2. Oktober 2003

Die Hölle ist ein Kellerloch

Die Mutter Aischat* lebt ganz ohne männliche Hilfe. Wenn die Mittvierzigerin als Marktfrau in Grosnij Hosen und Hemden verkauft, führt ihre neunjährige Tochter den Haushalt in der Kellerwohnung. Ihr Sohn wurde wegen Terrorismus zu 19 Jahren Gefängnis verurteilt, ein Jahr später starb der Vater - aus Kummer.

„Sie haben ihn um halb fünf Uhr morgens mitgenommen", erzählt Aischat. Ende Januar letzten Jahres brachen Soldaten die Wohnungstür auf. „Alle haben es gesehen." Jetzt sitzt der 25-jährige ehemalige Fernstudent des Öl-Instituts von Grosnij im Gefängnis der südrussischen Stadt Krasnodar. Die Mutter ringt mit den kräftigen Händen. Tamirlan* sei ihr einziger Sohn. Während Aischat auf die russischen Soldaten flucht, verschränkt sie die Arme vor der Brust, so als ob sie bereit sei, sich notfalls auch selbst zu verteidigen.

Die 45-jährige Mutter sieht nicht gesund aus. Ihr Gesicht ist aufgequollen, ihre Wangen leuchten rot. Aischat leidet an Bluthochdruck. Die Frau mit dem langen schwarzen Rock, dem schwarzen Kopftuch und dem hellblauen Pullover redet ohne Unterbrechung, so laut, als ob wir an einer lauten Straße stehen. Dabei herrscht in der Kellerwohnung im Stadtzentrum von Grosnij Stille. In dem halb zerstörten Haus an der Majakowskaja-Straße wohnen kaum Menschen. Weil ihr Haus in einem Dorf im Krieg zerstört wurde, kaufte die Mutter von zwei Kindern 1995 für 2000 Dollar die Kellerwohnung. Die beiden Zimmer liegen zur Hälfte unter der Erde. Zwischen feuchten Wänden und von Ruß geschwärzten Fenster- und Türöffnungen wohnt sie jetzt mit ihrer neunjährigen Tochter Alpa*, dem 11-jährigen Neffen und der fast gleichaltrigen Schwester. Aischat erzählt ohne Unterbrechung und so aufgebracht, als ob alles erst gestern passiert sei. Ein Jahr nach der Verhaftung ihres Sohnes starb ihr 52-jähriger Mann an einem Schlaganfall. „Ständig starb jemand in der Familie. Mein Mann hat das einfach nicht verkraftet." Der Sohn wurde wegen Terrorismus, Mord und Waffenbesitz zu 19 Jahren Gefängnis verurteilt. Mitte Januar 2002 soll er auf dem „Prospekt des Sieges", 300 Meter vor der Kommandantur, ein Militärfahrzeug mit einem Granatwerfer beschossen haben. Ein Tschetschene wurde bei dem Anschlag getötet.

Knapp zwei Wochen nach dem Vorfall wurde der Sohn verhaftet. Man habe ihn mitgenommen, einfach weil er der Älteste im Hof war. Dessen ist sich die Mutter sicher. Ihr Sohn hatte ein Alibi, aber das habe niemanden interessiert. An dem Nachmittag, als das Fahrzeug beschossen wurde, war Tamirlan bei einer Prüfung in der Universität. Danach hat er bei einer Nachbarin, einer Russin, Videos geguckt.

Heute ist der ehemalige Student des Öl-Instituts einer von 248 Tschetschenen, die laut der jüngst veröffentlichten Liste des stellvertretenden russischen Staatsanwaltes Sergej Fridinskij in russischen Gefängnissen einsitzen. Nach Meinung von Alexander Tscherkasow, Kaukasus-Experte der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial, ist die offiziell angegebene Zahl inhaftierter Tschetschenen erschreckend niedrig. Der Großteil der Verhafteten sterbe an den Torturen vor Antritt der Haftstrafe, so die Meinung des Experten.

Den Attentatsvorwurf gegen ihren Sohn hält Aischat für konstruiert. Der Platz vor der Kommandantur sei doch völlig übersichtlich. „Die Föderalen sehen dort alles." Kein Tschetschene würde auf die Idee kommen, dort eine Granate abzufeuern. Wer die Granate abgeschossen hat, will ich wissen. Aischat zuckt mit den Schultern. In Grosnij komme es täglich zu irgendwelchen Explosionen.

Eine Woche lang wurde ihr Sohn auf der Militärkommandantur festgehalten. Dort habe er angeblich auch ein Geständnis abgelegt. Der Mutter habe man den Aufenthaltsort des Sohnes zunächst verschwiegen. In der Kommandantur habe sich Schreckliches ereignet. Ibragim*, ein Junge, der unmittelbar vor Tamirlan verhaftet wurde, sei in der Nachbarzelle umgebracht worden. Mitte Februar 2002 habe man ihn mit aufgeschnittener Kehle gefunden. Natascha Estemirowa, die Leiterin der Menschenrechtsorganisation Memorial in Grosnij, habe die Leiche fotografiert. Ihr Sohn habe den Vorfall in einem Schreiben an Staatsanwalt Tschernow bezeugt. Aischat meint, das „Geständnis" des Sohnes sei mit Schlägen und Elektroschocks erzwungen worden. Man drohe den tschetschenischen Jungen, dass man sie auf eine Mine setze und die Mutter die Leiche nicht finden werde. Die russische Seite handele nach dem Motto: „Wenn er es heute nicht gemacht hat, dann wird er es morgen machen."

Aischat lebt jetzt ganz ohne männliche Hilfe. So geht es Tausenden von tschetschenischen Frauen. Manche treibt die Verzweiflung in den Tod. Immer mehr Frauen begehen Selbstmordattentate. Schon dreimal brachten so genannte Schachidkas ihre Höllenmaschinen nach Moskau. In der russischen Hauptstadt will niemand ausschließen, dass es bis zu den tschetschenischen Präsidentschaftswahlen am 5. Oktober zu neuen Attentaten kommt.

In den Zeitungen der Hauptstadt ist die Rede von „zombierten" Mörderinnen. Angeblich werden Tschetscheninnen, die im Krieg Angehörige verloren haben, von islamistischen Extremisten mit Drogen und Gewalt gefügig gemacht. Konkrete Beweise für diese These gibt es nicht. Selbstmordattentate haben im Nordkaukasus auch keine Tradition. Eine andere Erklärung von Islam-Experten scheint glaubwürdiger. Danach können die Frauen in Tschetschenien ihre traditionelle Rolle als Mutter und Hausfrau nicht mehr wahrnehmen, weil viele Männer getötet oder verhaftet wurden oder sich einfach nur vor den „Säuberungsaktionen" verstecken.

Die Wissenschaftlerin Ljubow Gorjajewa meint, eine tschetschenische Jeanne d'Arc habe es nie gegeben. Bisher war die Schwäche der tschetschenischen Frau - ihre Rolle als Hüterin von Haus und Herd - der Grund, warum die Sippe sie materiell und moralisch unterstützte. Heute nutzten die extremistischen Werber die Schwäche, um Frauen als Waffe in den Kampf zu schicken.

Durch die Plastikplane, die anstelle einer Glasscheibe das Fenster verschließt, fällt nur wenig Licht in das Zimmer. An den Wänden quillt Schimmel durch eine alte Schicht weißer Farbe. Zahlreiche Regale sind mit Büchern voll gestopft. Überall stehen Bücherkisten. Was sie mit dem ganzen Gedruckten wolle, will ich wissen. Die Schwester sei Mathematikerin, habe an der Moskauer Universität unterrichtet und kaufe jetzt Bücher von älteren Russen auf, erklärt Aischat. Das sei eine Liebhaberei, kein Geschäft.

Während wir uns unterhalten, sitzt Tochter Alpa mit verträumten Gesicht auf dem Diwan, neben sich die Katze. Sie lässt die Perlen ihrer Gebetskette durch die Finger gleiten. Manchmal schüttelt sie ein trockener Husten. „Wir leiden hier alle unter Rheumatismus, auch die Kinder", meint Aischat. Wenn sich das Wetter ändert, brenne die Haut.

Alpa hat ein ernstes Gesicht. Sie trägt ein schwarzes Kopftuch mit gelben Punkten. Darunter gucken ihre hellbraunen Haare hervor. Um fünf Uhr morgens stehe sie mit ihrer Tochter zum gemeinsamen ersten Gebet auf, berichtet die Mutter. Die Tochter bete, dass Allah dem Vater seine Sünden vergebe. „Danach schlafen wir bis sieben Uhr." Alpa geht nicht zur Schule. „Meine Tochter ist die Hausfrau." Sie habe Angst, die Tochter auf die Straße zu lassen, wegen der ständigen Explosionen. Aischat arbeitet tagsüber auf dem zentralen Markt von Grosnij. Dort verkauft sie Hosen und Hemden, die man aus Moskau mitbringt. Abends bringt sie der Tochter den Unterrichtsstoff bei. So habe man schon das Programm von drei Schuljahren absolviert.

Ganz plötzlich bricht es wie ein Schrei aus Aischat heraus. „Es gibt so viele Waisen. Meine Schwester erzog drei Kinder. Meine Cousine hat fünf Kinder großgezogen. Eine Bombe fiel, und das ist nun übrig geblieben." Aischat zeigt auf die Tochter und den Neffen. Dann fährt sie mit ruhiger Stimme fort. „Aber wir sollen leben. Wir sollen nicht schwach sein. Wir haben schon so viel durchgestanden." Dann lacht sie plötzlich wieder, über das komische russische Wort Schaba, was auf Deutsch Angina heißt. „Die Schaba liegt mir auf dem Herzen, und die Feuchtigkeit treibt den Blutdruck hoch." Doch trotz allem Kummer hat Aischat noch Zuversicht. „Nachts wird das Haus zerstört. Morgens machen wir schon das Dach neu. So sind wir Tschetschenen."

* Namen geändert

veröffentlicht in: Rheinischer Merkur

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