Bericht aus Mariupol Teil 2 (Overton-Magazin)

24. Februar 2026 Ulrich Heyden2 Kommentare
Die Uni von Mariupol – auferstanden aus Ruinen. Mariupol – „russifiziert“ oder „nach Russland zurückgekehrt“? Teil 2
Teil 1: Mariupol – „russifiziert“ oder „nach Russland zurückgekehrt“? Im Januar 2026 fuhr ich selbst nach Mariupol. Denn nur wer beide Seiten eines Konflikts beleuchtet, bekommt ein realistisches Bild. Die Reise wurde von der Gesellschaftskammer der russischen Stadt Iwanowo organisiert.
Ein weiterer Ort, den wir in Mariupol besuchten, war die Kuindschi-Universität. Die Universität wurde während der Ereignisse im Frühjahr 2022 schwer beschädigt und war wieder instandgesetzt worden.
Vor dem modernen, mehrstöckigen, in den 1970 Jahren gebauten Gebäude, welches von einem Park umgeben war, trafen wir die Rektorin der Universität und Ökonomie-Professorin, Larissa Siwolap. Sie sagte, dass in der Universität heute 5.000 Studenten eingeschrieben sind.
Die Rektorin erzählte von der Tragödie der Universität. Das Asow-Bataillon habe sich die Uni als einen Stützpunkt ausgesucht. Der Grund sei gewesen, dass alle staatlichen Gebäude in der Sowjetzeit dicke Wände und Luftschutzkeller hatten. „Auf das Gebäude gab es starke Angriffe. Alle Fenster waren zerstört. Als wir in die Bibliothek kamen, standen dort noch alle Bücher. Aber die Bücher waren ausgeglüht. Sie zerfielen, wenn man sie in die Hand nahm.“
Der Luftschutzkeller der Universität sei nach dem Ende der Kämpfe in einem schrecklichen Zustand gewesen. „Die Asow-Leute haben dort ihre Militär- gegen Zivilkleidung getauscht. Sie haben verstanden, dass man abhauen muss, dass es keine Hilfe mehr gibt. Sie haben ihre Pässe weggeworfen.“ Man habe Pässe aus Aserbaidschan oder Polen und sehr viel Munition gefunden, Handgranaten und Rauchgranaten. Im Keller habe man auch tote Asow-Leute gefunden. „Unsere Männer haben sie weggeräumt.“ Auf Stühlen habe man Klebebänder und Blutspuren gefunden. „Wir vermuten, dass im Keller russische Kriegsgefangene gefoltert wurden.“
Sie selbst habe die Stadt während der Kämpfe nicht verlassen können, weil ihre Eltern in der Stadt lebten., erzählte die Rektorin. „Und ich wollte die Stadt auch nicht verlassen, denn es ist meine Stadt.“
Ob sie damals geweint habe? „Natürlich habe ich geweint. Wir haben geweint, gelebt und versucht zu überleben. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.“ Außerdem war da noch die Mutter meines Mannes. Man habe eine Zeitlang nicht gewusst, wo sie ist. „Es war alles schwierig. Ohne Kommunikationsmittel, ohne Elektrizität, ohne Nahrung, ohne Wasser. Aber Gott sei Dank, haben wir es überlebt und leben weiter.“
Der Rundgang führt uns auch in die Uni-Bibliothek. Sie war perfekt wiederhergerichtet. Aber als ich mir die Wände anguckte, war ich doch erstaunt. Dort hingen großformatige Bilder und Lebensläufe der zwischen 2014 und 2018 ermordeten Feldkommandeure der Volksrepublik Donezk, Arsen Pawlow (Motorola), Michail Tolstych (Givi) und Bilder von dem ermordeten Präsidenten der Volksrepublik, Aleksandr Sachartschenko. Alle drei wurden mutmaßlich von ukrainischen Untergrundkämpfern ermordet. Alle drei sind im Donbass Volkshelden.

Mariupol: Studentinnen im Gespräch mit Ulrich Heyden Febr 2026. Bild: Ulrich Heyden
Studenten: „Wir sind Mariupoler“
Während des Rundgangs hatten wir die Möglichkeit in ruhiger Atmosphäre mit eine Gruppe von Studenten zu sprechen. Als ich sie fragte, welcher Nationalität sie sind, Russen, Ukrainer oder andere, antworteten sie wie aus einem Munde: „Wir sind Mariupoler.“
Auf meine Frage, ob ihnen nahestehende Altersgenossen bei den Kämpfen 2022 gestorben seien, antwortete die Jura-Studentin Nastja, „von mir sind fünf Bekannte gestorben.“ Die Studenten machten traurige Gesichter. Ein Gespräch kam nur schwer in Gang.
Die Jura-Professorin Natalja Walerijewna, die mit im Raum war, fasste sich ein Herz und erzählte, was sie im Frühjahr 2022 erlebte hat. Sie sagte, die ukrainische Armee habe damals bekanntgegeben, die Bewohner könnten die Stadt verlassen. Als dann aber das erste Auto mit Flüchtlingen losfuhr, sei es von der ukrainischen Armee beschossen worden. „Die Toten lagen auf der Straße verstreut, bis die russischen Soldaten uns befreiten.“
Nach dem Beschuss wollte Natalja Walerijewna nicht mehr aus der Stadt flüchten, „obwohl ich ein Kind habe“. Auch die Bevölkerung wollte nach diesem Vorfall nicht mehr flüchten. „Wir waren ein lebendiger Schutzschild für die ukrainischen Soldaten.“
Die ukrainischen Soldaten hätten auch Wohnhäuser mit Mörsern beschossen und in Brand gesteckt. „Können Sie konkrete Orte solcher Vorfälle nennen?“, fragte ich. „Solche Vorfälle gab es in der Stroitelej-Straße, Haus 160, und in der Ulitzkaja-Straße.“ Die Einwohner dieser Häuser seien nach Beschuss nicht mehr vor die Häuser gegangen, um dort auf offenem Feuer Essen zu kochen. Auch die Stellen, wo die Leute Wasser holten, seien von ukrainischen Soldaten beschossen worden. „Erst hat man uns nicht aus der Stadt gelassen, dann hat man uns für brutale Spiele missbraucht“, fasste Natalja Walerijewna die damalige Situation zusammen.
Die Jura-Studentin Nastja erzählte, dass bei vielen Familien, auch bei ihrer eigenen, die Lebensmittel ausgegangen waren. Als dann die russischen Soldaten in ihr Mehrfamilienhaus kamen, hätten diese ihre gesamte Armee-Trockennahrung an Bewohner verteilt. Diese hätten den Soldaten als Dank kleine Ikonen geschenkt. Nastja erzählte, dass ihre Familie erst am 28. März 2022 in das von Russland kontrollierte Dorf Talakowka übersiedeln konnte.
Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sei sehr groß gewesen, erzählte die Studentin. Man habe sich, als es endlich Nahrungsmittel gab, mit einer älteren Nachbarsfrau gegenseitig mit Nahrungsmitteln ausgeholfen. Ein anderer Nachbar habe für Nastjas Familie und die ältere Frau Wasser geholt.
Russisch als Sprache der Verständigung
Als wir zusammen mit der Rektorin, Frau Siwolap, das kleine Museum der Universität besuchten, wo dörflicher Alltag im alten Russland ausgestellt war, sagte die Rektorin: „Wir sind nach Hause zurückgekehrt“. Das sollte wohl heißen, die überwiegend von Russen bewohnte Stadt Mariupol ist nach Russland zurückgekehrt. Sie schämt sich nicht ihrer russischen Geschichte. „In diesem Raum sehen sie unsere Tradition. Unsere Samoware, unsere Puppen und Tücher. Es wurde nur ein Minimum russischer Kultur ausgestellt.“
In Mariupol hätten immer verschiedene Nationalitäten gelebt. Im Donbass, am Asow-Meer, haben man immer Russisch gesprochen. „Es gab keine Probleme, denn wir haben hier viele Volksgruppen, Griechen, Armenier, Aserbaidschaner. Wir lebten immer friedlich zusammen. Aber die Politiker haben die Frage der Sprachen hochgespielt.“ Damit spielte die Rektorin auf die Tatsache an, dass die ukrainische Regierung nach 2014 die russische Sprache an Universitäten verbot. Meine Frage, ob an den Schulen in Mariupol heute noch die ukrainische Sprache unterrichtet wird, verneinte die Rektorin.
Die Jura-Professorin, Natalja Walerijewna, die mit uns in dem kleinen Museum war, erklärte, eine „große Erleichterung“ sei, „dass wir jetzt an dieser Universität in unserer Muttersprache, der russischen Sprache, sprechen können.“ Die Studenten und das Lehrpersonal hätten sich „erholt, denn sie müssen jetzt keine Sprache sprechen, die sie nur auf einem primitiven Niveau beherrschen.“
Man zeigt uns auch das Arbeitszimmer der Uni-Psychologin. Auf einem Tisch lagen Symbol-Karten mit eindrucksvollen Bildern, wie sie in Russland heute bei der Selbsttherapie benutzt werden.
„Wir unterstützen die Studenten und die Lehrkräfte in schwierigen Situationen“, sagte die Psychologin, die in dem Raum arbeitete. „Wir benutzen verschiedenen Methoden. Es gibt künstlerische Methoden, mit Sand, Papier und Stiften. Das wichtigste unserer Arbeit ist die Verschwiegenheit.“ Ob ihre Arbeit viel mit dem Krieg zu tun habe, fragte ich. „Nein. Wenn die Menschen mit Problemen kommen, fragen wir nach den Gründen. Das muss nicht unbedingt mit dem Krieg zusammenhängen. Es kann mit der Situation in der Kindheit oder der Familie zusammenhängen. Es gibt auch Krisen, die mit dem Alter der Heranwachsenden zu tun haben.“
Studenten-Theater „Lebende Zeugen“
Die Rektorin der Uni erzählte uns während des Rundgangs, dass es an der Uni ein Studenten-Theater mit dem Namen „Absurd“ gibt. Die Schauspieler seien zwischen 18 und 20 Jahre alt. Die Theatergruppe habe ein Stück mit dem Namen „Lebende Zeugen“ (9) auf die Bühne gebracht. In dem Stück vergleichen die Schauspieler die Jahre 1941 bis 1945 mit dem Jahr 2022. Das Stück sei auch schon in St. Petersburg gezeigt worden. Männer, die das Stück gesehen haben, hätten geweint. Das Szenarium des Stückes sei von Studenten geschrieben worden, „die alles gesehen haben, was 2022 in der Stadt passierte.“ Als sie selbst das Stück gesehen habe, habe auch sie geweint, obwohl sie alles selbst erlebt hat. „Das ist ein sehr schweres Stück. Die Studenten haben es aus ihrem Inneren gespielt.“
Morddrohung gegen Lehrerin mit russischem Pass
Larissa Siwolap, die Rektorin, erzählte ein weiteres Beispiel für die schwierige Situation in den „neuen russischen Territorien“. Sie berichtete von einer Kollegin aus der Stadt Cherson, die auf das russische Territorium übergesiedelt war. Die Kollegin habe erzählt, dass sie mit einem Bein aus Cherson wegfahren wollte und mit dem anderen nicht, da sie eine kranke Mutter habe. Die Kollegin siedelte schließlich auf russisches Territorium über.
Dann sei Folgendes passiert: Eine Woche nachdem die Bewohner in dem Teil des Gebietes Cherson, welches von der russischen Armee erobert wurde, einen russischen Pass bekamen, bekam die Kollegin einen Anruf von einem ehemaligen, der ihr zuvor ein Video von einer Leiche geschickt hatte. Der ehemalige Kollege sagte ihr auf Ukrainisch: „So wird es dir auch ergehen.“ Erst da verstand sie, dass auf dem Video, welches er ihr geschickt hatte, der zerhackte Körper eines Lehrer-Kollegen zu sehen war. Der Lehrer-Kollege, der auf dem Video zu sehen war, hatte einen russischen Pass bekommen.
Die Rektorin, Frau Siwolap, erzählte, dass es anfangs schwierig war, mit den Jugendlichen ein normales Leben zu führen. „Wir haben Veranstaltungen organisiert, damit sie abgelenkt werden und integriert werden. Die Mehrzahl der Jugendlichen hatte Angst. Sie haben sich nicht fotografiert. Sie haben sich versteckt. Ihre Eltern hatten sie in diese Richtung orientiert.“ Aber die Mitarbeiter der Universität hätten dann durch ihr persönliches Verhalten gezeigt, wie es weitergeht.
Es habe Familien gegeben, die planten, in die Ukraine überzusiedeln. „Man nannte sie ´Schduni´ (die Wartenden). Heute habe sich die Situation zum Glück beruhigt.“ Heute wolle in Mariupol „niemand mehr in die Ukraine fahren.“

Larissa Siwolap Rektorin Uni Mariupol. Bild: Ulrich Heyden
„Die deutschen Besatzer stellten die Stahlöfen nicht aus“
Am Ende unseres Rundgangs kamen wir mit Larissa Siwolap, der Rektorin, in den Konzertsaal der Universität. Das sei der einzige Saal, der bis auf die Bestuhlung nicht erneuert werden musste, erklärte sie. Weil der Saal sich im Zentrum des Gebäudes befindet, sei er nicht von Geschossen getroffen worden.
Wir fragten die Rektorin, ob während der Zeit der Ukraine in Mariupol Fabriken oder Infrastruktur gebaut wurde. „Nein“, antwortete die Rektorin. „In den letzten 30 Jahren wurde nichts gebaut.“ Die Stadt sei „in einem furchtbaren Zustand“ gewesen. Nur die Straßen seien – Dank dem Direktor des Stahlkombinates Iljitsch – „in einem mehr oder weniger guten Zustand.“
Dann kam Frau Siwolap nochmal auf die Asow-Einheit zu sprechen. „Sie lebten acht Jahre in unserer Stadt. Sie kannten jede Ecke. Sie wussten, wo man sich verstecken und wo man an Brücken Sprengladungen anbringen kann.“
Ihre Nachbarin habe ihr eine bedeutungsvolle Geschichte aus der Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg erzählt, sagte Frau Siwolap. „Als die Deutschen, die Faschisten – entschuldigen sie mich bitte – in die Stadt kamen, haben sie die Öfen im Stahlwerk nicht abgestellt.“ Der Vater der Nachbarin war Ingenieur im Stahlwerk gewesen. Die Deutschen hätten ihm gesagt, er solle alles dafür tun, dass die Stahlöfen weiterarbeiten.
Die Asow-Leute, die nach Meinung der Rektorin drogenabhängig waren, hätten ukrainische Soldaten, die sich ergeben wollten erschossen und sie hätten die Öfen im Asow-Stahlwerk abgestellt. „Deshalb kann man diese Öfen nicht mehr wieder anstellen.“ Dieser Vorfall sage schon alles über die Asow-Einheit.
Die ökologische Situation in Mariupol sei zu Zeiten der „unabhängigen Ukraine“ katastrophal gewesen. „Die Öfen im Stahlwerk wurden nie modernisiert.“ Mariupol habe „den größten Friedhof von Europa“. Es gab einen starken Smog in der Stadt. Alle Filter, welche arbeiten sollten, waren nicht in Betrieb. „Ich wohne im siebten Stock. Wenn du vor dem Jahr 2022 morgens aufwachtest, sah man aus dem Fenster den Smog-Nebel. Viele Menschen, auch Kinder, wurden krank.“
Asow-Stahl wird zugemacht, Iljitsch-Werk arbeitet weiter
Im Juni 2025 erklärte der Leiter der Volksrepublik Donezk, Denis Puschilin, eine Wiederinbetriebnahme des schwer zerstörten Stahlwerkes Asow sei „wirtschaftlich nicht sinnvoll“. Die Leitung der Volksrepublik plant nun aus dem Gelände, auf dem das zerschossene Stahlwerk steht, eine Freizeitfläche für Touristen und Einheimische zu machen. Den langen Küstenstreifen der Volksrepublik Donezk nicht touristisch zu nutzen, wäre „eine Sünde“. Nachdem das Stahlwerk Asow seine Tätigkeit 2022 eingestellt hat, habe sich die Umweltsituation in der Stadt stark verbessert, so Puschilin.
Während das Asow-Stahlwerk nicht mehr in Betrieb ist, läuft die Produktion im Stahlwerk Iljitsch auf niedrigem Niveau weiter. Ende 2025 hatte das Unternehmen, das vor dem Krieg 24.000 Beschäftigte hatte, 652 Beschäftigte. Zurzeit verarbeite man im Unternehmen Schlacke und verkaufe sie an Bauunternehmen, sagte der Generaldirektor des Unternehmens, Roman Andrejewitsch Solonar, gegenüber dem Portal „Donezk Media“. Das Iljitsch-Stahlwerk sei durch die Ereignisse im Jahr 2022 zu dreißig Prozent zerstört. Aber im Prinzip lasse sich alles wieder aufbauen, „wenn es eine Finanzierung gibt“, so der Generaldirektor Solonar.
veröffentlicht in: Overton-Magazin













