20. Juni 2011

„Hitler wurde von Stalin und im Westen unterschätzt“

Am 22. Juni 1941 überfiel Hitler die Sowjetunion. Der russische Historiker Sergej Kudrjaschow analysiert, warum die Wehrmacht bis vor Moskau kam.

Der russische Historiker Sergej Kudrjaschow ist Experte für den Zweiten Weltkrieg, der in Russland „Großer Vaterländischer Krieg“ heißt. Seit 1993 veröffentlicht Kudrjaschow Dokumente aus russischen Geheimarchiven in Zeitschriften und Sammelbänden. Der Historiker ist Mitarbeiter des seit fünf Jahren in Moskau ansässigen Deutschen Historischen Instituts, das vom deutschen Forschungsministerium finanziert wird.

Am 22. Juni 1941 überfiel die Wehrmacht die Sowjetunion. Warum hatte Stalin alle Warnungen seiner Geheimdienstler in den Wind geschlagen?

Stalin sah sich als Marxist und Theoretiker und war der Meinung, er könne die weitere Entwicklung logisch voraussehen, wie ein Schachspieler. Er verstand, dass Hitler und die Faschisten seine Opponenten waren, obwohl er von Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem nazistischen Deutschland sprach. Im engeren Kreis sprach Stalin davon, dass es einen Krieg geben wird.

Gibt es darüber Dokumente?

Es gibt die Memoiren von Mikojan und dem Heerführer Georgi Schukow. Stalin dachte, dass der Krieg 1942/43 beginnt und die Rote Armee bis dahin gut vorbereitet ist.

Trotzdem erstaunt, dass Stalin alle Warnungen in den Wind schlug.

Es gab mehrere Ereignisse, die Stalin völlig desorientierten. Er bekam Informationen vom sowjetischen Geheimdienst und von der Komintern, dass die Deutschen einen Krieg vorbereiten. Sogar sein Opponent Churchill warnte ihn, weil die Deutschen ihre Truppen im besetzten Polen konzentrierten. Doch der deutsche Geheimdienst ließ über seine Diplomaten das Gerücht verbreiten, in Polen würden die deutschen Truppen auf einen Angriff gegen England gesammelt.

Stalin wurde auch dadurch verwirrt, dass der deutsche Botschafter in Moskau, Friedrich Schulenburg, einen Briefwechsel mit Hitler in Gang zu bringen versuchte. Der deutsche Botschafter ahnte, dass der Krieg für Deutschland nichts Gutes bringen würde. Er glaubte, es gäbe eine Möglichkeit den Krieg zu verhindern. Berlin wies Schulenburg dann aber an, die Initiative zu stoppen. Stalin war über diesen plötzlichen Kurswechsel erstaunt. Im Mai 1941 flog dann Rudolf Hess nach England.

Wie reagierte Stalin?

Stalin rätselte, ob Deutschland sich nun mit England gegen die Sowjetunion verbündet. Am 14. Juni ließ Stalin über die Nachrichtenagentur Tass eine Erklärung veröffentlichen, die besagte, dass zwischen Russland und Deutschland alles in Ordnung ist. Stalin war nicht in der Lage, den ganzen Berg an Informationen zu analysieren. Der deutsche Botschafter Schulenburg verhandelte in dieser Zeit über Transportkosten für die Lieferung von Waren aus dem Fernen Osten nach Europa. Das passte auch nicht zu den Warnungen vor den deutschen Kriegsvorbereitungen, die Stalin zugetragen wurden. Vor dem Krieg entschied Stalin alles selbst. Einen analytischen Stab gab es damals noch nicht. Und der deutsche Geheimdienst leistete mit seiner Verwirrungstaktik ganze Arbeit.

Wie reagierte die Bevölkerung in der Sowjetunion auf den deutschen Angriff? Waren die Menschen nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 nicht ganz auf die ewige Freundschaft mit Deutschland eingestimmt?

Der Krieg war für die Menschen ein Schock. Aber die Sowjetunion lebte schon seit dem Bürgerkrieg in den 20er-Jahren in ständiger Kriegserwartung. Die Militarisierung des Landes war sehr groß. Es gab ja schon den Krieg gegen Finnland.

Trotzdem gelang es Stalin dann, Hitlers Truppen vor Moskau zu stoppen. Warum eigentlich?

Die Deutschen erwarteten nicht, dass es der Sowjetunion so schnell gelingen würde, neue Soldaten einzuziehen. Das Erstaunliche war, dass Hitlers Plan Barbarossa faktisch erfüllt wurde. Die sowjetische Armee hatte 1941 fünfeinhalb Millionen Soldaten. Doch Ende 1941 gab es sieben Millionen gefangene und gefallene Rotarmisten. Als die Deutschen vor Moskau standen, kämpften sie faktisch schon gegen eine neue sowjetische Armee. Es gab in jedem Bezirk der Sowjetunion Einberufungsämter, die sehr gut arbeiteten.

Warum kämpften die sowjetischen Soldaten gegen die Hitler-Wehrmacht, obwohl ihre Familien unter Stalins Repression zu leiden hatten?

Bei allen Fehlern des Stalin-Regimes war die Gesellschaft nach dem internationalistischen Prinzip aufgebaut. Die bösen Sachen machte man im Geheimen. Die offizielle Propaganda dagegen appellierte an die edelsten Ziele der Menschheit, Freundschaft, Brüderlichkeit, alle Nationalitäten sind gleich und so weiter. Es wurde eine Aura geschaffen, dass es keinen Hass gegen Juden gab. Hitler aber dachte, wenn man die Sowjetunion angreift, würden sich die Menschen dort gegen die Juden erheben und die Politkommissare töten.

In der West-Ukraine gab es teilweise eine Verbrüderung mit den deutschen Truppen.

Im Verhältnis zur Gesamtfront war das aber nur ein kleiner Abschnitt.

Was haben Ihnen Ihre eigenen Angehörigen vom Krieg erzählt?

Der Vater meiner Frau war damals 15 Jahre alt und noch nicht einberufen. Er lebte im besetzten Gebiet. Für ihn waren die Deutschen Feinde. Die paradoxe Situation war, dass er die erste Schokolade in seinem Leben von einem deutschen Offizier geschenkt bekam, der in seinem Haus wohnte. Es gab also verschiedene Deutsche.

Wie reagierte die sowjetische Propaganda auf die Erfolge der Hitler-Wehrmacht in den ersten Kriegsmonaten?

In seiner Ansprache an die Bevölkerung im Juli 1941 nannte Stalin objektive Gründe. Hitler habe lange Zeit gehabt, sich vorzubereiten, er habe den Nichtangriffsvertrag verletzt und ohne Vorankündigung angegriffen. Hitler habe das ökonomische Potenzial der besetzen Länder ausgenutzt. Nur die eigenen Fehler sprach Stalin nicht an. Die Rote Armee war nicht auf einen Gegenangriff vorbereitet.

Gab es Truppenteile, die zu den Deutschen überliefen?

Es gab keine Regimenter oder gar Divisionen, wie behauptet wurde, die zu den Deutschen übergelaufen sind. Der sowjetische General Wlassow wurde erst 1942 festgenommen. Bis dahin hatten die Russen keinen Wlassow. Die Deutschen suchten lange einen russischen General, den man an die Spitze russischer Truppen stellen konnte.

Warum war Hitler so erfolgreich, warum konnte man ihn nicht früher stoppen?

Hitler wurde sowohl von den Westmächten als auch von Stalin unterschätzt. England, Frankreich und teilweise auch die USA hatten ein Schuldgefühl, wegen des Vertrages von Versailles. Danach hatte Hitler also einen Grund, den Vertrag von Versailles zu korrigieren. Außerdem sprach Hitler ständig vom Frieden. Stalin war sehr enttäuscht, dass man ihn im September 1938 nicht zur Konferenz in München eingeladen hatte. Ein Jahr später antwortete Stalin, indem er einen Pakt mit Hitler schloss.

Warum hält Russland viele Archive immer noch geschlossen?

Die Geschichte des Krieges ist für Russland immer noch sehr schmerzhaft. Insgesamt starben zwischen 26 und 32 Millionen Menschen – Soldaten und Zivilisten. Russland ist das einzige Land der Welt, welches seine Archive immer noch geschlossen hält. Der Grund sind nicht die Verluste. Die Menschen in Russland sind große Verluste gewohnt. Aber die Dokumente bezeugen viele Grausamkeiten des Stalin-Regimes gegen die eigenen Leute. Das ist sehr schmerzhaft. Wir haben gesiegt, aber wenn man in den Dokumenten liest, wie schwer das war, bleibt ein bitteres Gefühl.

Das Gespräch führte Ulrich Heyden.

veröffentlicht in: Sächsische Zeitung

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