23. Januar 2012

„Geschlossenen Kreis eines Armuts-Ghettos gibt es bisher nicht“

whoiswhopersona.info
Foto: whoiswhopersona.info

Ländliche Selbstversorgung, Nachbarschaftshilfe und sozial gemischte Wohnbezirke federn die Folgen der Finanzkrise in Russland ab. Das sagt Daniil Aleksandrow, Professor an der St. Petersburger Höheren Schule für Ökonomie. Der 54-Jährige Wissenschaftler gehört zu den führenden Armuts-Forschern in Russland.

Angeblich leben in Russland 40 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Man sieht aber keine Slums und es gibt auch keine Aufstände wie in Afrika. Wie ist das zu erklären?

Die staatlichen Kriterien für die Armut sind für konkrete Situationen nicht sehr tragfähig. Die 40 Prozent, welche unterhalb der Armutsgrenze leben, haben sehr wenig Ressourcen, aber das ist nicht die Armut, die man in großen Städten des Westens und des Südens sieht, etwa in Nairobi.

Dort breitet sich Armut auf ganze Bezirke aus. Bei uns sind es nur einzelne arme Häuser unter einer großen Masse Bessergestellter. Die Kinder der Häuser, in den Arme wohnen, gehen in die gleiche Schule, wie die Kinder aus den besser gestellten Häusern.

Wie viele Menschen sind in Russland wirklich arm?

Das sind nicht mehr als zehn Prozent. Sie leben meist in den ehemaligen Arbeiter-Wohnheimen von Fabriken, die ihre Tätigkeit eingestellt haben.

Das heißt in Russland gibt es noch nicht diesen Teufelskreis, wo die Armen nicht mehr aus ihrem Bezirk herauskommen?

Den geschlossenen Kreis eines Armuts-Ghettos gibt es bei uns bisher nicht. Wenn die Armen aus den Wohnheimen ausziehen, ziehen dort Immigranten ein. Deren Kinder gehen auch auf die Schule, wo die Bessergestellten ihre Kinder hinschicken. In St. Petersburg, Moskau und anderen Städten, gibt es heute keine ethnischen und keine Armuts-Bezirke. Schon zu Sowjetzeiten lebten Reiche und Arme zusammen.

In der Sowjetunion gab es Reichtum?

Reichtum ist natürlich ein verhältnismäßiger Begriff. In dem Haus, in dem ich meine Kindheit verbrachte, lebte die Familie eines berühmten Arztes. Sie hatten den ersten Volvo, den ich in meinem Leben gesehen habe. Ihre ganze Wohnung war voller Gemälde und Antiquitäten. Das war eine alte Arzt-Familie, die auch nichtoffiziell Geld verdient hat. Aber es gab in dem Haus auch „Kommunalkas“ (Gemeinschaftswohnungen) für zehn Familien. Das waren sehr arme Leute, die gerade genug Geld hatten, um sich ihr tägliches Essen zu kaufen.

Welche Rolle spielt die Selbstversorgung über eigene Gärten?

In den kleinen Orten mit weniger als 5000 Einwohnern leben alle mit Hilfe der Selbstversorgung. Alle haben ihre eigene kleine Wirtschaft, ihre Gärten, ihre Kartoffeln. Sie ernähren sich nicht nur mit Selbstgezogenem, sie handeln auch mit Gemüse und Blumen. Die Leute dort arbeiten sehr viel. Sie machen Reparaturen, geben Nachhilfe. Das Geld geht von Hand zu Hand. Da zahlt keiner Steuern. Besonders deutlich zeigt sich das im Sommer, wenn die Städter zu Erholung kommen. Die Dörfler helfen den Städtern ihre Häuser in Ordnung zu halten und verkaufen ihnen Obst und Gemüse.

Sind die Kinder armer Familien verloren?

Wir haben da so einen typischen Fall in einem kleinen Ort, drei Stunden mit dem Auto von St. Petersburg entfernt. Da ist eine Frau mit zwei Kindern. Die sind zehn und zwölf Jahre alt. Der Ehemann hat die Frau verlassen. Die Frau lebte mit den Verwandten zusammen. Die klauten Lebensmittel von den Kindern und die Kinder hungerten. Die Situation war so schlimm, dass man die Kinder für ein halbes Jahr in eine Sozial-Herberge gegeben hat. Die Sozial-Herberge hat sich dann dafür eingesetzt, dass die Frau eine eigene Wohnung bekam. Jetzt wohnt die Frau alleine mit ihren Kindern, ohne die Verwandten. Sie arbeitet sehr viel und kann ihre Kinder jetzt ernähren. Die Nachbarn kümmern sich auch um die Kinder. Außerdem haben die Nachbarn der Frau für wenig Geld einen Kühlschrank und einen Herd besorgt. Die Wohnung ist furchtbar, aber die Frau ist sehr stolz, dass sie nun eine eigene Wohnung hat. Solche guten Entwicklungen gibt es nur, weil die Armen und nicht Erfolgreichen in der Nähe von Erfolgreichen wohnen.

Sie setzen auf die Selbsthilfe der Betroffenen?

Als die Finanzkrise begann, haben mich die Journalisten gefragt, was man machen kann. Ich habe gesagt, man soll in den Parks mehr Bänke aufstellen, damit mehr Leute Schachspielen können. Das ist billig und das hilft. Die Menschen sind nicht alleine und nicht depressiv. Die Journalisten haben gesagt, das sei Quatsch. Aber ich meine es ernst. Wenn jeder sich in seiner Wohnung versteckt, wird man nichts erreichen.

Warum hat man Sie nicht ernst genommen?

Bei uns denken die Leute nur an Investitionen und großes Geld. Es hat sich eine kapitalistische Mentalität entwickelt.

veröffentlicht in: Südkurier

Armes Russland

Offizielle Statistiken und Meinungsumfragen unabhängiger Institute zeichnen ein besorgniserregendes Bild. Danach hat die Armut wegen Inflation und Arbeitslosigkeit zugenommen.

Es verfestigt sich eine Unterschicht von etwa sieben Prozent der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung

16,1 Prozent der Russen leben unterhalb des Existenzminimums (150 Euro monatlich)

Arme Familien erhalten pro Kind ab dem Alter von 18 Monaten eine Sozial-Unterstützung von sechs Prozent des Existenzminimums

Der Mindestlohn beträgt in Russland 103 Euro monatlich

Das russische Durchschnittseinkommen liegt bei 539 Euro monatlichDas Durchschnittsgehalt der föderalen Beamten liegt bei 1276 Euro monatlich

Durchschnittsgehalt eines Beamten im Rüstungsbereich (Rosoboronpostawka): 2230 Euro monatlich

Inflationsrate 7 Prozent, Preissteigerung bei Lebensmitteln 15 Prozent

1,6 Millionen Russen leben in Häusern, die nicht den Sicherheitsbestimmungen entsprechen.

Für 53 Prozent der Russen reicht das Geld nur für Essen und Kleidung.
Die Anschaffung eines Fernsehers oder Kühlschrank ist ein Problem. (Umfrage Lewada-Meinungsforschungs-Instituts)

Das Vermögen der Millionäre und Milliardäre in Russland wird bis 2020 von 790 auf 2700 Milliarden Dollar steigen (Prognose der Unternehmensberatung Deloitte).

Russlands hat den 66. Platz auf der UNO-Rangskala „Entwicklung des menschlichen Potenzials“. Die Rangskala misst die Lebenserwartung, das Ausbildungsniveau und das Bruttoinlandsprodukt. (uh)

veröffentlicht in: Südkurier

Teilen in sozialen Netzwerken
Im Brennpunkt
Video