6. Dezember 2020

Ein sehr unterschiedliches Gedenken an die Kriegsverbrecher-Prozesse in Nürnberg 1945 (Nachdenkseiten)

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Foto: chrisdorney/shutterstock.com
Ein Interview mit Artur Leier, einem Teilnehmer der wissenschaftlichen Moskauer Konferenz anlässlich des 75. Jahrestages des Prozesses gegen Nazi-Kriegsverbrecher in Nürnberg. Das Gespräch führte Ulrich Heyden, Moskau.

Vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 dauerten die Nürnberger Prozesse gegen 24 führende Vertreter von Nazi-Deutschland. Aus Anlass des Prozess-Jubiläums fand in Moskau am 20. und 21. November im „Museum des Sieges“ auf dem Verneigungshügel eine wissenschaftliche Konferenz unter dem Titel „Lehren aus Nürnberg“ statt (Video). Zu der Konferenz – auf der 200 Personen mit Redebeiträgen auftraten – waren auch Gäste aus Deutschland eingeladen.

Während Frank-Walter Steinmeier und Heiko Maas in ihren in Deutschland gehaltenen Reden vor und zum Jahrestag vor allem hervorhoben, es sei das erste Mal gewesen, dass ein internationales Gericht konkrete Politiker und Staatsführer für Verbrechen verurteilte, ging es auf der Moskauer Konferenz vor allem darum, die Einmaligkeit der Nazi-Verbrechen zu betonen und die Gleichstellung von Hitler und Stalin zurückzuweisen.

Der Leiter der russischen Auslandsaufklärung, Sergej Naryschkin, erklärte, das Tribunal in Nürnberg sei eine außerordentliche Maßnahme in einer „unikalen historischen Situation“ gewesen. Es sei falsch, derartige Tribunale „in anderen Situationen“ durchzuführen. Dadurch würden „die internationalen Gerichtsinstitutionen in Instrumente des politischen Drucks und sogar der politischen Gewalt gegen Unbequeme umgewandelt“, wie das im Fall des Jugoslawien-Tribunals der Fall gewesen sei.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow erklärte, einige Staaten Europas würden zeigen, dass ihre Immunität gegen „die braune Pest – den Nazismus“ gesunken sei. Russland werde weiter „gegen die Verherrlichung nazistischer Verbrecher und ihrer Helfer“ auftreten.

Der russische Generalstaatsanwalt Igor Krasnow schlug vor, den Begriff des Genozids an den Völkern der Sowjetunion in die russische Gesetzgebung aufzunehmen. Die gezielte Vernichtung der sowjetischen Zivilbevölkerung sei in den Dokumenten des Nürnberger Tribunals festgehalten worden. Nach neuesten Berechnungen wurden von den angreifenden Truppen im Zweiten Weltkrieg 18 Millionen sowjetische Zivilisten umgebracht.

Ulrich Heyden interviewte Artur Leier aus Hamburg. Leier war zu der Konferenz eingeladen. Er ist Mitglied der Partei Die Linke und engagiert sich für die Verständigung mit Russland.

Können Sie kurz beschreiben, was das für eine Konferenz war, die Sie in Moskau besucht haben?

Der Titel der Veranstaltung lautete „Internationale wissenschaftlich-praktische Konferenz „Lehren aus Nürnberg“ “. Nach meiner Einschätzung war diese Konferenz vor allem eine Reaktion auf die zunehmende Geschichtsverfälschung durch den Westen und seine Wadenbeißer-Kolonien in Osteuropa. Natürlich betreibt der Westen dies schon seit dem Kalten Krieg und nutzt dafür pseudowissenschaftliche Instrumente wie die Totalitarismus-Theorie. Doch die polnisch-litauische Resolution, die am 19. September 2019 im EU-Parlament verabschiedet wurde, beinhaltet eben diese Totalitarismus-Theorie und macht die Sowjetunion für den Kriegsausbruch verantwortlich. Das war für die russische Seite wohl eine neue Eskalationsstufe.

Scheinbar haben einige in Russland endlich verstanden, dass die historische Wahrheit verteidigt werden muss, und auch, dass Verteidigung alleine nicht ausreicht und eine Offensive notwendig ist. Die internen Planungen kenne ich nicht, aber aus den zentralen Reden und meiner Kenntnis über die politische Situation in Russland habe ich den Eindruck gewonnen, dass dies lediglich der Start für eine Großoffensive zur Wahrung der historischen Wahrheit ist. Dafür sprechen die namhaften Unterstützer und Mitorganisatoren, Fonds der Präsidenten-Stipendien, Bildungsministerium, Kriegshistorische Gesellschaft, Föderale Agentur für internationale Zusammenarbeit, Nachrichtenagentur RIA Novosti. Dafür spricht auch, dass in einigen Reden vorgeschlagen wurde, dieses internationale Forum regelmäßig und in verschiedenen Ländern durchzuführen.

Es war auf jeden Fall gut, dass sich nicht nur darauf beschränkt wurde, die Resultate der Nürnberger Prozesse zu wiederholen, wie man beim Namen des Forums hätte vermuten können. Dies ist natürlich wichtig und es gab interessante historische Fakten dazu. In Nürnberg wurde das erste Mal Film-Material als wichtiges Beweismittel eingesetzt. Das trug entscheidend zur Außenwahrnehmung der Prozesse bei.

Der Sohn des sowjetischen Chefanklägers Sergej Rudenko erzählte Interessantes von den Erinnerungen seines Vaters. Bisher unbekannt war für mich die Geheimoperation zum Transport von Generalfeldmarschall Friedrich Paulus zur Zeugenaussage nach Nürnberg. Damals wurde auf Grundlage der Hitler-Propaganda noch immer von vielen angenommen, dass Paulus gefallen sei und seine Gefangennahme nur sowjetische Propaganda. Sein plötzliches Auftauchen als Zeuge war einer der Höhepunkte des Prozesses.

Warum war es eine Geheimoperation?

Der Sohn von Rudenko erzählte, dass die Anwälte der Beschuldigten versuchten, einige sowjetische Anklagen zu Kriegsverbrechen auf dem Territorium der UdSSR als haltlos darzustellen. Deshalb hat die sowjetische Seite entschieden, Paulus in einer Geheimaktion als Zeugen in Nürnberg einzusetzen. Geheim deshalb, weil es einen Überraschungseffekt haben sollte, der die Verteidigung der Angeklagten völlig unvorbereitet trifft.

Wichtig war für mich auf der Konferenz in Moskau auch, dass Fakten genannt wurden, die sonst völlig verschwiegen werden. Nämlich die Zusammenarbeit westlicher Firmen mit Hitler-Deutschland bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein und die Deckung beziehungsweise offene Nutzung von Nazi-Kriegsverbrechern nach dem Krieg.

Ebenfalls wichtig waren die Podiumsdiskussionen am zweiten Tag. Da wurde beschrieben und analysiert, wie konkret die Geschichtsverfälschung im Westen durchgeführt wird, gerade auch über das Bildungssystem und die Medien. Außerdem wird es im Westen unterstützt, wenn Erinnerungskultur in Osteuropa, zum Beispiel durch den Abbau von sowjetischen Denkmälern, zerstört wird.

Was war für Sie auf der Konferenz der wichtigste und der eindrucksvollste Beitrag?

Ich will zwei Beiträge hervorheben, die gut beschreiben, was ich ansprach, und inhaltlich die Art Offensive darstellen, welche die russische Seite in ihrer Geschichtspolitik betreiben sollte.

Der Sohn des sowjetischen Chefanklägers Sergej Rudenko wies darauf hin, dass gerade der Westen, allen voran die USA und England, sich mit Vorwürfen gegenüber der UdSSR zurückhalten sollten. Er benannte die profitable Zusammenarbeit von Firmen wie Standard Oil, IBM und General Motors mit Hitler, bis weit in den Krieg hinein.

Ein anderer wichtiger Aspekt war die Appeasement-Politik Chamberlains gegenüber Hitler, die dazu führte, dass die Sowjetunion ganz Europa mitsamt seinen Produktionskapazitäten gegen sich hatte. Das tschechische Unternehmen Škoda war damals einer der größten Waffenproduzenten und auch Fahrzeuge des französischen Unternehmens Renault wurden gegen die Sowjetunion eingesetzt.

Der Militär-Generalstaatsanwalt aus Italien, Marco De Paolis, sprach zu den jahrzehntelangen Bemühungen, Kriegsverbrecher zur Verantwortung zu ziehen. In seiner Rede wurde deutlich, dass nicht jeder ein Interesse daran hatte und einiges einfach in Archiven verschwand. Das ist nicht verwunderlich, da bekannt ist, dass viele Kriegsverbrecher im Westen weiterbeschäftigt und im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion eingesetzt wurden. Die bekannten Beispiele wie Wernher von Braun bei der NASA sind nur die Spitze des Eisbergs. Auch Deutschland, dessen Politiker und Massenmedien aktuell besonders aktiv antirussische Kampagnen führen, beschäftigte viele überzeugte Nazis nahtlos weiter, sei es als Richter, in der Wirtschaft oder direkt in der Politik. Ein anschauliches Beispiel ist Hitlers Generalstabschef Adolf Heusinger, der Generalinspekteur der Bundeswehr wurde und später sogar Vorsitzender des NATO-Militärausschusses.

Welche Gäste aus Deutschland waren auf der Konferenz vertreten?

Als Redner zu den Podiumsdiskussionen waren im Programm der Konferenz angekündigt: Thomas Kunze als Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung für Russland, Sandra Dahlke, Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Moskau, Kristiane Janecke, stellvertretende Direktorin des militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden und Jörg Morre, Direktor des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst.

Traten diese Gäste auch auf?

Ich habe nur gesehen, dass die Vertreter aus Deutschland im finalen Programm aufgeführt waren. Wegen der vielen zeitlichen Überschneidungen habe ich diese konkreten Veranstaltungen nicht besucht und kann es deshalb nicht sicher sagen.

Ein interessanter Redner aus Deutschland war für mich Thomas Röper. Herr Röper lebt jetzt in St. Petersburg und betreibt von dort eine medienkritische Seite (www.anti-spiegel.ru), welche über die Propaganda der deutschen Massenmedien aufklärt, aber auch Einblicke in die russische Medienlandschaft gibt. Er erzählte darüber, wie das Bildungssystem in der Bundesrepublik zur Verzerrung historischer Fakten über den Zweiten Weltkrieg beiträgt und welche Rolle die Medien dabei spielen.

Während der Fragerunde erwähnte ich, dass die deutsche Presse zum 75. Jahrestag besonders schamlose Lügen verbreitete und teilweise Kriegshetze betrieb. Gerade beim neokonservativen Blatt “Die Welt” war der Tenor einiger Artikel: Der Russe hatte nur Glück, beim nächsten Mal klappt es.

Welchen Artikel aus der Tageszeitung „Die Welt“ haben sie konkret erwähnt?

Ganz konkret hatte ich einen Artikel der Welt von 2018 zur Schlacht von Kursk erwähnt und Thomas Röper wusste sofort, was ich meinte. Er nickte energisch. Auf meine Frage, ob die deutschen Massenmedien federführend zur Geschichtsverfälschung über den Zweiten Weltkrieg beitragen, hatte Röper eine klare Antwort.

Die meisten Artikel im Medien-Mainstream zum 75. Jahrestag des Kriegsendes hatten im Kern folgende Aussage: Stalin gleich Hitler, Sowjetunion gleich Nazi-Deutschland, “von einer Diktatur in die nächste” und “Putin instrumentalisiert Gedenken”. Herausragend war in dieser Hinsicht ein Artikel in der taz.

Natürlich braucht es für die Zukunft eine stärkere deutsche Beteiligung an solchen Konferenzen wie in Moskau, denn ein zentraler Aspekt der Geschichtspolitik in Deutschland und Russland muss die gemeinsame Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und das gemeinsame Gedenken seiner Opfer sein. Die wichtigste Lehre daraus muss immer wieder verinnerlicht werden: Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg zwischen Deutschland und Russland.


Das Interview führte Ulrich Heyden per E-Mail am 29. November 2020.

Ulrich Heyden veröffentlichte in diesem Jahr das Buch „Wer hat uns 1945 befreit. Interviews mit Kriegsveteranen und Analysen zu Geschichtsfälschung und neuer Kriegsgefahr“, Verlag tredition, Hamburg

veröffentlicht in: Nachdenkseiten 

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