22. November 2002

Wie ein böser Fluch

von unserem Korrespondenten aus Russland, Ulrich Heyden

Zweieinhalb Jahre dauerte die Blockade von Leningrad, zwei Monate kämpften deutsche Truppen im Kessel von Stalingrad. Die ehemalige Krankenschwester Anna Fjodorowna Pessina hat beides erlebt.

Auf einer Bank sitzt eine zierliche, kleine Frau mit schmalem, faltigen Gesicht und kurzgeschnittenen Haaren. Die Bilder von der Schlacht um Stalingrad hat Anna Fjodorowna noch heute vor Augen. „Die Feuersbrunst, die übereinanderliegenden Leichen von Russen und Deutschen, den Krach der Raketenwerfer. Dieses Drama kann man nicht vergessen. Das nimmt man mit ins Grab.“

Gäste empfängt Anna nicht in ihrer Wohnung, sondern auf einer Bank vor ihrem Haus, einem 20-stöckigen Plattenbau im Nordosten Moskaus. Ihr 98-jähriger Ehemann mag keine fremden Besucher. „Er ist störrisch.“ Die alte Dame schnürt einen in Plastik eingepackten Stapel mit Dokumenten, Briefen und Gedichten auf. „Ich habe immer gedichtet, auch an der Front.“ Sie liest mit ruhiger Stimme:. „Wir haben die Erde vom Feuer gereinigt. Das brachte den Menschen Glück. Aber Mütterchen Russland ist müde.“ Damals, 1942, las sie vor verwundeten Soldaten Gedichte des Romantikers Sergej Jesenin. Sie befahl „Ruhe!“ und begann zu lesen. Verse von verschneiten Birken, goldenem Mond und unbeantworteter Liebe. „Die Männer stöhnten, sie waren traurig, aber man musste sie irgendwie auf andere Gedanken bringen.“

Alles war eine logische Kette von Ereignissen

Anna war zwanzig Jahre alt, damals 1942, als sie nach Stalingrad kam. Sie gehörte zu den 300 000 Frauen, die als Krankenschwestern an der Front im Einsatz waren. Diejenigen, die noch leben, müssen sich heute mit kümmerlichen Renten von umgerechnet 100 Euro über Wasser halten. Die Veteraninnen bekamen Orden und werden zu Sieges-Feiern eingeladen. Ansonsten hat der Staat, für den sie gekämpft haben, sie ihrem Schicksal überlassen. Geboren und aufgewachsen ist Anna Fjodorowna in Leningrad. Die junge Medizin-Studentin hatte gerade das erste Semester abgeschlossen, da begann die Belagerung der Stadt durch deutsche Truppen. An Studieren war nicht mehr zu denken. „In Schnell-Kursen wurden wir auf die Front vorbereitet.“ Anna erzählt schnell und ohne Pause. Alles, was damals passierte, war für sie eine logische Kette von Ereignissen. Es gab keine Zweifel. Tod und Hunger, „der nackte Überlebenskampf“, gaben ihrem Leben die Richtung.

Ihren ersten praktischen Dienst leistete Anna als Krankenschwester in einer Leningrader Fabrik für Artillerie-Granaten. „Wir wohnten im Zentrum der Stadt neben dem Kirow-Theater. Zur Arbeit im Norden der Stadt hatte ich einen langen Weg. Ich musste an der Newa entlang und dann über die Litejnyj Brücke auf die Wyborger-Seite.“ Am Fluss wehte immer eine frische Brise. Der Blick auf das ruhig fließende, dunkle Wasser ließ sie die Schrecken für Augenblicke vergessen. „Damit ich auf dem langen Weg etwas zu Essen hatte, gab mir meine Mutter etwas von ihrem Brot mit.“ Mit der Schwester stand Anna für 125 Gramm Brot täglich Schlange. Im zweiten Kriegsjahr starben die Eltern und die Schwester an Hunger. Anna brachte sie selbst zum Leichen-Lager. Die alte Frau ist überzeugt, dass Vater und Mutter in das große Massengrab kamen, das später zu einem Gedenkkomplex wurde. „Der Tod der Eltern hat mich schwer getroffen. Obwohl, es starben so viele Menschen, dass es schon fast normal war. Aber meine Psyche veränderte sich. Ich wollte Gutes tun.“

Sie arbeitete als Krankenschwester, doch der Anblick von Hunger und Erschöpfung schnürte ihr die Kehle zu. „Da saß jemand schlafend auf einem Holzschemel. Irgendwann wachte er nicht mehr auf.“ Ganze Familien wechselten sich an den Werkbänken ab. „Erst starb der Vater, dann die Mutter, schließlich der Sohn.“ Vor ihren Augen erscheinen die schummrigen Hallen, die vom Krach der Bohr- und Fräsmaschinen zittern, der Geruch von Maschinenöl und menschlichen Ausdünstungen. In dieser Wüstenei begann sie Gedichte zu schreiben, über den Schmerz des Todes und die Hoffnung auf Leben. Dann gab es einen Aufruf der Partei. „Wer geht freiwillig an die Front?“

Anna meldete sich. Sie hatte niemanden mehr, um den sie sich kümmern konnte. Den Ring, den die deutschen Truppen um die Stadt gelegt hatten, wollte sie durchbrechen. Sie wollte helfen, den Feind zu schlagen, an einer anderen, strategisch wichtigen Stelle. Also ließ sich Anna nach Südosten schicken. In einem hölzernen Frachtwaggon erreichte sie im Juli 1942 Stalingrad. „Die Sonne schien. Es war eine wunderbare, ruhige Stadt. Ich ging dort zum Zahnarzt und ließ mir eine Plombe einsetzen. Sie hat bis heute gehalten.“

Auf den Schlachtfeldern die Verwundeten eingesammelt


Anna Fjodorowna wurde zum Sergeanten ernannt, bekam Schulterstücke und wurde dem Letutschka Nr. 1 165, einem fahrenden Sanitätswagen einer Evakuations-Brigade, zugeteilt. Allein 30 000 sowjetische Krankenschwestern waren in Tausenden solcher Sanitätszüge an der Front im Einsatz.„ Auf den Schlachtfeldern vor Stalingrad sammelten wir die Verwundeten ein. Wir brachten sie in Krankenhäuser in den Nordkaukasus.“ Zusammen mit einer Helferin musste Anna zwei Waggons mit jeweils 80 Verwundeten versorgen. „Wir arbeiteten rund um die Uhr. Irgendwann zwischendurch schliefen wir.“ Die jungen Krankenschwestern kümmerten sich auch um die privaten Belange der Soldaten. „Wir haben für die Verwundeten Briefe geschrieben. Die waren dreieckig und bestanden aus nur einem Blatt Papier, das zusammengefaltet wurde.“

Anna reißt eine Seite aus einer Zeitung und zeigt, wie man die Briefe faltete. „Marken gab es nicht. Nur die Adresse, Leningrad, Tjumen …“ Auch Musik gab es im Waggon. „Ohne Musik geht es bei uns Russen nicht. Manche hatten ihre Ziehharmonika dabei. Es gab sogar Soldaten, die tanzten.“ Nein, Männergeschichten habe sie nicht gehabt, nur ihre Pflicht gekannt. Ihr faltiges Gesicht durchzieht ein Lächeln. „Ich bekam Komplimente. Ich war attraktiv.“ Ihr Blick richtet sich in die Ferne, so als ob sie Augenblicke zurückholen will. „Das ist nicht so wie heute. Ich wollte einen reinen Charakter, einen reinen Körper. So wurde ich von meiner Mutter erzogen. Es gab dort keinen Mann für mich.“

Manche hatten ihre Ziehharmonika dabei


In dem Getümmel von Blut und Explosionen konzentrierte sich alles auf den Überlebenskampf. „Wir kamen in schreckliche Artillerie-Kämpfe. Die Katjuscha (Stalinorgel) wurde unsere wichtigste Waffe. Wo sie im Einsatz war, gab es für die Deutschen kein Durchkommen.“ Auf die, die noch lebten, wurde mit Gewehren geschossen. Es gab sogar Faustkämpfe. Wohin man den Kopf auch wandte, überall lagen Leichen. Diejenigen, die sich noch bewegten, trugen die jungen Frauen auf Bahren in den Zug. „Wir schleppten nur die Russen vom Schlachtfeld, die Deutschen blieben liegen. Wir Krankenschwestern haben gesagt, lasst uns alle einsammeln. Aber uns wurde erklärt, dass das nicht gehe. Das sei doch der Feind. Er habe uns angegriffen.“ An der Front wurde Anna in die Kommunistische Partei aufgenommen, eine große Ehre damals. Als sie später zu Veteranentreffen in das ehemalige Stalingrad zurückkehrt und unter dem Denkmal „Mutter Heimat“ steht, stellt sie sich Fragen nach dem Sinn des Krieges. „Warum hat er begonnen, warum mussten so viele junge Menschen, auch Deutsche, sterben?“ In ihren Gedichten schreibt sie über die Massenvernichtungen von Juden. „Majdanek, Babij Jar. Die Orte wo man die Kinderpantoffeln in den Ofen warf. Warum mussten die Deutschen die Juden vernichten? Es war schrecklich. Aber die Zeit ist vorbei.“

Die Siegesfeier an der Front hat Anna nicht abgewartet. Kaum war der Krieg zu Ende, fuhr sie in ihre Heimatstadt. Sie war hart geworden, hatte gelernt, Entschlüsse zu fassen. Nach Leningrad zurückgekehrt, fand sie die elterliche Wohnung unversehrt. Zwei Jahre später lernte sie auf einem Konzert ihren Mann kennen, mit dem sie zwei Töchter bekam. „Er war Jude und Militär. Er hatte einen sehr guten Charakter.“ Doch als er 1984 starb, war sie wieder allein, die Kinder erwachsen, und sie hatte niemanden, um den sie sich kümmern konnte. Wieder fühlte sie sich einsam, wieder wurde es ihr in der Stadt zu eng und wieder hatte sie das Bedürfnis, zu helfen. Mehrere Jahre arbeitete Anna als Krankenschwester in Touristen-Zügen. Sie wollte die Weite des Landes erfahren, die ganze Sowjetunion bereisen. „Es ist mir fast gelungen. Ich war viel in Zentralasien. Auch in den Kaukasus kam ich oft.“ Ihren zweiten Mann, einen Cousin ihres verstorbenen ersten, heiratete sie, weil es bei der Familie ihrer ältesten Tochter in der Petersburger Wohnung zu eng war. Das sagt sie ganz ohne Umschweife.

Deduschka will ständig umsorgt werden

„Dass ich zu meinem zweiten Mann nach Moskau zog, war wohl der verhängnisvollste Schritt in meinem Leben.“ – „Anna, Anna“, ruft es vom Balkon im fünften Stock. Dort steht ein spindeldürrer, alter Mann mit weißer Baseball-Kappe. „Das ist mein Mann, er fühlt sich alleine.“ Sie nennt ihn Deduschka, Großvater. Ihre Mundwinkel zucken spöttisch. Deduschka will ständig umsorgt werden. Er sei sehr störrisch und raube ihr die letzte Kraft. Annas Gesicht wird traurig. Sie ist verzweifelt, möchte zurück in ihre Geburtsstadt und hofft, dass die ältere Tochter, Sina, sie zu sich nimmt. Obwohl, eigentlich ist sie von Sina enttäusch. Entrüstet, so als ob es gestern passiert sei, berichtet Anna, dass die Töchter die Wohnung in St. Petersburg verkauft haben. „Ohne mich zu fragen.“ Doch sie hat keine andere Wahl. Von ihrem störrischen Deduschka will sie weg. Ihre einzige Hoffnung ist, dass die älteste Tochter sie jetzt nicht im Stich lässt. „Zur Not kann ich ja auch auf der Datscha wohnen.“ Das Leben ist ungerechte, findet die alte Dame. Hat sie denn Sina und Marina nicht alles gegeben? Hat sie nicht mit den Töchtern all das verwirklicht, was Annas Eltern mit ihr verwirklichen wollten, aber wegen Krieg und Tod nicht konnten? Anna hatte keine Wahl. Die unvollendeten Pläne der Eltern waren für sie wie ein ungeschriebenes Gesetz, wurden für sie zur Orientierung im Leben, als wollte sie die Jahre der Zerstörung ungeschehen machen.

Ein Leben ohne Arbeit kennt sie nicht

Annas Vater, eine Russe, war Arzt, sie wurde Ärztin, und ihre jüngste Tochter, Marina, wurde ebenfalls Ärztin. Beide Töchter lernten Fremdsprachen und Klavierspielen, ein Traum von Annas Mutter. Sie hieß Maria Schdanowitsch, war Polin und hatte selbst das Gymnasium besucht. Über 50 Jahre arbeitete Anna als Herz- und Infektions-Spezialistin, in der Kirow-Akademie und im Leningrader Hafenkrankenhaus. Um die Extra-Ausbildung der Kinder zu bezahlen und eine Datscha zu kaufen, hat sie viele Nachtschichten geschoben. Noch bis vor einem Jahr arbeitete die alte Dame in einer Kinder-Poliklinik um die Ecke, verdiente dort 450 Rubel (14 Euro). Ohne Arbeit kann sie einfach nicht. Ein Leben ohne Arbeit kennt sie nicht. Erst als man ihr im Sozialamt erklärte, wegen dem Zusatzverdienst bekomme sie nur 1 500 Rubel Rente, zog sie einen Schlussstrich unter ihr Arbeitsleben.

Nachdem sie so viel gegeben hat, hofft Anna nun, dass ihr, der Invalidin, jemand hilft. Beim Schleppen der Verwundeten auf den Schlachtfeldern vor Stalingrad, bekamen ihre Gelenke einen Schlag. Ihre Knie sind krank, die Beine schon ganz krumm. Anna geht, Zentimeter um Zentimeter, am Stock. Wie ein böser Fluch liegt der Krieg über ihrem Leben. Die alte Dame ist enttäuscht und müde, von den Töchtern aber auch von der rauen Umwelt. „Meine Gutmütigkeit wird mir zum Verhängnis.“ Vor ein paar Wochen baten zwei junge Frauen bei Anna um Einlass. Sie gaben sich als Vertreterinnen des Sozialamtes aus. Angeblich solle Annas Rente erhöht werden. Sie ließ die beiden Mädchen in die Wohnung und wurde bis auf den letzten Rubel ausgeraubt. „Immerhin, meine älteste Tochter hat mir 500 Rubel (17 Euro) geschickt.“ Annas ganzer Stolz ist jetzt der Enkel Lawr. Der ist heute so alt wie Anna, als sie an die Front ging, studiert Mathematik in St. Petersburg, besucht Konzerte und Theater. „Er lebt in der Kultur“, erzählt sie mit einem bedeutungsvollen Gesicht. So führt der Enkel die Tradition der Groß- und Urgroßmutter fort. Zum Beweis schwenkt Anna ein gebundenes Heftchen mit ihren Gedichten. Ein Geschenk des Enkels zum 80. Geburtstag. Wäre Stalingrad nicht gewesen, hätte es in Annas Leben mehr solcher Glücksmomente gegeben. Der Enkel, so hofft sie, wird sie vielleicht erleben.

Schlacht um die Städte

Im Herbst 1941 beginnt die Blockade Leningrads durch deutsche Truppen.
Am 23. August 1942 fliegen 2 000 deutsche Flugzeuge den ersten Angriff auf Stalingrad. Mitte September 1942 erobern deutsche Truppen die wichtigsten Gebäude der Stadt. Danach wechselt die Kontrolle über die strategisch wichtigen Punkte der Stadt täglich. Am 22. November schließen sowjetische Truppen den Kessel um deutsche Truppen in Stalingrad.
Am 2. Februar 1943 ergeben sich die Reste der Wehrmacht, 90 000 Mann.
Im Januar 1943 durchbrechen sowjetische Truppen die Blockade von Leningrad.

"Sächsische Zeitung"

Teilen in sozialen Netzwerken
Im Brennpunkt
Video