27. Mai 2010

Frank Castorf peppt Tschechow mit Heiner Müller auf

Der Berliner Star-Regisseur hatte die Ehre, das Moskauer Tschechow-Festival zu eröffnen. Seine Text-Kombination war provokativ. Die Schauspieler gaben ihr Bestes, doch viele Zuschauer gingen schon in der Pause.

Das Leben ist ein ewiger und harter Kampf. Daran hat sich seit den Zeiten von Schriftsteller Anton Tschechow (1860-1904) in Russland wenig geändert. Frank Castorf, der Leiter der Berliner Volksbühne, führt es den Moskauern in einer für russische Verhältnisse ungewöhnlich drastischen Art vor.

Innige Küsse unter Männern

In dem Stück verbindet der 58jährige Regisseur die beiden Tschechow-Werke „Drei Schwestern“ und „Die Bauern“. Das dabei entstandene vierstündige Opus „Nach Moskau! Nach Moskau!“ verlangt dem russischen Publikum Einiges ab. Es wird viel geschrieen, Wasser spritzt, Faustschläge fliegen, Männer küssen sich innig.
Die Zuschauer werden mit knallharten Zitaten anderer Autoren überrascht. So etwa als eine der drei Schwestern erklärt, Russland sei das eigentliche Gottesträger-Volk und stehe somit über anderen Völkern (Dostojewski). Oder wenn einer der jungen Bauern schreit, Marx und Engels hätten das Lumpenproletariat von der revolutionären Bewegung ausgeschlossen. Und das sei die Grundlage für die stalinistische Perversion gewesen (Heiner Müller). Zuviel der Nadelstiche und schwer verständlichen Andeutungen. In der Pause verließen viele Zuschauer den Saal.

Kritiker-Meinung: „Zu grob, zu einfach“

Der Stoff des russischen Dramatikers erwies sich als provozierend aktuell. Da sind die wohlhabenden jungen Frauen, die sich nach Sinn und Liebe sehnen, Offiziere, die nicht wissen, wohin die Nation eigentlich steuert. Da ist eine eigennützige Beamtenschaft, und da sind die armen Frauen vom Land, die sich in Moskau nur mit Prostitution über Wasser halten können. Castorf spitzt alles aufs Unerträgliche zu.

Das sei einfach zuviel gewesen, meinte Jelena Grujewa gegenüber Russland-Aktuell. Der Theater-Kritikerin des Moskauer Magazins „Time out“ hat die Inszenierung nicht gefallen. „Zu lang, zu grob und vereinfacht“.

Auf der anderen Seite lobte die Kritikerin das Handwerkliche von Castorf und seinen Schauspielern. Auch deshalb habe das neue deutsche Theater in Moskau eine feste Anhängerschaft. Festival-Direktor Waleri Schadrin gab sich gütig. Bei einer Ansprache am Kalten Büfett erklärte der Festival-Chef mit einem Augenzwinkern, die Inszenierung sei zwar zu lang gewesen, aber „aufregend“ und „mit einem interessanten Blick“.

Verzweifelter Kampf um den Samowar

Castorf hatte in Interviews vorgewarnt, er wolle nicht die lyrische, sondern die andere Seite des russischen Dramatikers zeigen. Das zumindest ist ihm gelungen. Im Zentrum des Schauspiels steht der Tschechow-Text. Meist wird er sehr laut gesprochen, meist fast geschrieen, so dass die Stimmkraft einiger Schauspieler zum Schluss dann doch ziemlich zur Neige geht. Unwillkürlich wünscht man den Schauspielern ein heißes Glas Milch mit Honig.

Das Bühnenbild bleibt vier Stunden lang unverändert. Auf einer hölzernen Veranda, ein paar Meter über der Bühne, sehnen sich die drei Schwestern einer Generalsfamilie, aus der Provinzstadt nach Moskau überzusiedeln. Ihre Schreie hallen über eine Hütte aus Latten, in der eine arme Bauernfamilie auf engstem Raum lebt. Dort schlägt man sich, säuft und weiß nicht, wie man den nächsten Tag bewältigen soll. Um das Unglück vollkommen zu machen, erscheint auch noch ein Beamter der Ortsverwaltung. Er pfändet den letzten Samowar und das Transistorradio der bitterarmen Familie.

Der Vater, ein wüster Patriarch und Trinker, wirft sich vor dem Pfänder zu Boden und bettelt, „nicht den Samowar“. „Drei Rubel“, versucht der Beamte zu feilschen. Doch der Bauer hat noch nicht mal drei Rubel. Erst die Oma, die einen Herzanfall simuliert, erreicht dass der Beamte den Samowar wieder rausrückt.

Russlands Vergangenheit ist heute

Als es im Dorf brennt, steigert sich die Hilflosigkeit der Bauern-Familie ins Unermessliche. Auf dem riesigen Video-Bildschirm, auf dem die Zuschauer im Theater Mossowjet das Stück in kyrillischen Großbuchstaben mitlesen konnten, erscheinen unvermittelt die zentralen russischen Fernsehnachrichten mit einem Bericht über einen Brand in der russischen Provinz.

Das anfängliche Lachen der Zuschauer über dieses unvermittelte Zitat aus der russischen Gegenwart erstirbt schnell. Die Verknüpfung mit dem Heute ist doch zu drastisch, als dass man ausgiebig lachen könnte.

Nur die arme Olga wagt zu fliehen

Sowohl die Bauernfamilie als auch die drei Schwestern aus der Generalsfamilie scheinen ihrem Schicksal hilflos ausgeliefert. Nur Olga, die junge Frau aus der Bauern-Hütte, durchbricht den Bann des ewigen Wartens auf ein besseres Leben. Sie fasst ihre Tochter Sascha bei der Hand und nimmt Reißaus, Richtung Moskau.

Doch dort ist das Leben nicht weniger brutal. Olga verliert ihren Job in einem Hotel am Kreml. Ihre Schwester Klawdia schlägt sich in der Hauptstadt als Prostituierte durch und schließlich arbeitet auch Tochter Sascha für die männliche Kundschaft.

Leiden für ein besseres Leben, irgendwann

Wird es Jemals ein besseres Leben geben? Über diese Frage philosophieren die in die Provinz abkommandierten Offiziere, die um die Herzen der drei Schwestern werben. Einer der Offiziere meint, man leide heute, für ein besseres Leben irgendwann, vielleicht in ein paar hundert Jahren. Irgendwann erklimmt einer der jungen Bauern die hoch gelegene Holzveranda und schreit, ein besseres Leben werde es niemals geben, auch nicht in tausend Jahren.

Weitere Aufführungen in Wien und Berlin

Das 9. Moskauer Tschechow-Festival läuft noch bis zum 30. Mai. Regisseure aus zwölf Ländern zeigen Interpretationen des russischen Dramatikers. Das vom Goethe-Institut gesponserte Stück „Nach Moskau! Nach Moskau!“ wird im Theater Mossowjet heute zum vorläufig letzten Mal gezeigt.

Am 10. Juni ist die Castorf-Inszenierung dann in Wien zu sehen und im September in der Berliner Volksbühne.

(Ulrich Heyden/Moskau/.rufo)

Internetzeitung Russland-Aktuell

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