5. März 2016

Cranach-Ausstellung: „Die Schau wird viel Resonanz haben“

Gespräch mit Irina Antonowa anlässlich der Eröffnung der Cranach-Ausstellung in Moskau mit Gothaer Leihgaben.

Moskau. Eine Schlüsselrolle bei der Vorbereitung der Cranach-Ausstellung im Moskauer Puschkin-Museum spielte Irina Antonowa, die bis 2013 Direktorin des Museums war und heute dessen Präsidentin ist. Bei der Debatte um die sogenannte Beutekunst – in Russland spricht man von Trophäenkunst – galt die Museumsleiterin als Hardlinerin. 

Wenig bekannt ist, dass unter Antonowa die ersten Ausstellungen mit westlicher Kunst inMoskau stattfanden. Die heute 93-jährige Antonowa ist immer noch rege am Leben des Puschkin-Museums beteiligt. Sie komme täglich zur Arbeit, sagte eine Mitarbeiterin.

Am Dienstag wurde auf einem Empfang beim deutschen Botschafter die Cranach-Ausstellung gefeiert. Wie hat es Ihnen gefallen?

Es hat mir sehr gut gefallen. Es war sehr freundschaftlich. Es war sehr klar, dass es zwischen uns eine Verständigung gibt. Habe ich nicht Recht?

Zwischen Russen und Deutschen?

Ja, natürlich. Mich hat es sehr gefreut, dass es das Verständnis über die Rolle der Kunst beim gegenseitigen Verstehen nicht nur zwischen den Mitarbeitern von Museen, sondern einfach auch bei den Menschen gibt. Das ist ein wichtiger Kanal, der Kanal der Kultur und der Kunst.

Wir leben in einer schwierigen Zeit mit politischen Meinungsverschiedenheiten.

Wann hat es keine Meinungsverschiedenheiten gegeben? Mein Alter erlaubt es mir zu sagen, was Meinungsverschiedenheiten sind. Ich erlebte fünf Jahre Krieg, von 1941 bis 1945. Gott sei gelobt. Wenn wir von Kunst und Kultur sprechen, sehen wir viel Gemeinsames, Nahes, viel Geistiges, was uns verbindet.

Der deutsche Botschafter, Rüdiger von Fritsch, sprach von der Bedeutung der christlichen Reformation, während der die Cranach-Bilder entstanden sind. Ist die Reformation für die Russen überhaupt von Interesse?

Mit speziellen kirchlichen Fragen beschäftige ich mich nicht. Aber wenn wir von der philosophischen Frage sprechen, dann war die Reformation eine große Etappe der Menschen in Ländern, die uns nahe sind. Es ist interessant, wie die Menschen dort diese Fragen behandelten. Es gab in Deutschland im 16. Jahrhundert ja auch Glaubenskriege. Das ist das menschliche Leben, ob es uns gefällt oder nicht.

Als sie vor zwei Jahren Gotha besuchten, was gefiel Ihnen besonders?

Vor allem das Schloss. Man kann sich nicht vorstellen, dass so ein außerordentlich prächtiges Gebäude in so einer verhältnismäßig kleinen Stadt steht.

Im nächsten Jahr werden Werke französischer Maler aus dem Puschkin-Museum inGotha ausgestellt. Ist die kleine Stadt Gotha für das Puschkin-Museum eigentlich ein würdiger Partner?

Was heißt klein? Sie haben in Deutschland gute Verkehrsverbindungen. Die Leute, die das interessiert, kommen nach Gotha, woher auch immer – aus Dresden, Berlin und Frankfurt.

In deutschen Medien gab es vor Jahren Berichte, Sie selbst hätten als Majorin der Roten Armee in Deutschland Bilder zum Abtransport nach Russland eingepackt. Stimmt das?

Ich habe damals an die Frankfurter Allgemeine geschrieben, dass diese Behauptung nicht stimmt. Und ich wartete auf eine Gegendarstellung. Wenn ich dort gewesen wäre, dann wäre ich heute stolz darauf, dass ich die Galerie gerettet habe. Aber weil ich nicht dort war, kann ich nicht stolz sein (lacht).

Sie hatten 2013 vorgeschlagen, das 1941 geschlossene Museum Neuer westlicher Kunst in Moskau wieder aufzubauen. Dessen Bestände waren ja auf Weisung vonStalin unter anderem der Ermitage in St. Petersburg übergeben worden. Wird dieser Vorschlag noch diskutiert?

Ich spreche das Thema immer wieder an. Das war ein Verbrechen von Stalin. Aber das wäre ein Extra-Gespräch. Es ist mein Traum, dass dieses Museum wieder entsteht.

Welches der Cranach-Bilder mögen Sie persönlich am meisten?

Hier gibt es sehr viele gute Bilder. Aber ich möchte sagen, dass ich unser Madonna-Bild, die Gottesmutter mit Kind, sehr mag (dieses Bild gehörte nicht zum ursprünglichen Gothaer Bestand / U.H.). Es gibt in diesem Bild keinen Manierismus. Es ist in einem reinen Stil der Renaissance geschaffen.

Wo sehen Sie den Unterschied in den Gemälden von Cranach dem Älteren und seinem Sohn Lucas?

Der eine hat alles erdacht. Der andere hat es nachgemacht. Der Ältere zeichnete sich aus durch die Qualität seiner Arbeiten.

Welche Resonanz auf die Cranach-Ausstellung erwarten Sie in Russland?

Die Ausstellung wird eine große Resonanz haben. Denn wir haben wenig deutsche Kunst. Wir haben viel französische, niederländische, flämische und italienische Kunst, aber wenig deutsche. Das hat sich historisch so entwickelt. Es wurde wenig nach Russland gebracht, auch wenig von den Deutschen selbst. Wir haben keinen Dürer, wenig von Caspar David Friedrich, fast nichts von Adolph von Menzel.

Ulrich Heyden

veröffentlich in: Ostthüringer Zeitung

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