1. September 2006

Beslan findet keine Ruhe

Russland. Ein Bericht hat Zweifel an der Darstellung der Behörden über das Geiseldrama geweckt.

Es war 9.08 Uhr. In der Schule Nr. 1 im nordkaukasischen Beslan waren die Feiern zum ersten Schultag im Gange, als 32 schwer bewaffnete tschetschenische Terroristen die Schule überfielen und mehr als 1 000 Menschen als Geiseln nahmen. Am heutigen Freitag jährt sich die Tragödie zum zweiten Mal. Die Hinterbliebenen werden Blumen in den Trümmern der Sporthalle niederlegen. Dort fanden 331 Menschen den Tod.
Enttäuscht und verbittert sind die Bewohner von Beslan über die Sicherheits- und Justizorgane, die offenbar wichtige Erkenntnisse weiter vertuschen. Die Zahl der Opfer sei so hoch, weil die Sicherheitsorgane Fehler gemacht hätten, so lautet die weitverbreitete Meinung.

Vermittlung untersagt

Das Misstrauen gegenüber den offiziellen Ermittlern ist groß. Jüngsten Umfragen zufolge glauben 56 Prozent der Russen, dass die Ermittler und Staatsanwälte „unbequeme Fragen" vor der Öffentlichkeit verbergen. 34 Prozent der Befragten meinen, dass es der Staatsmacht bei der Geiselbefreiung nur darum ging, „ihr Gesicht zu wahren". Das Schicksal der Geiseln sei ihr „ziemlich egal" gewesen. Der russische Geheimdienst setzte offenbar von Anfang an auf einen harten Kurs gegenüber den Geiselnehmern. Die „Nowaja Gaseta" berichtete, dem nordossetischen Präsidenten Alexander Dsassochow sei verboten worden, mit den Geiselnehmern in Kontakt zu treten. Dsassochow soll bereit gewesen sein, die Geiseln gegen 800 Beamte auszutauschen.
Aufsehen erregten auch die Ermittlungsergebnisse von Juri Sawjolow, Sprengstoffexperte und Mitglied der Duma-Fraktion der linksnationalistischen Partei „Heimat". Kurz vor Jahrestag legte er einen eigenen Bericht vor, der den Thesen der parlamentarischen Untersuchungskommission in wesentlichen Punkten widerspricht. Der Sprengstoffexperte beruft sich auf eigene Untersuchungen und Zeugenaussagen im Prozess gegen den angeblich einzigen überlebenden Terroristen.
Nach der offiziellen Version begannen die Explosionen in der Schule mit der Zündung der Bomben der Terroristen im westlichen Teil der Sporthalle. Den Geiselnehmern seien die Nerven durchgegangen. Sawjolow kommt dagegen zu dem Schluss, dass ein Sondereinsatzkommando des russischen Geheimdienstes die Schule von den umliegenden Dächern aus mit Granatwerfern beschoss. Ziel sei offenbar gewesen, die Terroristen unschädlich zu machen. Durch den Beschuss von außen seien die Explosionen im Gebäude ausgelöst und ein großer Teil der Geiseln getötet worden.

Teilen in sozialen Netzwerken