15. Juni 2010

„Wir haben viele Tote gesehen“

Von Ulrich Heyden, SZ-Korrespondent in Moskau

In Kirgistan machen Banden Jagd auf die usbekische Minderheit. Warum versinkt das Land in Gewalt und Chaos?

Sijeda Achmedowa steht das Entsetzen noch im Gesicht. „Wir haben viele Tote gesehen. Ich habe einen sterben sehen, dem in die Brust geschossen wurde“, berichtet die junge Usbekin. Sie gehörte zu den ersten usbekischen Flüchtlingen aus Kirgistan, die es zur Grenze nach Usbekistan geschafft hatten. Achmedowa lebt jetzt in einem Flüchtlingslager. Sie hat keine große Hoffnung, bald wieder nach Hause zu können. „Unsere Häuser sind niedergebrannt. Ich weiß nicht, wie wir da leben sollen, wie wir mit den Leuten sprechen sollen, die auf uns geschossen haben.“

Über 100000 Angehörige der usbekischen Minderheit in Kirgistan sind ins Nachbarland geflohen. Nach amtlichen Schätzungen wurden mindestens 117 Menschen getötet und mehr als 1500 verletzt. Doch die wahre Zahl der Opfer könnte weit größer sein. Was hinter dem Konflikt steckt, analysiert die SZ.

Wer kontrolliert die Situation im Süden?

Andrea Berg, Zentralasien-Expertin von „Human Rights Watch“, hielt sich in den letzten Tagen in Osch auf. Nach ihren Angaben kontrolliert die kirgisische Armee zwar tagsüber die Situation auf den Straßen. Nachts kämen aber die Plünderer und Kriminellen aus ihren Verstecken. Die Usbeken hätten sich in ihren Häusern oder auf den Dächern der Häuser verbarrikadiert. Andere seien auf der Flucht.

Wie ist der Konflikt entstanden?

Nach Bergs Informationen hatten die Unruhen zunächst keinen ethnischen Hintergrund. In Osch seien am Donnerstag Gerüchte gestreut worden über Vergewaltigungen und andere gewaltsame Übergriffe. Von bestimmten Kräften seien dann Waffen an Straßenbanden ausgegeben worden. Dann begannen die Pogrome, die sich gegen die usbekischen Wohnviertel richteten. Andere Experten, wie der Chefredakteur der russischsprachigen Website Fergana.ru meint, von der Gewalt seien auch kirgisische Wohnviertel betroffen.

Welche Rolle spielt die kirgisische Armee?

Die kirgisische Armee, die sich offenbar fast ausschließlich aus Kirgisen zusammensetzt, spielt eine zweifelhafte Rolle. Andrea Berg berichtet, Augenzeugen aus westlichen Staaten hätten beobachtet, wie die kirgisische Armee Waffen an kriminelle Banden verteilte. Auch sei beobachtet worden, dass die Armee gezielt auf Usbeken geschossen oder den Plünderungen tatenlos zugesehen habe.

Wer steckt hinter der Orgie der Gewalt?

Nach Meinung der Regierung in Bischkek, die nach dem Umsturz im April an die Macht kam, sind die Unruhen von dem gestürzten und nach Weißrussland geflohenen Ex-Präsidenten Kurmanbek Bakijew angezettelt worden. Dieser stammt selbst aus der südkirgisischen Stadt Dschalal Abad. Auch die Expertin Andrea Berg glaubt, dass Bakijew hinter den Unruhen steckt. Der gestürzte Präsident wolle das für den 27. Juni angesetzte Referendum über eine neue Verfassung verhindern, nach der Kirgistan eine parlamentarische Republik werden soll.

Wie verhalten sich die einfachen Bürger?

In Dschalal Abad sind in einigen Bezirken Bürgerwehren entstanden, um das Eindringen der kriminellen Gruppen in die Wohnviertel zu verhindern. In Osch gab es Versuche, die Vertreter der Kirgisen und Usbeken zu einer Aussöhnung an einen Tisch zu bekommen. Derartige Treffen konnten die Gewalt jedoch noch nicht eindämmen.

Wie sind die kirgisischen Lebensverhältnisse?

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion galt Kirgistan politisch als liberale Hochburg in der Region. Die Opposition hatte gewisse Freiheiten. Die soziale Lage in Kirgistan ist jedoch derart katastrophal, dass es immer wieder zu Massenunruhen kam. Wegen der Korruption und dem autoritären Regierungsstil wurde schon zweimal – 2005 und 2010 – durch Straßenunruhen der Präsident gestürzt.

Wie verhalten sich die Nachbarstaaten?

Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan gehören wie Kirgistan, Russland, Armenien und Weißrussland dem Kollektiven Verteidigungsbündnis (ODKB) an. Dieses Bündnis, das sich gegen den Terrorismus richtet, bisher aber noch nie aktiv wurde, tagte gestern in Moskau. Theoretisch könnte es im Süden Kirgistans eingreifen. Doch die Staaten der Region sind zerstritten über die Wasserressourcen.

Greift Russland in den Konflikt ein?

Russland unterhält im Norden von Kirgistan die Luftwaffenbasis Kant. Inzwischen landete dort ein Fallschirmjägerbataillon; allerdings nur, um die Militärbasis zu schützen. Die Regierung in Bischkek hatte den Kreml gebeten, Truppen nach Kirgistan zu schicken. Inzwischen schließt Russland ein militärisches Eingreifen nicht mehr aus.

Was könnte die Welt-Gemeinschaft tun?

Die Uno könnte Hilfskonvois in den Süden Kirgistans schicken, um die Leiden der Zivilbevölkerung zu lindern. Eine Uno-Schutztruppe scheint zurzeit unrealistisch, denn in der Region kreuzen sich die Interessen von drei Mächten: Russland, China und USA, die in Kirgistan einen Afghanistan-Nachschub-Stützpunkt unterhalten. (mit dpa/apn)

"Sächsische Zeitung"

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