18. Oktober 2002

Das Schweigen der Ewenken

von Ulrich Heyden, Bajkit

Die nordischen Völker Russlands sind vom Aussterben bedroht. Zu Sowjetzeiten wurden sie in landwirtschaftliche Sowchosen gepresst. Im neuen Russland kümmert sich niemand mehr um sie. 

Es ist die Wut, die Witalij Koptelkos Unterlippe zucken lässt. Er sieht aus dem Bullauge des Hubschraubers und kann es nicht fassen. Dort, wo früher die spitzen Zelte seiner Sippe standen, klafft heute ein quadratisches Loch von 500 Quadratmetern. Statt Fichten und Zedern, sieht man aufgewühlten Waldboden. "Der Ölkonzern Jukos will dort bohren lassen. Direkt unter meinem Grundstück liegt eine riesige Ölblase." Das sei ein klarer Gesetzesverstoß.

Ein 92 Quadratkilometer großes Waldgrundstück hat Witalij 1993 als Familien-Eigentum ins Grundbuch eintragen lassen. "Bei einem Rechtsstreit werde ich gewinnen," meint der kleine, stämmige Ewenke siegessicher. Bei einem Jagdunfall verlor Witalij eine Hand. Doch trotz des Armstumpfes fährt er noch Motorboot.

Der 46-Jährige mit dem schwarzen Vollbart kann mitreißend reden. Heute leitet er die Volksgruppe der Ewenken im Bezirk Bajkit. Den Spitznamen "Totschilo", Schleifstein, trägt Witalij nicht umsonst. Für seine Hartnäckigkeit ist er bekannt. Alles was die Ewenken wollen, sei ein Teil des "Autonomen Gebietes" als Reservat. Ein Lebensraum, zwei Mal so groß wie Deutschland

Das Hirten- und Jägervolk der Ewenken stirbt langsam aus. Auf einer Fläche - zwei Mal so groß wie Deutschland - leben 18 000 Menschen, statistisch zwei Personen pro Quadratkilometer. Der Großteil sind Russen. Die Zahl der Ewenken im Autonomen Gebiet hat sich in den letzten zehn Jahren von 7 500 auf 3 500 fast halbiert.

Um die ewenkischen Traditionen neu zu beleben, hat Witalij mit der jungen Ethnologin, Anna Kusenko, mitten in der Taiga, 60 Kilometer vor dem Dorf Bajkit, ein Kinderlager organisiert. Die ewenkischen Kinder kennen ihre Sprache nicht, sie sprechen nur Russisch. In dem Lager lernten sie Ewenkisch, bauten Zelte nach alter Tradition und lernten die alten Taiga-Lieder.

Zu Sowjetzeiten wurden die ewenkischen Jäger und Hirten in Sowchosen gepresst. Schon damals war die Rentierzucht nur mit staatlichen Subventionen möglich. Der Selbstkostenpreis des fettarmen Fleisches lag bei sechs Rubel, im Laden wurde es für 2,80 Rubel verkauft. Im neuen Russland gibt es niemanden, der das zarte Fleisch vermarkten will. Die Transportwege sind lang und die reichen Russen in Moskau lassen lieber Langusten einfliegen. Die letzten Rentierhirten leben von der Hand in den Mund. Die neuen Aktionärsgesellschaften zahlen nur selten Löhne. Das bisschen Bargeld vom Fleischverkauf setzen die Hirten sofort in Wodka um. "Der Alkoholismus ist schlimmer als die Mückenplage", meint Witalij.

Die staatlichen Rentier-Sowchosen wurden Anfang der 90er Jahre in Aktionärsgesellschaften umgewandelt. Seitdem ist die Zahl der Rentiere im Ewenken-Gebiet von 28 000 auf 4 500 gesunken. "Die Aktionärsgesellschaften haben kein Interesse an einer langfristigen Entwicklung der Rentierwirtschaft", so Witalij. Auch der Staat tue nichts, um das Sterben dieses Wirtschaftszweiges aufzuhalten.

Wer heute überleben will, zieht in den Wald zur Jagd. Einer von Witalijs Söhnen, der 23-jährige Schenja, ernährt fast die gesamte Familie. Mit Einbruch des Winters, im Oktober, beginnt für ihn die Jagdsaison. Bei 50 Grad Minus streift er durch die Wälder. Wenn er heimkommt, hat er 50 Kilogramm Elchfleisch auf dem Rücken oder einen Packen Zobelpelze. Die werden das Stück für 1 000 Rubel (30 Euro) verkauft.
"Bei uns lagern die Ölvorräte des dritten Jahrtausends"

Bajkit liegt im Wald, 500 Kilometer südlich des Polarkreises. Bis zur nächsten Ortschaft sind es 600 Kilometer. Straßen in andere Orte gibt es nicht. Erst wenn es friert, donnern die Händler mit ihren schweren Kamas-Lastwagen durch die Wälder Richtung Krasnojarsk. Von Juni bis August ernähren sich die Leute von selbstgezogenem Gemüse, Zuchinis, Gurken, Tomaten und Petersilie.

In Bajkit hat auch die "Ostsibirische Ölgesellschaft" eine Vertretung. Das Unternehmen, eine Tochter des russischen Ölkonzerns Jukos, vertritt Lidia Sturowa. Sie ist Mitte 50 und zeigt sich nachdenklich. "Unsere Gesellschaft rekultiviert alle Stellen, wo wir Probebohrungen gemacht haben", beteuert die ehemalige Physikerin mit den kurzen schwarzen Haaren. Im Übrigen seien die Ewenken auch keine Engel. "Im Winter fahren sie mit ihren Motorschlitten zur Jagd, im Sommer mit Motorbooten zum Fischen."

Lidias Mann, Wladimir Sturow, arbeitet ein paar Häuser weiter als Leiter der staatlichen Bezirksverwaltung. Über seinem Schreibtisch hängt ein dicker Ölschinken, Lenin im schwarzen Jackett. Warum der da hängt? "Ich bin kein Kommunist", meint Sturow abwehrend. "Aber wenn ich ihn abnehme, würde man mich als Opportunisten auslachen. Das ist einfach Tradition. Wir haben doch heute keine Symbole." Ein Putin-Porträt ist angeblich schwer zu beschaffen.

"In meinem Büro waren schon Milliardäre," prahlt Sturow. Von Excon bis BP, alle wollten sie mit ihm sprechen. Das Lenin-Bild hat niemanden verschreckt, meint der Verwalter. Immerhin: Sturow garantiert Stabilität. Zu Sowjetzeiten war er Leiter des örtlichen Sowjets.

Der hagere Russe sprüht vor Selbstbewusstsein. "Bei uns lagern die Ölvorräte des dritten Jahrtausends", meint er selbstbewusst. "Im Jahre 2030, wenn die Ölvorräte in Westsibirien zur Neige gehen, wird bei uns gefördert." Sobald die riesige unterirdische Ölblase im Ewenken-Gebiet endgültig vermessen ist, wollen internationale Ölkonzerne eine Öl-Pipeline nach China bauen.
In Bajkit hängen schon Schulkinder an der Flasche
Bisher wird das schwarze Gold nur für den Eigenbedarf im Ewenken-Land gefördert. In Bajkit heizt man nicht mit Holz oder Kohle sondern mit Öl. Es ist ja genügend da. Die Kohlevorräte sind noch nicht erschlossen. Aus Bajkit könne ein reiches Dorf werden, meint der Verwalter, denn außer Öl vermutet man auch reiche Gold- und Edelsteinvorkommen. Die zahlreichen Bohrexpeditionen bringen einen gewissen Wohlstand in das kleine Dorf. Obwohl es keine Straßen in andere Dörfer gibt, hat die Zahl der Autos erheblich zugenommen.

Russlands zweitgrößter Ölkonzern Jukos hat im Ewenken-Gebiet fest Anker geworfen. Dem ehemaligen Jukos-Manager, dem Russen Boris Solotorjow, verschaffte man den Posten des Gebiets-Gouverneurs. Dem verarmten Gebiet gibt das Großunternehmen bereitwillig Kredite. So wurde die staatliche Verwaltung mit Internet und Satellitenanschluss ausgestattet. Jukos finanziert mit seinen Krediten bereits einen Großteil des Budgets.

So viel Gönnertum soll sich auszahlen. Die einstündige Sendung des Regional-Fernsehens einmal die Woche sei eine reine Reklame-Sendung des Gouverneurs, meint Witalij. "Ich gucke mir das schon gar nicht mehr an. Angeblich ist bei uns alles in Ordnung." Als sich der Gouverneur im Dezember weigerte, die jährliche Lebensmittelhilfe einer US-Wohlfahrtsorganisation zu beantragen, forderten die Ewenken den Anschluss ihrer Region an das benachbarte Krasnojarsk-Gebiet. Mit Erfolg, die Lebensmittelhilfe wurde beantragt.

Hilfe ist dringend nötig, denn in den Dörfern herrscht bittere Armut. Die ehemaligen Rentierzüchter vegetieren in Holzhütten ohne Elektrizität und fließend Wasser, ohne Lohn und mit Renten von 1 200 Rubeln (38 Euro). Das reicht gerade für den Wodka-Konsum. Selbst in dem wohlhabenderen Bezirks-Zentrum Bajkit trinken schon die Schulkinder. Wenn der Lebensmittelladen "Mercury" morgens um neun seine Tür öffnet, warten bereits "Alkaschi", torkelnde Wodka-Kunden mit abgeschabten Trainingshosen und aufgeschlagenen Augenbrauen, auf ihre nächste Flasche.

"Die Selbstmordrate steigt", meint Anna. "Viele sehen einfach keinen Ausweg. Ein Ewenke bittet nicht um Hilfe." Ein Milliardär ist der Herr im Parlament Vor kurzem hat eine achtzehnjährige Mutter sich und ihr Kind mit Essig vergiftet. Die Mutter überlebte und bekam drei Jahre Gefängnis. Der Vater war im Wald auf der Jagd und hatte es nicht geschafft, rechtzeitig Fleisch zu schicken. "Die Ewenken gehen nicht auf die Barrikaden", meint Witalij. "Das entspricht nicht unserer Mentalität."

Bei der Kolonisierung des Nordens vor 400 Jahren stießen die Russen auf fast keinen Widerstand. Für die Arbeit an den Öl-Bohrtürmen seien die Ewenken nicht geeignet, meint Bezirksleiter Sturow. Sie seien ausgezeichnete Jäger, Fischer und Hirten, aber keine Industriearbeiter. Der Chef des Ölkonzerns Jukos, Michail Chodorkowskij, zweitreichster Mann Russlands mit einem Vermögen von über einer Milliarde Dollar, findet noch deutlichere Worte. Bei einem Auftritt im Parlament des Ewenken-Gebiets erschien er in Jeans und T-Shirt, die Abgeordneten in Schlips und Jackett, und der Öl-Boss erklärte, leider sei man gezwungen Arbeitskräfte einzufliegen, weil es im Ewenken-Land einfach nicht die richtige Arbeitseinstellung gäbe. "Ich bin Anhänger einer harten Lenkung der Köpfe, so wie man es im Westen macht." Nur wer seine innere Haltung ändere habe eine Chance.

Die Abgeordneten ertrugen die Standpauke ohne Widerspruch. Der Milliardär war Herr im Haus. "Wir geben unsere Heimat nicht so einfach her" Nicht nur die zahlreichen Öl-Bohrungen, auch die vom Parlament beschlossenen Pläne für den Holzabbau sehen die Ewenken mit Besorgnis. "Die Zobel werden so aus den Wäldern vertrieben", meint Witalij. Jewgenij Tschitscherin, Vorsitzender des Komitees für Naturresourcen im Bezirk Bajkit, befürchtet einen Raubbau.

Der ewenkische Beamte hat böse Vorahnungen. Wie üblich, werde nicht nach forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten geschlagen, sondern nach reinen Kostengesichtspunkten. So gehöre es zur schlechten Praxis, den Wald entlang der Flüsse abzuholzen, ungeachtet des vorgeschriebenen Mindestabstands. "Erst in hundert Jahren wird es auf den gerodeten Flächen neuen Wald geben", meint der Beamte. Im Übrigen gehe es gar nicht um Holzwirtschaft, sondern um Geldwäsche. In Moskau würden Kredite für Straßenbau und Planungsinvestitionen beantragt. Das Geld verschwinde dann in den Taschen windiger Geschäftsleute und Beamter. Ein effektiver Holzabbau im Ewenken-Gebiet sei wegen langer Transportwege gar nicht möglich.

Mit seinem Armstumpf reibt sich Witalij das Kinn. "Wir geben unsere Heimat nicht so einfach her." Mit düsterem Gesicht schaut er eine Weile in die Ferne. Dann hellt sich sein Gesicht auf. Mit verschmitztem Gesicht meint er: "Wir Ewenken haben einen Verbündeten. Gott schützt uns auf seiner Brust."

"Sächsische Zeitung"

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