7. March 2026

"Am Rande des Abgrunds" und andere Donbass-Filme auf Moskauer Dokumentarfilm-Festival

Screenshot "Am Rande des Abgrunds"
Foto: Screenshot "Am Rande des Abgrunds"

In den großen deutschen Medien erfährt man heute nichts über die andere Seite der Front im Ukraine-Krieg. Nur noch sehr selten werden deutsche Korrespondenten nach Donezk oder Lugansk geschickt. Man ist unter diesen Umständen gezwungen, sich auch über russische Quellen – wie zum Beispiel Dokumentarfilme - zu informieren, was nicht heißen muss, dass man russische Sichtweisen übernimmt. Ende Februar fand im Moskauer Veranstaltungszentrum Rossija ein Dokumentarfilm- Festival statt. Schwerpunkt des Festivals, war die „Militärische Spezialoperation“ in der Ukraine. Das Festival wird von RT seit 2023 jedes Jahr organisiert. Ich habe die Veranstaltung besucht.

Als Michail Gorbatschow in der Sowjetunion den Umbau der Gesellschaft (Perestroika) und Offenheit (Glasnost) ausrief, war man in Deutschland begeistert. Denn in der Sowjetunion wurden nun plötzlich „weiße Flecken“ – also tabuisierte Themen - aufgearbeitet, um welche sowjetische Geschichtswissenschaft und Politik einen Bogen gemacht hatten. Bei diesen Themen ging es besonders um die Repressionen unter Stalin.

Die „weißen Flecken“ sind jedoch nicht verschwunden. Sie sind weitergewandert. Nun gibt es sie in Deutschland. Man erfährt in deutschen Medien nicht, was in dem Teil des Donbass passiert, der von der russischen Armee kontrolliert wird. Die großen deutschen Medien berichten nur noch von der ukrainischen Seite der Front und es werden die offiziellen Stellungnahmen aus Kiew nacherzählt.

Was passiert nun genau auf der russischen Seite der Front? Was denken die Soldaten dort und was umtreibt ihre Angehörigen zuhause? Was denkt die Zivilbevölkerung? Wie verändert sich die menschliche Psyche im Krieg? Diese Fragen werden nicht in russischen Nachrichtensendungen aber in einigen russischen Dokumentarfilmen behandelt. Wenn wir als Deutsche uns für diese Fragen nicht interessieren, entsteht ein falsches Bild vom Krieg in der Ukraine.

Soldaten des Donezker Freiwilligen-Bataillons Somali schleppen Wasser, Screenshot "Am Rande des Abgrunds"

Allein mit Soldaten

Der Dokumentarfilm „U krajа besdny“ (Am Rande des Abgrunds) von Maksim Fadejew, riss mich aus meinem geregelten Moskauer Alltag und schnürte mir die Kehle. Der Film zeigt die Säuberung eines Wohnviertels unweit des Asow-Stahlwerkes von ukrainischen und rechtsradikalen Asow-Soldaten durch das Donezker Freiwilligenbataillon Somali im März 2022.

In dem Film gibt es Niemanden mit Krawatte hinter einem Bürotisch, der die Ereignisse „einordnet“. Der Zuschauer ist allein mit Soldaten, die schießen, Befehle geben, mit dem Radiotelefon Informationen einholen, Zigarre rauchen, schlafen, aus ihrem Leben erzählen, einen Kaffeebecher mit einem Bunsenbrenner heiß machen, Verwundete wegschleppen, alte Frauen durch gefährliche Schneisen führen, Wasser holen und Munition schleppen. Der Zuschauer taucht emotional tief ein in die Welt des realen Krieges. Nur manchmal hört man im Hintergrund die ruhige Stimme des Regisseurs, der mit wenigen Worten auf Ortswechsel oder neue Situationen hinweist.

Im Abspann des Filmes werden in Schwarz-Weiß die Bilder von russischen Soldaten in Kampfuniform eingeblendet. Unter jedem Bild wurde der Geburts- und der Todestag des Soldaten eingeblendet.

Ich war bedrückt.  Alle Soldaten der Somali-Einheit waren zwischen 27 und 42 Jahre alt. Sie alle leben nicht mehr. Sie starben 2022/23 bei Kampfeinsätzen im Donbass. Der einzige Überlebende ist ein Zivilist, der Kameramann und Regisseur Maksim Fadejew, der die Somali-Einheit einen Monat lang begleitete.

Zu den Bildern der gefallenen Somali-Soldaten wurde im Film die traurige Rockballade „Zehn Schritte“ des russischen Musikers Wjatscheslaw Butusow eingespielt. In der Ballade heißt es, „ich dachte nicht daran, was ich für ein Kämpfer bin. Ich habe nicht darüber nachgedacht, was ich für ein Soldat bin. Aber ich fühlte das baldige Ende und machte meinen ersten Schritt. (…) Und der, welcher sein Haus verlässt, ungeschützt vor neuen Göttern. Und ich muss mich auf den Tod vorbereiten. In zehn Schritten.“

Die Rockballade hat einen Ursprung, der länger zurückliegt, als der Krieg im Donbass.  Die Ballade spielt an auf den Soldaten Aleksandr Matrosow, der im Februar 1943 hunderte sowjetische Soldaten vor dem Maschinengewehrfeuer aus einer deutschen Stellung rettete, weil er sich an die deutsche Stellung heranschlich und sie mit einer Handgranate außer Gefecht setzte.

Vom Designer zum Kriegs-Dokumentalisten

Der große Saal im Veranstaltungszentrum Rossija war bis auf den letzten Platz besetzt. 400 Zuschauer waren gekommen, um die vierte Folge des Filmes „Am Rande des Abgrunds“ von Maxim Fadejew und Sergej Belous zu sehen. Das Durchschnittsalter der Zuschauer, darunter lag bei 40 Jahren. Es waren etwa so viele Frauen wie Männer gekommen.

Der starke Publikumsandrang hat einen Grund. „Am Rande des Abgrunds“ ist der einzige russische Dokumentar-Film, indem russische Soldaten im Ukraine-Krieg in realen Kampfsituationen gezeigt werden. Für den Film wurde kein Szenarium geschrieben. Er besteht aus einer Abfolge von militärischen Ereignissen.

Der Filmemacher Fadejew war Designer in der Stadt Slawjansk. Er fuhr zu Foto-Sessions in die EU. Aber 2014 entschied er sich, den Bürgerkrieg im Donezk-Gebiet zu filmen. Er gewann das Vertrauen des Freiwilligen-Bataillons Somali und begleitete die Soldaten bei ihren Einsätzen am Flughafen von Donezk und anderen Brennpunkten.

In der Diskussion nach dem Film, äußerten viele Zuschauer am Saal-Mikrofon ihre Dankbarkeit für die Arbeit des Regisseurs. Viele Zuschauer hatten Angehörige, die in der Ukraine kämpfen oder sie hatten selbst dort gekämpft. Die Zuschauer waren berührt, dass der Mut der Somali-Kämpfer so hautnah und echt gezeigt wurde.

Kameramann und Regisseur, Maksim Fadejew, Foto: Ulrich Heyden

„Der Dokumentarfilm wurde vergessen“

Auf die Frage eines Zuschauers, warum es nicht mehr Filme von der Art „Am Rande des Abgrunds“ gibt, erklärte Regisseur Fadejew, das sei eine „schwierige Frage“, auf der er „leider keine Antwort“ habe. Im „Großen Vaterländischen Krieg“ habe die Arbeit für Kino-Filme sowohl auf sowjetischer, wie auf deutscher Seite, „eine sehr große Rolle“ gespielt. Kino-Filme seien damals ein „zentrales Propagandamittel“ gewesen. Nach 1945 sei die Kunst des Kino-Dokumentarfilms in Vergessenheit geraten. Weder über den Krieg in Afghanistan, noch über den Krieg in Tschetschenien gäbe es sowjetische beziehungsweise russische Kino-Dokumentarfilme.

Bei der Befreiung von Budapest 1944/45 durch die Rote Armee seien 20 sowjetische Kameraleute im Einsatz gewesen. „Bei den Städten in der Ukraine, die jetzt von der russischen Armee befreit wurden, wie jetzt Prokowsk“, seien nur ein, zwei russische Kameraleute im Einsatz.

„Krieg wird nur zu sieben Prozent militärisch geführt“

Krieg werde heute heutzutage vor allem kognitiv – also über psychische Vorgänge wie die Wahrnehmung – geführt, erklärte der Regisseur. Der rein militärische Teil des Krieges mache nur sieben Prozent aus. Krieg werde vor allem im Bereich der Medien, der Erziehung und Bildung an den Schulen und Kindergärten, über Kinderbücher und Filme, geführt.

Bei einem Kriegsfilm sei nicht das Wichtigste den genauen Standort einer militärischen Einheit oder etwas über die Strategie zu erfahren (sowie es heute im russischen Fernsehen gehandhabt wird). Das Wichtigste sei, „die Gesichter der Soldaten zu zeigen“. Diese Gesichter würden alles Wichtige erzählen. Man sehe in den Gesichtern Mut, Anspannung, Angst, Hoffnung, Freude.

„In der Medien-Arbeit ist das Asow-Bataillon besser“

Der Westen sei Russland in der Filmproduktion zum Thema Ukraine-Krieg voraus. Allein auf Netflix gäbe es 15 Filme zu dem Thema. In Russland gäbe es wesentlich weniger Filme zur „Spezialoperation“. In Russland gäbe es keinen einzigen Kino-Film über russische Eliteeinheiten, wie die Marineinfanteristen.

Das rechtsextreme, in Russland verbotene Asow-Bataillon habe heute einen starken ideologischen Einfluss nicht nur auf die ukrainische Armee, sondern auch auf die Erziehung in den Kindergärten. Die Asow-Leute würden Filme mit künstlerischem Anspruch produzieren, die dann auf Netflix zu sehen seien. In jeder Asow-Brigade gäbe es eine spezielle Medien-Gruppe. Asow habe qualitativ sehr gute Tik-Tok und Instagram-Kanäle. Die Video-Kanäle von Asow hätten 1,5 Millionen Abonnenten. Allerdings vergaß Fadejew zu erwähnen, dass auch der Videokanal des russischen Verteidigungsmininsteriums 1,2 Millionen Abonnenten hat.

Die russische Armee habe sich von Film-Leuten abgeschirmt. Wenn überhaupt Dokumentar-Filme gedreht werden über russische Soldaten, dann seien es Filme über Freiwilligen-Einheiten.

Kommandeur des Somali-Bataillons, Kampfname "Worobej" (Spatz), Screenshot aus Film "Am Rande des Abgrunds"

“…. wie wenn man einen Eisschrank in die 12. Etage schleppt.“

Wenn er mit den Managern der russischen Plattformen für Kinofilme spreche, bekomme er zu hören, die Leute bräuchten keine Kriegsfilme, sondern „Raswlekucha“, also Filme zur Unterhaltung. Immerhin findet man den Vierteiler „Am Rande des Abgrunds“ seit Dezember 2025 in der Mediathek des russischen Pervi-Kanals. Doch der Weg zu diesem Erfolg war hart.

„Der Militär-Dokumentalist Maksim Fadejew musste zwanzig Versuche machen, um an ein großes Publikum heranzukommen“, kommentierte die Komsomolskaja Prawda. Nicht nur Fadejew, auch die anderen, russischen Militärkorrespondenten hätten Schwierigkeiten, ihre Filme im russischen Fernsehen unterzubringen. Heute sei „jeder Film über den Donbass und die Militärische Spezialoperation, die große Regisseure ablehnen, wie ein Eisschrank, den man gemeinsam in die 12. Etage hochschleppen muss, weil der Aufzug so eine Anlage verweigert.“

Während der Podiumsdiskussion erklärte Fadejew, er verstehe nicht, dass seine Filme nicht besser in Kinos und im Fernsehen platziert werden. Sie würden doch auf großes Interesse stoßen. Beweis dafür seien die hohen Zugriffszahlen im Internet und die Tatsache, dass der Vierteiler „Am Rande Abgrunds“ allein durch Spenden finanziert wurde.

Im Filmverleih und im Fernsehen laufen die Filme von Fadejew unter der Altersgrenze „18 plus“. Die Altersgrenze – so der Regisseur - würde von den Verleihfirmen damit begründet, dass die Soldaten rauchen, wofür nach russischen Gesetzen keine Werbung gemacht werden darf. Der Regisseur kritisierte diese Entscheidung. Es sei notwendig auch schon 16jährige über den realen Kriegsalltag zu informieren.

Von den großen Kino- und Fernsehanstalten werde auch moniert, wenn ein Mitglied der Freiwilligeneinheit Somali über sein Handy bei einem Familienmitglied einen Adidas-Anzug und rote Schuhe von Nike bestellt. Das sei „Produktwerbung“, die in einem Fernseh-Film keinen Platz habe.

Zivilisten werden auf russischem Armeepanzer evakuiert, Screenshot aus Film "Am Rande des Abgrunds"

Angst vor einer Welle von Emotionen?

Was sind die Gründe für die Zurückhaltung russischer Fernsehanstalten und Kinos gegenüber Filmen aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine? Ist es die Angst davor, Zuschauer zu verlieren, ist es etwa versteckte Ablehnung der „Spezialoperation“? Oder gibt es Gründe, die im politisch-psychologischen Bereich liegen?

Fadejew verweist auf die großen staatlichen Film-Teams, die während des „Großen Vaterländischen Krieges“ bei großen Schlachten im Einsatz waren. Aber ist dieser Vergleich korrekt? Kann man die „Militärische Spezialoperation“ in der Ukraine mit dem Zweiten Weltkrieg vergleichen?

Im „Großen Vaterländischen Krieg“ von 1941 bis 1945 war faktisch das ganze Land, vom Jugendlichen bis zum alten Menschen in irgendeiner Weise in den Abwehrkampf gegen die deutsche Wehrmacht eingeflochten, entweder als Fabrikarbeiter oder als Soldat. Heute hat in Russland aber nur ein Teil der Gesellschaft direkt mit dem Krieg zu tun hat. Es gibt keine allgemeine Mobilisierung, wie in den 1940er Jahren.

Heute gibt es ganz andere politisch-psychologische Umstände. Würden – so meine Vermutung – die Filme von Fadejew im Fernsehen an herausragender Stelle platziert, könnte es zu starken Emotionen im Land kommen. Über Monate dauernde Friedensverhandlungen würden dann möglicherweise kritisiert. Stattdessen könnte der Ruf nach einem härteren Vorgehen gegen die Staatsstreich-Regierung in Kiew lauter werden.

Drei Wochen ohne Wasser

Auf dem Moskauer Dokumentarfilm-Festival gab es noch zwei Filme, die mich beeindruckten, weil sie Einblicke lieferten, die man als Zivilist normalerweise nicht bekommt.

Ebenfalls im großen Veranstaltungssaal des Tagungszentrums wurde vor 150 Zuschauern „Der Krieger allein auf dem Feld“ gezeigt. Bei dem „Krieger“ handelt es sich um Sakari Alijew, einem jungen Soldaten aus Dagestan, der während des Ukraine-Krieges den Kontakt zu seiner Einheit verlor und drei Wochen lang ohne Wasser und Nahrung in einer Erdhöhle ausharrte, bis eine Aufklärungsdrohne der russischen Armee auf ihn aufmerksam wurde und über seinem Unterschlupf Wasser abwarf. Der Film wurde von einer Gruppe um den Autor Artjom Somow gedreht. In den Film sind Aufnahmen eingeblendet, die der allein gelassene Soldat mit seinem Handy aufgenommen hat. Er filmte sich, schon geschwächt im Liegen bei Selbstgesprächen und Gebeten.

Nachdem der Soldat aus Dagestan sich mit dem abgeworfenen Wasser gestärkt hatte, gelang es ihm zu seiner Einheit zu fliehen. Er lief über offenes Feld. Kurz vor dem Ziel wurde er beschossen, doch nicht getroffen. Am Filmende sieht man wie er von seinen Verwandten in einem dagestanischen Dorf erstaunt und herzlich begrüßt wurde. Die Familie wusste gar nicht, dass der Sohn im Krieg war. Der Familie hatte Alijew erzählt, dass er nach Moskau gefahren sei, um dort zu arbeiten.

Die Filmemacher erklärten nach der Vorführung, der Film solle den Mut und den Durchhaltewillen eines Soldaten zeigen und auch Beispiel für andere sein.

Zivilist auf Krücken, Mariupol März 2022, Screenshot aus Film "Am Rande des Abgrunds"

Nur mit einem Kreuz in den Kampf

Eine Wissenslücke füllte bei mir auch der Dokumentarfilm, „Unter Gott und unter Feuer“ von Aleksandr Simonow. Der Film zeigt das Leben von zwei russisch-orthodoxen Priestern, welche Soldaten und die Bevölkerung an der Front betreuen. Die beiden Priester sind sehr freundliche, warmherzige Männer. Beide sah man – trotz Einsatz in Wald und Feld - nur in langem kirchlichem Gewand.

Der eine Geistliche, Vater Andrej, ist etwa um die 40 und in einer Kirche in Lisitschansk im Norden der Volksrepublik Lugansk tätig. Er erzählt, die ukrainische Armee habe ihn verhaftet und er sei zweimal zur Erschießung geführt worden. Der Priester erzählte auch, dass er für die einfache Bevölkerung in dem Dorf sehr wichtig sei, weil das Gebiet wegen der Frontnähe nicht ausreichend mit humanitärer Hilfe versorgt werde.

Den zweiten Geistliche, Vater Jefgeni, ein fülliger Mann im Alter von etwa 60 Jahren, sieht man, als er in der zerstörten Stadt Sudscha im russischen Gebiet Kursk die Evakuierung von Kindern, alten Leuten und Kranken organisiert.

Man sieht Vater Jefgeni auch an der Front im Gebiet Sumsk. Dort betreut er eine Einheit des Bataillons Achmat. In der Einheit dienen nicht nur Tschetschenen sondern auch Russen. In einer Episode sieht man, wie der Geistliche und ein Imam Andachten für die Soldaten halten. Die Muslime beten für sich während Vater Jefgeni den russischen-orthodoxen Soldaten mit einem Pinsel ein Kreuz auf die Stirn malt und die Gesichter der Soldaten mit heiligem Wasser bespritzt, eine Prozedur, die auch in Friedenszeiten, etwa bei der Ostermesse gebräuchlich ist. Vater Jefgeni sagt im Film, „das Wichtigste ist es, den Geist und die Seele eines Soldaten für Gott zu öffnen. So haben sie es leichter.“

Soldaten berichten, dass an der Front eigentlich Jeder Soldat zum Gläubigen wird, weil man extremen Beschuss nur so übesteht. Glückliche Wendungen im Kriegsgeschehen werden von Soldaten oft als Fürsorge Gottes gedeutet.

In der anschließenden Diskussion bejahte Regisseur Simonow die Frage, ob die Geistlichen an der Front auch selbst kämpfen. Viele würden selbst kämpften und viele seien auch schon gestorben. Ein Geistlicher habe sich sogar unbewaffnet, nur mit einem Kreuz, an einen Sturmangriff von Marineinfanteristen beteiligt. Er sei vom Gegner getötet worden. Bei dieser Schilderung waren im Saal Rufe des Entsetzens zu hören.

Podiumsdiskussion zum Thema "Wie helfen wir den Kriegsveteranen", Foto: Ulrich Heyden

Wie hilft man Kriegsveteranen?

Es gab auf dem Filmfestival auch eine Podiumsdiskussion zum Thema, „wie man den Veteranen helfen kann“. Auf dem Podium saßen vier Männer, die an der „Spezialoperation“ beteiligt waren, drei jüngere Russen und ein älterer Burjate. Zweit der jüngeren Männer hatten Beinprothesen, wie man an ihrem Gang sah. Einer der beiden Jüngeren war Wladislaw Gologwin. Er war Kommandeur einer Sturmbrigade von Marineinfanteristen. Seit 2025 ist er Vorsitzender der 2015 - auf Initiative von Wladimir Putin gegründeten - Junarmija, einer Jugendorganisation, welche das Wissen über die russischen Streitkräfte in der Jugend stärken soll.

Der Burjate erzählte er habe sein ganzes Leben in den Sicherheitsstrukturen gedient. Anlass sich im Alter von 63 Jahren als Freiwilliger für die „Spezialoperation“ zu melden, sei gewesen, dass einem derjenigen, die er ausgebildet habe, bei der „Spezialoperation“ etwas zugestoßen sei. Was das genau war, sagte er nicht. Er habe dann gekämpft, sei aber verletzt und später ausgemustert werden. Der Mann sprach unaufgeregt in bedächtigem Ton. Er sagte, die Veteranen müssten sich um einander kümmern. Mit dieser Aussage rannte er bei dem Publikum offene Türen ein. Aufgrund der Fragen aus dem Publikum wurde klar, dass die Zuhörer wissen wollten, „wie können wir unsere Jungs schützen und unterstützen?“

Eine blonde Frau in grüner Militäruniform und vielen Orden, sie war etwas 40 Jahre alt, erklärte in sehr selbstbewusstem Ton, sie habe als Medizinerin an der Front gearbeitet. Ihr sei völlig unverständlich, warum ihre Verletzung, die sie während der „Spezialoperation“ erlitten habe, von den russischen Behörden nur als „Alltags-Verletzung“ und nicht als „militärische Verletzung“ eingestuft wurde. Bei einer Alltags-Verletzung habe sie keinen Anspruch auf materielle Entschädigung.  

Der Vorsitzende der Junarmija antwortete der Medizinerin, sie solle ihre Kritik auch auf anderen öffentlichen Foren vortragen. Das sei sehr wichtig. Außerdem riet er den Veteranen ihre Bitten und Ideen für den neuen Lebensabschnitt klar und deutlich zu formulieren und sich dabei gegenseitig zu unterstützen.

Noch von anderen Diskussionsteilnehmern wurde von Fällen über die Nichtzahlung von Entschädigungen berichtet. Aber Niemand der Kritiker erklärte, dass man unter diesen Umständen nicht als Freiwilliger an Kampfhandlungen teilnehmen könne. Sich an der „Spezialoperation“ zu beteiligen, schien für alle Fragesteller ein dringendes Bedürfnis.

 

Quellen:

Die Filme des IV.  RT-Dok-Filmfestivals https://rtdoc.tv/section/SELECTION_14

„Am Rande des Abgrundes“ (vierte Folge), von Maxim Fadejew und Sergej Belousow  https://t.me/RealdocProductions/832

Alle vier Folgen von „Am Rande des Abgrunds“ in der Mediathek des russischen „Perwij“-Kanals https://kino.1tv.ru/serials/u-kraya-bezdny?e=04

Rockballade „Zehn Schritte“, Wjatscheslaw Butusow https://yandex.ru/video/preview/11030990769303307525

Film „Unter Feuer und unter Gott“ https://vk.com/video-40316705_456474332?ysclid=mmby5qssku751806375

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