8. August 2011

Das russische Reservat für freie Kunst

Fünf Stunden brauchte unser Bus für die 180 Kilometer. Verkehrsstaus, undeutliche Beschilderung und schließlich schlaglochübersäte Landstraßen machten den Weg aus Moskau zu dem Dorf Nikola-Leniwez, südlich der Hauptstadt, zu einer Fahrt durch ein Labyrinth. Als wir dann von weitem merkwürdige lange Pfähle sehen, wissen wir: Das Ziel ist erreicht.

Auf den Pfählen hocken zaristische Doppeladler aus Holz, die den Fremden von oben wie Geier hungrig beäugen. Die Pfähle gehören zu der Kunst-Installation "Die Grenzen des Imperiums" und wurden 2007 von dem Künstler Nikolay Polissky für "Archstoyanie", das größte russische Kunst- und Architektur-Festival unter freiem Himmel, geschaffen.

Von Polissky stammt auch eine riesige Kuppel aus quadratischen Holzstreben in der sich Holzbalken winden. Die Rieseninstallation ähnelt einem Gehirn und heißt "Welt-Verstand". Zu der Installation gehören auch Masten mit merkwürdigen Symbolen, die sich in den Himmel recken, so als seien sie auf der Suche nach Weisheit aus dem All.

Drei müde Polizisten

Als wir auf dem Open-Air-Kunst-Event ankommen, liegt die Landstraße zum Festivalgelände in einer Staubwolke. Immer neue japanische Jeeps aus Moskau mit erlebnishungrigen Großstädtern an Bord preschen heran. Aber auch einfache Familie aus dem Umland kommen mit ihren Autos, dazu noch Busse mit Ethno-Freaks. Viele habe ihre Zelten mitgebracht und wollen mindestens eine Nacht bleiben. Denn: Nirgendwo sonst in Russland sind sonst so viele moderne Kunstwerke unter freiem Himmel zu sehen und schon gar nicht in Moskau wo Bürgermeister Juri Luschkow die Stadt in den 1990er Jahren mit Kitsch-Denkmälern voll stellen ließ.

Doch im Dorf Nikola-Leniwez, das an dem sich romantischen windenden Ufer des Ugra-Flusses liegt, herrscht künstlerische Freiheit. An der Einfahrt des Festival-Geländes sitzen im Schatten eines Baumes drei von der Hitze ermüdete Polizisten auf Strohballen. Sie sind die einzigen, welche die Staatsmacht repräsentierten.

Russlands Antwort auf japanische Schlafkojen

Publikumsmagneten des diesjährigen Archstoyanie-Festivals waren nicht nur die Installationen der letzten Jahre sondern auch sechs neue Objekte. Alle drehten sich um das diesjährige Motto "der Stall". Für Erheiterung sorgten die Schlafkojen aus Holz von den Künstlern Kirill Bair und Darya Lisitsyna. Ihr Projekt war praktisch die russische Antwort auf die japanischen Schlafkojen aus Plastik. Spielerisch-anziehend wirkte auch das Haus aus Ketten von einer Künstlergruppe aus St. Petersburg. Man konnte das "Gebäude" von allen Seiten betreten, weil die Wände aus hängenden Ketten bestanden, die bei jeder Berührung leise klimperten.

Das Festival Archstoyanie findet seit 2006 ein- bis zweimal im Jahr statt. Beim diesjährigen Festival fiel dem aufmerksamen Besucher auf, dass der Kommerz zugenommen hat, zum Schaden der Kunst. Während in den umliegenden Wäldern Musiker mit Schellen und Trommeln Klänge der Natur imitierten, drehte ein Gleitschirm-Flieger knatternd seine Runden und die Flamme eine Heißluftballons dröhnte so laut, dass sie die zarten Klänge aus den Wäldern fast übertönte. Irgendwo zwischen den Kunstwerken hatte auch eine deutsche Firma für Kettensägen einen Werbestand aufgebaut. Dort wurde gezeigt, wie man aus einem Baumstamm schnell eine Holzfigur sägt.

 "Wir wollen kein Disneyland"

Das Festival sei in Gefahr, meint Nikolay Polissky, der zu den Initiatoren von "Archstoyanie" gehört. "Wir wollen hier kein Disneyland", erklärt der 54jährige bei einer Tasse grünem Tee in seinem privaten Holzhaus. Polissky hat 1989 die Malerei an den Nagel gehängt und sich auf den für Russland neuen Zweig der Kunst-Installationen gestürzt. Mit befreundeten Künstlern und Architekten siedelte der Mann mit dem inzwischen grauen Bart aus Moskau in das Dorf Nikola-Leniwez über.

Zunächst gab es überhaupt kein Geld, erinnert sich der der Kunst-Veteran. "Wir bauten hier Kartoffeln an". Dann begann er zusammen mit Helfern aus dem Dorf, ehemaligen Kolchos-Arbeitern, seine Kunst-Installationen zu bauen. Zu seinen bekanntesten Installationen gehörten 200 mit Eimern behelmte Schneemänner, die Polissky auf einem Hang am Dorfrand aufmarschieren ließ.

Die Arbeiter aus dem Dorf helfen dem Künstler bis heute, auch wenn er seine Installationen auf der Architektur-Biennale in Venedig oder in einem Stadtteil von Paris aufbaut. Die finanzielle Lage der Künstler im Dorf verbesserte sich allmählich. Für das erste Archstoyanie-Festival bekam man immerhin schon Geld von dem russischen Nickel-Produzenten Wladimir Potanin. Doch bis heute muss man um jeden Zuschuss kämpfen, erzählt Ausstellungs-Initiator Polissky.

"Irgendwann bleiben die Künstler weg"

Der Kunst-Veteran warnt: Wenn sich das Festival weiter zu einer Kommerz-Veranstaltung entwickele, wo die Leute nur kommen um sich irgendwie zu amüsieren, "dann bleiben irgendwann die Künstler weg". Am liebsten wäre Polissky, wenn man das Ausstellungsdatum für neue Installationen nur einem kleinen Kreis von Fachleuten bekannt gibt. So könne es nicht zu einem Massenauflauf kommen, wie in diesem Jahr.

Skeptisch sieht Polissky auch das Engagement eines jungen Moskauer Mobilfunk-Unternehmers, der kürzlich das gesamte Gelände des Freiluft-Festivals gekauft hat und sich nun aktiv in die Gestaltung des Kunst-Events einbringen will. "Der Investor ist noch jung und unerfahren", meint der Kunst-Veteran, der ziemlich entschlossen wirkt und sich sein Lebenswerk nicht so einfach von einem Investor wegschnappen lassen will.

veröffentlicht in Telepolis

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