2. Oktober 2008

Daschas großer Bahnhof

Milliardär Roman Abramowitsch steigt mithilfe seiner Freundin ins Kunstgeschäft ein. Das Paar leistet sich eine gigantische Ausstellungshalle.

So viel Understatement zeigen Russlands Reiche selten: Ein ehemaliges Autobusdepot wurde zu Moskaus neuester Ausstellungshalle für moderne Kunst umgebaut, „Garasch“ heißt die In-Adresse. Die erste Schau ist eine Retrospektive des Dissidenten-Paars Ilja und Emilia Kabakow. Ilja emigrierte 1988 nach New York, wo er mit seiner Frau Emilia lebt. Der ehemalige Kinderbuch-Illustrator und Konzeptualist ist durch seine Werke, in denen er sich über den sowjetischen Alltag hermacht, weltberühmt.

Doch die Aufmerksamkeit der Medienleute gilt bei der Vernissage nicht dem Künstler mit dem schlohweißen Haar, sondern Darja Schukowa. Die Freundin von Roman Abramowitsch trägt ein kurzes Schwarzes, als sie die Ausstellung eröffnet. Während Darja, genannt „Dascha“, auf dem Podium spricht – ihren schlanken Hals schmückt ein weißer Kragen, sie sitzt streng wie eine Klosterschülerin –, hat sich ihr 16 Jahre älterer Freund, dem neben dem Chelsea-Fußballclub auch drei Jachten und eine zweistrahlige Boeing gehören, freundlich lächelnd unter das Publikum gemischt. Abramowitsch, der mit einem Vermögen von 24 Milliarden Dollar der drittreichste Mann Russlands ist, zeigt sich nur selten in der Öffentlichkeit.

Darja Schukowa kommt aus gutem Haus. Ihr Vater, Alexander Schukow, lebt in England und ist im Öl- und Bankgeschäft tätig. Dascha kreierte zusammen mit einer Freundin die Mode-Marke Kova&T, die nach Berichten der Moskauer Klatschpresse gut laufen soll. Die drei Millionen Dollar für die Moskauer Kabakow-Retrospektive dürften ihr nicht schwergefallen sein.

Daschas Faible für das Schöne und die Kunst hat inzwischen auch auf Roman abgefärbt. Britische Zeitungen berichteten, seine neue Flamme habe den Milliardär beim Kauf von zwei Gemälden, die zusammen 77 Millionen Euro kosteten, beraten. Im Mai ersteigerte Abramowitsch Francis Bacons „Triptych, 1976“ und Lucian Freuds Aktgemälde „Benefits Supervisor Sleeping“.

Wie alles, was die neuen reichen Russen anpacken, ist auch das Projekt Garasch riesig. Das ehemalige Busdepot hat 8500 Quadratmeter und ist damit die größte Ausstellungshalle Moskaus. Endlich hat die moderne Kunst in der Stadt, die sich bisher in kleine Galerien verdrücken musste, einen Raum, der sich vom Ambiente und den Möglichkeiten mit westlichen Museen messen kann. Der Eintritt ist kostenlos. Trotzdem tröpfelt der Besucherstrom nur spärlich. Es scheint, als könnten die Moskauer mit ihren Dissidenten immer noch nicht so recht etwas anfangen.

Der in der Ukraine geborene Kabakow gehörte zum sowjetischen Künstler-Underground. Seine Dachgeschosswohnung im Zentrum von Moskau wurde zum Treffpunkt der Künstlerszene. In der „Garasch“ sind großformatige Bilder zu sehen, die im Westen entstanden. Kabakow entfremdet Motive, die man in der Stalin-Zeit auf sowjetischen Monumentalgemälden sah, Menschen bei der Arbeit, Ausflugsdampfer und Erntearbeiten. Kabakow schlüpft in drei Rollen. Es werden Bilder von ihm – dem Desillusionierten – und den Künstlern Charl Rosental und Igor Spiwak gezeigt. Aber auch Rosental – der an die sowjetische Utopie glaubt – und Spiwak – ein Sowjet-Nostalgiker – sind in Wirklichkeit Kabakow selbst.

Die Riesenhalle, die von der jüdischen Gemeinde Moskaus gepachtet wurde, soll demnächst auch ein „Museum der Toleranz“ beheimaten. Vorsitzender und Hauptsponsor der jüdischen Gemeinde in Moskau ist: Roman Abramowitsch.

"Rheinischer Merkur"

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