11. Juni 2007

Die Hungerjahre vergisst sie nie

Besuch bei einer ehemaligen Zwangsarbeiterin in Moskau

"Halt´ sie unter fließend Wasser", ruft Jekaterina Petuschkowa, als Vivian die Weintrauben in einem Topf abwäscht. Die 83-jährige Jekaterina war "Usnik", Zwangsarbeiterin also im Frauen-KZ Ravensbrück in Brandenburg. Jetzt lehrt sie ihre 20-jährige Helferin aus Deutschland die russischen Sitten. Früchte muss man in Russland zuerst von den Bakterien befreien.

Wer weiß, wer sie alles schon in den Händen gehabt hat. Vivian schweigt und macht, was die alte Dame will.Die junge Berlinerin ist für ein Jahr nach Moskau gekommen, um im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres NS- und Gulag-Opfern im Haushalt zu helfen. Die Kritik in der Küche erträgt Vivian mit Seelenruhe. Sie schätzt die alte Frau, die 1942 als 18-Jährige aus dem ukrainischen Saparoschje zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurde und jetzt an Krebs leidet. Jekaterinas rechter Arm ist dick geschwollen. "Es sind die Lymphdrüsen", meint die alte Frau. "Mir tut der ganze Körper weh."

Jekaterina ist einer von vier alten Menschen, welche die junge Berlinerin mit den langen schwarzen Haaren und den aufmerksamen Augen betreut. Bei Jekaterina werde viel und häufig gegessen, meint Vivian. Zum Besuch hat Jekaterina selbst die Wohnung sauber gemacht und den Tisch gedeckt. "Ich habe Vivian frei gegeben." Ein Besuch ist etwas ganz Besonders. Man muss viel essen. Kaum ruht die Gabel, ruft die alte Dame, "kuschai, kuschai!" (iss, iss!).

Die Hungerjahre im KZ kann sie nicht vergessen. "Einmal am Tag gab es eine Brühe. Das war alles. Ich ging hungrig schlafen und wachte hungrig auf." Alles ist noch ziemlich präsent. Die deutschen Schimpfwörter "verflucht" und "Affen" kann sie ganz korrekt aussprechen. Die SS-Aufseherinnen hätten die Zwangsarbeiterinnen als "Affen" beschimpft, sie mit der Peitsche zum Appell getrieben und Hunde auf die Frauen gehetzt. Die vier Jahre in den Baracken haben die Frauen zusammengeschmiedet. Noch heute kann Jekaterina die Gesichter ihrer Mithäftlinge beschreiben, sie erinnert sich an Namen, ja sogar an einige Adressen der Mitgefangenen.

Trotzdem hegt sie keinen Hass auf die Deutschen. Das hat Vivian zu Anfang ihrer Arbeit irritiert. "Damals herrschte Faschismus", erklärt Jekaterina, so als ob damit alles gesagt sei. Als sie ein fragendes Gesicht sieht, fügt sie hinzu, "auch viele Deutsche sind gestorben."

Als sie im Mai 1945 von der Roten Armee befreit wurde, verliebte sie sich in den Soldaten Viktor aus Moskau. Sie heirateten und zogen in die Hauptstadt. Jekaterina arbeitete bei der Verwaltung der Eisenbahn. Die Arbeit bekam sie nur, weil sie verschwieg, dass sie Zwangsarbeiterin war. Zwangsarbeiter galten in der Stalin-Zeit als Verräter. 1993 starb Viktor. Seitdem wohnt Jekaterina alleine. Kinder hat sie nicht. Ein Kind wurde tot geboren. Die Einsamkeit macht ihr schwer zu schaffen. Auch das hat Vivian gewundert. "Ich dachte, in Russland gibt es keine Einsamkeit und die Leute leben zusammen, wie auf dem Land."

Dass Deutschland ehemalige Zwangsarbeiter entschädigt, hat die alte Frau zeitig erfahren. Jekaterina gehört einer Vereinigung ehemaliger Zwangsarbeiter an. Da ist man immer gut informiert. Die alte Dame bekam 3000 Euro in zwei Raten. "Das war eine große Freude", sagt sie. Wegen ihrer Krankheit braucht sie Medikamente.
Über ihre junge Helferin sagt die alte Frau nur Gutes. "Wenn ich mich schlecht fühle, sagt Vivian, ´bleiben sie ruhig sitzen, ich mache alles´. Sie ist ein gutes Mädchen." Vivian guckt kurz auf und lächelt. Während wir uns unterhalten, tippt sie eifrig ein paar SMS. Die Leidensgeschichte von Jekaterina kennt sie schon.

"Vielen ehemaligen Zwangsarbeitern wurde keine Entschädigung gezahlt", meint Jelisaweta Dshirikowa. Die energische Frau mit den lockigen Haaren hat im Norden von Moskau in Eigeninitiative die Sozialstation "Sostradanije" (Mitgefühl) aufgebaut. Für die Station arbeiten elf junge Deutsche, die in Moskau ein freiwilliges soziales Jahr ableisten. Zu der deutschen Gruppe gehört auch Vivian. Die deutschen Jugendlichen, die über Aktion Sühnezeichen und das Berliner Jugendaufbauwerk nach Moskau gekommen sind, betreuen jeweils bis zu fünf alte Menschen. Die jungen Leute leben zusammen in einer Groß-WG im Südosten Moskaus. Einsam ist man dort nicht. "Manchmal sind mir dort zu viel Leute", meint Vivian. Aber das junge Mädchen genießt es, das erste Mal für längere Zeit in der Fremde zu sein. Sie war schon in St. Petersburg und demnächst fährt sie mit den anderen Jugendlichen an den Baikal-See zum Zelten.

Mit den Deutschen laufe die Zusammenarbeit sehr gut, berichtet Sozialarbeiterin Jelisaweta. Die Sozialstation, welche heute 180 ehemalige Zwangsarbeiter und Gulag-Häftlinge betreut, wird seit drei Jahren vom deutschen Fond "Erinnerung und Zukunft" gefördert und bekommt auch in den nächsten Jahren noch Geld aus dem deutschen Fond. Viele ehemalige Zwangsarbeiter seien nicht informiert worden, dass es Entschädigungen aus Deutschland gibt, meint die Sozialarbeiterin. Das liege auch am Stadt-Land-Gefälle. "Viele Zwangsarbeiter wohnen in kleinen Dörfern am Rande der Stadt. Oft haben sie noch nicht mal einen Wasser- oder Gasanschluss, geschweige denn Radio oder Fernsehen." Die deutsche Stiftung habe da "keine Schuld". Für die Information der alten Menschen und die Auszahlung war die Moskauer Partnerorganisation, die Stiftung "Verständigung und Versöhnung" zuständig. Doch die habe schlecht informiert. Im Jahr 2001 machte der russische Fond Schlagzeilen. Prüfungen hatten ergeben, dass in den 90er Jahren 111 Millionen Mark aus Deutschland unterschlagen worden waren. Das Geld war für NS-Opfer bestimmt und ging bei mysteriösen Operationen von Banken verloren. Seitdem habe es aber keine Unregelmäßigkeiten mehr gegeben, erklärte Martin Salm, Vorstandsmitglied der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" gegenüber dieser Zeitung. In den letzten sieben Jahren sei alles korrekt gelaufen. Dafür sorgten auch die Kontrollen, die das international anerkannte Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG vor Ort in Moskau durchführte, so Salm. In seinen Augen ist die Entschädigung gelungen.

"Südkurier"

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