1. Juni 2005

Alle hoffen auf Kurmanbek

Der Familienacker und der Schafstall sind für die Kirgisen der Rettungsanker.

Ulrich Heyden, Dschalal-Abad

Babir´s Golf jagt durch eine Märchenlandschaft. Die Straße von der kirgisischen Hauptstadt Bischkek Richtung Süden nach Dschalal-Abad führt über grüne Hügel, durch rote Felsen mit wilden Bächen und über grüne Hochebenen mit Pferde- und Schafherden, dazwischen versprengt die weißen Jurten der Hirten.

Lässig hängt Babir´s Pferd russische Wolga´s ab. Die Stimmung ist gut. Aus den Boxen dröhnen Ethno-Rythmen, die Luft ist klar und rein. Keine Hochspannungsleitung und kein Windkraftrad trübt den Blick. Wer will, kann sich an einem Imbiss eine Forelle braten lassen. Wie ein türkisblaues Band  zieht sich der Fluss Narin mit seinen zahlreichen Stauseen durch das Gebirge. Am Wasserkraftwerk Krupsei beginnt nach sieben Stunden Fahrt das fruchtbare Fergana-Tal, welches Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan vereint.

Dschalal-Abad, die drittgrößte Stadt Kirgistans, liegt in einem fruchtbaren, grünen Tal. Die meisten der  130.000 Einwohnern sind Usbeken. Hinter der Stadt, weiter im Süden, erheben sich am Horizont die schneebedeckten Berge des Pamir-Gebirges.

Die Menschen hier sind arm aber stolz. Von ihrem Präsidenten Askar Akajew fühlten sie sich betrogen. Der habe in die letzten fünf Jahre nur noch in die eigene Tasche gewirtschaftet, meint der 23jährige Babir, der einmal Verkehrswirtschaft studierte und jetzt ständig zwischen Bischkek und Dschalal-Abad pendelt. Vor allem wegen der Korruption kam es im März, nach den gefälschten Parlamentswahlen, zur Tulpenrevolution. Sie begann in Dschalal-Abad. Geleitet wurde sie von Kurmanbek Bakijew, der früher der Regierung angehörte, sich dann aber mit Präsident Askar Akajew überwarf. Jetzt ist Bakijew geschäftsführender Präsident des Landes und die Chancen, dass der mit einer Russin verheiratete gelernte Ingenieur am 10. Juli zum neuen Präsidenten gewählt wird, stehen gut.

Nach Dschalal-Abad fährt man durch ein prunkvolles Stadttor, welches alten Bauwerken nachempfunden wurde. Davor thront der antike kirgisische Nationalheld Kurmanbek auf einem mächtigen Gaul. Das Pferd und auch der Esel sind in Kirgisien immer noch beliebte Fortbewegungsmittel. Sitzplätze sind rar. Manchmal sitzen drei Kinder auf einem Esel oder zwei Erwachsene auf einem Pferd. Benzin ist für kirgisische Verhältnisse teuer. Der Liter kostet 35 Cent.

Trotz Arbeitslosigkeit alle beschäftigt

Offiziell sind fast alle arbeitslos aber irgendwie sind alle doch schwer beschäftigt. Ein Wochenende gibt es nur für die wenigen gutverdienenden Bankangestellten. Alle anderen schlagen sich über sieben Wochentage mit mehreren Tätigkeiten durch. Denn von den Löhnen und Renten kann Niemand leben. Eine Krankenschwester verdient 1.200 Som (23 Euro), ein Rentner bekommt 600 Som. Ein Brot kostet fünf Som.

Die Krankenschwester kann überleben, weil sie noch Trinkgelder bekommt und außerdem mit ihrem Mann und den Kindern auf dem Familienacker schuftet. Auf die Frage, womit er denn sein Geld verdiene, antwortet jeder dritte Mann mit „Ja taxuju“, „ich fahre Taxi“. „Ach, in Deutschland herrscht eine Wirtschaftskrise“, fragt der Ökonom Achmat staunend. „Dann ist unsere Krise wohl 300mal stärker.“

Auch Achmat arbeitet als Taxifahrer. Er fährt seine Fahrgäste in einem Daewoo „Tico“ durch die Stadt. Der in Usbekistan gefertigte Kleinwagen ist eigentlich für kleine Koreaner konzipiert, bietet aber mit Mühe und Not auch vier großgewachsenen Kirgisen Platz. Da das Wägelchen nur fünf Liter Sprit verbraucht, ist es sehr beliebt.

Was Autos betrifft, sind die Kirgisen auf Deutschland eingeschworen. Man fährt Golf, Audi 100 oder Mercedes, natürlich Gebrauchtwagen. Die russischen Typen Lada und Wolga haben lange ausgedient. Selbst das Design der Nummernschilder stammt aus der Heimat von Goethe und Beckenbauer. Was früher das Pferd war, ist heute der Mercedes. Um sich diesen einzigen Luxus im Leben zu gönnen, fahren viele Kirgisen gerne zum Geldverdienen nach Russland.

Das größte Unternehmen der Stadt, eine Mühle mit riesigen Kornspeichern, ist seit Jahren bankrott. Die wichtigste Einnahmequelle der Dschalal-Abader ist der Schafstall und der Familien-Acker.

Der Staat hat allen Kirgisen Anfang der 90er sogenannte „Sotkas“, Äcker mit einer Fläche von 100 Quadratmetern, zugeteilt. In diesen Tagen sieht man ganze Familien in der sengenden Hitze auf den Feldern den Boden um die jungen Triebe der Baumwollpflanzen auflockern. Die Baumwolle bringt nicht viel ein, 20 Cent pro Kilo. Aber die Menschen haben keine Wahl.

Dass der Boden in Kirgistan – im Gegensatz zum Nachbarland Usbekistan - zügig privatisiert wurde, hat nach Meinung von Ketwek Tumanow, einem Klein-Unternehmer, der einen Baustoffbetriebe und einen Fuhrpark besitzt, viel zur politischen Stabilität beigetragen. Die Menschen verfügen über Eigentum, auch deshalb sei die Tulpenrevolution im März nicht ins Chaos ausgeartet.

Patriarchen und tief Verschleierte

In Dschalal-Abad empfängt den Besucher das entspannte Klima einer Kleinstadt. Die Straßen und Häuser sind sauber und gepflegt. Man ist höflich und lächelt. Die Stadt hat sowjetisch-asiatischem Charme. Es gibt einen bunten Markt, viele Teehäuser (für Männer) und die übliche sowjetische Einheitsarchitektur.

Die Frauen leuchten wie Schmuckstücke. Einige schreiten in goldbestickten Samtgewändern mit Kopftuch durch die Straßen andere eilen in Jeans und Rock. Doch man sieht auch viele Tiefverschleierte, vor allem junge Mädchen die Koran-Schulen besuchen. Eine dieser Schulen liegt in der Dany-Machmudow-Straße. Hinter den hohen weißen Mauern lernen die Mädchen die heilige Schrift und Arabisch. Man wolle die Mädchen „vor der Verwahrlosung bewahren“, erklärt eine Lehrerin den Sinn der Schule. Das Geld für die Einrichtung kommt von Unternehmern, „die in Moskau tätig sind“.

In Dschalal-Abad herrscht Männermangel. „Mnogoschonstwo“, die Vielweiberei, greife um sich, obwohl die Männer ihre Frauen gar nicht alle ernähren können. Für emanzipierte Frauen wie die Englisch-Lehrerin Aitschurok, ist das schwer zu ertragen. Die Patriarchen vergiften das Klima.

Die Frauen müssen sehen, wie sie zurechtkommen. Oft reicht das Geld noch nicht mal für den öffentlichen Nahverkehr. Für viele ist die Frau billige Arbeitskraft. In den Höfen der Großfamilien formen die jungen Mädchen mit Stroh verstärkte Kuhfladen zu tellergroßen Stücken und legen sie zum Trocknen aus. Im Winter wird damit geheizt. 

An die Tulpenrevolution im März erinnert nur noch wenig. Die blutbefleckten Teppichläufer im Gebäude der Gebietsverwaltung am Maidon, dem zentralen Platz der Stadt, sind immer noch in der Reinigung und die Polizei residiert in einem Ersatzgebäude. Das zentrale Gebäude der Polizei wurde von den Demonstranten im März abgefackelt. Die Reste der Außenmauern zeugen von den dramatischen Ereignissen.

Die Kirgisen sind stolz, dass sie mit ihrer Demokratie weit vorangekommen sind. Auf das diktatorische aber von der Bevölkerungszahl mit 26 Millionen Menschen riesige Usbekistan schauen viele Kirgisen einer gewissen Geringschätzung herab. Aber nun wollen die fünf Millionen Kirgisen endlich die Ernte für 15 harte Reformjahre einfahren. Noch ist der Bestand an gut ausgebildeten Fachkräften groß. Sollen die ausländischen Investoren doch endlich kommen, meint Achmat. Die neue Hoffnung heißt Kurmanbek Bakijew. Mindestens fünf Jahre werde der neue Präsident ehrlich arbeiten. Spätestens dann müsse man aufpassen, dass Askajew´s Nachfolger nicht den Sünden seines Vorgängers verfällt.

Ulrich Heyden, Dschalal-Abad, Kirgistan, 31.05.2005

 

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