20. Mai 2010

Deutsche bringen den Irak-Krieg auf Moskauer Bühne

Höflicher Applaus, vereinzelt Begeisterung. Wenn zwei Theatertraditionen aufeinander treffen, läuft nicht alles glatt. Berliner Schauspielstudenten trafen in Moskau auf ein überraschtes Publikum.

Mitten in Moskau, auf der Bühne des Theater „Na Strastnom“, ging es um den Krieg. Einen Krieg, der immer noch läuft, ganz konkret und mit allen Details. Im Rahmen des 6. Internationalen Theaterstudentenfestivals wurde am 12. Mai zweimal das Stück „Motortown“ von Simon Stephens gezeigt.

Das Drama handelt von einem aus dem Krieg im Irak zurückgekehrten b{mosimage}ritischen Soldaten, der mit seinen Traumata kämpft. Auf der Bühne standen vier Schauspieler, die an der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst in Berlin studieren.

Diskussion über den Krieg als solchen abgewürgt

Die meist jungen russischen Zuschauer reagierten auf die harte, provokative Sprache mit höflichem Applaus. Eine Diskussion über die aktuellen Kriege auf dieser Welt wurde in der anschließenden Diskussion vom Moderator glatt abgewürgt. Kunst soll sich in Russland nicht in die Politik einmischen, sie soll die Menschen unterhalten, mehr nicht, so die unausgesprochene Devise in Russland.

Worum ging es? Der Kriegs-Heimkehrer Dany ist von seinen Irak-Erlebnissen noch völlig gefangen und kommt weder mit seiner Freundin noch mit seinem Bruder klar. Auch mit dem gebildeten, jungen Paar aus London, welches er in dem Hotel eines englischen Urlaubsortes kennen lernt, ist die Kommunikation schwierig. „Kommst Du mit aufs Zimmer?“, so die anzügliche Frage des Pärchens, welches das Leben in vollen Zügen genießen will. Dany ist für die Beiden ein echter Exot und sieht auch noch gut aus. Von seinen Kriegs-Erlebnissen wollen sie nichts wissen.

Traumatische Erinnerungen eines jungen Soldaten


Der Kriegs-Heimkehrer, gespielt von dem Dresdner Felix Tittel (25), reagiert auf die Einladung erstaunt. Doch aus der Fassung bringt ihn nichts mehr. „Zieh die verdammte Burka aus“, schreit er irgendwann in einem Anfall traumatischer Erinnerungen. Dann wird er wieder ruhig und erzählt in beiläufigem Ton, wie sich die Soldaten in ihrer Freizeit untereinander sexuell vergnügten oder sich die irakischen Frauen einfach genommen haben. Da habe es dann so perverse Spiele, mit Penetrationen, dem Einführen von Stöcken und dergleichen mehr gegeben.

Ob sie an Friedensdemonstration teilnehmen, will Dany von dem Pärchen wissen. Als die Frage bejaht wird, meint der ex-Soldat, dass er in so eine Demonstration gerne mal mit seinem Maschinengewehr reinhalten würde. Das Pärchen grinst verständnislos. Dany ist geschockt. „Für dieses Pack“ habe ich also gekämpft, schreit er fassungslos.

„Bei uns ist Theater nicht so konkret“

Die junge russische Theaterbesucherin Anja meinte im Gespräch mit Russland-Aktuell, „bei uns wird viel über den Krieg gesprochen, es werden viele Filme gezeigt. Aber es ist nie so konkret. Dass man die Frauen quält, und so...“

Die junge Ljuda, die selbst Choreographie studiert hat, meinte, das Stück sei für sie wie ein Schock gewesen. Auf ein Stück über den Krieg sei sie nicht vorbereitet gewesen. Trotzdem war sie begeistert: „Ich habe gesehen, dass es eine andere Theater-Schule ist, aber es ist eine gute Schule. Der Stil ist härter und offener.“

Die vier Studenten der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin spielten ihre Rollen mitreißend. Durch eine Audio-Übersetzung ins Russische konnten die meist jungen Zuhörer den vom Goethe-Institut finanzierten Gast-Auftritt per Kopfhörer mit verfolgen.

Anfängliches Unveständnis beim Moskauer Publikum

Bei der ersten Vorführung habe er schon gespürt, dass es im Publikum „ein Unverständnis“ gab, meinte Dany-Darsteller Tittel. „Man spürte, dass die Zuschauer mit dem Stück nichts anfangen konnten.“ Bei der zweiten Aufführung sei das schon anders gewesen.

Die Regisseurin des Stückes, Margarete Schuler, meinte, man merke schon, dass das Moskauer Theaterpublikum eigentlich andere Stücke gewohnt ist. Bei Diskussionen mit dem jungen Publikum sei ihr aufgefallen, dass die Jugendlichen immer betreten schwiegen, wenn einer von den Deutschen das Thema Tschetschenien-Krieg ansprach. Auch der Afghanistan-Krieg, der von einem der deutschen Schauspieler in der Publikums-Diskussion nach der Aufführung erwähnt wurde, wurde von den russischen Gästen höflich umschifft.


„So wird es schon seit 40 Jahren gemacht“


Die vier deutschen Schauspielstudenten haben bei ihrem Moskau-Aufenthalt auch bei russischen Kollegen reingeschnuppert. Das war „sehr traditionell“ meinte Felix Tittel. „Man konnte sich vorstellen, dass es so seit 30, 40 Jahren gemacht wird.“

Doch für die vier Studenten der Ernst-Busch-Hochschule war Moskau ein tolles Erlebnis und vielleicht ein Zwischenhoch vor einer großen Karriere. Alle vier haben schon Engagements an bekannten deutschsprachigen Bühnen für die Zeit nach dem Studium.

Tittel, der den britischen Soldaten überzeugend spielte, kennt das Soldatenleben nur aus Filmen: Er wurde aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert.


Seine Großtante spielte übrigens einst am Maxim-Gorki-Theater, berichtete der Nachwuchs-Schauspieler.

(Ulrich Heyden/.rufo)

Internetzeitung Russland-Aktuell

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