4. März 2010

Atomstrom für die EU aus Kaliningrad

Russland will in Europa nicht nur mit Gas und Öl Geschäfte machen, sondern auch mit Atomstrom. Das Atomkraftwerk in der russischen Ostsee-Exklave Kaliningrad, für das in der vergangenen Woche im Bezirk Neman der Grundstein gelegt worden war, soll ab 2016 Atomstrom nach Litauen, Polen, Schweden und Deutschland liefern.

Geheimes Strategiepapier

Das geht aus einem Geheimpapier des russischen Strom-Exporteurs „Inter Rao Ees“ hervor, das der russischen Umweltschutzorganisation „Ekosaschita“ aus Kaliningrader Regierungskreisen zugespielt wurde. Nach den Plänen von „Inter Rao Ees“, das zur russischen Atombehörde Rosatom gehört, sollen für drei Milliarden Euro Starkstromleitungen in die europäischen Abnehmerländer gebaut werden.

Zurzeit arbeiten in Russland zehn Atomkraftwerke mit insgesamt 30 Reaktoren. Wegen der Atom-Verunsicherung nach der Tschernobyl-Katastrophe und dem Wirtschaftschaos unter Präsident Boris Jelzin wurde in Russland zwischen 1993 und 2001 kein einziger neuer Atommeiler gebaut. Doch unter Wladimir Putin, der 2000 Präsident und 2008 Ministerpräsident wurde, erlebte die russische Atomindustrie einen kräftigen Aufschwung. Zwei neue Reaktorblöcke in Wolgodonsk (Rostow) und Kalinin (bei Moskau) wurden in Betrieb genommen.

Die russische Regierung hat den ehrgeizigen Plan, bis zum Jahr 2030 immerhin 36 (!) neue Reaktoren zu bauen. Allerdings müssen bis dahin im Gegenzug 15 Reaktoren aus Altersgründen abgeschaltet werden, erklärte der Umweltaktivist Wladimir Sliwjak. Der Anteil des Atomstroms in der russischen Energiewirtschaft liegt zurzeit bei 16 Prozent. Wladimir Putin will die Quote auf 25 Prozent erhöhen.
Das „Baltische Atomkraftwerk“ im ehemaligen Ostpreußen soll mit zwei modifizierten Druckwasserreaktoren vom Typ WWER ausgestattet werden und eine Gesamtleistung von 2300 Megawatt haben. Ein Kraftwerk dieses neuen Typs gibt es in Russland bisher nicht.

Der Chef der russischen Atombehörde Rosatom, Sergej Kirijenko, erklärte während der Grundsteinlegung, man lade ausländische Investoren ein, sich an dem Projekt zu beteiligen. Rosatom will aber 51 Prozent der AKW-Aktien behalten. Nach Medienberichten hat Siemens Interesse bekundet.
Rosatom-Chef Kirijenko meinte, mit dem neuen Atomkraftwerk im Kaliningrader Gebiet wolle man das Energiedefizit in der Region beheben. Ende letzten Jahres war das AKW Ignalina in Litauen abgeschaltet worden. Das Kraftwerk hatte einen Reaktor vom Tschernobyl-Typ und deckte mit einer Kapazität von 1320 Megawatt etwa 70 Prozent des litauischen Energiebedarfs. Litauen will sich künftig von russischer Energie unabhängig machen und in das europäische Stromversorgungsnetz integrieren.

Was die russische Exklave Kaliningrad betrifft, so schließt Umweltaktivist Sliwjak ein Energiedefizit für die kommenden Jahre aus, da mehrere nichtnukleare Kraftwerke fertiggestellt werden. Ende dieses Jahres soll der zweite Block für das Gaskraftwerk der Stadt Kaliningrad in Betrieb genommen werden. Außerdem sollen bis 2013 fünf Torfkraftwerke in der Ostsee-Exklave gebaut werden. „Der Strom wird in die EU verkauft werden. Für die Bevölkerung in der Region bleiben die Risiken mit den atomaren Abfällen“, meint Sliwjak. In Russland werden die atomaren Abfälle in der Regel neben den Atomkraftwerken gelagert, da entsprechend große Kapazitäten für Wiederaufbereitung und Endlagerung fehlen.

Hoffnung auf Arbeitsplätze

Der Gouverneur von Kaliningrad, Georgi Boss, der in den letzten Wochen im Zentrum von Massenprotesten gegen die Erhöhung der Kfz-Steuern und Wohnungsbetriebskosten stand, erhofft sich von dem AKW-Bau in seinem Gebiet einen Prestigegewinn. Das Atomkraftwerk schaffe Arbeitsplätze und erhöhe die Steuereinnahmen in der Region, argumentiert der Gouverneur. Doch die Bevölkerung in der Region lehnt das AKW ab. Nach einer Umfrage des Soziologischen Zentrums von Kaliningrad sind 67 Prozent der Menschen gegen das Atomkraftwerk.

veröffentlicht in: Sächsische Zeitung

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