21. Juli 2022

Brief an einen alten Freund

Vor kurzem schickte mir ein alter Freund, einen Brief, indem er meine Haltung zum Krieg in der Ukraine als politischen und moralischen Bankrott bezeichnete. Das ist nicht der erste Brief dieser Art, den ich von einem deutschen Freund bekomme. Doch dieser Brief war besonders scharf, obwohl wir uns schon über 40 Jahre kennen. Ich denke, es ist gut solche Debatten öffentlich auszutragen. Macht das private öffentlich! lautete in den 1970er Jahren eine linke Parole, die zwar brachial klingt, aber einen wahren Kern hat. Denn politische Konflikte im privaten Bereich sind im Grunde gesellschaftliche Konflikte, die wir nicht privat sondern nur in der Gesellschaft lösen können. 

Mein alter Freund schrieb mir, mit meinen Berichten aus den von Russland besetzten Gebieten sei meine Reputation als Journalist tief gefallen. Meine Einschätzung zum Ukraine-Krieg sei die Fortsetzung meiner falschen Einschätzung zur Corona-Politik in Deutschland, wo ich mich bei der rechten Querfront angebiedert habe. Was ich in Russland über Deutschland berichte, sei zu 80 Prozent Propagandaquark, welche die Unkenntnis der russischen Bevölkerung über Deutschland fördern werde. Über Russland könne ich in Deutschland nicht die Wahrheit berichten, weil man mir sonst in Russland auf die Finger klopfen werde. Mein Freund teilte mir mit, dass ihm zurzeit die aus Russland flüchtenden Aktivisten der Zivilgesellschaft menschlich und politisch am Nächsten ständen. Und er schickte mir eine Petition, in welcher die zurückhaltende Visa-Politik der Bundesregierung gegenüber geflüchteten Aktivisten aus Russland kritisiert wird.

Ich schrieb an meinem Freund folgenden Antwortbrief:

Lieber P.,

so viel steht fest: Es wird keinen Frieden in der Ukraine und keine Waffenstillstandsverhandlungen geben, so lange der Westen nicht einsieht, dass er eine Mitschuld am Krieg in der Ukraine trägt und solange die EU nicht einsieht, dass Sanktionen Europa mehr schaden als Russland.

Westeuropa muss sich von den USA emanzipieren, wenn es nicht durch unsinnige Sanktionen wirtschaftlich in den Abgrund stürzen will.

Leider haben die USA es hinter den Kulissen geschafft, Deutschland in eine Frontstellung gegen Russland zu bringen. Die Helfer der USA, Habeck, Baerbock und der KBW-Strippenzieher Füchs führen Deutschland unter progressiver Flagge in eine aggressive Politik gegen Russland. «Russland ruinieren» (Baerbock), das wollte zuletzt Hitler. Deutscher Größenwahn diesmal in der grün-linker Verkleidung.

Warum zeigst Du mit dem Finger nur auf Russland? Ich glaube kaum, dass die USA es anderen Staaten erlauben würden an der Grenze der USA einen anti-US-Staat zu installieren. Die seit über 60 Jahren anhaltende Wirtschaftsblockade der USA gegen Kuba, zeigt das zur Genüge.

Zum Glück gibt es in Europa einige Politiker und Persönlichkeiten — wie Wagenknecht, Michael Kretschmer und nicht zuletzt der Papst - um nur einige zu nennen — , die verstehen, dass ein «weiter so» gegen Russland zur Katastrophe führt. Willst Du all diese Leute — so wie Du es mit mir tust —  als durch Putin-Propaganda «Verwirrte» oder vom «Diktator Putin» verängstigte Personen bezeichnen?

Meinst Du, dass die Position «standhaft gegen Russland» es wert ist, dass man den dritten Weltkrieg riskiert? Wären Verhandlungen mit Russland «Feigheit» vor dem «Feind»?  Wäre die deutsche Demokratie dann in Gefahr? Glaubst Du im Ernst, Putin würde dann nicht halt machen und sich Polen und die baltischen Staaten einverleiben, so wie es deutsche Medien schreiben?

Ich meine, wir müssen verhindern, dass Langstreckenwaffen aus den USA an die Ukraine geliefert werden. Denn Russland wird das nicht dulden. Solche Langstreckenwaffen und deutsche Panzer — wenn sie denn geschickt werden — vergrößern die Weltkriegsgefahr.

Willst Du denn mir und allen Menschen, die gegen eine Konfrontationspolitik gegenüber Russland auftreten, unterstellen, dass sie der Putin-Propaganda «erlegen» sind, Angst vor Putin haben oder sogar von Putin bezahlt werden? Ist das nicht ein bisschen einfach gedacht, so einfach, wie die Bild-Zeitung seit Jahrzehnten gegenüber Linken und «Russland-Verstehern» «argumentiert»?

Ist das nicht anmaßend von Deiner Seite aus? Du meinst offenbar, dass es nur eine Wahrheit über den Ukraine-Krieg gibt und diese Wahrheit erfährt man aus der «Tagesschau», der «taz» und anderen deutschen Medien. Ich wäre froh, wenn Du mal mit Argumenten Artikel in den «Nachdenkseiten» auseinandernimmst und nicht nur mit allgemeinen Verurteilungen gegen «Russland-Versteher» austeilst.

Da ist zum Beispiel der deutsche Blogger Tilo Jung («Jung und naiv»). Dem ist es zu verdanken, dass der ukrainische Botschafter Andrej Melnyk im Interview als Bandera-Fan und Leugner der von ukrainischen Faschisten im Zweiten Weltkrieg verübten Pogrome gegen Juden und Polen im Gebiet Wolhynien (heute Westukraine) überführt wurde, wonach Melnyk von Kiew aus Deutschland abgezogen wurde.

Arbeitet der Blogger Tilo Jung mit «Putin-Propaganda», wird er von Putin bezahlt? Was ist da Deine Position? Warum hat nicht die taz, die Süddeutsche oder der Spiegel den Pogrom-Leugner Melnyk gestürzt? Warum war es ein "kleiner" deutscher Blogger? Hatten die großen deutschen Medien Angst, das Thema anzupacken, weil sie damit die 100prozentige pro-Kiew-Linie der Bundesregierung in Frage gestellt hätten?

Lieber P., Du glaubst doch nicht im Ernst, dass die paar Intellektuellen, die jetzt aus Russland in den Westen übersiedeln, die russische Bevölkerung repräsentieren? Das ist eine relativ kleine Schicht. Ich achte die Kriegs-Ablehnung dieser Leute, aber ich finde es weltfremd nur über das Schicksal dieser russischen Flüchtlinge zu klagen, die für den Westen nur von Interesse sind, wenn sie in Russland leiden. Sobald diese Menschen auf deutschen Boden sind, interessieren sich deutsche Politiker und Medien kaum noch für sie und auch mit den Visa wird man dann knauseri

Was sieht man an der Geschichte? Menschenrechte und Meinungsfreiheit in Russland, das ist für die deutschen Medien ein ewiges Thema, um Russland an den Pranger zu stellen. Es geht vielen deutschen Medien und Politikern aber nicht um reale Verbesserungen und eine Demokratisierung in Russland, sondern nur um die Anklage. Der Top-Gewinn ist der Sturz von Putin.

Noch etwas: Mir fällt auf, dass Du auf einem Auge blind bist. Du klagst nur über die politische Repression in Russland, die es tatsächlich gibt und über die ich in den «Nachdenkseiten» oftmals berichtet habe.

https://www.nachdenkseiten.de/?p=74658

https://www.nachdenkseiten.de/?p=76210

https://www.nachdenkseiten.de/?p=75674

https://www.nachdenkseiten.de/?p=74658

https://www.nachdenkseiten.de/?p=72101

https://www.nachdenkseiten.de/?p=69118

https://www.nachdenkseiten.de/?p=61897

https://www.nachdenkseiten.de/?p=63476

Aber hast Du jemals in den letzten acht Jahren öffentlich oder privat geklagt und protestiert, als die ukrainische Regierung den Donbass beschießen ließ? 9.000 Tote in den «Volksrepubliken», darunter über 100 Kinder in den letzten acht Jahren. Ist das nicht der Rede wert? 

Der Krieg in der Ukraine begann im April 2014, als der ukrainische Übergangspräsident Alexander Turtschinow ukrainische Truppen nach Donezk und Lugansk schickte, wo die Menschen Verwaltungsgebäude besetzt hatten, aus Protest gegen die ukrainische Putsch-Regierung, aus Protest gegen einen Erlass der Kiewer Regierung der russischen Sprache in den Gebieten mit einem hohen Anteil an Russischsprachigen den Status einer offiziellen Regionalsprache zu nehmen.

Hast Du jemals eine Petition zu den ermordeten und eingekerkerten Oppositionellen in der Ukraine, zur Nichtaufklärung des Brandes im Gewerkschaftshaus von Odessa, zum Verbot aller Oppositionsparteien in der Ukraine, zum Abfackeln oppositioneller Fernsehkanäle in Kiew unterschrieben?

Hast Du Dich mit diesen Zusammenhängen überhaupt jemals gründlich beschäftigt? Hast dazu überhaupt eine Meinung oder sind solche Verweise aus Deiner Sicht nur «Ablenkung» vom «Krieg Putins»?

Mich wurde auch sehr interessieren, was Du dazu sagst, dass seit 2014 schon drei westeuropäische Medien mir — nach über 30 Jahre langer Zusammenarbeit — die Akkreditierung in Moskau verweigert haben. Konkret geht es um «Sächsische Zeitung» (2014), «Die Wochenzeitung» (Zürich) (2015) und «der Freitag» (Berlin) (2022). Ist das Meinungsfreiheit?

Und was sagst Du dazu, dass ich von der Kiewer Regierung 2016 ein fünfjähriges Einreiseverbot für die Ukraine bekam? Ist das ein Kennzeichen eines demokratischen Staates, den man mit Waffen unterstützen muss? 

Ich habe den Krieg den Russland jetzt führt nicht gewollt und hoffte auf eine andere Lösung. Aber ich weiß, dass Russland diesen Krieg nicht führt, um territorial Beute zu machen, sondern, weil es seit 1999 von der Nato und den USA eingekesselt wird und alle Versuche, diese Einkesselung durch Verhandlungen und Aufrufe zu stoppen, gescheitert sind. Hast Du denn jemals öffentlich gegen die Nato-Osterweiterung protestiert? Oder bist Du nur zu öffentlichem Protest gegen Putin bereit?

Doch nun zum Wichtigsten: Welchen Weg schlägst Du persönlich zur Beendigung des Krieges vor? Unterstützt Du Baerbocks Linie, die Putin stürzen und «Russland ruinieren» will? Ist das realistisch, ohne das man den dritten Weltkrieg riskiert?

Viele Grüße! 

Ulli

 

 

 

 

 

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