Abchasien eine schwere Niederlage erlitt. Es werde eine Zeit dauern, bis die Militärberater aus den USA die ersten georgischen Soldaten für den Anti-Terror-Kampf geschult hätten.
Wann die Militäraktion im Pankisi-Tal beginnt, will der georgische Verteidigungsminister David Tevsádse nicht genau sagen. Die Aktion beginnt, wenn die georgischen Truppen vorbereitet sind, so die trockene Antwort des kahlköpfigen Ministers. Tevsádse betont, die Zivilbevölkerung im Pankisi-Tal dürfe unter der Aktion nicht leiden. Eine großangelegte Militäraktion wie in Afghanistan sei ohnehin nicht geplant.
O-Ton 2 (Russisch)
Übersetzer:
„Wenn das Problem auf militärischem Wege gelöst wird, dann wird die Aufgabe schwierig sein. Die friedliche Bevölkerung wollen wir nicht in Gefahr bringen. Wenn es eine militärische Operation geben sollte, werden wir sie sehr gut planen.“
Atmo 2 (Georgische Musik)
Sprecher:
Die Schneegipfel des Kaukasus sind in Nebel gehüllt. Es ist kalt. Doch in den Senken des Pankisi-Tals blühen die Aprikosenbäume. Ein georgischer Soldat in einem hellen sowjetischen Armee-Fellmantel sitzt am Lagerfeuer, die Kalaschnikow über der Schulter. Soldaten in nagelneuen Kampfanzügen kontrollieren die ein- und ausfahrenden Autos und Kleintransporter. Einige Fahrzeuge winkt man durch. Als die Soldaten unseren Begleiter sehen, einen jungen Polizisten mit Kalaschnikow, lässt man auch uns weiterfahren.
Atmo 3
Sprechfunk/Fahrgeräusch


Sprecher:
In Duíssi, der ersten Ortschaft hinter dem Schlagbaum, treffen wir Bislan, einen stämmigen Tschetschenen mit schwarzem Vollbart und grünem Samt-Käppchen. Der 46jährige lebt in einem zum Flüchtlingsheim umfunktionierten ehemaligen Krankenhaus. Zwei Jahre diente Bislan als Sowjet-Soldat im thüringischen Rudolstadt. Bis zum Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges, im Herbst 1999, wohnte er in der süd-tschetschenischen Ortschaft Itúm-Kalé. Weil sein Dorf von russischen Flugzeugen bombardiert wurde, flüchtete er im Herbst 1999 über die alte georgische Heerstraße nach Süden. Nachdem sie den Pass in 3.500 Meter Höhe überquert hatten, brachte ein Lastwagen ihn und andere Flüchtlinge ins Pankisi-Tal.
Auf Journalisten ist Bislan nicht gut zu sprechen. Sehr viele seien in Duissi gewesen, doch es ändere sich nichts, der Krieg in Tschetschenien gehe weiter. Bislan ist gut informiert. Jeden Abend hört er Radio Liberty und Deutsche Welle. Er glaubt weder an einen schnellen Frieden in seiner Heimat noch traut er den großen Mächten, die sich jetzt für das Pankisi-Tal interessieren.
Wir steigen in den ersten Stock des Holzhauses. Oben empfängt uns die 22jährige Saréma aus Grosny. Sie wohnt mit ihrer Mutter Mája und Großmutter Madína in einem kleinen Zimmer mit einem Öfchen aus Blech. Mutter Maja berichtet:
O-Ton 3 (Russisch)
Übersetzerin:
„Der Vater von Saréma wurde 1995 in Grosny getötet. (...) Ein Flugzeug warf eine Bombe ab. (...) Er starb auf der Straße. Wir sind dann zunächst nach Itúm­Kalé in den Süden Tschetscheniens geflüchtet. .... Als wir dort auch bombardiert wurden, sind wir nachts nach Georgien gefahren. Von dort hat man uns (...) hierher gebracht “

Sprecher:
Tochter Saréma besucht jetzt einen Computerkurs, den eine ausländische Hilfsorganisation in Duíssi anbietet. In der Ortschaft gibt es auch eine Schule mit 500 Kindern. Auf den ersten Blick läuft das Leben relativ normal. Die humanitäre Hilfe reiche, meint Maja. Pro Kopf und Monat bekommen die Flüchtlinge 13 kg. Mehl und 2 kg. Bohnen. Das, was sie nicht selbst verbrauchen, tauschen die Flüchtlinge bei den Georgiern gegen Obst, Gemüse und Milch ein. Im russischen Radio hieß es immer wieder, man müsse gegen die Terroristen im Pankisi-Tal militärisch vorgehen. „Aber hier gibt es nichts zu tun“, meint Tochter Saréma. „Wollen sie gegen Flüchtlinge kämpfen?“ Ob sie gehört, habe dass sich in dem Tal auch Terroristen aufhalten, fragen wir Maja.
O-Ton 4 (Russisch)
Übersetzerin:
„Ich habe das gehört, aber selber niemanden gesehen, niemanden getroffen. Wahhabiten mit Bärten und langen schwarzen Kleidern habe ich gesehen. Ich kenne sie nicht.“

Sprecher:
Als Wahhabíten bezeichnet man in Tschetschenien islamische Fundamentalisten. In einzelnen Orten der Republik haben sie nach dem ersten Tschetschenienkrieg eine brutale Herrschaft errichtet. Ohne Kopftuch und lange Röcke wagte sich in diesen Ortschaften keine Frau auf die Straße. Mit Spenden aus arabischen Ländern wurden Religionsschulen und Militär-Trainingscamps für tschetschenische Jungen eingerichtet.
Pétre Mamrádse, Kanzleichef des georgischen Präsidenten Schewardnadse meint, die Situation mit tausenden tschetschenischen Flüchtlingen im Pankisi-Tal sei nicht einfach. Ja, es gebe Drogen- und Waffenhandel. Die georgischen Sicherheitsstrukturen an der tschetschenisch-russischen Grenze seien erst im Aufbau. Von den USA lasse man sich da gerne helfen, nicht aber von Russland.
O-Ton 5 (Russisch)
„Boris Jelzin hat Schewardnadse gefragt, ob Russland seine schwere Militärtechnik über georgisches Territorium nach Tschetschenien bringen kann, um dort Militäroperationen durchzuführen. Unser Präsident hat das Ansinnen kategorisch abgelehnt. Das würde (...) zu einem großen kaukasischen Krieg führen. Außerdem ist das technisch nicht möglich. Die schwere Militärtechnik würde in den Bergen stecken bleiben.“
Sprecher:
Nach der Absage von Schewardnadse – so der Präsidentenberater – kamen große Probleme. Russland hielt sich bei der Verfolgung tschetschenischer Kämpfer offensichtlich nicht immer an die Staatsgrenzen.
O-Ton 6 (Russisch)
Übersetzer:
„Russische Flugzeuge begannen im Pankisi-Tal und an anderen Orten regelmäßig georgisches Grenzgebiet zu bombardieren und Minen abzuwerfen. Nicht wenige Menschen liefen auf diese Minen und verloren ihre Beine. (...)Unterstützt von ausländischen Organisationen haben wir dann die tschetschenischen Flüchtlinge bei uns aufgenommen. Sie sind alle im Computer registriert. (...) Es ist aber sehr schwer, die Grenze zu überwachen. Einigen tschetschenischen Kämpfern gelang es, die Grenze zu überschreiten. Es ist sehr schwer zu sagen, wer Terrorist ist und wer nicht. Auch im Europarat ist man ja der Meinung, dass nicht jeder Tschetschene mit einer Waffe Terrorist ist.“

Sprecher:
Auch 15 arabische Kämpfer seien auf georgisches Territorium gelangt. Man werde aber nicht eher ruhen, bis sie aus dem Pankisi-Tal verschwunden sind, versichert der Präsidentenberater.
Atmo 4 MG-Salve
Sprecher:
Manchmal höre sie Schüsse, meint Maja, die tschetschenische Flüchtlingsfrau in Duissi. Doch das seien die üblichen Freudenschüsse der Tschetschenen, wenn sie, wie es Sitte ist, eine Braut „entführen“ oder heiraten. Mutter Maja hat für derartige Bräuche zur Zeit nichts übrig. Wenn ihre Tochter zum Computerkurs geht, wird sie von der Großmutter begleitet. Denn es komme vor, dass Zivilisten ausgeraubt und Mädchen verschleppt würden. Irgendwann will die Mutter mit Tochter und Großmutter das Pankisi-Tal verlassen und nach Tschetschenien zurückkehren.
Atmo 5 (Meeresrauschen)
Sprecher:
Vom Pankísi-Tal im Nordosten Georgiens fliegen wir ans Schwarze Meer in die georgische Provinz Abchasien. Zu Sowjetzeiten war die Provinz mit ihrem subtropischen Küstenstreifen und den Dreitausender-Bergen ein beliebtes Urlaubsgebiet. Doch seit dem Bürgerkrieg 1993 sind die Hotels der Hauptstadt Suchúmi leer, Palmen und Zitronenbäume wachsen neben ausgebrannten Ruinen. Im Hafen liegen ein paar türkische Frachter, die unter Umgehung der Sanktionen Ware nach Abchasien bringen.
1992 rief das Parlament die Unabhängigkeit aus, aber bis heute wird Abchasien von keinem Staat der Welt anerkannt.
Der georgische Verteidigungsminister Tevsádse stammt selbst aus Suchúmi. Er musste fliehen. Im Bürgerkrieg kämpfte er 1992 auf der Seite der georgischen Streitkräfte. Zwischen Terrorismus und Separatismus gibt es nach Meinung des Ministers einen Zusammenhang.
O-Ton 7 (Russisch)

Übersetzer:
„In Abchasien geht es um das Problem des Separatismus, der allerdings auch mit dem globalen Problem des Terrorismus zusammenhängt. Eine ideologische Basis des Terrorismus in diesem Jahrhundert ist der Separatismus.“

Sprecher:
In Abchasien sieht man die Kooperation zwischen den USA und Georgien naturgemäß eher skeptisch. Dass die USA Georgien bei der Ausbildung von Soldaten helfen, stärke Georgien in seiner Absicht, Abchasien zurückzuerobern, meint der abchasische Außenminister Sergéj Schámba.
O-Ton 8 (Russisch)Übersetzer:
„Durch die Information, dass amerikanische Ausbilder Einheiten der georgischen Armee ausbilden, angeblich zum Kampf gegen den Terrorismus im Pankisi-Tal, hat sich die Situation verschärft. Wir sind beunruhigt. Denn angesichts der Tatsache, dass der Konflikt zwischen Georgien und Abchasien nicht geklärt und eine gewaltsame Lösung nicht ausgeschlossen ist, kompliziert es die Situation, wenn Einheiten der georgischen Armee ausgebildet, bewaffnet und mit Hubschraubern und anderer Technik ausgerüstet werden. Denn die Hauptaufgabe der georgischen Armee ist ja die Rückeroberung Abchasiens.“

Sprecher:
Um ein erneutes Aufflammen des Bürgerkrieges zwischen Georgiern und Abchasen zu verhindern, ist in der abtrünnigen Provinz ein 2.000 Mann starkes russisches Friedenskontingent mit GUS-Mandat stationiert. Außerdem werden die Konfliktzonen, das Kodori-Tal im Osten der abchasischen Hauptstadt Suchumi und die Sicherheitszone im Süden an der abchasisch-georgischen Waffenstillstandslinie, von 108 UNO-Militärbeobachtern kontrolliert.
Im Kodori-Tal kommt es immer wieder zu bewaffneten Zwischenfällen. Von diesem strategisch wichtigen Tal aus starteten die georgischen Truppen 1992 ihren Angriff gegen die abtrünnige Provinz. Die Regierung in Suchumi meint, auch der nächste Angriff auf Abchasien werde im Kodori-Tal vorbereitet. Die Gründe für eine solche Vermutung liegen nach Meinung des abchasischen Außenministers auf der Hand. Im September letzten Jahres rückte ein Trupp von 400 tschetschenischen und georgischen Kämpfern – wie sich später herausstellte mit logistischer Unterstützung des georgischen Innenministeriums – vom Pankisi-Tal aus in das Kodori-Tal ein. Kurze Zeit später wurde ein UN-Beobachtungshubschrauber westlich des Kodori-Tals von Unbekannten abgeschossen. Acht Personen, unter ihnen ein deutscher UNO-Arzt, kamen dabei ums Leben. In Anbetracht der angespannten Sicherheitslage und des Winterwetters fuhren die UN-Beobachter daraufhin nur noch selten zu Patrouillen ins Kodori-Tal.
Atmo 6
(Hubschraubergeräusch, unterText blenden)

Sprecher:
Mitte April hätte es fast einen bewaffneten Konflikt zwischen Georgien und Russland gegeben. Über den grünen Bergwiesen des Kodori-Tals setzten russische Transport-Hubschrauber zur Landung an. Soldaten mit hellblauen Helmen luden Munitionskisten aus, andere sicherten den Landeplatz, das Scharfschützengewehr im Anschlag. Unterdessen kreisten am Himmel zwei Kampfhubschrauber, um die Operation aus der Luft abzusichern. Die russischen Militärs erklärten, die 78 eingeflogenen Soldaten sollten nur einen Beobachtungspunkt der GUS-Friedenstruppen wiedererrichten, den man im letzten Jahr, als tschetschenische und georgische Freischärler in das Kodori-Tal eingerückt waren, verlassen hatte.
Die politische Führung in Tiflis zeigte sich von der russischen Lande-Operation überrascht. Der georgische Verteidigungsminister David Tevsadse drohte mit bewaffneter Gegenwehr. Präsident Schewardnadse flog noch am selben Tag ins Kodori-Tal, wo er sich mit dem russischen Oberkommandierenden der GUS-Truppe, Aleksander Jewtejew, traf. Einen Tag später telefonierte Schewardnadse mit Putin. Offensichtlicht wurde der Konflikt gütlich geregelt, denn die russischen Soldaten zogen wieder ab. Scharfe Worte gab es von der Leitung der in Abchasien stationierten UNO-Militärbeobachter. General Anis Bajwa erklärte, die Operation der russischen GUS-Truppe sei in der Form „aggressiv und kämpferisch“ und entspreche nicht „den Normen einer Friedenstruppe“.
Die russischen Militärs versuchten, ihre Lande-Operation im Nachhinein zu rechtfertigen. Bei den Ermittlungen vor Ort habe man festgestellt, daß sich entgegen dem zwischen Tiflis und der abchasischen Führung in Suchumi unterzeichneten Abkommen immer noch reguläre georgische Truppen im oberen Teil des Kodori-Tals befinden. Sie sollten eigentlich bis zum 10. April abgezogen werden. Tiflis konterte, im oberen Teil des Kodori-Tals befänden sich ausschließlich georgische Grenztruppen und Reservisten.
Die Landeoperation der GUS-Friedenstruppe im Kodori-Tal war für Tiflis Anlass, eine neue Zusammensetzung des Kontingents zu fordern. An der GUS-Truppe sollen sich nach Meinung Georgiens nicht nur Russen, sondern auch andere GUS-Staaten, wie Armenien und die Ukraine, beteiligen. Bisher scheiterten derartige Pläne, weil außer Russland kein GUS-Mitglied die nötigen Finanzmittel für eine Beteiligung aufbringen konnte. Der russische Verteidigungsminister Igor Iwanow reagierte gereizt auf die georgische Kritik.
O-Ton 9 (Russisch)Übersetzer:
„Das Friedenskontingent, das in Abchasien seinen Dienst tut, erfüllt seine Aufgabe. Wenn jemand den Eindruck hat, daß die dort sitzen und in den Himmel oder auf die Erde schauen (...), irrt er sich. Es geht hier nicht um die Anzahl der Truppen, sondern um die Frage, mit welcher Qualität die gestellten Aufgaben ausgeführt werden.“

Sprecher:
Trotz immer neuer Spannungen hat der UN-Sondergesandte Dieter Boden die Hoffnung auf Beilegung des Abchasien-Konflikts nicht aufgegeben. Der deutsche Diplomat hat ein Papier vorgelegt, das eine Kompetenzaufteilung zwischen Suchumi und Tiflis innerhalb des georgischen Staates vorsieht. Angeblich wird das Papier auch von Wladimir Putin unterstützt. Wegen der angespannten Situation im Kodori-Tal lag der Schwerpunkt der UN-Beobachtungstätigkeit in den letzten Monaten in der Sicherheitszone im Süden der abtrünnigen Provinz, entlang der Waffenstillstandslinie.
Der Dienst der UN-Militärbeobachter ist nicht ungefährlich. Im Grenzgebiet zwischen Abchasien und Georgien agieren zahlreiche bewaffnete Schmuggler-Banden. Sie nutzen den rechtsfreien Raum. Denn außer den Beobachtungsposten der russischen GUS-Friedenstruppen gibt es dort keine Sicherheitskräfte. Vor kurzem wurde ein Fahrzeug mit UN-Militärbeobachtern von Kapuzenmännern mit Kalaschnikows ausgeraubt. Seitdem verlassen die UN-Beobachter ihre Fahrzeuge nur noch in Ortschaften. Jeden Morgen um neun werden im Stützpunkt Gali die Patrouillen eingeteilt.
Atmo 7 (Patrouilleneinteilung, Englisch)

Sprecher:
Ich begleite zwei UN-Offiziere in einem gepanzerten Fahrzeug auf einer Patrouille entlang der abchasisch-georgischen Waffenstillstandslinie. Die unbewaffneten Beobachter haben die Aufgabe, die Sicherheitssituation in der Region zu überwachen, mit Hilfe von Übersetzern einfache Menschen und Bürgermeister zu befragen und Kontakt zu den Beobachtungsposten der russischen GUS-Friedenstruppe zu halten.
In einem kleinen Dorf in Südabchasien kommen wir mit der Georgierin Manána ins Gespräch und fragen sie, ob sie Angst hat?
O-Ton 10 (Georgisch/Englisch) Übersetzer/Übersetzerin:
„Ja, ich habe Angst. Ich kann aber nicht sagen, vor wem konkret.“ „Fühlen sie sich durch die Anwesenheit der UN-Beobachter sicherer?“ „Vielleicht fühle ich mich etwas sicherer.“

Sprecher:
Nicht weit von Manána´s Haus liegt ein von Tarnnetzen verhängtes Gebäude. Davor stehen Minenräumpanzer und Schützenpanzerwagen. Es ist der Beobachtungspunkt Nr. 207 der russischen GUS-Friedenstruppen. Hier dient der 23 jährige Leutnant Maxím Mýnkow. Sein Heimatort liegt im russischen Fernen Osten, nahe der Grenze zu China. Mynkow meint, Abchasien gehöre historisch zu Russland. Er verstehe, dass die Abchasen für ihre Unabhängigkeit von Georgien kämpfen. Er würde auch kämpfen, wenn man seine Heimat im Fernen Osten den Chinesen übergäbe.
O-Ton 11 (Russisch) Übersetzer:
„Ich meine, Abchasien sollte zu Russland gehören. Um Abchasien wurde schon während der Zeit von Púschkin und Lérmontow gekämpft. (...)Warum gab es so viele Kriege? Bis zum Zerfall der Sowjetunion war es hier still und friedlich. Ich meine die Abchasen haben richtig gehandelt, als sie sich von Georgien trennten. Sie kämpfen hier für ihr Land.“

Sprecher:
Die Meinung von Leutnant Maxim ist natürlich nicht die offizielle Position der GUS-Truppen, die zu strikter Neutralität verpflichtet sind. Leutnant Maxim hat ein sehr harmonisches Bild von den russisch-abchasischen Beziehungen.
Vermutlich weiß er nicht, dass Abchasien im 19. Jahrhundert unter der russischen Kolonisation gelitten hat.
Die russischen Soldaten in Abchasien fristen heute ein kärgliches Dasein. Sie bekommen umgerechnet 100 Euro Sold. Lebensmittel müssen sie sich in der Nachbarschaft organisieren. Die Wirtschaft in Abchasien liegt völlig am Boden. Die GUS-Staaten haben gegen die abtrünnige Provinz eine Wirtschaftsblockade verhängt. Der russische Zoll an der abchasischen Nordgrenze erlaubt allerdings den nichtstaatlichen Handel. Der deutsche Bundeswehrarzt Andreas Valentiner, schon das zweite Mal für die UNO im Land, beschreibt die Lage so:
O-Ton 12 (Deutsch)
“Es ist halt so, daß hier ein wirtschaftlicher Stillstand eintritt in den Auspizien, die die nachwachsenden Generationen haben. Schauen sie, die intelligenten Männer aus Abchasien sind, außer denen, die hier versuchen politisch noch etwas zu retten oder die Fäden in den Händen halten (...), gegangen. Das gleiche gilt in einer anderen Größenordnung natürlich für Georgien. Was sie hier sehen, ist ein Land in Subsistenz, dass die Wirtschaftsblockade dadurch durchbricht, dass es nicht wehrfähige Männer und Frauen, vor allem alte Frauen, über die Grenze schickt, die zentnerweise auf Kinderwagen-Gestellen Lebensmittel in´s Land holen und von den schmalen Margen, die die Preisdifferenz ausmacht, leben.“

Sprecher:
Die Abchasen leben nicht nur in unbeschreiblicher Armut, sondern auch in ständiger Kriegsangst. Fast jede Nachrichtensendung von „Radio Suchúmi“ beginnt mit Berichten über angebliche Provokationen Georgiens. Es gibt häufig Bomben-Anschläge. Vor kurzem wurden vier Soldaten der russischen GUS-Friedenstruppe gekiddnappt, später dann gegen Mitglieder einer in Süd-Abchasien operierenden georgischen Freischärlergruppe ausgetauscht. In Suchumi macht man für diese Zwischenfälle u.a. den georgischen Geheimdienst verantwortlich.
Der Außenminister Abchasiens, Sergej Schámba, erklärt, Georgien drohe indirekt mit einer Invasion. Immer wieder höre man aus Tiflis, man werde „andere Wege“ beschreiten, wenn sich das Abchasien-Problem nicht auf friedlichem Wege lösen lasse. Dies sei praktisch eine Kriegserklärung.
Die Abchasierin Nála Nikolájewa ist stellvertretende Schulleiterin der Mittelschule Nr. 10 in Suchúmi. Die attraktive Frau mit schwarzen Haaren und dunklen Augen bemüht sich trotz schlechter Nachrichten um gute Laune. Sie sei es gewohnt, im Kriegszustand zu leben. Als im Oktober letzten Jahres tschetschenische und georgische Kämpfer im Kodóri-Tal, östlich von Suchumi, auftauchten, herrschte unter der Zivilbevölkerung der Stadt Alarmstimmung.
Die Väter zogen ins Gebirge, um die Eindringlinge abzuwehren. Der Großteil der Schüler blieb zuhause, in der Schule wurde nur über einen drohenden Krieg gesprochen.
Schulleiterin Nála berichtet:
O-Ton 13 (Russisch) Übersetzerin:
„Ich bin Optimist von Natur aus. Aber die Situation drückt auf unsere Stimmung. (...) Das sieht man auch an den Kindern. (...) Einige Kinder beteiligen sich aktiv am Unterricht, andere fragen, was nützt uns das jetzt, wir haben keine Lust. Während der Oktober-Ereignisse gingen einige Väter in das Kodori-Tal (...) Die Schüler waren sehr beunruhigt, denn es war nicht klar, ob sie lebend zurückkehren. (...) Es kamen nur wenige Schüler in die Schule. Es gab keinen normalen Unterricht. (...) Wir haben stattdessen über einen möglichen Kriegsbeginn gesprochen. (...) Als der Krieg 1992 begann, bin ich mit meinen Kindern weggefahren. Ich dachte, das sei ein Konflikt von wenigen Tagen. Aber wir durchlebten einen richtigen Krieg. Mein Mann kämpfte. Mein Cousin wurde getötet.“

Sprecher:
Die Wurzeln des Konflikts liegen weit zurück. Tiflis erklärt, Abchasien habe immer zu Georgien gehört. Suchumi dagegen verweist auf den jahrzehntelangen Kampf für Unabhängigkeit und gegen kulturelle Bevormundung. Von 1921 bis 1931 sei Abchasien eine vollwertige Sowjetrepublik gewesen, allerdings in einer Konföderation mit Georgien verbunden. Im Jahre 1931 wurde Abchasiens Status von Stalin herabgestuft. Aus der Sowjetrepublik wurde eine Autonome Republik innerhalb Georgiens.
Nachdem das abchasische Parlament im Juli 1992 die Unabhängigkeit von Georgien beschlossen hatte, schickte Präsident Schewardnadse Truppen nach Abchasien. Es begann ein blutiger, 13 Monate dauernder Bürgerkrieg. Große Teile Suchumis und anderer Städte wurden zerstört. Die abchasische Nationalbibliothek brannte aus. 250.000 Menschen, vor allem Georgier, aber auch Russen flüchteten aus Abchasien. 10.000 Menschen wurden getötet. Die georgischen Flüchtlinge leben heute in elenden Flüchtlingsheimen in Tiflis und anderen Städten. 60.000 Georgier sind inzwischen in den südlichsten Bezirk Abchasiens, den Gali-Rayon, zurückgekehrt. Dort war der Anteil der georgischen Bevölkerung vor dem Bürgerkrieg am höchsten. Die Rückkehr weiterer Flüchtlinge wäre für die Bevölkerung unzumutbar, meint ein Berater des abchasischen Präsidenten. Die Führung des Landes behauptet, es habe keine ethnische Säuberung gegeben. Tatsache ist jedoch, dass außerhalb des abchasischen Gali-Rayons heute kaum noch Georgier leben. In der Regierung und der Verwaltung der abtrünnigen Provinz sitzen heute vor allem Abchasen und so gut wie keine Georgier.
Der Anteil der Abchasen an der Gesamtbevölkerung lag vor dem Bürgerkrieg bei nur 18 Prozent. Heute liegt er schätzungsweise bei 70 Prozent. Die Führung in Suchumi argumentiert, Abchasien sei in den 40er und 50er Jahren gezielt „georgisiert“ worden, man habe damals zehntausende von Georgiern am Schwarzen Meer angesiedelt. Den Schülern sei die georgische Sprache aufgezwungen worden. Die abchasische Sprache, die nicht mit dem Georgischen, sondern mit der Sprache der Tscherkessen im Nordkaukasus verwandt ist, sei zurückgedrängt worden. Die kleine Nationalität der Abchasen habe um ihr kulturelles Überleben gekämpft.
Trotzdem haben Abchasen und Georgier enge Kontakte, wie Nala Nikolajewa bestätigt:
O-Ton 14 (Russisch) Übersetzerin:
„Ich bin mit Georgiern gemeinsam aufgewachsen. Ich habe viele georgische Freundinnen. ... Meine Tante und meine Cousine leben in Tiflis. Sie rufen mich an, wir halten Kontakt. Man kann nicht sagen, dass wir die Georgier hassen. Aber es kränkt mich, dass, als der Krieg begann, unsere Nachbarn gegen mich standen. Natürlich gibt es einen Hass. Aber sie haben keine Schuld. Man hat sie gegen uns aufgehetzt. Wir Abchasen haben unsere Kultur und unsere Sprache. Wir haben Bücher in abchasischer Sprache gedruckt. Das alles wollte man uns nehmen. “

Sprecher:
(:::.) Die Führung in Tiflis hofft, dass den Abchasen irgendwann die Lust am eigenen Staat vergeht. Die Menschen in der abtrünnigen Provinz leben in unbeschreiblicher Armut. Ohne die ausländischen Hilfsorganisationen wäre das soziale System längst zusammengebrochen.
Die GUS hat gegen Abchasien eine Wirtschaftsblockade verhängt. Doch die Zahl der russischen Touristen in Abchasien steigt. Auch der Handel mit Russland nimmt zu. Auf Sackkarren exportieren abchasische Händler Haselnüsse, Mandarinen, Wein und Mimosen nach Russland. Der russische Zoll hat den privaten Warenverkehr von den Sanktionen ausgenommen.
Die politische Elite in Moskau hat es dem georgischen Präsidenten Schewardnadse bis heute nicht verziehen, dass er zusammen mit Michail Gorbatschow die Sowjetunion auflöste. Die Erinnerung der von Kälte verwöhnten Russen an Sommerurlaube in den Sanatorien des subtropischen Abchasien ist noch wach und Moskauer Beamte agieren überaus unkonventionell, wenn es darum geht den russischen Einfluss in der Schwarz-Meer-Provinz zu sichern.
In einer aufsehenerregenden Aktion hat eine Vertretung des russischen Außenministeriums im Juni im südrussischen Sotschi 150.000 Einwohnern Abchasiens russische Pässe ausgestellt. Nach Schätzungen haben damit heute 70 Prozent der Einwohner Abchasiens ein russisches Ausweisdokument.
Der Run auf die russischen Pässe wurde durch das am 1. Juli in Kraft getretene neue Staatsbürgergesetz ausgelöst, das den Erwerb eines russischen Passes erschwert. In Tiflis führte die Pass-Aktion zu heftigen Protesten. Das georgische Außenministerium erklärte, die Pass-Kampagne sei illegal, die Einwohner Abchasiens seien Georgier.
In Suchumi heißt es, ohne den russischen Pass seien die Abchasen ohne gültige Reisedokumente und damit von der Außenwelt abgeschnitten. Die UNO habe die Ausgabe von Dokumenten für die Einwohner Abchasiens abgelehnt.
Auch Schuldirektorin Nála aus Suchúmi hat einen russischen Pass. Doch sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß Abchasien einmal von der internationalen Staatengemeinschaft als unabhängiger Staat anerkannt wird. Aber dieser Traum ist unrealistisch, solange Hunderttausende georgische Flüchtlinge außerhalb Abchasiens in Baracken vegetieren.
Die „Freunde Georgiens“ beim UN-Generalsekretär – das sind die USA, Russland, Deutschland, Frankreich und Großbritannien – und Moskau müssen bald grundlegende Entscheidungen fällen. Bald läuft sowohl das Mandat für die GUS-Friedenstruppe wie auch für die UN-Militärbeobachter aus. Was aber wird aus der GUS-Friedenstruppe? Wird Russland die von Schewardnadse geforderte Internationalisierung der Truppe akzeptieren? Die russischen Militärs in Abchasien agieren noch nach den Leitlinien, die vor dem 11. September entwickelten wurden. Wird Putin sie jetzt auf seinen neuen Kurs der Kooperation mit dem Westen zwingen? Die Stabilität Georgiens hängt nicht nur davon ab, ob Präsident Schewardnadse eine Verständigung mit den abtrünnigen Provinzen findet. Noch wichtiger ist, ob Russland und die USA in der strategisch wichtigen Region zu einem Interessenausgleich finden.
Atmo 8 Meeresrauschen
Zur Verfügung gestellt vom NDR
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