14. Juli 2019

Kiewer Fernsehsender 112 mit Granaten beschossen

Polizei-Foto
Foto: Polizei-Foto

Weil der Sender den Film von Oliver Stone über die Hintergründe des Machtkampfes in der Ukraine ausstrahlen wollte, beschossen offenbar Ultranationalisten den Sender mit einem Granatwerfer

Am Samstagmorgen wurde die Fassade des ukrainischen Fernsehkanals 112 mit einem Granatwerfer von zwei Unbekannten beschossen (Video). Dies meldete die oppositionelle ukrainische Website Strana.ua . Verletzte gab es nicht.

Am Samstagmorgen um 3:40 hatte die Polizei einen Anruf erhalten, nachdem Anwohner ein Geräusch in der Degtjarewski-Sraße gehört hatten, das einer Explosion ähnlich war. Als die Polizei am Gebäude des Fernsehsenders eintraf, stellte sie fest, dass die Fassade des Gebäudes beschädigt war. Die Polizisten fanden den Zylinder der abgeschossenen Granate. Die Polizei ermittelt jetzt wegen eines Terrorakts.

Der Sprecher der OSZE für Fragen der Medienfreiheit, Harlem Desirverurteilte den Angriff auf den Fernsehsender.

Grund der Beschießung war, dass der Sender den Film des Oskar-Preisträgers Oliver Stone "Die nichterzählte Geschichte der Ukraine"/Revealing Ukraine (Trailerausstrahlen wollte.

US-Regisseur Stone stellt unbequeme Fragen

In dem Film geht es um die Hintergründe des Machtwechsels in der Ukraine 2014 und den Krieg im Donbass. Der Film geht den Fragen nach: Wer schoss auf die Demonstranten auf dem Maidan? Ist eine Verständigung zwischen der Ukraine und Russland möglich? Hat der amerikanische Finanzier George Soros etwas mit den Ereignissen der letzten Jahre in der Ukraine zu tun? In dem Film kommt ausführlich der ukrainische Oppositionspolitiker Viktor Medwetschuk zu Wort, der bei den Parlamentswahlen für die Partei "Oppositionsplattform - Für das Leben" kandidiert. Nach Meinungsumfragen liegt die Partei mit 15 Prozent auf Platz zwei.

Oliver Stone ist mehrmaliger Oskar-Preisträger. Sein Film "Revealing Ukraine", hat vor kurzem auf dem internationalen Filmfestival in Taormine/Italien den Hauptpreis bekommen.

Die Mitarbeiter des Fernsehsenders 112 forderten von der Regierung, den Sender vor Angriffen der Nationalradikalen zu schützen. Diese versuchten auf die Redaktionspolitik des Senders Einfluss zu nehmen. Der Fernsehsender 112 gehört zur Medienholding NewsOne. Zu der Holding gehörte außerdem der Fernsehkanal News One und der Fernsehkanal ZIK. Die Medienholding NewsOne steht unter dem Einfluss von Viktor Medwedschuk. Seit Dezember 2018 wird die Medienholding NewsOne vom Rada-Abgeordneten Taras Kosak geleitet. Kosak ist Abgeordneter des Russland-freundlichen Oppositionsblocks in der Werchowna Rada.

Gründer des Rechten Sektors Jarosch rechtfertigt Beschuss mit Granatwerfer

Der Gründer und ehemalige Leiter des Rechten Sektor, Dmitro Jarosch, der bei den ukrainischen Parlamentswahlen am 21. Juli auf der Liste der rechtsradikalen Partei Swoboda kandidiert, rechtfertigte den Beschuss des Fernsehsenders 112 via Facebook als Notwehr gegen von "Putin bezahlte" Journalisten.

Facebook-Post von Jarosch und Foto der beschädigten Fassade des Senders 112

"Wenn die Macht während des Krieges sich im Hinterland nicht gegen den Feind wehrt, schreiten unbekannte Patrioten zur Tat", erklärte Jarosch und forderte alle Journalisten, die "für feindliche Kanäle arbeiten" auf, "zu kündigen". Es werde jetzt "nicht bei Molotow-Cocktails und Feuerwerken bleiben. Die Gesundheit ist ihnen doch wichtiger als die 30 Silberlinge, die sie von Putin und seinen Helfern in der Ukraine bekommen", schrieb Jarosch. Der ehemalige Leiter des Rechten Sektor riet allen, die sich um die Menschenrechte und das freie Wort sorgen, "die Fresse zu halten". Denn "bei uns ist Krieg."

Zweiter Angriff auf Fernsehsender in fünf Tagen

Der Angriff auf den Fernsehsender 112 ist schon der zweite gewalttätige Akt gegen einen ukrainischen Fernsehsender. Am 8. Juli hatten Ultranationalisten vor dem Fernsehsender Newsonedemonstriert, Journalisten angegriffen und auf die Fassade des Senders die Parole "Russia must die" gesprüht.

Der Protest richtete sich gegen das Vorhaben von Newsone, eine gemeinsame Sendung mit dem russischen Fernsehkanal Rossija 24 zu veranstalten. Das Motto der Sendung sollte lauten "Wir müssen reden". Der ehemalige ukrainische Präsident Petro Poroschenko unterstützte den Protest der Radikalen gegen den Fernsehsender Newsone. In der Folge setzte Newsone die geplante Tele-Brücke mit Moskau ab ("Wir müssen reden": Keine Chance für russisch-ukrainischen Dialog in der Ukraine).

Hintergrundinformationen zur Unterdrückung von kritischen Journalisten und der Jagd auf Andersdenkende in der Ukraine: Ulrich Heyden, Rede im Bundestag 11. Juni 2018, Video und Text Deutsche Medien: Angst vo der Wahrheit.

(Ulrich Heyden)

veröffentlicht in: Telepolis

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